Gamal Abdel Nasser Der letzte Pharao

Gamal Abdel Nasser wäre heute 100 Jahre alt geworden. Der ägyptische Raïs wird in der arabischen Welt immer noch verehrt, dabei regierte er nach innen brutal und nach außen katastrophal - mit einer Ausnahme.

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König Faruk lebte maßlos: Von 1936 bis 1952 herrschte der fettleibige Monarch über Ägypten und den Sudan. Zwölf Eier soll er, Liebhaber von Havanna-Zigarren, schönen Frauen und funkelnden Cadillacs, täglich zum Frühstück gegessen haben. Dazu kamen angeblich täglich noch 36 Fläschchen Pepsi. Haschisch konsumierte er gern mit süßem Honig.

Geldgierig, verschwenderisch und korrupt - sogar seine eigene Mutter sagte über Faruk: "Er war ein Monster."

Viele Ägypter teilten diese Meinung, darunter der Geheimbund der sogenannten Freien Offiziere. Sie jagten Faruk 1952 mit einem Militärputsch aus seinem Palast ins italienische Exil, wo er einige Jahre später als Staatsbürger Monacos starb - nach einem Gelage mit zwölf Austern in Tabasco-Sauce, einer Hammelkeule für vier Personen, Pommes Frites, Ingwerlimonade und Sahne-Nachtisch.

Ex-König Faruk im Exil
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Ex-König Faruk im Exil

Zu der Gruppe der "Freien Offiziere", die ihn gestürzt hatte, gehörte auch ein junger Berufssoldat, der 1954 erst Staatspräsident wurde und dann zum letzten Pharao der Ägypter: Gamal Abdel Nasser, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Auch viele Jahrzehnte nach seinem Tod ist er der Maßstab für jeden Machthaber am Nil. Und das, obwohl Nasser nach innen brutal und nach außen katastrophal regierte - mit einer Ausnahme.

Codewort: Ferdinand de Lesseps

Am 26. Juli 1956 hielt Nasser vor Tausenden Anhängern auf dem Tahrir-Platz in Alexandria eine fast dreistündige Rede, die im staatlichen Rundfunk übertragen wurde. Er prangerte darin die Westmächte und die Weltbank an, die ihm Kredite zur Finanzierung des Assuan-Staudammes verweigerten. Mit diesem zentralen Bauprojekt wollte der Vater von fünf Kindern und Mitbegründer der "Bewegung der Blockfreien Staaten" die Fluten des Nils kontrollieren, so Energie in Massen produzieren und Ägypten damit wirtschaftlich in eine postkoloniale Zukunft führen.

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Gamal Abdel Nasser: Der Held der Suez-Krise

In seiner Rede fiel plötzlich - und scheinbar zusammenhanglos - ein Name: Ferdinand de Lesseps. Der Ingenieur hatte den Suezkanal gebaut, von dem bis 1956 ausschließlich die europäischen Anteilseigner der in Paris beheimateten Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez profitierten. Mehrheitlich war das ausgerechnet Großbritannien, die verhasste einstige Kolonialmacht Ägyptens.

Nasser erwähnte de Lesseps Namen in seiner Rede 13 Mal. Es war ein Codewort. Damit gab er von ihm instruierten Kommandoeinheiten am fernen Suezkanal grünes Licht, um die Anlagen der Kanalgesellschaft unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit Erfolg.

Der neue Anführer der Araber

Nasser wusste um die Bedeutung der internationalen Wasserstraße, von der schon Johann Wolfgang von Goethe geträumt und die der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz bereits im 17. Jahrhundert dem Sonnenkönig Ludwig XIV. vorgeschlagen hatte. Doch erst de Lesepps vollendete die technisch kühne Vision, und der Suezkanal konnte 1869 eröffnet werden.

Die Folge von Nassers Befehl 1956 war dramatisch: Die Suezkrise erschütterte die Welt. Die alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich sowie Israel griffen Ägypten an. Die Vereinten Nationen schritten ein, vor allem die neuen Großmächte, USA und UdSSR, die mitten im Kalten Krieg um ihren ideologischen Einfluss in Afrika und dem Nahen Osten rangen.

Am Ende mussten Großbritannien und Frankreich auf Druck der USA ihren Frieden mit Ägypten schließen. Auch die israelischen Soldaten zogen sich aus der Kanalzone zurück; ein Triumph nach der demütigenden Niederlage Ägyptens im Krieg 1948/1949 gegen Israel. Nasser war nun auf dem Zenit seiner Macht angekommen. Eine militärische Übermacht hatte ihn nicht stürzen können. Nun schwang er sich zum Anführer der gesamten arabischen Welt auf.

