Affären "Du bist doch ein Agent der anderen Seite"

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Trutz Graf Kerssenbrock

Mitte der Achtziger Jahre war Trutz Graf Kerssenbrock ein Mann mit großer Zukunft in der CDU. Dann kam die Barschel-Affäre, und der Landtagsabgeordnete stellte seiner Partei die falschen Fragen. Von

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Wenn es die Barschel-Affäre nicht gegeben hätte, was wäre dann aus Trutz Graf Kerssenbrock geworden? Die Antwort gibt der CDU-Mann ohne langes Zögern: "Vielleicht wäre ich heute einer der Minister im Kabinett von Peter Harry Carstensen."

Aber die Realität sieht anders aus für den 53-Jährigen. Statt an exponierter Position Politik für sein Heimatland Schleswig-Holstein zu machen, sitzt Kerssenbrock als Sozius in einer Kanzlei in Kiel. Arbeitsrecht, Verwaltungsrecht und was sonst noch zum Alltag eines Rechtsanwalts und Notars gehört.

Denn mit der SPIEGEL-Ausgabe vom 7. September 1987 sollte sich auch die Karriereplanung von Kerssenbrock ändern - doch der damals 33-Jährige kann das nicht ahnen, als dort erstmals über die Machenschaften von Uwe Barschel berichtet wird. Schon kurze Zeit später sitzt der junge Anwalt für seine CDU im Untersuchungsausschuss, der die Affäre um den Ministerpräsidenten aufklären soll. Kerssenbrock ist der Meinung, dass die Wahrheit über die Vorgänge ans Licht kommen müsse. Dass seine Parteifreunde im Land und der beschuldigte Regierungschef aber gar kein Interesse daran haben - und dass das Folgen für ihn selbst haben könnte - kommt ihm nicht in den Sinn. Womöglich ist er zu jung, zu naiv, um das zu denken. "Ich habe die Gefahren nicht so hoch eingeschätzt", gibt Kerssenbrock heute zu.

"Du kannst alles fragen"

Am Anfang lässt sich die Aufgabe noch gut an. "Kann ich Dich wirklich alles fragen?" habe er Barschel damals gefragt, als der Untersuchungsausschuss seine Arbeit aufnahm. "Sei unbesorgt, Du kannst alles fragen", habe der Ministerpräsident noch jovial geantwortet. Trotz des "Du" sei das Verhältnis zum zehn Jahre älteren Barschel aber nie eng gewesen, stellt Kerssenbrock gleich klar. "Wir haben uns, als ich 16 war, in der Jungen Union kennen gelernt, und da duzte man sich", erläutert er.

Nach dieser Zeit habe er nie wieder direkten Kontakt zu Barschel gehabt - bis eben zur "Waterkantgate"-Affäre, wie der Skandal um die schmutzigen Aufträge des Ministerpräsidenten und CDU-Hoffnungsträgers bald auch genannt wurde.

In der überalterten CDU Schleswig-Holsteins galt Kerssenbrock damals als "junger Wilder". Allein sein Äußeres unterschied sich von den anderen konservativen Nachwuchspolitikern zwischen Flensburg und Lübeck: Längere Haare, Vollbart, Rollkragenpullover. Der Kandidat aus dem Wahlkreis Ahrensburg zog schon früh in den Kieler Landtag ein - als Hoffnungsträger seiner Partei, die seit Jahren vom legendären und autoritären Gerhard Stoltenberg geführt wurde.

Die Reputation der Partei

Doch leider stellt sich schnell heraus, dass Kerssenbrock im Untersuchungsausschuss doch nicht alles fragen darf. "Als ich die ersten Zeugen aus Barschels Umfeld auseinander nahm, weil die sich in Widersprüche verwickelten, warfen mir Parteifreunde vor: 'Musst Du unsere eigenen Leute so befragen?'", berichtet Kerssenbrock. Aber er habe sich davon noch nicht beirren lassen. "Wir wollen keine Kleisterkolonne sein", habe er die hartnäckigen Fragen des Ausschusses verteidigt. "Nur das führt doch zur Wiederherstellung der Reputation unserer Partei."

