Affären Spione in der Staatskanzlei

Affären: Spione in der Staatskanzlei Fotos
Max Ehlert / DER SPIEGEL

Es war einer der größten Skandale der jungen Bundesrepublik: die Schmeisser-Affäre. Der Historiker Herbert Elzer hat den Fall erstmals genau untersucht und Verwicklungen bis in höchste Politkreise aufgedeckt. Lesen Sie wie die Affäre begann - mit einem Geheimdienst-Einbruch in die Bayerische Staatskanzlei. Von

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München, ein dunkler Novemberabend im Jahr 1947. Die letzten Beamten und Angestellten verlassen die bayerische Staatskanzlei. Die Lichter erlöschen. Dies ist der Moment, auf den eine dunkle Gestalt gewartet hat. Es ist eine Frau, die kurz vor Dienstschluss das Gebäude betreten hat. Sie hat sich versteckt und einschließen lassen. Ihr Name: Dorothy Schretzmair. Ihr Auftraggeber: der französische Geheimdienstoffizier François Durtal von der Sûreté. Ihre Mission: Geheimakten über die Pfalz stehlen.

Was will der französische Geheimdienst mit Pfalz-Akten? Die Pfalz gehörte seit 1816 zu Bayern und spielte für das Pariser Außenministerium bei der beabsichtigten Zerstückelung Deutschlands eine zentrale Rolle. Durtal erhoffte sich von den Dossiers Aufschlüsse über die mutmaßlichen Ambitionen der bayerischen Staatsregierung, die Pfalz zurückzuerhalten.

Schretzmair findet die gewünschten Akten, springt durch ein Fenster und gelangt über einen Hinterhof in die benachbarte Beamtensiedlung. An einem Haus klopft sie und erzählt den Bewohnern, sie sei bei einem Besuch versehentlich eingeschlossen worden. Man öffnet ihr die Tür, und sie gelangt ins Freie. Sie geht in die Veterinärstraße zu dem Fotografen M., wo ihre Spießgesellen auf sie warten: neben Durtal und drei weiteren Franzosen auch zwei deutsche Agenten. Einer von ihnen ist Hans-Konrad Schmeisser, Dorothys Verlobter. Sein Name wird wenig später die Bundesrepublik erschüttern.

Geldscheine im Ofenrohr

Nachdem Dorothy mit den gestohlenen Akten bei dem Fotografen M. eingetroffen ist, kopieren ihre Helfer die Schriftstücke Blatt für Blatt. Dann schicken sie sich an, das sperrige Fotokopiergerät in einem ihrer Autos zu verstauen. Das Gerät verklemmt sich in der Tür, und bei dem entstehenden Gepolter wacht die ganze Straße auf. Jemand telefoniert. Durtal treibt seine Komplizen zur Eile an, denn er vermutet, dass das Überfallkommando der bayerischen Polizei alarmiert wurde. Schon ertönt in der Ludwigstraße das Martinshorn. Die Franzosen rasen in ihren Autos davon. Treffpunkt: Hauptbahnhof.

Schmeisser bleibt zurück. Zunächst versteckt er die restlichen Akten und mehrere Geldscheine - die Belohnung für den Einbruch - in einem Ofenrohr. Gerade noch rechtzeitig, denn schon dringen zehn Mann des Überfallkommandos mit der Waffe im Anschlag ins Haus ein. Der Anführer stürmt auf Schmeisser zu und fordert ihn auf, seine "Schwarzhandelsware" herauszurücken. Doch Schmeisser bleibt cool.

Der hagere Mann zeigt hinter seiner undurchdringlichen Hornbrille sein später aus vielen Zeitungen vertrautes, sich jeder Deutung entziehendes Lächeln, als er dem Polizisten gleichmütig antwortet: Er täusche sich, lediglich ein großer Radio-Musikschrank sei von Freunden abgeholt worden und habe beim Abtransport Lärm verursacht. Der Polizist nimmt Schmeissers Personalien auf und erkundigt sich, wohin die gesuchten Autos gefahren seien. Schmeisser erwähnt den Hauptbahnhof. Sofort braust das Überfallkommando Richtung Bahnhof.

Die beiden Wagen warten tatsächlich am Hauptbahnhof - auf Schmeisser. Doch als sich statt diesem die Uniformierten nähern, springt Durtal heraus, zieht seine Pistole und schreit: "Verschwindet, dies sind französische Wagen!" Damit schüchtert er die Beamten ein, die sofort das Weite suchen. Die deutsche Polizei hatte nicht die Befugnis, Besatzungsangehörige zu kontrollieren. Die beiden PKW verlassen München und kehren mit hohem Tempo in die französische Zone zurück.

