Agentenaustausch "Wer jetzt noch abhaut, wird erschossen"

Vier Ost-Spitzel gegen 25 CIA-Späher: Am 11. Juni 1985 fand in Potsdam der größte Agentenaustausch des Kalten Krieges statt. Eberhard Fätkenheuer war dabei. Auf einestages erzählt er vom Leben als Spion, der Enttarnung durch die Stasi - und den dramatischen Stunden vor der Freilassung.

AP/ARD

Die Szene hätte einem Agententhriller aus der Feder John Le Carrés entspringen können: 1985 trafen sich mitten auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam ranghohe Vertreter aus Ost und West, um inhaftierte Geheimdienstler aus sechs Nationen auszutauschen. Während die USA vier prominente Ostspione aufbot, wartete die DDR mit 25 Spitzeln auf, zu denen auch Eberhard Fätkenheuer gehörte.

Unbeschreiblich, das Gefühlschaos an jenem Junitag vor. Jahrelang hatte ich davon geträumt, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und den Klauen der Stasi zu entrinnen. Nun war es endlich soweit. Gegen Mittag trottete ich über die weiße Linie auf der Glienicker Brücke in Richtung Freiheit - und was machte ich? Heulte Rotz und Wasser vor Trauer. Soeben hatte ich erfahren, dass meine Frau Helma mit einem anderen Mann zusammenlebt und die Scheidung eingereicht hat.

Anwalt Wolfgang Vogel sagte es mir, als er zu uns DDR-Häftlingen in den Bus stieg. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sechs Jahre Haft, sechs Jahre ohne Helma - und dann das? Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich überhaupt in den Westen mitfahren wollte. Am Ende hab ich es dann doch getan.

Schließlich habe ich seit dem Mauerbau davon geträumt, rüber zu machen. Habe im Geist Heißluftballons konstruiert, Tunnel entworfen, über den Transitraum die Flucht ergriffen. Egal wie, Hauptsache weg - ich habe mich mit dem System nie anfreunden können. Zum ersten Mal saß mir die Stasi 1965 im Nacken, da war ich 21 Jahre alt. "Jeder kommt aus seinem Elend raus, wählt Franz Josef Strauß", rief ich eines Abends in der Kneipe: ein Scherz, der sich auf die Wahlen in der BRD bezog. Sofort denunzierte mich ein IM von der Stasi, prompt flog ich von der Universität.

"Du bist jetzt James Bond für die Amerikaner"

Kurz darauf lernte ich Karli auf einer Zugfahrt in die damalige Tschechoslowakei kennen. Karli war österreichischer Bäckermeister und verkörperte für mich die andere, freie Welt. Er besuchte mich oft in Ostberlin, was mich mit Stolz erfüllte. Es war im Sommer 1975, im "Hotel Flora" in Prag, als er mich für den amerikanischen Geheimdienst anwarb.

Ob ich nicht hin und wieder ein paar militärische Informationen für den Westen spionieren könnte, fragte er mich. Es sei völlig ungefährlich. Ich willigte sofort ein. Zum einen, weil ich ihm imponieren wollte, zum anderen fühlte ich mich auserwählt, war unsäglich stolz darauf, dem Westen dienen zu dürfen. "Du bist jetzt James Bond für die Amerikaner", sagte ich mir, das war ein wahnsinniges Gefühl. Im September absolvierte ich eine Art Spionage-Crashkurs am Plattensee in Ungarn.

Ich bekam ein Grundig-Kofferradio, ein in einem Stullenbrett verstecktes Codebuch, einen speziellen Stift und mehrere Blatt Geheimpapier. Mein Deckname als Agent lautete "Helmut Prantl". Am Balaton lernte ich, wie man übers Radio geheime Botschaften empfängt und dechiffriert, eine ziemliche Schufterei: Für fünf Sätze brauchte ich fast eine Stunde. Zurück in Berlin fing ich an mit der Spitzelei.

