Adel in der DDR Herrenschreiter auf sowjetrotem Teppich

Nicht alle ostdeutschen Adeligen gingen nach 1945 in den Westen. Wer als Edelmann im Arbeiter- und Bauernstaat blieb, wurde oft genug nur wegen seines Namens schikaniert - oder aber er machte damit Karriere.

dpa

Nach dem Mauerfall 1990 sind sie zurückgekehrt: All die Puttbusse und Pillnitze, die Arnims und Alvenslebens haben ihre einstigen Familiensitze im Osten dieses Landes zurückgekauft oder - wenn ihre Väter und Großväter den Anstand besessen hatten, sich Hitler entgegenzustellen - zurückbekommen.

Mancherorts sind die Heimkehrer mit offenen Armen als Investoren oder sogar als die alten "Herrschaften" aufgenommen worden. Weit häufiger schlug ihnen herzliche Ablehnung entgegen, erfüllten sie das Klischee der sozialistisch sozialisierten Normalbürger Ost doch gleich dreifach: Wessi, Kapitalist - und von Adel.

Zwar war Karl Marx höchstselbst mit einem adeligen Fräulein verehelicht gewesen; seine treue Jenny war eine geborene von Westphalen. In seinem Werk ließ er dennoch kein gutes Haar am ersten Stand: Statt in "Treue, Liebe, Glauben" mache der Adel "nun vor allem in Runkelrüben, Schnaps und Wolle", spottete er Ende 1848 in der "Rheinischen Zeitung".

Feudaler Glanz für die Genossen

"Ihr unheilvoller Einfluss", dozierte auch das SED-offizielle "Wörterbuch der Geschichte" unter dem Stichwort "Junker", "trug wesentlich zu dem besonders aggressiven Charakter des deutschen Imperialismus bei." Kein Wunder also, dass nach der Machtübernahme der Kommunisten 1945 die so Geschmähten fast geschlossen die Elbseite gen Westen wechselten.

Doch eben nur fast geschlossen. Denn trotz der Hatz der neuen Herren auf alles, was im Sozialismus nach alten feudalistischen Zöpfen aussah, blieb eine Handvoll Adeliger daheim - als bloße "Bürger", und dann auch noch der "DDR".

Wie viele ihrer blaublütigen Standesgenossen unter der roten Diktatur ausharrten, weiß man nicht einmal bei den Adelsverbänden. Der "Verein sächsischer Adel" immerhin schickte zwischen 1956 und 1960 Pakete an gerade noch 87 Vettern und Basen mit "Sowjetzonen-Adressen", dafür im Gegenwert von immerhin 10.000 Mark West.

Genosse Baron

Wer sich anpassen wollte, dem wurde es allerdings nicht übermäßig schwer gemacht. Denn die urplötzlich zu Herrschern eines kleinen Staatswesens aufgestiegenen und folglich von Statusangst geplagten Kleinbürger an der SED-Spitze wussten zu schätzen, wenn etwas feudaler Hochglanz auf sie abfiel.

In manchem Genossen schlummerte gar ein heimlicher Monarchist. Politbüro-Hardliner Horst Sindermann etwa gestand einmal, er habe schon als Jungkommunist 1932 beim Trauerzug für den letzten Sachsenkönig "statt Rabatz zu machen ergriffen die Mütze abgenommen".

So nahm es kein Wunder, dass sich die DDR eine ganze Reihe von Vorzeige-Adeligen hielt - allen voran den umtriebigen Erfinder-Baron Manfred von Ardenne und den Hexenmeister der DDR-Propaganda, Karl-Eduard von Schnitzler. Ardenne, Volkskammer-Mitglied und Stalinpreisträger des Aufstandsjahres 1953, ließ sich auch im Arbeiter- und Bauernstaat als "Baron" titulieren, und Schnitzler - vom Volksmund "Sudel-Ede" getauft - war's nicht gram, dass ihn SED-Chef Walter Ulbricht höchstselbst davon abgehalten hatte, das verräterische "von" aus seinem Namen zu tilgen: "Du bist wohl verrigd geworrn!", habe ihn der sächsische Spitzbart ob dieses Ansinnens angeherrscht: "Die Leide solln wissen, wohär man iberall zu uns gommen gann!"

