Halbneffe des Diktators Wie der kleine Hitler dem großen Hitler den Krieg erklärte

Erst prahlte er, probierte es dann mit Erpressung und begann schließlich einen Privatkrieg gegen seinen Onkel - wie William Patrick Hitler, Halbneffe des "Führers", aus seinem Namen Kapital schlagen wollte.

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Der junge Herr Hitler hatte Probleme mit der deutschen Sprache. Tollpatschig versuchte er, bei einer Betriebsfeier des Deutschen Familienkaufhauses im Landwehrkasino am Berliner Bahnhof Zoo mit einer Verkäuferin anzubandeln: "Darf ich Sie vögeln?" Einige Umstehende kicherten, andere schauten entrüstet. So erzählte es später ein Bekannter.

Bald darauf formulierte derselbe Hitler in geschliffenem Deutsch einen Erpresserbrief. Er drohte seinem Onkel, er werde Familieninterna veröffentlichen, wenn der ihm nicht finanziell unter die Arme greife. Der Onkel tobte, wie dessen Rechtsanwalt notierte, über das Ansinnen "eines seiner widerlichsten Verwandten".

William Patrick Hitler, 1911 in Liverpool geboren, war nicht das einzige, aber das dreisteste Mitglied einer weitverzweigten Sippe, das aus seiner familiären Beziehung zum Reichskanzler Adolf Hitler Kapital zu schlagen versuchte. Es sind verzwickte Verwandtschaften, alles andere als geordnet - eine Ahnentafel finden Sie unter diesem Text.

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Hitlers Neffe: "Warum ich meinen Onkel hasse" - der Privatkrieg

Der "Führer" hatte allen Grund, die gschlamperten Verhältnisse seiner Vorfahren zu verschleiern. Adolfs Vater, unehelich geboren als Alois Schicklgruber, Erzeuger unbekannt, war dreimal verheiratet. Adolf, geboren im österreichischen Braunau, stammte aus der dritten Ehe; mit seiner zweiten Frau hatte Alois vorehelich den gleichnamigen Sohn gezeugt, den Vater von William Patrick, der also ein Halbneffe des Diktators war.

Adolf Hitlers Halbbruder Alois, der schon zweimal wegen Diebstahls im Gefängnis gesessen hatte, war 1905 nach England gegangen und hatte dort die Irin Bridget Dowling geheiratet. Er kellnerte, führte ein Restaurant, das bald pleiteging, und handelte glücklos mit Rasierklingen, die gerade in Mode kamen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte Alois auf Arbeitssuche nach Deutschland zurück und heiratete ein zweites Mal, in Bigamie. Die Ehe mit Bridget wurde erst Jahre später geschieden.

Er versuchte, den Onkel zu erpressen

1929 lud Adolf Hitler seinen Halbbruder zum vierten Parteikongress der NSDAP nach Nürnberg ein; Alois bat seinen in London lebenden Sohn William Patrick hinzu, den er seit 1913 nicht mehr gesehen hatte. Alois nutzte die Gelegenheit, den an die Macht strebenden Parteiführer um eine Jobvermittlung zu bitten, doch Adolf wimmelte ihn ab: Es sei unmöglich, der Familie geschäftliche Aufträge zu erteilen. 1934 eröffnete Alois am Berliner Wittenbergplatz eine Gaststätte, rasch entwickelte sie sich zu einem Treffpunkt von Parteigenossen.

William Patrick blieb nach der "Machtergreifung" seines Onkels ebenfalls in Berlin. Und musste die Erfahrung machen, dass der Name Hitler nicht nur Vorteile verschaffte. Als er im Juni 1934 auf der Terrasse des Café Kranzler von SS-Leuten kontrolliert wurde und sich als Hitler auswies, stauchte ihn ein SS-Offizier zusammen, der Name des "Führers" dürfe "nicht für dumme Spielchen missbraucht" werden, und ließ ihn für eine Nacht einsperren.

Auf diskreten Wink Adolf Hitlers bekam der Halbneffe eine Stelle bei der Reichskreditbank. Aber die schlecht bezahlte Buchhalterstelle behagte ihm nicht - worauf er den erpresserischen Brief an den Adjutanten seines Onkels schrieb, dass er zur "Besserung meiner Lebensverhältnisse" Vertrauliches über die Hitler-Familie "der englischen Presse übergeben" wolle.

  • Die Dokumentation "Hitlers Neffe - Die unglaubliche Geschichte von William Patrick Hitler" läuft am Samstag, 17. Februar 2018, um 20:15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Erstaunlicherweise ging Adolf Hitler mit Milde über den Erpressungsversuch hinweg. Er wusste, dass Gerüchte über angebliche jüdische Vorfahren im Umlauf waren. Wenn "Hitler Judenblut in den Adern hätte", notierte dessen Anwalt Hans Frank, der spätere berüchtigte "Generalgouverneur" im besetzten Polen, hätte er "eine geringe Legitimation" gehabt, "Antisemit zu sein".

Am Klatsch über eine jüdische Herkunft war nichts dran. Trotzdem wollte Hitler peinliche Enthüllungen verhindern, etwa über die dubiose Namensänderung seines Vaters. Denn der hatte, 19 Jahre nach dem Tod seines Stiefvaters Georg Hiedler, dessen Namen in der veränderten Schreibweise "Hitler" angenommen. Wahrscheinlich war der leibliche Vater jedoch Georgs Bruder Nepomuk, der auch der Großvater von Hitlers Mutter war. Neben dem Inzestverdacht stand die Frage im Raum, ob der "Führer" den "Ariernachweis" hätte erbringen können.

Um Streit mit seinem Neffen zu vermeiden, verschaffte ihm der "Führer" einen Arbeitsplatz bei Opel - erst in der Fabrik in Rüsselsheim, dann bei einem Autohändler in Berlin. Dort protzte William Patrick, weil er seine Verkaufschancen erhöhen wollte, mit dem Namen Hitler. Doch das meldete ein Kunde, parteitreuer Nazi, der Polizei, die in der Reichskanzlei nachfragte. Der mächtige Onkel veranlasste, dass William Patrick gefeuert wurde.

Der kleine Hitler erklärte dem großen Hitler den Krieg

Der Neffe war verbittert. Als Familienmitglied hatte er auf eine große Karriere und ein angenehmes Leben gehofft, doch Adolf Hitler war, anders als andere Diktatoren, jeglichem Nepotismus abgeneigt. Heimlich verließ William Patrick Hitler im Januar 1939 Deutschland und kehrte zu seiner Mutter nach London zurück.

Mit Besuchervisa reisten Bridget Hitler und ihr Sohn auf einem Dampfer nach Amerika. Am 30. März 1939 kamen sie in New York an, schon einen Tag später zitierte die "New York Times" William Patrick mit den Worten, Adolf Hitler habe "die Macht, die europäische Zivilisation zu zerstören und vielleicht die ganze Welt".

Bis dahin hatte der Neffe aus seinem Familiennamen berufliche Vorteile zu ziehen versucht. Und setzte ihn von nun an ein, um Amerika und den Rest der Welt über die Bösartigkeit seines Onkels aufzuklären. Der kleine Hitler erklärte dem großen Hitler den Krieg. In der Illustrierten "Look" veröffentlichte William Patrick im Juli 1939 einen mehrseitigen Artikel unter der Überschrift "Warum ich meinen Onkel hasse", garniert mit Bildern aus dem privaten Fotoalbum. Ebenfalls für ein üppiges Honorar plauderte er in der französischen Tageszeitung "Paris-Soir" im August 1939 unter dem Titel "Mein Onkel Adolf" über Familiäres.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 unternahm William Patrick zudem gut bezahlte Vortragsreisen durch die USA und Kanada. Mit seinem schmalen Oberlippenbärtchen und im grauen Nadelstreifenanzug wirkte der distinguiert auftretende Redner seriös und überzeugend auf sein nach Tausenden zählendes Publikum.

Als das Interesse an den Familiengeschichten nachließ, wollte William Patrick Hitler Soldat werden und mit der Waffe gegen den Onkel kämpfen. Als britischem Staatsbürger war ihm der Eintritt in die U.S. Army jedoch verwehrt. Am 3. März 1942 schrieb er dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt einen mehrseitigen, pathetischen Brief, er wolle sein "Leben in den Dienst der großen Sache stellen, auf dass wir am Ende triumphieren mögen".

