Zwei Jahre vor "Mein Kampf" Historiker will erstes Hitler-Buch entdeckt haben

1925 erschien "Mein Kampf". Wahrscheinlich kürte sich Adolf Hitler aber schon 1923 zum "Führer" - in einem Buch unter falschem Namen. Das folgert der Historiker Thomas Weber aus einem Archivfund.

Adolf Hitler im Oktober 1923
AP

Adolf Hitler im Oktober 1923


"Ich aber beschloss, Politiker zu werden", lautet ein zentraler Satz aus Adolf Hitlers programmatischer Kampfschrift "Mein Kampf" aus den Jahren 1925 und 1926. Bis heute gilt das Buch als Hitlers einziges veröffentlichtes autobiografisches Werk. "Höchstwahrscheinlich falsch", behauptet der Historiker Thomas Weber nun. Tatsächlich habe der spätere Diktator bereits 1923 ein derartiges Buch mit dem Titel "Adolf Hitler: Sein Leben und seine Reden" verfasst.

Als Autor verzeichnet das Werk, erschienen kurz vor Hitlers gescheitertem Münchner Putschversuch am 9. November 1923, einen gewissen Baron Adolf-Viktor von Koerber. Diesen Zeitgenossen Hitlers gab es wirklich. "Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit war aber Hitler der Autor", sagte Thomas Weber zu SPIEGEL ONLINE.

In Südafrika fand der Historiker, der an der Universität Aberdeen Geschichte lehrt, in Koerbers Nachlass Aussagen des angeblichen Buchautors, die Hitler als Schreiber identifizieren. Hinzu kommt eine eidesstattliche Aussage der Witwe des damaligen Verlegers Ernst Boepple; auch sie belegt Hitlers Urheberschaft.

"Man kann sich nicht selbst als 'Führer' empfehlen"

"Dieser Fund ändert unsere bisherige Sichtweise auf Hitler in dieser Zeit", sagt Thomas Weber, der vor Kurzem das Buch "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde" publizierte. "Bislang sahen wir Hitler in diesem Zeitraum eher als eine Art Trommler. Eine Art Strohmann für antidemokratische Strippenzieher wie den ehemaligen Ersten Generalquartiermeister Erich Ludendorff aus dem Ersten Weltkrieg." Falls Hitler aber tatsächlich Autor des 1923 veröffentlichten Buchs war, hatte er sich bereits deutlich vor dem Verfassen von "Mein Kampf" selbst zum zukünftigen "Führer" erkoren.

Warum aber veröffentlichte Hitler unter fremdem Namen? "Man kann sich nicht selbst als 'Führer' empfehlen", sagt Thomas Weber. Demnach war das Buch von 1923 ein Versuch Hitlers, sich unter fingierter Autorenschaft für eine höhere Bestimmung ins Gespräch zu bringen. "Dieses Buch beweist, dass Hitler schon sehr früh ein geschickter Manipulator und politischer Strippenzieher gewesen ist und nicht zunächst nur ein Propagandist, der von Hintermännern nach oben bugsiert wurde", so Thomas Weber.

Der Historiker kann auch erklären, warum das Geheimnis um Hitlers erstes Buch nie gelüftet wurde. Adolf-Viktor von Koerber, geboren 1891, war ein Adliger und ehemaliger Kampfflieger. Zunächst zählte er zu den frühen Anhängern Hitlers, wandelte sich laut Weber aber Mitte der Zwanzigerjahre zu einem Gegner des zunehmend radikaleren NSDAP-Chefs und verbrachte das Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ. Nach der Veröffentlichung von "Mein Kampf", so Weber, sei Hitlers Interesse an seinem "Erstlingswerk" geschwunden.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.