Agentendrama im Kalten Krieg Vom Sozialhilfeempfänger zum Spion

Agentendrama im Kalten Krieg: Vom Sozialhilfeempfänger zum Spion Fotos
Stefan Appelius

Zurück blieb nur eine verbrannte Leiche: Mitten im Kalten Krieg heuerte der Arbeitslose Bernd Ohnesorge aus Hamburg bei der CIA an. Doch gleich bei seiner ersten Mission im Ostblock wurde er enttarnt - und starb unter mysteriösen Umstanden in einem bulgarischen Gefängnis. Von Stefan Appelius

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.0 (355 Bewertungen)

Mit einem Quietschen setzt das Düsenflugzeug auf dem Flughafen Sofia auf und holpert über die löchrige Landebahn. Der Himmel ist zugezogen, es ist kühl und regnerisch an diesem 6. April 1984. Die Uhr in der Schalterhalle zeigt 13.15 Uhr, als Flug Nummer 508 der DDR-Airline Interflug aus Ostberlin pünktlich landet. An Bord befindet sich auch der Hamburger Bernd Ohnesorge. Der 39-jährige will sich ein Zimmer im Grand Hotel in Sofia nehmen und später ans Schwarze Meer nach Varna reisen, schreibt er in die Einreisepapiere.

Ein paar Stunden zuvor war Ohnesorge auf dem "Zentralflughafen der DDR" in Schönefeld eingetroffen, um nach Bulgarien zu fliegen - im Gepäck mehrere Strafanzeigen wegen Diebstahls und Hehlerei. Der Sozialhilfeempfänger ist mit seinen Geschwistern und seiner alten Mutter heillos verkracht, seit Jahren liegen sie sich wegen einer Erbschaft in den Haaren und verkehren nur noch per Anwalt miteinander. Auch Ohnesorges Ex-Frau hat ihn angezeigt, weil er den Unterhalt für seinen Sohn schon lange nicht mehr gezahlt hat. Eine gescheiterte Existenz? Vielleicht. Jedenfalls ist Ohnesorge bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Sofia vor allem eins - ein Agent des amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA.

Wie der gelernte Tierpräparator zum US-Spion wurde, dazu mag man sich in Washington bis heute nicht äußern. Staatsgeheimnis, heißt es auf Nachfrage. Die Geschichte, die Bernd Ohnesorge den Mitarbeitern des Westberliner CIA-Büros aufgetischt hat, muss jedenfalls einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Im Spionieren kenne er sich aus - in seiner Jugend hatte er sich von der DDR-Staatssicherheit anwerben lassen, um Spezialeinheiten der US-Luftstreitkräfte auf dem West-Berliner Flughafen Tempelhof auszukundschaften. Was Ohnesorge verschweigt: mit sehr mäßigem Erfolg. Als die Stasi bemerkte, dass er seine Berichte größtenteils frei erfunden hatte, wurde er wegen "Dekonspiration und Unehrlichkeit" kurzerhand von der Mitarbeiterliste gestrichen. Die CIA schien das nicht zu stören. Im Frühjahr 1983 wurde Ohnesorge zur Schulung in die CIA-Zentrale in Langley, Virginia eingeflogen. Dort amtierte als neuer Direktor William Casey, der die Spionage-Aktivitäten der Amerikaner in Osteuropa erheblich ausweiten will.

Erste Mission: stürmische Liebesnächte

Zurück in der Bundesrepublik erhält Ohnesorge einen neuen Reisepass, aus dem das verräterische amerikanische Visum getilgt wurde. Sein erster Auftrag steht bevor. Im September 1983 findet in Hamburg eine internationale Ärztekonferenz statt. Daran nimmt auf Einladung des Schweizer Arzneimittelherstellers Ciba Geigy auch eine Pathologin aus der Volksrepublik Bulgarien teil. Die Zielperson, ein paar Jahre älter als Ohnesorge, heißt Zanka, ist eine anerkannte Spezialistin und spricht ein paar Worte Deutsch und leidlich Englisch. Zanka ist verheiratet, Mutter einer halbwüchsigen Tochter und Mitglied der Bulgarischen Kommunistischen Partei.