Endstation brauner Wolga ohne Türgriffe

Mal kundschaftete ich ein sowjetisches Raketensilo in Kremmen aus, mal zählte ich Soldaten am Werbellinsee, nichts Großartiges, aber immerhin. Einen Agentensold habe ich nie gesehen. Allerdings bekam ich Spesen, 6000 Ostmark und 50 Westmark. Das Geld fand ich in einem toten Briefkasten in der Ostberliner Wuhlheide: drei, in schwarzes Papier gewickelte Pakete, unter dem Deckel einer Wassergewinnungsanlage vergraben. Die von den Amerikanern gewünschten Informationen verschlüsselte ich und schickte die Briefe an fingierte Empfänger, etwa "Tante Paula" in München.

Monatelang fühlte ich mich wie ein Held, der für Sozialisten und Amis gleichzeitig arbeitet - immerhin war ich nicht nur US-Agent, sondern auch Abteilungsleiter bei einem Autoservice. Irgendwann wurde der Ton aus Amerika barscher, ich fühlte mich ausgenutzt, wie ein Werkzeug. Meine Angst wuchs und wuchs. Nachdem unser Sohn Daniel auf die Welt kam, erzählte ich alles meiner Frau, kurz darauf, Mitte 1978, stieg ich aus. Die Amerikaner ließen mich ohne Probleme ziehen - aber da hatte mich die Stasi längst im Visier. Unglaublich, dass ich das nicht mitbekam.

Schon 1977 hatte man unsere Wohnung verwanzt. Am 28. Juni 1979 wurde ich schließlich in Magdeburg verhaftet. Vor mir auf der Straße stellte sich ein brauner Wolga quer, ich musste einsteigen - "zur Klärung eines Sachverhalts", wie es hieß. Als ich drinsaß, stellte ich fest: Innen gibt es keine Türgriffe. Eine Nacht lang wurde ich vernommen und gestand alles. Wegen Spionage bekam ich 13 Jahre. Am Tag der Urteilsverkündung heulte ich zwei Stunden am Stück.

Wer jetzt noch abhaut, wird erschossen

Die ersten Monate verbrachte ich in Hohenschönhausen, in Einzelhaft. Diese Strategie der Vereinsamung, das war das Schlimmste. Die Jahre danach saß ich in Pankow ein, als einziger Nichtraucher in einer Neun-Mann-Zelle. Wütend auf die Amerikaner war ich nicht. Aber ich wunderte mich schon, dass das alles so lange dauert. Schließlich hatte Karli mir versprochen, dass man mich im Ernstfall befreien würde.

Eines Morgens, nach sechs Jahren, holte mich dann ein Aufseher ins Büro des Direktors. "Wollen Sie nach Amerika oder zurück zu Ihrer Familie?", fragte er mich. Ich hielt das für eine Falle und sagte: "Ich möchte zu meiner Frau." Von einem Agenten-Austausch war nie die Rede. Selbst als ich nach Karl-Marx-Stadt verlegt wurde, wo die Stasi alle inhaftierten CIA-Spione versammelte, sagte mir niemand, wohin die Reise ging.

Erst als wir an jenem 11. Juni frühmorgens den Mercedes-Bus bestiegen, teilte man uns lapidar mit, dass wir in den Westen gebracht werden. Von einem Austausch: noch immer kein Wort. Auf der Fahrt legten wir eine Pipipause ein. Die Frau und der Mann von der Stasi, die im Bus mitfuhren, warnten uns: Wer jetzt noch abhaut, wird erschossen.

Meine ganze Welt geriet ins Wanken

Die Stimmung im Bus war seltsam: Während ein Ehepaar, beides aufgeflogene US-Spione, heilfroh war, nach Jahren der Trennung endlich wieder beieinander zu sein, haderten viele von uns DDR-Bürgern. Sollten wir wirklich in den Westen gehen - oder nicht doch zurück zu unseren Familien? Zwei von uns entschieden sich schließlich, im Osten zu bleiben. Ich selbst war hin- und her gerissen.

Kurz vor der Glienicker Brücke hielt unser Bus an, auf einem abgesperrten, von Uniformierten umzingelten Platz. Lange passierte nichts. Dann rollte plötzlich ein goldener Mercedes mit DDR-Kennzeichen vom Westteil der Brücke auf uns zu, aus dem Anwalt Vogel ausstieg. Als er gemeinsam mit Richard Burt, dem künftigen westdeutschen US-Botschafter, in unserem Bus erschien und Burt die Grüße von Präsident Ronald Reagan überbrachte, jubelten alle erleichtert auf.

