Adenauers Atompolitik Aufstand der Atomforscher

Adenauers Atompolitik: Aufstand der Atomforscher Fotos
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Es traf die Bundesbürger wie einen Schock: 1957 betrat Konrad Adenauer lockeren Schritts nukleares Terrain - angefeuert wurde er von seinem Verteidigungsminister Strauß. Der schärfste Protest kam von Deutschlands renommiertesten Wissenschaftlern.

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"Nun wollen wir die Herren Professoren hören." Mit dieser jovialen Geste entschärfte der alte Fuchs Konrad Adenauer vor 50 Jahren eine gesellschaftliche Krise, die ihm fast den Bundestagswahlkampf verhagelt hätte: die erste große Debatte über Atompolitik.

Im Bonner Kanzleramt saßen im April 1957 hochgestellte Vertreter der Bundesregierung ebenso hochrangigen Repräsentanten der akademischen Physik gegenüber. Wäre es nach dem Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß gegangen, dann hätte die Politik die anwesenden Wissenschaftler rüde zusammengestaucht. Aber die Regie lag beim Regierungschef. Und Adenauer glättete die Kontroverse, strategisch bewährt, durch gezielte Einbindung und manierliche Nettigkeiten.

Worum ging es, in diesen Frühlingstagen 1957? Die Republik sah sich plötzlich mit der Atomfrage konfrontiert. Präziser: Es ging um die atomare Ausrüstung deutscher Streitkräfte. Im Jahr 12 nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Mehrheit der Deutschen mit Waffen, Armeen, Gefechtsplänen und dergleichen sonst nichts im Sinn. Vor allem fürchtete man, nach den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki, den Einsatz von Atomwaffen mitten in Europa. Und die Majorität der Deutschen hatte bis dahin den Eindruck, dass ihre regierenden Politiker ähnlich dachten, dass auch sie das atomare Teufelszeugs für Verteidigungszwecke ablehnten. Diesen Eindruck hatte Adenauer auch öffentlich durchaus erweckt.

Insofern traf es die atompazifistisch durchwirkte deutsche Gesellschaft wie ein Schock, als erkennbar wurde, dass der Regierungschef, angefeuert von seinem agilen Verteidigungsminister Strauß, lockeren Schritts das nukleare Terrain betrat. Für Adenauer war die atomare Bewaffnung der Bundeswehr nun eine Frage der Souveränität, der Ebenbürtigkeit, der Gleichberechtigung mit anderen großen europäischen Mächten. Um die Bedeutung der Nuklearwaffen vor den ängstlichen Deutschen herunterzuspielen, nannte er in einer Pressekonferenz am 5. April 1957 die taktischen Atomwaffen "nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie".

Sturm der Entrüstung

Man muss annehmen, dass Adenauer diese nonchalante Formulierung noch lange Jahre bereut haben dürfte. Denn nun fegte ein Sturm der Entrüstung durch die Republik. Selbst in der schlaffen sozialdemokratischen Opposition kehrten für einige Wochen die Lebensgeister zurück - und Adenauer selbst hatte ihr dafür das Elixier verabreicht.

Doch im Grunde brauchte er die Sozialdemokraten auch dann nicht zu fürchten. Weit gefährlicher waren die renommierten, in erklecklicher Zahl mit Nobelpreisen ausgezeichneten Atomphysiker, die es gerade in Deutschland, vor allem in Göttingen, seit den zwanziger Jahren reichlich gab. Schließlich handelte es sich um wirkliche Experten auf ihrem Gebiet, gleichsam um Olympiers der naturwissenschaftlichen Forschung.

Und ausgerechnet von diesen Atomphysikern ging der schärfste Protest gegen die neuen Atompläne Adenauers aus. In die Geschichte ging die Professorenaktion als "Göttinger Erklärung" oder auch als "Erklärung der Göttinger Achtzehn" ein. Ganz korrekt war dieses Etikett nicht. Zwar hatten in der Tat achtzehn Atomphysiker das Memorandum unterschrieben, doch nur vier davon - Werner Heisenberg, Karl Wirtz, Otto Hahn und Carl-Friedrich von Weizsäcker - lehrten bzw. forschten 1957 an der Göttinger Georg-August-Universität. Aber so konnte man sich prächtig in die Tradition der "Göttinger Sieben" von 1837 stellen, die seinerzeit gegen die Suspendierung der Verfassung durch König Ernst August öffentlich protestiert hatten und ihre Zivilcourage mit Amtsenthebung, teilweise auch Verbannung bezahlen mussten. Nichts davon drohte den 18 Hochschullehrern im Jahr 1957; aber es stiftete doch historische Legitimation und verschaffte die Gloriole vom "Mannesmut vor Fürstenthronen".