Mit Giftgas gegen Krummsäbel

Doch danach gelang dem Sohn eines einfachen Postbeamten, der die Muslimbruderschaft brutal verfolgen ließ und das von ihr geforderte Kopftuchgebot für einen schlechten Scherz hielt, außenpolitisch nicht mehr viel. Als Entwicklungsdiktator sorgte er zwar innenpolitisch dafür, dass Bildung und medizinische Versorgung kostenlos wurden, Landreformen umgesetzt wurden und Frauen wählen durften. Doch je länger er regierte, desto mehr Tote gab es unter seiner Bevölkerung auch. Denn der Fokus von Nassers Panarabismus lag naturgemäß weniger auf seinem Volk als auf der ganzen arabischen Welt.

So schloss Nasser 1958 eine Allianz mit Syrien, die sogenannte Vereinigte Arabische Republik (VAR). Dieses Staatenbündnis mit ihm an der Spitze sollte das Fundament und Modell für einen Zusammenschluss aller arabischen Länder sein. Aber nach drei Jahren war Schluss. Syrien sagte sich 1961 los - ebenso wie der Nordjemen, der eine Zeit lang zur VAR gehört hatte.

Im Jemen herrschte damals ein Bürgerkrieg, in dem Riad-treue Royalisten gegen Kairo-treue Republikaner kämpften - ein Waffengang, der zu Nassers Vietnam werden sollte. Fünf Jahre lang, von 1962 bis 1967, kämpften 60.000 seiner Soldaten zur Unterstützung von Diktator Abdallah el-Sallal gegen 350.000 königstreue Krieger, die für den gestürzten jemenitischen Monarchen Mohammed el-Badr in die Schlacht zogen.

Es war ein ungleicher Kampf, der da im äußersten Südwesten der Arabischen Halbinsel stattfand. Das Expeditionsheer vom Nil war ausgerüstet mit Flugzeugen, Panzern und Giftgas. Die Jemeniten setzten auf Musketen und Krummsäbel. Bis zu einer Million Westmark täglich soll Nasser der Krieg gekostet haben - und rund ein Drittel seiner Soldaten.

Operation "Kaukasus": 10.000 Sowjetsoldaten für Nasser

Im November 1967 gab der Alleinherrscher dann den Befehl zum Rückzug aus dem Jemen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Nimbus bereits zerstört. Der Grund: Im Juni des gleichen Jahres hatte Israel im Sechstagekrieg die arabischen Anrainerstaaten vernichtend geschlagen, den Gazastreifen und die 60.000 Quadratkilometer große Sinaihalbinsel von Ägypten im Handstreich erobert.

Der israelische Sieg war eine Sensation. In Israel und der jüdischen Diaspora war die Furcht vor Gamal Abd an-Nasser vor 1967 gigantisch gewesen. "Hitler ist nie gestorben, sondern nach Ägypten geschwommen und Nasser geworden", hatte ein makaberer Witz in den Jahren vor dem Sechstagekrieg gelautet. Nicht zuletzt aufgrund der Zusammenarbeit Nassers mit deutschen Raketenforschern und Alt-Nazis. Sie sollten seinerzeit die Streitkräfte des Raïs hochrüsten - und versagten offensichtlich. Anders die Sowjetunion.

Im Frühjahr 1970 schickte Moskau eine kleine Armee nach Kairo: 10.000 Soldaten, darunter zwei Kampffliegerregimente und Mannschaften für die Bedienung von Flugabwehrraketensystemen. Die Sowjetunion wollte mit der Operation "Kaukasus" im Kalten Krieg ein deutliches Zeichen an die USA senden, die allmählich zur Schutzmacht Israels wurden und dem Land Waffen, darunter auch Phantombomber, geliefert hatten.

Millionen weinen

Nasser sagte nicht nein. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder im Krieg mit Israel. Diesmal lieferten sich die Erzfeinde einen brutalen Abnutzungskampf entlang des Suezkanals. Er endete im August 1970 mit einem Patt.

Kurz danach, am 28. September 1970, starb Gamal Abdel Nasser um 18.15 Uhr plötzlich an einem Herzinfarkt. Die Massen, die ihn trotz seiner Härte dafür liebten, dass er Israel die Stirn geboten und der arabischen Welt Würde gegeben habe, waren außer sich. Die Beisetzung - ein Weltereignis: "Millionen Menschen mit schmerzverzerrtem Gesicht, Hunderttausende öffentlich weinend, Hunderte ohnmächtig, Trauer im Grenzbereich zur Massenphrenesie", schrieb der SPIEGEL damals.

Amtsnachfolger Anwar as-Sadat enthüllte später den vermeintlich wahren Todesgrund: Gamal Abdel Nasser sei nicht an einem Infarkt gestorben. Sondern an seinem gebrochenen Herzen, Folge des nationalen Traumas des verlorenen Sechstagekrieges.

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Winfried Guth, 15.01.2018
1. Irreführende Überschrift
Was soll die irreführende Überschrift "nach innen brutal und nach außen katastrophal (mit einer Ausnahme)". Nasser hat die beiden Grundsteine für den heutigen (relativen) Wohlstand Ägyptens gelegt, und deshalb wird er in Ägypten verehrt: Zuerst den Engländern 1956 den Suezkanal abgenommen; dann hat er die als Konsequenz verweigerten Kredite des Westens für den Bau des Assuan Dammes von den Sowjets angenommen, die ihm den Damm dann gebaut haben. Als i-Tüpfelchen hat er die Sowjets nicht mal fertig bezahlt. Ohne Suez Kanal und Assuan Damm wäre Ägypten heute ein Nichts, deshalb steht alles andere in Ihrem Artikel genannte unter "Sonstiges" in Nasser's Lebenslauf.
Benjamin Schmidt, 15.01.2018
2. Warum nennen wir den sechs Tage Krieg...
Nicht endlich Blitzkrieg. Ohne Kriegserklärung in fremde Länder einfallen die militärische Infrastruktur zerstören und den Rest noch abräumen ist nun mal sehr erfolgreich,- hatte schon Hitler bewiesen.
Norbert Arnold, 15.01.2018
3.
Mein Schwiegervater sowie auch der Onkel meiner Frau wurden 1963 von Gamal Abdel Nasser in Kairo infaftiert - wegen der Religion. Die Familie musste anschliessend das Land verlassen.
Reinhard Kupke, 15.01.2018
4. Zu 2: Es ist egal wie Sie es nennen
Fakt ist, dass Israel vom Tag seiner Gründung an von den arabischen Staaten bedroht wurde. Sie erinnern sich sicher, dass am Gründungstag von Israel der Großmufti von Palästina den heiligen Krieg gegen Israel ausgerufen hat. Ich habe bisher nicht gehört, dass das widerrufen worden wäre. Weiter: Im Vorfeld betrieb Syrien und Ägypten Kriegsrhetorik der übelsten Art über die "vollständige Vernichtung der Zionisten" usw. Ägypten konzentrierte ca. 100.000 Soldaten mit ca. 1000 Panzern und entsprechendem anderen Gerät auf dem Sinai. Klar, die Israelis hätten warten müssen bis die gekommen wären, und dann hätten sie ihnen den Weg frei machen müssen. Dass die Ägypter und Syrer zu unfähig für eine militärische Aufklärung waren und dass sie sich bei einer völlig unfähigen eigenen Führung für völlig überlegen hielten, dass kann man den Israelis nun nicht zum Vorwurf machen. Für die ging es jedenfalls um das Überleben ihres Staates und um ihr eigenes Überleben.
Erwin Tegtmeier, 15.01.2018
5. Überhaupt keine Sensation 1967
Für die Experten, die israelischen sowohl wie für die amerikanischen, war Israels Sieg im Sechstagekrieg überhaupt keine Sensation. Die Überraschung und Erleichterung unter den Laien (die ganze westliche Öffentlichkeit bangte um das "kleine Israel) rührte nur daher, dass Israel aus propagandistischen Gründen erfolgreich den David spielte (das auch schon 1948), obwohl es in Wahrheit der Goliath war. Und die Amerikaner jubelten über die Niederlage des arabischen Nationalismus und der Blockfreien-Bewegung. Der arabische Nationalismus war diskreditiert und es begann die Rückwendung zum Islam. Ja, die verdanken wir unserem obligatorischen Freund Israel, wie zu einem großen Teil den ganzen islamistischen Terrorismus. Nasser war schon 1954 unter Vermittlung des CIA zu Friedensverhandlungen mit Israel bereit und der israelische Ministerpräsident stimmte zu, wurde aber von Ben Gurion, der ganz auf militärische Gewalt setzte, ausgebootet, wobei Deutschland und seine Waffenlieferungen es Ben Gurion erlaubten, sich durchzusetzen und langfristig die Ausrichtung zu bestimmen (siehe T. Amar-Dahl: Moshe Scharett. Diplomatie statt Gewalt 2003, P.Tyler: Fortress Israel. 2012). Uns erzählt man allerdings immer noch das Gegenteil: "Israel verteidigt sich immer nur". Es ist nicht ohne historische Ironie, dass wir unsere dunkle militaristische Vergangenheit ausgerechnet durch Freundschaft mit einem neuen Preußen in Nahost überwinden wollen. Israel braucht unseren Schutz überhaupt nicht und wir sollten nicht wieder Völkerrecht brechen (den Atomwaffensperrvertrag), um es noch mehr aufzurüsten.
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