Mitten in diesem Trubel überbrachte mir Vogel die Nachricht, dass meine Frau einen anderen hat. Meine ganze Welt geriet ins Wanken. Sollte ich nun mit in den Westen gehen oder zurückfahren und um sie kämpfen? Ich stieg aus, um mit Burt, Vogel und John Kornblum, dem US-Gesandten in Westberlin, zu sprechen.

Wird meine Frau nachkommen, wird der Kapitalismus mich fressen?

Später hat Vogel einmal behauptet, dass ich mit meinem Hickhack um ein Haar den ganzen Austausch gefährdet hätte. Das scheint mir überspannt. Aber verzögert habe ich ihn auf jeden Fall. Als man mir garantierte, dass Helma mir hinterher reisen könnte, falls sie dies wünschte, entschied ich mich für den Westen.

Gemeinsam mit den anderen US-Spionen lief ich rund 30 Meter über die Brücke. Ich stand so neben mir, dass ich sogar meine Tasche im Bus vergaß - die trug mir Kornblum hinterher. Als ich dann schließlich die weiße Linie passierte und in den orange-rot-braun gestreiften Bus mit dem Westberliner Kennzeichen stieg, hatte ich nur noch Angst. Vor allem Existenzangst.

Wird meine Frau nachkommen, wird der Kapitalismus mich fressen? Wie im Traum erlebte ich den Rest der Reise in die Freiheit. Von der Glienicker Brücke aus fuhr man uns nach Tempelhof, von hier ging es weiter nach Frankfurt und dann ins Aufnahmelager Gießen. Statt erleichtert zu sein, begann für mich die Hölle. Ich litt unter Verfolgungswahn und Schlaflosigkeit. Was, wenn mich die Stasi doch noch erwischt?

Lügendetektor im Keller

Von den USA erhielt ich 500 Westmark Startkapital, die ich hütete wie einen Schatz. Am 17. Juni zog ich nach Westberlin, drei Tage später kam meine Frau rüber. Sie hatte sich dann doch für mich entschieden. Das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf, wie sie mir auf der Invalidenstraße entgegenkam, einen Bollerwagen mit ihrem Koffer und Sohn Daniel im Schlepptau. Auch sie war eineinhalb Jahre in Haft, wegen Mitwisserschaft. Den Jungen hatte man bei den Großeltern untergebracht.

Monate später verhörte mich ein Amerikaner noch einmal, in einem Westberliner Keller; "Schwarz" war sein Deckname. Misstrauisch war der Mann, schloss mich sogar an einen Lügendetektor an. Vermutlich, weil er befürchtete, ich könne ein Doppelagent sein: einer, den die Stasi "umgedreht" hatte. Erneut stieg die Panik in mir hoch, niemals dachte ich so konkret an Selbstmord wie damals.

Auch später flippte ich immer wieder aus, wenn ich mich als Opfer gefühlt habe. Richtig erholt habe ich mich erst jetzt, wo ich in Rente bin. Nun habe ich es geschafft. Heute fahre ich oft zur Glienicker Brücke - sie verinnerlicht für mich das Gefühl, dem Willkürregime entkommen zu sein. Das macht mich stolz.

Über meine Erfahrungen habe ich ein Buch geschrieben, das hoffentlich bald veröffentlicht wird. Der Titel lautet: "The forgotten spy - der vergessene Spion".

West-Spione wie Fätkenheuer saßen zum Teil jahrelang in Stasi-Gefängnissen ein, bevor die USA aktiv wurden. Schon 1980 hatte DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel die Amerikaner aufgefordert, sich um ihre inhaftierten Spitzel zu kümmern. Bei Nachforschungen erfuhr die CIA, dass einer ihrer Agentenführer das Auffliegen seiner Leute geheim gehalten hatte, um deren Spesen zu kassieren. Zustande kam der Agentenaustausch erst, nachdem der FBI den ostdeutschen Spion und Physikprofessor Alfred Zehe festgenommen hatte. Mit vier prominenten Spionen besaßen die USA nun eine ausreichende Verhandlungsbasis.

Aufgezeichnet von Katja Iken



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Seite 1
Michael Schmidt, 09.06.2010
1.
Super, das ist die Art Zeitzeugenerinnerung, die ich mir immer gewünscht habe. Subjektiv, persönlich, emotional.
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