Ein Kommunist als Kaiser?

Fortan durfte der agile Agitator als Adeliger im Parteiauftrag den Klassenkampf in die Wohnzimmer der Republik tragen. Dem roten Radioreporter schadete nicht einmal, dass er damit kokettierte, in seinen Adern flösse preußischblaues Prinzenblut: Er sei, so ließ Schnitzler - dessen Sippe allerdings erst 1913 geadelt worden war - gerne en passant einfließen, der illegitime Urenkel des unglücklichen "99-Tage-Kaisers" Friedrich III. Mit dem hatte seine Oma mütterlicherseits wohl einstmals das Laken geteilt, während ihr Gatte auf Reisen weilte.

Wenn, was allerdings als unwahrscheinlich gelten darf, das Haus Hohenzollern den 2001 verstorbenen Karl-Eduard legitimiert hätte - der auch nach 1990 weiterhin wild wider den Wilhelminismus wetternde Wendeverlierer wäre irgendwo in der Thronfolge aufgetaucht. Das KPD-Mitglied hätte dann zumindest theoretisch damit rechnen müssen, Kaiser von Deutschland zu werden.

Aber nicht nur Parvenüs konnten es im SED-Staat zu Amt und Würden bringen. Auch aus jahrhundertelang königtreuen Adelsgeschlechtern fanden sich die einen oder anderen, die am ostdeutschen Hinter-Hof der Sowjets wohl gelitten waren.

SED-Berater mit SS-Rang

Egbert Freiherr von Frankenberg und Proschlitz etwa. Ein Vorfahr hatte im Revolutionsmärz 1848 als Kommandant der Berliner Schlossgarde auf das Volk schießen lassen, sein Vater als Adjutant des "Weltmarschalls" Alfred Graf von Waldersee 1900 beim Boxer-Aufstand den widerborstigen Chinesen in bester imperialistischer Manier aufs Haupt geschlagen.

Egbert hinderte das gleichwohl nicht, im Realsozialismus als "militärpolitischer Kommentator" für Funk und Fernsehen zu reüssieren. Schließlich wusste der schneidige Freiherr, wovon er da sprach: Das einstige NSDAP- (seit 1931) und SS-Mitglied (seit 1932) hatte schon mit Hermann Görings "Legion Condor" im Spanischen Bürgerkrieg für Franco gebombt und es bis zum Kommodore des "Edelweißgeschwaders" gebracht, bevor die Sowjets den Major der Luftwaffe 1943 erst vom Himmel und nach dem Krieg in die Führung der Blockflötenpartei NDPD holten.

1980 durfte Frankenberg gar seine Memoiren verfassen (Untertitel: "Meine Familie in der Geschichte"); zum Achtzigsten im März 1989 dankte Hitler-Häftling Eich Honecker persönlich für die Hilfe "bei der Herausbildung patriotischer Haltungen und sozialistischen Bewusstseins"

Parkettschliff für Politproleten

Selbstredend konnte auch die Diplomatie der DDR nicht ganz auf die Jahrhunderte lange Erfahrung des Adels in diesem, seinem ureigensten Metier verzichten - wenngleich lieber nur in der Protokollabteilung. Ferdinand Judas Thaddäus Graf von Thun und Hohenstein, seines Zeichens Sohn eines veritablen böhmischen Fürsten, nannte sich zwar nunmehr opportunerweise schlicht Ferdinand Thun.

Doch selbstredend wusste jedermann um den wahren Hintergrund des hochgewachsenen, gerade 28-jährigen Herrenschreiters auf dem sowjetroten Teppich, den der für seinen Adelstick bekannte erste DDR-Außenminister Georg Dertinger von der Zonen-CDU zur standesgemäßen Begrüßung ausländischer Staatschefs - vom Mauerblümchen-Staat DDR sehnlichst erwartet - engagiert hatte.

Hochkommissar Wladimir Semjonow, sowjetischer Statthalter in Ost-Berlin und ein großer Anhänger diplomatischen Zeremoniells, hatte den deutschen Genossen einen Stilwechsel nahegelegt, nachdem sich Emissäre einiger anderer "Volksdemokratien" über die ungehobelten Manieren der professionellen Politproleten im DDR-Diplomatencorps beschwert hatten.

Dem Karriereknick getrotzt

Thuns West-Verwandschaft allerdings war doch pikiert über den Karriereschritt, und zur Hochzeit seines Vetters Romedio mit einer Bismarck-Urenkelin wurde der "Graf von Pankow" ("Die Welt") nicht geladen.

Während sein Chef Dertinger 1952 als "Westagent" verhaftet, zu 15 Jahren verdonnert und in Bautzen mit der Herstellung von Druckknöpfen weiterbeschäftigt wurde, gelang es dem gewieften Adeligen, einen Karriereknick zu vermeiden - trotz einer damals Schlagzeilen machenden, bis heute ungeklärten Episode, bei der Thun sich nach dem Sturz Dertingers im Januar 1953 offenbar kurzzeitig in den Westen absetzte, nur um gleich wieder nach Pankow zurückzukehren.

So oder so, der Uradelige wurde alsbald als Botschaftsrat nach Moskau verschickt - um, so soll man damals im DDR-Außenamt getuschelt haben, die Westdeutschen zu übertrumpfen: An deren Botschaft diente ungewöhnlicherweise gerade kein Edelmann. In den Westen gelangte Thun dann doch noch, und ganz offiziell: als Bonbon zum Karriereausklang wurde der Genosse Graf DDR-Delegierter bei der Unesco in Paris, der Welthauptstadt des Adels.

Der Herrenfahrer als Kurvenkünstler

Und nicht einmal der DDR-Sport kam mit proletarischen Helden aus. Ehrliche Häute wie der Radrennfahrer "Täve" Schur schufteten und strampelten im Schweiße ihres Angesichts für den Sieg der Arbeiterklasse. Einem adeligen Dandy wie dem legendären "Silberpfeil"-Piloten Manfred von Brauchitsch, einem Vetter des Flick-Managers, war es dagegen herzlich egal für wen sie siegten - solange es standesgemäß mit Motorkraft und nicht mit Muskelschmalz geschah.

Der "Prototyp des Herrenfahrers" (FAZ), der auch in der DDR stets nur im Mercedes chauffierte, nahm auf dem Rennkurs wie in der Politik die schärfsten Kurven mit Bravur. Von der Gallionsfigur des nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) im Dritten Reich avancierte er auch in der DDR zum Aushängeschild, als Präsident der "Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens".

Zum Sozialismus bekehrt hatte Brauchitsch der Honecker-Intimus (und spätere SED-Renegat) Wolfgang Seiffert, nachdem der Adelige bereits einen SED-Emissär hatte abblitzen lassen, dessen Manieren offenbar zu wünschen übrig ließen. Seiffert hatte sich daraufhin kurzerhand das größte Auto aus dem SED-Fuhrpark, einen Opel Kapitän, ausgeliehen, mit dem er, von einem eigens in Livree gesteckten Genossen chauffiert, bei Brauchitsch aufkreuzte.

Von so viel Stil beeindruckt, war der Edelmann sofort von den Vorzügen der kommunistischen Gesellschaftsordnung überzeugt gewesen.



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Steven Müller, 31.08.2009
1.
Ostdeutsche Adelige gab es gar nicht. Das liegt daran, dass es theoretisch seit Dezember 1848 und praktisch spätestens seit November 1918 keinen Adel in Deutschland und Österreich gibt. Die Leute von denen hier gesprochen wird sind folglich nur die Nachnachfahren des deutschen Adels. Sie selbst sind deshalb aber nicht adelig. Deutscher Adel ist verfassungswiedrig!
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