Afroamerikanische Feierwoche "Kwanzaa" Black Power statt weißer Weihnacht

Von Black-Power-Aktivisten gegründet, ist Kwanzaa inzwischen eine etablierte Feierwoche - sogar Donald Trump schickt Grüße aus dem Weißen Haus. Worum geht es bei dem Fest mit seinen afrikanischen Bezügen?

Gamma-Rapho/ Getty Images

Seine Hochzeit feierte der "Washington Post"-Redakteur Joe Ritchie im Anacostia Museum für afroamerikanische Geschichte. Bei der Zeremonie im Jahr 1980 trugen er und seine Frau afrikanisch inspirierte Kleidung, festliche Gewänder, in denen die beiden auch auf Partys erschienen. "Indem wir uns zum Kontinent unserer Vorfahren bekennen, bestimmen wir, wer wir sind: Amerikaner wie auch Afrikaner", schrieb Ritchie in einem Beitrag für den SPIEGEL. Die Ritchies gaben ihren Söhnen afrikanische Namen: Jabari und Akin.

Geschichtsbewusste Afroamerikaner wie der spätere Journalismusprofessor Ritchie zelebrieren ein Fest, das laut der US-Forscherin Elizabeth Pleck als "eine der überlebensstärksten Erfindungen des schwarzen US-Nationalismus aus den Sechzigerjahren" gilt. Sie feiern vom 26. Dezember bis zum 1. Januar Kwanzaa. "Mutunda ya kwanzaa" bedeutet in der ostafrikanischen Sprache Kisuaheli "erste Früchte" - soll heißen: "Danke für die Ernte". In der Kwanzaa-Festwoche erfreut man Freunde und Verwandte mit Geschenken. Familien entzünden täglich eine Kerze an einem siebenarmigen Leuchter (Kinara). Dabei sprenkeln sie nach afrikanischer Sitte Alkohol auf den Boden, um die Ahnen zu ehren.

Ein Fest mit sieben Prinzipien

Beim gemeinsamen Mahl - vorzugsweise in afrikanischer Tracht - sollen die feiernden Gruppen in den sieben Nächten über die sieben Prinzipien des Kwanzaa sprechen: Umoja (Einigkeit), Kujichagulia (Selbstbestimmung), Ujima (Verantwortung), Ujamaa (gemeinsames Wirtschaften), Nia (Zielstrebigkeit), Kuumba (Kreativität) und Imani (Glaube). Das Motto zum 1. Januar, dem siebten und letzten Tag des Festes, wurde so definiert: Von ganzem Herzen glauben wir an unser Volk, unsere Eltern, unsere Lehrer, unsere Führer und an den Sieg unserer gerechten Sache.

Ausgedacht hatte sich das Fest der Professor Ron Everett von der California State University in Long Beach im Jahr 1966. Der Historiker war ein Black-Power-Aktivist und nannte sich Maulana Karenga. Damals war es üblich, dass Afroamerikaner als Zeichen des Protests gegen die Unterdrückung ihre "Sklavennamen" ablegten und afrikanische oder arabische Namen annahmen. So nannte sich der Dichter LeRoi Jones Amiri Baraka und der Boxer Cassius Clay Muhammad Ali. Clay konvertierte zudem zum Islam, denn während das Christentum als Religion mit weißem Ursprung galt, sahen viele Menschen im Glauben des Propheten Mohammed die Religion der Farbigen.

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Afroamerikanische Feierwoche "Kwanzaa": Black Power statt weißer Weihnacht

Dunkelhäutige Christen in Afrika und der Diaspora stoßen sich immer wieder an den Darstellungen ihrer Glaubenslehre: weiße Engel, ein weißer Jesus, ein weißer Gott mit schneeweißem Rauschebart. So fragt ein schwarzer Junge in einem in London erschienenen Buch: "Warum gibt es keine Engel, die aussehen wie ich?" Ihn betrübte, dass die himmlischen Wesen als Ebenbild von weißen Kindern dargestellt wurden; der Knabe wünschte sich "An Angel Just Like Me" (so der Titel des Buches). Die Zeitschrift "West Africa" lobte die Geschichte: "Sie zeigt, wie Kinder rassistische Zurücksetzung fühlen - gerade zu Weihnachten."

Zu diesem bedeutendsten Fest der Christenheit erklingt in den Vereinigten Staaten pausenlos der Ohrwurm "White Christmas" - und lässt Afroamerikaner nicht ausschließlich an Schnee denken. "Weiße Weihnacht" kann man auch als "Weihnacht der Weißen" empfinden. Kein Wunder, dass schwarze Nationalisten wie der Professor Karenga über ein Ersatzweihnachten für Schwarze nachdachten. Und so Kwanzaa schufen.

