Affäre im Kaiserreich Der geheime Krieg des Kanzlerbruders

Affäre im Kaiserreich: Der geheime Krieg des Kanzlerbruders Fotos
Peter Winzen

Schlammschlacht für den Reichskanzler: Als Feinde des Fürsten Bernhard von Bülow den Regierungschef stürzen wollten, bekam er Hilfe aus der eigenen Familie. Sein Bruder Alfred organisierte mithilfe eines bekannten Publizisten den Gegenschlag - und sorgte so für einen der größten Skandale der Kaiserzeit. Von Peter Winzen

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Als Alfred von Bülow 1881 vor den Scherben seiner Karriere stand, schrieb er einen verzweifelten Brief. Adressat war sein Bruder Bernhard, der in der Kaiserlichen Botschaft in Paris arbeitete: "Das Schmerzlichste bleibt mir immer: Papas Andenken, Mamas Betrübnis und das Gefühl, dass ihr einen Bruder habt, der das Assessor[examen] nicht hat bestehen können."

Der promovierte Jurist Alfred von Bülow, 30, war gerade zum zweiten Mal durch seine wichtigste Prüfung gerauscht - ein Desaster. Eine höhere Verwaltungslaufbahn schien ihm damit ebenso verbaut wie die Aussicht, einmal eine Familie ernähren zu können. Doch der Brief nach Paris wendete das Blatt: Der Karrierist Bernhard ließ seinen Bruder nicht hängen und verhalf ihm zu einem Job im Auswärtigen Dienst.

Alfred vergaß Bernhard den Freundschaftsdienst nie, im Gegenteil: Er widmete sein Leben fortan der Unterstützung des großen Bruders - und bekam mehr als 20 Jahre später die Chance zur Wiedergutmachung. Als Bernhard, mittlerweile Reichskanzler, durch eine Intrige gestürzt werden sollte, war es offenbar Alfred, der ihn rettete - auch wenn er einen hohen Preis dafür bezahlte.

Undercover-Vermittler für den Bruder?

Alfred war über Stationen in Rom, Bern und Wien 1898 zum Gesandten in Bern aufgestiegen. Doch als Bernhard im Oktober 1900 zum Reichskanzler ernannt wurde, hielt sich auch der Bruder oft wochenlang konspirativ im Berliner Reichskanzlerpalais auf, statt seinem Dienst in der Schweiz nachzugehen. Um nicht aufzufallen, reichte Alfred immer wieder Urlaub ein. Aber was genau tat er in Berlin?

Die Personalakten enthalten Indizien, dass der kleine Bruder so etwas wie ein Undercover-Vermittler im Auftrag des Kanzlers war. So verbrachte Alfred Ende 1905 einen längeren "Urlaub" ohne Familie in der Wilhelmstraße 77, also unter dem Dach des Reichskanzlers - just während der kritischen Tage der Marokkokrise. Am 23. März 1906 erbat er dann "zur Erholung von einer starken Erkältung" einen Kurzurlaub für die Zeit vom 5. bis 11. April und verließ Bern mit unbekanntem Ziel. Am 5. April hatte der Reichskanzler vor den Augen der Reichstagsabgeordneten einen Ohnmachtsanfall erlitten.

Am 23. Oktober 1906 beantragte Alfred von Bülow "einen kurzen Urlaub vom 2. bis 12. November zur Regelung wichtiger Privatangelegenheiten" im württembergischen Dätzingen. Doch statt zu seiner Familie auf Schloss Dätzingen zu reisen, fuhr Alfred geradewegs in die Reichshauptstadt, wo tatsächlich wichtige Privatangelegenheiten warteten: Sein Bruder Bernhard hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass der einflussreiche Kaiserfreund Philipp Fürst zu Eulenburg von Liebenberg an seinem Sturz arbeite. Ausgerechnet Eulenburg, der Alfreds Karriere im Auswärtigen Dienst gefördert hatte. Ein Freund.

Der Feldzug gegen den Umstürzler

Alfred von Bülow beantragte eine Urlaubsverlängerung ohne Angaben von Gründen - und bereitete währenddessen einen perfiden Gegenschlag vor, um seinen Bruder zu retten.

Im Auftrag des Reichskanzlers traf er sich allem Anschein nach mehrmals mit dem Publizisten Maximilian Harden, um ihm Belastungsmaterial gegen Eulenburg, das sich damals nachweisbar in seinem Besitz befand, auszuhändigen und streng geheime Botschaften aus dem Reichskanzlerpalais zu übermitteln. Am 17. November 1906 erschien dann in Hardens Zeitschrift "Zukunft" der Artikel "Präludium", mit dem der Schriftsteller seinen Feldzug gegen Philipp Eulenburg eröffnete.

Dabei offenbarte Harden erstaunliches Insiderwissen, über das außerhalb der Eulenburg-Clique nur dessen ehemaliger Vertrauter Bernhard und eben Alfred verfügen konnten. Gegenüber seinem Rechtsvertreter Max Bernstein hat Harden später wiederholt erklärt, dass er während seiner Kampagne gegen Eulenburg über einen "Mittelsmann", dessen Namen er nicht preisgeben dürfe, ständigen Kontakt zum Reichskanzler hatte. Alfreds Personalakten lassen heute kaum noch einen Zweifel, wer dieser Mittelsmann war.

Mitte Dezember floh Eulenburg mit seiner Familie in die Schweiz, kehrte aber vier Wochen später, sehr zum Verdruss des Kanzlers, wieder zurück. Am 12. Februar 1907 beantragte Alfred Bülow wieder einmal, diesmal beim Reichskanzler persönlich, einen knapp einwöchigen Urlaub "zum Zweck der Erledigung wichtiger Privatgeschäfte". Bülow hatte offenbar die Mission, den entscheidenden Schlag gegen Eulenburg vorzubereiten, indem er Harden der vollen politischen Rückendeckung der Reichskanzlei versicherte. Am 13. und 27. April erschienen schließlich in der "Zukunft" jene beiden Artikel, die zum Sturz Eulenburgs führten. Er wurde der Homosexualität bezichtigt.