Der adrette Westdeutsche, der sich als "Dr. Bernd Ohnesorge" ausgibt, erobert das Herz der einige Jahre älteren Bulgarin im Sturm. "Etwas ist mit mir passiert, was ich mir nicht erklären kann", gibt sie dem Bulgarischen Staatssicherheitsdienst später zu Protokoll. Das Paar verbringt stürmische Liebesnächte in der Hamburger Pension Hagen: "Ich denke an Dich jeden Moment, an diese glückliche Woche in Hamburg, an Deine Liebe. Das macht mich heiß. Ich bin immer noch heiß. Ich vermisse Dich", schreibt Zanka ihrem Bernd anschließend. "Ich bin verrückt wie ein Vogel im Käfig. Ich möchte immer mit Dir sein, aber es ist völlig klar, dass das unmöglich ist", steht dort in gebrochenem Englisch: "Du bist jung, und Du musst glücklich sein. Meine Zukunft ist klar. Ich kann Dir nur Unglück geben. Lieber Bernd, verstehst Du? ... Ich wäre nicht böse, wenn Du mich vergisst. Ich kann Dich nicht vergessen, ich will Dich nicht vergessen. Ich werde Dich nicht vergessen. Nie." Auch in der Pension vergisst man Zanka nicht - sie ist nämlich abgereist, ohne ihre Restaurantrechnung in Höhe von rund 800 D-Mark zu begleichen.

Eine wahnwitzige Idee

Glaubt man den Akten des Bulgarischen Staatssicherheitsdienstes, dann bestand Bernds Auftrag darin, Zankas Ehemann auszuhorchen. Der ist Offizier und weiß Dinge, die die CIA auch gerne wüsste. Das Unternehmen gestaltet sich jedoch schwieriger als erwartet. Die große Liebe zwischen Zanka und Bernd kühlt rasch ab. Bereits wenige Wochen nach seiner Ankunft in Bulgarien glaubt Ohnesorge offenbar selbst nicht mehr an den Erfolg seiner Mission d'Amour.

Aber zurück in die Bundesrepublik will er auch nicht. Schulden, der Familienstreit und eine drohende Gefängnisstrafe - was für eine Perspektive. Schließlich reift eine schier wahnwitzige Idee in seinem Kopf. Ohnesorge gibt sich den bulgarischen Behörden als amerikanischer Agent zu erkennen. Sein Angebot: Er möchte zukünftig für den bulgarischen Geheimdienst arbeiten. Es folgen tagelange Verhöre, Ohnesorge packt aus: Lange Listen mit Namen, konspirativen Treffpunkten und geheimen Informationen entstehen.

Doch der Überläufer hat nicht damit gerechnet, dass die Bulgaren seine Angaben bei den Genossen in Ost-Berlin überprüfen würden. Die Stasi entlarvt Ohnesorges Angaben schnell als bloße Spinnerei - von vorne bis hinten. Nur eine einzige Telefonnummer stimmt: Unter ihr ist in West-Berlin die CIA zu erreichen. Anfang August 1984 wird Ohnesorge unter Spionageverdacht festgenommen. In der Bundesrepublik erfährt die Öffentlichkeit nichts vom Schicksal Ohnesorges. Für seine Bekannten ist er verschwunden, und seine Familie gibt sich mit der Auskunft zufrieden, dass er wieder mal im Gefängnis gelandet ist. Warum, das interessiert sie nicht besonders.

Kurzer Prozess, keine Samthandschuhe

Das Café "Kristall" befindet sich im Sofioter Nobelwarenhaus ZUM, nur ein paar Schritte vom Hauptquartier der Bulgarischen Kommunistischen Partei entfernt. Am 5. Dezember 1984 zur Mittagszeit trinken hier Agent "Rumen" und sein Führungsoffizier Hauptmann Stojanov einen Kaffee. Der Spitzel hat herausgefunden, dass Bernd Ohnesorge im bundesdeutschen Fahndungsbuch steht. Der verhaftete Ausländer wird von der Kriminalpolizei in seinem eigenen Land gesucht! Die deutsche Botschaft dagegen scheint nicht sonderlich an seinem Schicksal interessiert zu sein. Auch in westdeutschen Zeitungen ist bisher kein Wort über seine Festnahme erschienen. Die Samthandschuhe kann man sich bei diesem Mann offenbar sparen.

Anfang April 1985 wird in Sofia das Strafmaß gegen Bernd Ohnesorge verkündet. Der Prozess hat nur ein paar Tage gedauert, sein bulgarischer Anwalt ist schon aus dem Gerichtsgebäude verschwunden, als die Richterin das Urteil verliest. Es lautet auf 15 Jahre Zuchthaus. Bald darauf wird Ohnesorge aus Sofia ins Landesinnere in die Stadt Stara Zagora verlegt. Er ist der einzige westliche Ausländer in dieser Strafanstalt und wird streng abgeschottet. Die Haftbedingungen sind unmenschlich. Ständig wird der Deutsche auf die Hände geschlagen, ein ums andere Mal wandert er strafweise in eine fensterlose Zelle.