Aber davon wollen die schwarzen Provinzfürsten im Norden damals nichts wissen. Barschel erst recht nicht. Denn der steht immer mehr unter Druck, weil in den Medien zunehmend Details seiner Machenschaften veröffentlicht werden, und ist nur noch damit beschäftigt, seine Verteidigungsstrategie zu entwickeln. "Barschel begann seine Legendenbildung und war für uns irgendwann gar nicht mehr erreichbar." Als es Gerüchte gab, die Fraktion dränge ihn, sein Mandat ruhen zu lassen, habe Barschel ein Telex geschickt, in dem er schrieb, wie "tief verletzt" er von seinen Parteifreunden sei. Und auch Stoltenberg, der ursprünglich die volle Aufklärung der Affäre befürwortet hatte, sieht plötzlich Gefahren für die CDU durch die Ausschuss-Fragen.

"Pass auf deine Familie auf""

Für Journalisten und Politiker der anderen Parteien ist Kerssenbrock dagegen ein Saubermann. Selbst die "Bild"-Zeitung sieht in ihm schon eine "nationale Berühmheit". Aber in der Partei verliert er nach und nach den Rückhalt.

Nach dem Tod Barschels wird der Druck auf den Grafen immens. Aus dem "jungen Wilden" ist nicht nur ein Nestbeschmutzer, sondern ein Verräter geworden: Auf CDU-Versammlungen wird er beschimpft. "Du bist doch ein Agent der anderen Seite", wird ihm vorgehalten. "Wir hätten Barschel in den Tod getrieben, warf man mir und den anderen Ausschussmitgliedern vor", berichtet Kerssenbrock.

Von anonymen Anrufern gibt es sogar Morddrohungen: "Pass auf Deine Familie auf." Kerssenbrock und seine Frau haben damals zwei Kinder, die acht Monate und zweieinhalb Jahre alt sind. Fortan steht die Familie unter Polizeischutz. "Das sind für mich unvergessliche Erlebnisse", sagt der Graf Jahre später dazu in der "Zeit". "Die Wunden, die mir Parteifreunde damals zufügten, werden vernarben, aber ich werde das alles meinen Lebtag nicht vergessen."

Eine andere Wahrheit

Entnervt von den Drohungen und Vorwürfen gibt Kerssenbrock schließlich auf. Er verlässt den Ausschuss - auch weil er dafür die Verantwortung übernimmt, dass noch interne Untersuchungsergebnisse an die Presse gelangen. "Ihr sucht eine andere Wahrheit", habe er zu seinen Parteikollegen gesagt. "Ein derartiges Maß an Verdrängungsfähigkeit" habe er bei ihnen "nie für denkbar gehalten", wird Kerssenbrock damals im SPIEGEL zitiert. Heute bereut er den Rücktritt: "Das war ein entscheidender Fehler."

Denn in der Partei hat er damals ohnehin schon jegliches Ansehen eingebüßt. In Stufen wird er danach von der Basis bestraft: Zuerst verliert er seinen Platz auf der Landesliste zur Landtagswahl 1988, dann seinen Sitz im Landes- und später im Kreisvorstand. Sogar sein Doktortitel der Jurisprudenz wird ihm streitig gemacht - Fehler im Promotionsverfahren werden ihm vorgeworfen. Erst Jahre später hat Kerssenbrock seinen Doktortitel wieder. "Das Schicksal eines Aufklärers", titelt die "Neue Zürcher Zeitung" über den Grafen. Zusammen mit Hans-Peter Bartels verfasst Kerssenbrock ein Buch mit dem beziehungsreichen Titel: "Abgewählt. Wie den Parteien das Volk abhanden kam."