"Mein Herz fühlt großes Mitleid"

Alfreds verhängnisvolle Rolle beim Sturz Eulenburgs wurde für ihn zur großen seelischen Bürde, denn bis Mitte der 1890er Jahre hatte er selbst dem Liebenberger Freundeskreis um Eulenburg angehört. Nach der ungnädigen, mit homosexuellen Verfehlungen begründeten Entlassung Philipp Eulenburgs aus dem Staatsdienst erkrankte Alfred schwer.

In einem vom 8. Juni 1907 datierten Brief an seinen Bruder Bernhard heißt es: "Du kannst Dir denken, lieber Bernhard, wie sehr ich unter dem betrübenden Eindruck der Berliner Skandalgeschichten stehe. Mein leider nicht hart organisiertes Herz fühlt großes Mitleid mit dem unglücklichen Phili! Wenn ich mir auch immer wieder sage, dass er sein Unglück im Wesentlichen selbst verschuldete." Mit den aus dem Hoflager Verbannten pflegte er in den Folgejahren noch brieflichen Kontakt, auf Anweisung des Kanzlers vermied er aber jede Begegnung mit den ehemaligen Freunden.

Als Fürst Bülow 1909 aus allen Staatsämtern ausschied, endete auch die Protektion für den kleinen Bruder. Im Sommer 1911 wurde Alfred nahegelegt, den unattraktiven Gesandtenposten in Dresden zu übernehmen, 1914 reichte er dann sein Abschiedsgesuch ein. Als Alfred schließlich am 26. Juni 1916 starb, schrieb ein enger Freund der Familie dem Exkanzler: "Seine brüderliche Liebe war mit hingebender Verehrung und Bewunderung für Dich verbunden. Wie oft haben wir zusammen Deiner gedacht! Du wirst seine Liebe und Treue noch oft vermissen."

Zum Weiterlesen:

Peter Winzen: "Freundesliebe am Hof Kaiser Wilhelms II." Books on Demand, 2010, 188 Seiten.

Peter Winzen: "Im Schatten Wilhelms II. Bülows und Eulenburgs Poker um die Macht im Kaiserreich". sh-Verlag, Köln 2011, 616 Seiten

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1.
Franzi Mandl 27.02.2012
Hans von Tresckow war als Kriminalkommissar seinerzeit mit dem Bereich Erpessung vertraut. Er will erfahren haben, dass es der Chef des Militärkabinetts, Graf Hülsen, gewesen sei, der Harden mit dem entsprechenden Material versorgt habe. Der Reichskanzler von Bülow behauptet in seinen Memoiren, es sei Herbert Bismarck, der Sohn des ehemaligen Reichskanzlers gewesen. Herbert Bismark und Eulenburg waren seit Jugendjahren miteinander befreundet, bis es aus Anlass der Entlassung Otto von Bismarks zum Bruch kam. Hans von Tresckow war im Besitz einer umfangreichen Liste prominenter Homosexueller. Auf dieser Liste stand auch der Reichskanzler Bernard von Bülow.
2.
Sylvia Götting 27.02.2012
Sehr geehrter Herr Winzen, ich zitiere znächst aus dem zweiten Absatz: "Der promovierte Jurist Alfred von Bülow, 30, war gerade zum zweiten Mal durch seine wichtigste Prüfung gerauscht - ein Desaster. Eine höhere Verwaltungslaufbahn schien ihm damit ebenso verbaut wie die Aussicht, einmal eine Familie ernähren zu können." Nun meine Fragen: Alfred ist bereits promovierter Jurist; warum also sollte ihm durch das Nichtbesteigen einer höheren Verwaltungslaufbahn die Aussicht verbaut sein, einmal eine Familie ernähren zu können? Ein Dr. jur. dürfte in der damaligen Zeit wesentlich höher geachtet gewesen sein als heute. Was strebte Alfred an, dass er an der Prüfung trotz seines Dr. jur. überhaupt teilnahm/teilnehmen musste?
3.
Peter Winzen 27.02.2012
Sehr geehrte Frau Götting, vielen Dank für Ihr Interesse. Alfred von Bülows Doktortitel war in der Tat eine Farce. Jeder juristisch Examinierte konnte im Kaiserreich den Doktortitel mühelos erwerben. Einzige Voraussetzung: man musste die juristische Examensarbeit an einer anderen Universität einreichen. Dann erhielt man schon nach wenigen Wochen das Doktordiplom, ohne weitere zusätzlichen Prüfungen. Philipp Eulenburg hat es genauso gemacht und sich über diese Praxis auf seine Art amüsiert. Der juristische Doktortitel hatte also lediglich einen gesellschaftlichen Wert. Voraussetzung für den Eintritt in die höhere Verwaltungslaufbahn war das juristische Assessorexamen, das man frühestens nach drei Jahren Referendartätigkeit ablegen konnte. Man musste wohlbetuchte Eltern haben, um diese Etappe bewältigen zu können, denn für die Referendartätigkeit bekam man bis 1919 keinen Pfennig. Mit freundlichen Grüßen Dr Peter Winzen
4.
Wilfried Huthmacher 29.02.2012
Wenn das so "einfach" war mit dem Dr.jur. kann man sich eigentlich nicht mehr über den aberkannten Doktortitel des herrn zu Guttenberg wundern. Noch dazu in adligen Kreisen.
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