Zu Weihnachten 1986 wird Ohnesorge in der Haftanstalt von einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft besucht. "Er sprach davon, dass er Angst habe, nicht mehr lebend aus dem Gefängnis herauszukommen", notiert der Beamte. "Er sprach von Psychoterror, den das Wachpersonal und Mitgefangene auf ihn ausübten. Bei der Verabschiedung am Ende des Haftbesuchs brach Herr O. sogar in Tränen aus." Das Mitleid des Botschaftspersonals hält sich in Grenzen, man rät ihm, sein "aufbrausendes Temperament" zu zügeln und sich "in die Haftumstände einzufügen". Offenbar glauben die deutschen Diplomaten, dass die Amerikaner ihren Mann bald herausholen werden. Doch weit gefehlt: Im Sommer 1987 teilt die US-Botschaft in Sofia den deutschen Kollegen mit, von Plänen für einen Austausch des Hamburgers sei "nichts bekannt". Natürlich sei Washington an Informationen über die Lage des Deutschen interessiert. Möglichkeiten, auf dessen baldige Haftentlassung hinzuwirken, gebe es nicht.

Irrfahrt von Friedhof zu Friedhof

Ein paar Monate später, am Vormittag des 15. Dezember 1987, klingelt das Telefon in der Konsularabteilung der bundesdeutschen Botschaft in Sofia. Der Anruf löst hektische Aktivitäten aus, wenige Stunden später erhält Außenminister Hans-Dietrich Genscher ein chiffriertes Fernschreiben. Die Nachricht: In einem bulgarischen Gefängnis soll sich ein deutscher Staatsbürger mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet haben.

Drei Tage später liegt der verbrannte Leichnam des glücklosen Doppelagenten Ohnesorge auf dem Obduktionstisch von Professor Stoitscho Radanov. Auch ein Pathologe der Universität Bonn ist eigens nach Stara Zagora gekommen, um an der Untersuchung teilzunehmen. Angeblich plaudert der Deutsche gegenüber seinem bulgarischen Kollegen an jenem Tage aus, dass man in Washington bereits auf den Obduktionsbericht warte.

Eine Maschine der bulgarischen Fluggesellschaft Balkan Air bringt die sterblichen Überreste von Bernd Ohnesorge am 2. Januar 1988 in einem Zinksarg nach Hamburg zurück. Ein Leichenwagen fährt den Sarg ins Krematorium Hamburg-Öjendorf. Doch eine von Ohnesorges Schwestern will unter keinen Umständen, dass ihr Bruder auf dem gleichen Friedhof wie die Eltern beerdigt wird. Erneut wird ein Leichenwagen bestellt. Schließlich landet der Sarg im Klimaraum des Zentralfriedhofs von Lüneburg. Erst nachdem sich das Sozialamt bereit erklärt, die Kosten zu übernehmen, kommt der Tote Ende Januar 1988 unter die Erde. Außer der Organistin und den Sargträgern nimmt niemand an der Beisetzung teil.

Öffentlich wird der Fall des tragischen Möchtegern-Doppelagenten nie. Die Bundesregierung hat kein Interesse daran, die Beziehungen zwischen der Bundsrepublik und Bulgarien zu belasten. Das sei ein Konsularfall und gehe nur die Familie des Opfers etwas an, so die Linie des Auswärtigen Amts. Erst als eine in Schweden lebende Schwester von Bernd Ohnesorge im Frühjahr 2007 erstmals Details über die näheren Todesumstände ihres Bruders erfährt, kann sich das Ministerium um den tragischen Todesfall nicht mehr drücken. Zehn Jahre nach dem Tod von Bernd Ohnesorge richtet die Deutsche Botschaft eine Verbalnote an das bulgarische Außenministerium, fragt auch nach Dokumenten. Nach Lage des Gesetzes ist Bernd Ohnesorge ein Opfer totalitärer Gewaltherrschaft und könnte auf Antrag seiner Familie sogar rehabilitiert werden. Doch auf die Anfrage der alten Dame ist bis heute keine Antwort eingegangen.

Angeblich sind alle Unterlagen über den Vorfall bereits vernichtet.


Weiter zur Homepage von einestages! mehr...

Fliegen Sie durch die Jahrzehnte mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
3.0 (355 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Markus Abt, 25.08.2008
Da bekommt man nur noch Wut auf die alten Möchtegern Demokraten aus CDU/CSU und vor allem der FDP. Genscher war als Außenminister genau so eine Witzfigur wie sein Chef der Kanzler Kohl. Und solche Menschen kassieren heute durch Steuergelder finanzierte Pensionen. Auch ein straffällig gewordener Mensch, hat eine solch unwürdige Behandlung nicht verdient. Letztlich war er Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH