Hungerkatastrophe in Äthiopien 1984 Zu Gast beim Diktator

Erst fotografierte er Kinderleichen, dann ging es zum festlichen Gelage mit Staatsfunktionären: Als Reporter begleitete Uwe Gerig 1984 den Bundesentwicklungsminister nach Äthiopien. Die Reise blieb ihm unvergessen - und verfolgte ihn in seinen Träumen.

Uwe Gerig

Mit Bestürzung sah ich im Herbst 1984 eine Fernsehreportage der BBC über die Hungersnot in Äthiopien. Das Bild der dreijährigen Birhan Woldu ging als "Gesicht des Hungers" um die Welt und wurde auch in unserer Zeitung, der "Abendpost/Nachtausgabe" aus Frankfurt am Main, abgedruckt. Für die notleidenden Menschen wurden überall Spenden gesammelt.

In einer Pressegruppe flog ich mit dem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Jürgen Warnke, Ende November des Jahres nach Addis Abeba. Die Bundesregierung hatte ein Hilfsprogramm zugesagt, und die Luftwaffe sollte Lebensmittel zu den Betroffenen bringen. Eine Luftbrücke war geplant.

Das wollte der Minister kontrollieren, und weil gute Taten sich auch immer gut in den Medien verkaufen lassen, waren wir Journalisten mit dabei.

Tagelange Fußmärsche

Am Ankunftsabend gab sich der deutsche Botschafter die Ehre. Häppchen und Smalltalk im Garten der Residenz. Am anderen Morgen flogen wir mit einer Transall-Maschine der Bundesluftwaffe in den Norden des Landes. Auf einer kahlen Hochebene bei Korem wurden in provisorischen Lagern Zehntausende notdürftig verpflegt und ärztlich betreut. Die Menschen hätten das Lager erst nach tagelangen Fußmärschen erreicht, berichteten uns die Helfer. Viele seien unterwegs vor Entkräftung gestorben.

Im Lager standen wir betroffen vor großen Gruben, in denen die Leichen der Verhungerten bestattet wurden. Ausgemergelte Angehörige nahmen wehklagend Abschied. Viele der mit weißen Tüchern umwickelten Körper waren winzig klein. Kinder. Neben der notdürftig hergerichteten Landepiste für die Hilfsflugzeuge saßen Tausende dicht gedrängt nebeneinander und warteten darauf, zu den Verteilstellen vorgelassen zu werden. Immer wenn eine Maschine landete, wurden die Menschen von einer riesigen Staubwolke eingehüllt.

Diese Bilder hatten sich uns tief eingeprägt, als wir nach Addis Abeba zurückflogen.

Üppiges Gelage

Im Hilton Hotel erwarteten uns eine Dusche im Zimmer und anschließend ein reichhaltiges Abendessen. Im großen Gartenrestaurant tafelten Einheimische. Keine gewöhnlichen Einheimischen, wie wir erfuhren, sondern Leute aus den oberen Staatsdienststellen mit ihren Familien. Musiker in traditionellen Gewändern spielten zum Gelage auf. Die Kellner waren flink und trugen immer neue Platten mit Speisen herbei.

Dreihundert Kilometer von den Funktionären entfernt verhungerte das Volk.

Am anderen Morgen, vor dem Rückflug, wurde der deutsche Entwicklungshilfeminister vom Oberdespoten Äthiopiens in dessen Residenz empfangen. Erst kurz zuvor hatte Mengistu Haile Mariam DDR-Staatschef Erich Honecker seine Aufwartung in Berlin gemacht und mit ihm Bruderküsse getauscht.

Mercedes-Limousinen vor Residenz des Diktators

Der Regierungspalast, in den wir Journalisten geführt wurden, bestand aus mehreren Villen. Die Grünanlagen waren gepflegt und wurden ständig bewässert. In der Auffahrt vor Mengistus Residenz standen mehrere große Mercedes-Limousinen. Das Amtszimmer des Diktators war relativ klein, aber mit Teppichen und alten Möbeln luxuriös ausgestattet. Wir Journalisten drängten uns während der Audienz um den Schreibtisch von Mengistu.

Minister Warnke wickelte das Treffen in der pompösen Residenz geschäftsmäßig ab. Als wir den Regierungssitz nach dem Fototermin verließen, fuhren wir sofort zum Flughafen, um nach Deutschland zurückzukehren.

Meine Situationsberichte über die Hungertoten im Lager Korem, veröffentlicht als Serie in der "Abendpost/Nachtausgabe", veranlassten viele Frankfurter Leser zu Spenden. Der blockübergreifende Lufttransport von Nahrungsmitteln für die Hungernden in Äthiopien wurde auch 1985 viele Monate fortgesetzt.

Mich haben die bedrückenden Bilder aus dem Lager Korem lange bis in meine Träume verfolgt.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
damon kiefer, 13.04.2014
1. einestages...
...verkommt das wundervolle "einestages" zur Buchdeckelecke... Ich bin von dem Artikel ähnlich enttäuscht wie von meiner Erwartungshaltung. Spiegel hat manchmal etwas von einer Lotterie, den man weiss wirklich nie was man zu lesen bekommt.
Peter Grolig, 13.04.2014
2. optional
Der gute Warnke schaut jetzt auch seinem Schöpfer ins Gesicht. Ob der sich auch so belügen lässt wie der deutsche Wähler und Steuerzahler?
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