Entnazifizierung im Eilverfahren

Rückblende: München, Dezember 1946. Nach den Landtagswahlen in Bayern wird ein neuer Regierungschef gesucht. Als heißer Kandidat der siegreichen CSU gilt deren Landesvorsitzender Josef Müller, landauf landab bekannt als "Ochsensepp". Der Leiter des Entnazifizierungsministeriums, Anton Pfeiffer (CSU), rechnet sich ebenfalls Chancen aus. Der von Alois Hundhammer geführte klerikal-regionalistische Flügel der CSU will Müllers Wahl durchkreuzen. Denn die Anhänger des "Ochsensepp" plädieren zum Verdruss der Bajuwaren für die Beibehaltung der staatlichen Einheit Deutschlands. Müller war aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt, gehörte aber auch der deutschen Abwehr an. Das machen sich seine Kontrahenten zunutze. Am 11. Dezember 1946 wird auf Veranlassung von Pfeiffer ein Spruchkammerverfahren gegen Müller eingeleitet. Aus der Traum vom Ministerpräsidenten?

Der Leiter der Rechtsabteilung im Entnazifizierungsministerium, Christian Jürgen Ziebell, redet Müller ein, er könne ihm den Weg zum Ministerpräsidenten bahnen. Als Gegenleistung will er Staatssekretär werden. Ziebell versucht, Müller in einem Eilverfahren binnen fünf Tagen zu entnazifizieren. Er konstruiert eine Anordnung der amerikanischen Militärregierung, wonach im Falle Müller unverzüglich eine Sonderkammer eingesetzt werden könne, deren Zusammensetzung Ziebell anheimgestellt sei. Generalkläger Thomas Dehler lehnt dies nach Rücksprache mit der Militärregierung ab, die Müller aber eine Kandidatur bis auf weiteres gestattet. Der Weg scheint frei für Müller. Er wird auf der Landesversammlung der CSU in Eichstätt am 14. und 15. Dezember 1946 unter tumultartigen Umständen als Parteivorsitzender bestätigt.

"Persilscheine" für Nazigrößen

Doch die zerstrittene Landtagsfraktion der CSU macht Müller einen Strich durch die Rechnung: Am 18. Dezember entscheidet sie sich mit 52 gegen 40 Stimmen dafür, seinen Kontrahenten Pfeiffer für das Amt des Ministerpräsidenten zu nominieren. Dennoch wagt Müller am 21. Dezember im Landtag den Sprung ins Ungewisse und stellt sich zur Wahl.

Am Morgen des 21. Dezember bietet Unterhändler Ziebell der bayerischen SPD im Auftrag Müllers telefonisch mehrere Ministerposten an, falls sie weiße Stimmzettel abgebe, um Müller indirekt zu unterstützen. Doch vergeblich: Müller erhält nicht die nötige absolute Mehrheit. Daraufhin setzt sich Hans Ehard als Kompromisskandidat durch und wird Ministerpräsident.

Ziebell gerät nach dem Fehlschlag unter Druck, denn der bisherige Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD) hat schon vor Monaten ein Disziplinarverfahren gegen ihn in Gang gesetzt. Vorwurf: Er soll sich von ehemaligen Nazi-Größen bestechen haben lassen. Ziebell wird restlos entlarvt, doch ein Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags findet keine Beweise für eine Anstiftung Ziebells durch Müller bei den Vorgängen des 21. Dezember.

Kein Wunder, denn Ziebell hatte im Entnazifizierungsministerium einen Mitarbeiter mit besonderen Fähigkeiten: Schmeisser. Dieser half ihm bei der Erstellung sogenannter "Persilscheine" gegen Bargeld. So konnten sich ehemalige Nazi-Größen freikaufen. Bevor sie verhaftet werden können, tauchen Schmeisser und Ziebell unter. Doch sie verschwinden nur kurz von der Bildfläche. Als Agenten des französischen Geheimdienstes in der Pfalz treten sie wieder in Erscheinung.

Lesen Sie demnächst auf einestages: Die Schmeisser-Affäre, Teil 2 - Schnelles Geld für schnelle Pressen

Zum Weiterlesen:

Herbert Elzer: "Die Schmeisser-Affäre", Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart, 373 Seiten.

Sie erhalten das Buch im SPIEGEL Shop.


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