Doch es kommt zum Comeback in der Politik: 1999 bittet ihn der CDU-Spitzenkandidat Volker Rühe, sich wieder um ein Landtagsmandat zu bewerben. Er bekommt zwar keinen guten Listenplatz, rückt aber dennoch wieder in das Kieler Parlament ein. Doch sein Förderer Rühe zieht sich nach der Wahlniederlage gegen die SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis wieder aus Schleswig-Holstein zurück. "Ich war im Landtag auf mich allein gestellt", sagt Kerssenbrock verbittert.

"Einfach zu besessen"

Das merkt er vor allem, als er 2003 für seine Partei wieder in einem Untersuchungsausschuss sitzt. Diesmal geht es zwar um Filzvorwürfe gegen Simonis. Kerssenbrock wird aber dennoch auch aus den eigenen Reihen attackiert. Er sei "einfach zu besessen" davon, der Ministerpräsidentin was am Zeug zu flicken, zitiert das "Hamburger Abendblatt" damals einen CDU-Abgeordneten. Der Graf habe einen regelrechten "Tunnelblick" auf Simonis.

Die letzte Demütigung widerfährt Kerssenbrock, als es darum geht, bei der Landtagswahl 2005 wieder ins Parlament einzuziehen. Er wird nur auf den aussichtslosen Listenplatz 38 gesetzt und ist in seinem Wahlkreis Kiel-West gegen den SPD-Kandidaten ohne Chance.

Der heutige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hatte beim Nominierungsparteitag in Norderstedt angekündigt, als künftiger Regierungschef an die großen Zeiten von Stoltenberg "und auch von Uwe Barschel" anzuschließen. Kerssenbrock versteht: "Die CDU in Schleswig-Holstein hat bis heute mehrheitlich nichts begriffen. Im Gegenteil: Sie glaubt, Barschel sei rehabilitiert." Kerssenbrock spielt damit auf die "Schubladen-Affäre" an: 1993 kam heraus, dass die SPD zurzeit der Barschel-Affäre von den Bespitzelungen ihres damaligen Spitzenkandidaten Björn Engholm gewusst hatte.

Leben mit Barschel

Doch natürlich bleibt es die Barschel-Affäre. Kerssenbrock legt Wert darauf, dass er bis heute nichts aus seiner Arbeit im Untersuchungsausschuss zurücknehmen musste. Für ihn bleibt es auch dabei, dass sich Barschel damals im Genfer Hotel "Beau Rivage" umgebracht hat. "Es gab so viele Gründe für einen Bilanz-Selbstmord." Er vermutet, dass Barschel einen Helfer gehabt haben könnte, um sich umzubringen.

Der Fall Barschel wird Kerssenbrock ein Leben lang begleiten. Aber was ist mit der CDU? Warum hält es ihn dort trotz aller Enttäuschungen? Warum gibt er sein Parteibuch nicht zurück, zumal sein Sozius in der Kieler Kanzlei mit Wolfgang Kubicki der Fraktionschef der FDP ist? Kerssenbrocks Antwort: "Meine politischen Ziele sind immer noch mit denen der CDU identisch. Wegen des Pastors tritt man nicht aus der Kirche aus."

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Astrid Köhler 11.10.2007
Es ist vielleicht eine Nickeligkeit, aber dennoch: hier ist mehrfach vom "Grafen" die Rede - 2007 sollte sich langsam jeder daran gewöhnt haben, dass seit der Aufhebung der Adelsrechte 1919 in Deutschland kein Adel mehr existiert. Dass die Regenbogenpresse dies beharrlich verleugnet, kann man ja noch nachvollziehen, aber in den allgemeinen Sprachgebrauch gehört das nun wirklich nicht mehr... "Der Graf" ist also genauso unsinnig wie "der Schröder". Darüber hinaus freue ich mich, in der Masse der Beiträge zum 20. Todestag von UB auch mal eine der interessanteren Nebenrollen wie TGK wiederzufinden!
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