"Außergewöhnlich faules Individuum"

Der Brief löste Ermittlungen der Bundespolizei FBI aus. Was die Agenten in Erfahrung brachten, war nicht schmeichelhaft für William Patrick Hitler. Ein ehemaliger Tourneemanager urteilte, der Neffe des Diktators "wäre wahrscheinlich der Nazi-Regierung und Adolf Hitler gegenüber loyal gewesen, wenn der Führer ihm eine Stellung verschafft hätte, die überdurchschnittlich gut bezahlt worden wäre". Ein anderer vom FBI befragter Zeuge schätzte William Patrick als "außergewöhnlich faules Individuum" ein.

Gleichwohl offenbarte der FBI-Abschlussbericht keinerlei Belege, dass William Patrick Hitler "in irgendwelche Aktivitäten subversiver Natur verwickelt" war. In die Army wurde er dennoch nicht aufgenommen. Erst nachdem er ein Jahr später ausführlich beim Geheimdienst OSS ausgesagt hatte, durfte William Patrick Hitler am 6. März 1944 in die U.S. Navy eintreten und wurde einer Sanitätstruppe zugeteilt.

Nach dem Krieg nahm er einen neuen Namen an und tauchte unerkannt unter. 1947 heiratete er die gebürtige Deutsche Phyllis Jean-Jacques, mit der er vier Söhne bekam. Zuletzt lebte er in Patchogue auf Long Island und betrieb ein Labor für Blutuntersuchungen. William Patrick Hitler starb am 14. Juli 1987 und wurde neben seiner 1969 verstorbenen Mutter begraben.

"Stuart-Houston" - das steht in großen Lettern auf seinem Grabstein. Das Geheimnis, warum er sich ausgerechnet einen Tarnnamen zugelegt hatte, der an den glühenden englischen Hitler-Verehrer Houston Stewart Chamberlain erinnert, nahm er mit ins Grab. Ebenso rätselhaft bleibt, weshalb William Patrick, der doch mit seinem Onkel gebrochen hatte, seinem ältesten Sohn Alexander den zweiten Vornamen Adolf gab.

DER SPIEGEL

insgesamt 2 Beiträge
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Barbara Fischer-Bossert, 16.02.2018
1.
Wohl kaum, immerhin hat er seinem Neffen zweimal einen Posten besorgt, den dieser sonst nicht erhalten hätte. Als dieser aber gegen die unausgesprochene Bedingung verstieß, mindestens Ruhe zu geben, wenn er schon nicht imstande war, sich im Sinne des Onkels zu nützlich zu machen, war es eben aus mit der Protektion. Da reagierte Hitler nicht wesentlich anders als ein Mafiaboß (aber immerhin ließ er den renitenten Knaben am Leben). Warum sind politische Anführer überhaupt anfällig für Nepotismus? Weil die Verwandtschaft unschöne Wahrheiten ausplaudern kann und sich auch nicht gut macht, wenn sie im Elend lebt (wie war das mit Gerhard Schröders Bruder?). Wenn sie aber zu dumm ist, die angebotenen Gaben zu würdigen und sich danach zu verhalten - warum sollte sie protegiert werden? Es gibt auch nicht so viele (Führungs-)Posten, die man durch Nichtstun vollständig ausfüllen kann (heute etwa Chef einer Landes-Lottogesellschaft), und dafür wäre Hitlers Neffe auch noch zu jung gewesen.
Thomas Schröter, 17.02.2018
2. rechtzeitig in die USA abgesetzt
Die Beziehungen der Neffen (davon gab es 3) zu ihrem Onkel war sicher viel komplizierter als hier dargestellt. Williams Vorgehensweise, freche Forderungen zu stellen und sich frühzeitig in die USA abzusetzen, war wohl die effektivere. Sich auf die verbrecherische Ideologie des Onkels einzulassen bezahlte der Halbneffe Heinz mit dem Leben, wohl auch weil der Onkel diesen zu keinem Zeitpunkt ernst nahm. Als Heinz den Onkel versuchte in Berlin persönlich zu besuchen ließ dieser sich entschuldigen und 5 Mark Rückfahrgeld übermitteln, so eine Freundin.
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