Cyborg-Katze der CIA Zur Sache, Kätzchen

Kitty war eine Katze. Und zugleich ein mit Abhörtechnik vollgestopftes, lebendiges Hightech-Instrument im Kalten Krieg. Das ging nicht gut aus, vor allem für die "akustische Mieze".

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Seit jeher müssen sie leiden, wenn Menschen sich bekämpfen: Ob Elefanten, Schlachtrösser, Brieftauben, Minenhunde oder trainierte Delfine - im Krieg standen und stehen Tiere oft an vorderster Front.

Besonders grotesk war eine Operation des US-Geheimdienstes CIA im Kalten Krieg: Die einstigen Alliierten USA und Sowjetunion waren 1961 längst zu erbitterten Feinden geworden. Im Weltraum lieferte man sich einen verbissenen Wettlauf, den die Sowjets gerade zu gewinnen schienen. In Berlin wurde die Mauer als steingewordenes Symbol des Ost-West-Konflikts hochgezogen. Da reifte bei CIA-Technikern in Langley (Virginia) ein seltsamer Plan. Projektname: "Acoustic Kitty" - "akustische Mieze".

Der Grundgedanke war simpel: Katzen sind klein, beweglich, von Natur aus neugierig - und vollkommen unverdächtig. Selbst im Kreml fragt sie niemand nach ihrem Passierschein. Gelänge es also, sie mit Abhörgeräten zu bestücken und zu trainieren, wären sie ideal, um den Feind auf seinem Terrain zu belauschen.

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Lauschangriff der CIA: Zur Sache, Kätzchen

Allerdings hatte der Plan zwei Schwachstellen. Erstens: Wie verwanzt man eine Katze? Zweitens: Wie bekommt man sie dazu, dorthin zu gehen, wo es etwas zu belauschen gibt? Immerhin verhalten Katzen sich Kommandos gegenüber notorisch gleichgültig.

In den Labors des Office of Scientific Intelligence (OSI), der CIA-Abteilung für Wissenschaft und Technik, ließen die Spezialisten sich nicht entmutigen. Ein Halsband schien die einfachste und schmerzfreie Option. Es hätte aber Mikrofon, Sender, Batterie plus Antenne Platz bieten und trotzdem ganz unauffällig aussehen müssen - eine unlösbare Aufgabe im Zeitalter der Röhrenfernseher und Spulentonbandgeräte. Zudem hätte der Feind der Katze das Halsband abnehmen und die verborgene Technik entdecken können.

Katzenschwanz als Antenne

Also ging die CIA einen weit grausameren Weg. Dafür entwickelten externe Experten, die nicht ahnten, woran genau sie wirklich arbeiteten, winzige Bauteile. Die testete man zunächst an Dummys. Wie die eigentliche Bestimmung aussah, beschrieb CIA-Insider Victor Marchetti in einem Interview 1986: "Sie haben die Katze aufgeschlitzt, ihr Batterien eingesetzt und sie verdrahtet. Den Schwanz haben sie als Antenne genutzt. Sie haben ein Monstrum erschaffen."

Mehrere Operationen musste das bedauernswerte Tier erdulden. So platzierte man einen knapp zwei Zentimeter großen Sender unterhalb der Schädelbasis der weiß-grauen Hauskatze - und ein Mikrofon in einem Gehörgäng. Die Batterie fand in der Brusthöhle Platz, als Antenne diente ein entlang der Wirbelsäule bis zum Schwanz verlegter Draht.

Zur Platzierung in der Hörschnecke kam es auch, weil die zeitgenössischen Mikrofone Umwelt- und Hintergrundgeräusche nicht filtern konnten. Wanzen lieferten daher oft nur Geräuschbrei, aus dem sich das Gespräch der Abgehörten nicht mehr herausarbeiten ließ. Dagegen ermöglicht die Hörschnecke eines Menschen (oder einer Katze) die gewünschte Geräuschselektion. Allerdings musste das Tier darauf getrimmt werden, sich auf die richtigen Laute zu fokussieren: menschliche Rede.

Entstanden war eine Cyborg-Katze, die zwar technisch für ihren Einsatz gerüstet war, sich aber weiter verhielt wie eine Katze. Sie wanderte, wohin sie wollte, war leicht abzulenken und folgte bei Hunger nur ihrem Magen.

Mission not accomplished

Vor allem Hungergefühl und Sexualtrieb erwiesen sich als erhebliche Störfaktoren. In einem Interview für die BBC-Doku "The Living Dead" erläuterte Victor Marchetti 1995 die unschönen Details der Gegenmaßnahmen: "Drähte wurden zum Gehirn geleitet, um festzustellen, ob das Tier hungrig oder sexuell erregt war - und weitere Drähte, um das abzustellen."