"Kwanzaa wurde bewusst in die Zeit des christlichen Weihnachtsfestes gelegt", schreibt das von der Temple University in Philadelphia herausgegebene "Journal of Black Studies"; das neue Fest sollte "die panafrikanische Idee dem Christentum entgegenstellen, das für Kolonisation und Sklaverei mitverantwortlich gemacht wird".

Heute betont die "Official Kwanzaa Website", das Fest sei "kein religiöser Feiertag". Der kämpferisch-politische Ursprung wird nicht erwähnt, wohl aber die Koexistenz mit Weihnachten. "You can have your merry Christmas and a happy Kwanzaa too." Amerika liebt Feiertage. Den Bürgern des multikulturellen Landes mangelt es nicht an Ideen. So erfanden die Leute zu den religiös begründeten Festen - dem christlichen Weihnachten, dem jüdischen Chanukka und dem muslimischen Eid al-Fitr zum Ramadanende - Thanksgiving, den Muttertag, den Vatertag und Halloween. Dazu kommt seit 1966 Kwanzaa. "Die Schwarzen haben das gleiche Recht, shit zu erfinden, wie die Weißen", spottet der afroamerikanische Autor Ta-Neshi Coates. Das "Ehrfurcht gebietende Kwanzaa" sei "ein erfundenes Fest für ein erfundenes Land".

100 Dollar für den Kwanzaa-Leuchter

Wie vor fast jedem anderen großen Fest hat die Kommerzialisierung auch vor Kwanzaa nicht Halt gemacht: Zur Kwanzaa-Woche werden in Geschäften traditionell afrikanische Kleidung, dunkelhäutige Puppen, Glückwunschkarten, Kunstgegenstände und afrikanisch inspirierte Handarbeiten angeboten. Bis zu 100 Dollar kostet der siebenarmige Ständer mit Kerzen in rot, schwarz und grün, den Farben der Universal Negro Improvement Association (UNIA), die gegen Anfang des 20. Jahrhunderts die Rückkehr aller Schwarzen nach Afrika propagierte. Nachdem Nachbarschaftsmärkte florierten, öffnete 1993 eine "Kwanzaa Holiday Expo" ihre Pforten im riesigen New Yorker Jacobs K. Javits Convention Center.

"Bei Kwanzaa muss man dabei sein", erklärte ein Pepsi-Cola-Manager der "New York Times", die einen Bericht über "The Marketing of Kwanzaa" druckte. Neben kleineren Geschäften waren auf der Messe Großunternehmen wie Revlon und der Braukonzern Arnheuser-Busch vertreten. Die "Kommerzialisierung" sei in Ordnung, bilanzierte der Sprecher der Kwanzaa-Expo, "aber davon müssten die Afroamerikaner und nicht Corporate America profieren".

Mit Kwanzaa ist Geld zu machen, obwohl nur eine Minderheit innerhalb der schwarzen Minderheit das Fest begeht. Viele Weiße erfuhren davon erst 1997, als die amerikanische Postbehörde zum ersten Mal Kwanzaa-Briefmarken herausbrachte (zum 50. Jubiläum 2016 folgte eine weitere Serie). Einen Soundtrack gab dem Fest der Soulstar Teddy Prendergrass, seit er 1998 das Album "Happy Kwanzaa" herausbrachte.

Kwanzaa ist etabliert. Die Präsidenten George W. Bush, Bill Clinton und Barak Obama schickten zu dem Anlass Grußbotschaften. Auch der neu gewählte Donald Trump wandte sich am 26. Dezember 2017 an die Feiernden: "Heute ist der erste Tag eines einwöchigen Festes afrikanischer Tradition und Kultur. Während Familien und Freunde gemeinsam den Kinara anzünden, senden Melania und ich ihnen unsere wärmsten Grüße für fröhliche Feiertage." Freundliche Worte, die viele überraschten.