Im Übrigen kam der politische Initiator und Vordenker der Gruppe in der Tat aus Göttingen, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Sohn des Ribbentrop-Staatssekretärs Ernst Freiherr von Weizsäcker und Bruder des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er hatte beim gemeinsamen Frühstück mit einem Kollegen, dem Experimentalphysiker Walter Gerlach, in der Morgenzeitung die Artillerie-Äußerung des Kanzlers gelesen. Prompt telefonierte er die Prominenz der deutschen Atomphysik zusammen und verfasste einen Entwurf für das professorale Manifest, das am 12. April, exakt eine Woche nach der Pressekonferenz des Kanzlers, über das Büro von Otto Hahn an die Zeitungen ging - und eine in der Geschichte der Bundesrepublik nahezu einzigartige Resonanz erzielte. Die universitären Atomexperte - die meisten darunter waren schon zu Hitlers Zeiten im Uran-Verein eifrig an atomaren Experimenten beteiligt - formulierten ihre "tiefe Sorge" über die Absichten der Bundesregierung. Sie belehrten die deutsche Öffentlichkeit und ihren Kanzler, dass auch taktische Atomwaffen die "zerstörende Wirkung normaler Atombomben" besäßen. Um das Unheil vorstellbar auszumalen, wiesen sie darauf hin, dass eine Wasserstoffbombe "einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebiets zeitweilig unbewohnbar machen" könne. Auf Anraten des Religionsphilosophen Martin Buber hatten sie es in ihrem Manifest nicht nur bei einem Appell an die Politik belassen, sondern auch eine Selbstverpflichtung abgegeben, in dem sie versicherten, dass keiner der Unterzeichner "sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise" beteiligen werde.

Bemerkenswerte politische Naivität der Physikerelite

Seither gelten die "Göttinger Achtzehn" weithin als mutige Repräsentanten zivilgesellschaftlicher Bürgertugend in der ansonsten düsteren Restaurationsära des autoritären Patriarchen Adenauer. Man gedenkt ihrer gerne als Warner vor der atomaren Apokalypse, als durch die eigene Lebensgeschichte geläuterte und ethisch angetriebene Propheten ziviler Friedfertigkeit. Für eine solche historische Zuordnung spricht gewiss einiges. Doch hat es auch schon zeitgenössisch nicht ganz wenige Betrachter gegeben, die der Physikerelite bemerkenswerte politische Naivität vorwarfen. Besonders pointiert tat dies in einem Radiovortrag bereits im Herbst 1956 der Existenzphilosoph Karl Jaspers: "Zwischen der Ingeniösität ihrer technischen Erzeugung einerseits und der Ahnungslosigkeit ihres politischen Denkens klafft ein Abgrund. Erschrocken von dem, was sie angerichtet haben, fordern sie mit Friedensgedanken eine Lösung, indessen sie die Sache weiterbetreiben. So intelligente Männer wollen und wollen nicht, sie verhalten sich wie Kinder und sprechen von Tragödie."

Diese Ambivalenz zeigt auch der letzte Satz des Memorandums der Göttinger Achtzehn: "Gleichzeitig betonen wir, dass es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken." Die Exzellenz der deutschen Physik ging mithin auf demonstrative Distanz zur atomaren Forschung, die der Waffenproduktion diente, bekundete aber zugleich ihren Willen, bei nuklearen Experimenten, die der zivilen Verwendung nutzen sollten, mit um so größerem Eifer bei der Sache zu sein. Das mochte naiv sein. Das konnte aber auch - neben der unzweifelhaft pazifistischen Einstellung einiger aus dem Kreis der 18 - ein verblüffend kühles interessenpolitisches Vorgehen bedeuten. Denn die jederzeit uneingeschränkt hervorgehobene Beschränkung auf eine allein zivil genutzte Atomenergie bot den Atomphysikern in Deutschland die einzige Möglichkeit, wieder zurück ins Spiel der weltweiten Nuklearforschung zu kommen. Deutsche Physiker, die an der Atombombe für deutsche Streitkräfte bastelten - das war nach 1945 undenkbar und von den Alliierten strikt untersagt. Die "Göttinger" machten sich darüber keine Illusionen. Insofern konzentrierten sie sich strategisch auf die Reaktorforschung, auf die Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke. Adenauers Liebäugeln mit taktischen Atomwaffen indes gefährdete ihr Projekt. Zumindest auch aus diesem Grund mussten sie dem Kanzler in irgendeiner öffentlichkeitswirksamen Weise energisch in die Parade fahren.