Der Verwanzung und Verdrahtung folgten langwieriges Training und zahllose Tests - eine kostspielige Angelegenheit: Rund 15 Millionen US-Dollar hatte das Experiment bereits gekostet. Nun musste Kitty liefern.

Mit ihren Trainern wurde die Katze in einem unauffälligen, aber mit Technik gespickten Lieferwagen in die Nähe der Sowjetischen Botschaft gefahren. Dort sollte sie zwei sowjetische Diplomaten belauschen, die auf einer Parkbank ihre Mittagspause verbrachten.

Der Transporter hielt auf der Straßenseite gegenüber, die Katze wurde auf die Straße gelassen. Erst lief alles nach Plan. Kitty putzte sich und bewegte sich in die gewünschte Richtung über die Straße, hielt dann aber plötzlich inne, mitten in Washingtons Berufsverkehr. Einen Moment zu lange verweilte sie auf der Fahrbahn: Ein Taxi erfasste und überfuhr sie.

"Für unsere Zwecke nicht praktikabel"

Die Agenten auf der anderen Straßenseite reagierten panisch. "Da hockten sie in ihrem Lieferwagen. Und die Katze war tot", erinnerte sich Marchetti später. CIA-Leute sammelten den Kadaver schleunigst ein, damit die Sowjets nicht auf die implantierte Technik aufmerksam wurden.

Oder doch nicht? 2013 erzählte Robert Wallace, früher Direktor des Office of Technical Service (OTS) der CIA, eine tierfreundlichere Version der Geschichte: Demnach habe man das Projekt schon beendet, bevor die Katze zum Einsatz kommen konnte - weil es nicht gelungen sei, sie zu trainieren. Daher sei die eingepflanzte Abhörtechnik in einer weiteren Operation entfernt worden und die Katze am Leben geblieben.

So oder so: "Acoustic Kitty" war gescheitert. 1967 wurde das teure Projekt offiziell eingestellt. Der US-Geheimdienst zollte den beteiligten Mitarbeitern großes Lob, wie ein Abschlussbericht zeigt, der 2001 in Teilen freigegeben wurde und auf der Webseite des National Security Archive in Washington D.C. verfügbar ist, wenn auch über weite Strecken geschwärzt.

Das Experiment habe gezeigt, dass es möglich sei, Katzen abzurichten, heißt es im Bericht; dies an sich sei bereits "eine bemerkenswerte wissenschaftliche Leistung". Die Arbeit, so die Verfasser weiter, verdiene hohe Anerkennung, doch "zwingen uns die Umwelt- und Sicherheitsfaktoren bei Verwendung dieser Methode in einem echten Auslandseinsatz zu dem Schluss, dass sie für unsere [...…] Zwecke nicht praktikabel wäre."

Das Experiment war beendet. Vielleicht sprach sich der katastrophale Ausgang trotz Geheimhaltung auch bei der Konkurrenz herum - jedenfalls ist von Katzenversuchen anderer Geheimdienste nichts bekannt. So hat Kitty durch ihre katzentypische Erziehungsresistenz womöglich dafür gesorgt, dass ihre Art fortan von Zwangsrekrutierung für Kriege und Geheimdiensteinsätze verschont blieb.

insgesamt 3 Beiträge
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Linda Zenner, 06.06.2018
1.
Katzen als Spione....ich fasse es nicht....mir tun die Tiere Leid, die der Mensch in seine Drecks- Kriege involviert, angefangen mit den Pferden und Hannibals Elefanten.....aber in diesem Fall, da hat wohl jemand Sarah Kirschs " Im Kreml noch Licht" zu oft gelesen....
Barbara Fischer-Bossert, 07.06.2018
2. Verdächtiges Detail
Gerade den Sexualtrieb hätte man weitaus unproblematischer durch Kastration erledigen können - das war schon in den 60er Jahren eine durchaus gängige Operation - vorrangig bei Katern, aber auch bei Katzen. Auch daß nur ein Tier präpariert worden sein soll, macht stutzig. Trotz des schönen Bildchens halte ich die Geschichte für eine moderne Legende.
Barbara Fischer-Bossert, 07.06.2018
3. Ein weiterer Punkt
Die Filterung dessen, was das Ohr wahrnimmt, erfolgt erst im Gehirn. Die Katze mit ihren beweglichen Ohrmuscheln kann ihre Ohren höchstens auf interessante Geräusche fokussieren, aber nicht aber schon im äußeren Gehörgang Uninteressantes blockieren. Mag sein, daß die Ohrstellung bis zu einem gewissen Grad die Wirkung eines Richtmikrophons hat, aber es werden dadurch keine Geräusche ausgeblendet. Der kleine Jäger ist selbst zu sehr gefährdet, als daß er seine Umwelt komplett ignorieren könnte.
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