Die politischen Entwicklungen, die dem gegenwärtigen Boom des Festes vorangingen, sind allerdings nicht nur erfreulicher Natur: Melvin Deal aus Washington D.C., dessen Afro-Tanz- und -Trommelgruppe 2017 bei über einem Dutzend Kwanzaa-Veranstaltungen aufgetreten ist, berichtet von einer noch größeren Nachfrage in diesem Jahr - eine Reaktion auf den "zunehmend sichtbar werdenden weißen Rassismus".

insgesamt 12 Beiträge
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Papazaca, 26.12.2018
1. Wenn man eine neue Welt erfindet, weil man die alte verloren hat ..
Immer, wenn ich amerikanische Schwarze in Afrika getroffen habe, waren die enttäuscht. Die Afrikaner behandeln sie nicht als Brüder sondern schlechter als Afrikaner oder Weiße. Und kulturell bestehen große Unterschiede. Kein normaler Afrikaner sagt "Motherfucker", dazu sind sie zu höflich. Die Idee, die sich Afro-Amerikaner von Ihrer alten Heimat machen ist in vieler Hinsicht falsch. Kleidung, Essen, Musik, Feste, Religionen - vieles ist in der afrikanischen Realität anders. Und so zeigt Kwanzaa statt Nähe und Verbundenheit eher die Entfremdung mit der früheren Heimat auf. In Afrika git es kein Kranzaa-Fest, auch nicht ähnliches. Sehr oft ist die "afrikanische Kleidung" in den USA ein Imitat. Und kaum ein schwarzer Amerikaner ißt Fufu oder hört afrikanische Musik. So traurig es ist, wenn man durch die Sklaverei viel von seiner Identität verloren hat (Erinnerungen, Kultur, Religionen, Namen, traditionelle Kleidung und Essen) ist es schwer, das alles zurück zu gewinnen. Das Kunstprodukt Kwanzaa macht das sehr deutlich.
Susanne Zenner, 26.12.2018
2. Danke für die Aufklärung....
ih hatte kürzlich über Kwanzaa in einer amerikanischen Fernsehserie gehört und wusste nicht, was das ist. Wer die fehlende kulturelle Reinheit bemängelt - was ist an Hybridisierung, Kreolisierung Schlechtes? Die neue Welt brauchte ein neues Fest, und ich finde, diese neue Tradition klingt sehr schön.
Papazaca, 27.12.2018
3. @Susanne Zenner, Wenn man seine Heimat verliert ...
In erster Linie ging es mir darum, den Verlust von Identität zu beschreiben, den die Afro-Amerikaner durch die Sklaverei erlitten haben. Wie man damit umgeht ist die große Frage. Ironisch könnte ich sagen, wir haben auch durch die Globalisierung einen Teil unserer Identität verloren und könnten ein Wotan-Fest einführen und unsere Vorfahren, die Germanen feiern. Nein, jetzt mal im Ernst, ich habe auch keine Antwort auf die Problematik der verlorenen Identität. Am besten ist wahrscheinlich mehr Integration in die amerikanischen Gesellschaft. Das scheint aber mit Trump und zum Teil offenem Rassismus sehr schwer. Noch ein kleiner Hinweis: Kwanzaa scheint aus dem Suaheli zu stammen. Die überwiegende Zahl der amerikanischen Sklaven stammen aber aus Westafrika und nur wenige aus Ostafrika, wo Suaheli gesprochen wird. Also schon der Name Kwanzaa hat keinen historischen Bezug. Ich habe oft darüber nachgedacht, was ich machen würde, wenn ich Afro-Amerikaner wäre? Klar würde ich nach Afrika reisen. Und dann sehr viel mehr verstehen, Enttäuschungen inbegriffen. Das Fazit: Es ist einfach schlimm, seine Heimat zu verlieren. Besonders, wenn man in der neuen Heimat nicht wirklich willkommen ist. Nordafrikaner in Frankreich aber auch Türken in Deutschland haben sicher dazu ihre eigene Meinung.
Jan Hämmerling, 27.12.2018
4. och neee!
Mir ist dieser Text zu flach: Auflistungen von Belanglosigkeiten, ohne Hintergründe und mit Fehlern (zumindest den Satz "Mutunda ya kwanzaa" hätte mit google translate oder so korrigiert werden können: "Matunda ya kwanza"). Bitte um mehr Tiefgründigkeit bei "Afrika"-Themen.
Wilfried Huthmacher, 27.12.2018
5. Matunda => Früchte
Sry, der kleine nervtötende Besserwisser am Abend. mtunda = Frucht matunda = Früchte ist aus der sogenannten m/ma-Klasse. Lebewesen z.B sind m/wa -Klasse für mtu = Mensch, watu = Menschen. mjerumani = Deutsche(r), wajerumani = Deutsche (Vielzahl) und kijerumani = deutsch als Sprache Ansonsten: vielen Dank mal für einen solcheb Beitrag.
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