Überhaupt waren peu à peu kumulierte Enttäuschungen über Adenauer kräftig mit im Spiel, insbesondere bei Werner Heisenberg. Heisenberg war gewissermaßen der Star unter den Stars der Atomphysik. Schon mit 24 Jahren war er durch seine Arbeiten zur Quantenmechanik weltbekannt geworden. Das brachte ihn mit 26 Jahren eine ordentliche Professur, mit 32 gar den Nobelpreis ein. Heisenberg war ein enorm ehrgeiziger Mann, der in der jungen Bundesrepublik auch politisch Einfluss nehmen wollte. In der Tat avancierte er für einige Jahre zum vielleicht wichtigsten Wissenschaftsorganisator Europas.

Kein Verständnis für Regeln und Rythmen der Politik

Heisenbergs Mission war die zivile Förderung der Atomenergie, für die er Konrad Adenauer auch schnell begeistern konnte. Doch Heisenberg fehlte es wie vielen Naturwissenschaftlern an Verständnis für die besonderen Regeln und Rhythmen der Politik. Er begriff nicht, dass in politischen Entscheidungsprozessen kaum etwas zügig und stringent ging, dass stets rationalitätswidrige Kompromisse geschlossen werden mussten, dass man Rücksichten auf Stimmungen und Emotionen zu nehmen hatte. Wäre es nach Heisenberg gegangen, dann hätte ein Rat naturwissenschaftlicher Weiser die öffentlichen Angelegenheiten nach Maßgabe streng wissenschaftlicher Erkenntnisse geregelt.

Aber eben mit dieser Attitüde und seinen ständigen Anmahnungen nervte er allmählich das Kanzleramt in Bonn und manövrierte sich so selbst ins Abseits. Als Heisenberg auch mit seinem jahrelang emsig betriebenen Projekt scheiterte, das Göttinger Max-Planck-Institut nach München - dem Ort angenehmster Jugenderinnerungen - zu verlegen, um dort den ersten deutschen Versuchsreaktor im Rahmen eines großen Forschungszentrums zu installieren, war er zutiefst gekränkt - und dem Kanzler, den er doch so lange hofiert hatte, denkbar gram.

Werner Heisenberg ging dann auch nicht ins Kanzleramt als Konrad Adenauer die Physiker dazu einlud, um den Atomstreit zu beenden. Zunächst hatte Adenauer nach Veröffentlichung der Göttinger Erklärung gar noch weitere Schärfen in den Disput hineingebracht. Aber die öffentliche Meinung stand nahezu geschlossen hinter den Professoren und gegen den Regierungschef. Die Bundestagswahlen standen vor der Tür; also konnte sich Adenauer keinen Wahlkampf um Atomraketen leisten, zumal die Demoskopen ermittelten, dass rund 2/3 der Bevölkerung eine Atombewaffnung ablehnten. Der für Adenauer unerquickliche Streit musste folglich vom Tisch. Auf Wunsch des Kanzlers erschienen am 17. April fünf der achtzehn Protestler im Palais Schaumburg. Adenauer begegnete ihnen freundlich, gelassen, ja heiter. Am Ende der rund siebenstündigen Beratung präsentierte sein Pressesprecher, der gewandte Felix von Eckardt, ein gemeinsames Kommuniqué, in dem alle Beteiligten sich durch Unterschrift zum Frieden und zur allgemeinen Abrüstung bekannten.

Damit war die öffentliche Fehde zwischen den Professoren und der Bundesregierung weitgehend beendet. Fortan gelang es Adenauer, die Angst vor den Atomwaffen durch die Furcht vor Russen, Sozialismus und Rote Armeen zu überlagern und auf diese Weise die Bundestagswahlen mit Aplomb für sich und die Union zu entscheiden.

Franz Walter

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 10.04.2007

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