Familienforschung zum Ersten Weltkrieg Sisyphusarbeit auf 31.000 Seiten

Was hat Opa im Ersten Weltkrieg erlebt? Um das zu erfahren, hätte Jesper Zedlitz Zehntausende Seiten offizieller "Verlustlisten" durchforsten müssen. Er fand aber Hunderte freiwilliger Helfer, die ebenfalls nach ihren Verwandten suchen wollten.

Jesper Zedlitz

Schon als Kind fand ich es faszinierend, dass mein Großvater Hermann Heinrich Janz aus einem anderen Jahrhundert stammte als ich. Er kam 1896 in Neumühlen-Dietrichsdorf bei Kiel zur Welt. Kennengelernt habe ich ihn nie, denn er starb, als ich noch klein war. Einiges über ihn erfuhr ich aber aus Erzählungen meiner Mutter und durch Fotos, auf denen zu sehen ist, dass er in beiden Weltkriegen kämpfen musste.

Ich bin 1979 geboren. Die meisten Leute meines Alters werden durch den Geschichtsunterricht in der Schule besonders auf den Zweiten Weltkrieg aufmerksam. Ich interessiere mich dagegen in erster Linie für die Erlebnisse meines Opas im Ersten Weltkrieg. Meine Mutter erzählte mir, dass er über diese Kriegszeit kaum gesprochen hat.

Viele Details auf den Fotos, die Hermann Heinrich im Ersten Weltkrieg zeigen, konnte ich nicht deuten. Große Erwartungen, mehr über seinen Einsatz in diesem Krieg herauszufinden, hatte ich anfangs nicht. Denn sowohl das Preußische Heeresarchiv in Potsdam als auch das "Zentralnachweiseamt für Kriegerverluste und Kriegsgräber" in Berlin sind bei Luftangriffen 1945 zerstört worden. Informationen über Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs sind daher heute nur noch schwierig und oft gar nicht zu recherchieren.

Auch Verwundete in Verlustlisten erfasst

Eine Hoffnung blieb noch: die deutschen Verlustlisten des Ersten Weltkriegs, die von 1914 bis Mitte Oktober 1919 veröffentlicht worden waren. Anders als es der Name vermuten lässt, sind darin nicht nur die Toten, sondern auch alle verwundeten, vermissten oder in Gefangenschaft geratenen Soldaten verzeichnet. Sortiert sind die Verlustlisten in der Regel allerdings nicht alphabetisch, sondern pro Ausgabe nach militärischen Einheiten, also Regimentern, Bataillonen, Kompanien und so weiter.

Da man üblicherweise nicht weiß, in welcher Ausgabe die gesuchte Person verzeichnet ist, kann einen der Umfang der Quelle nahezu verzweifeln lassen. Es handelt sich um über 31.000 in Fraktur gesetzte, dreispaltige Seiten im Zeitungskleinformat mit etwa 300 Einträgen pro Seite. Um einen bestimmten Soldaten zu finden, müsste man also sämtliche Seiten sorgfältig durchgehen. Selbst wenn man, wie im Falle meines Großvaters, die Suche auf ein oder zwei Jahre eingrenzen kann, bleibt es eine Sisyphusarbeit.

Da mir die Sache keine Ruhe ließ, wollte ich unbedingt herausfinden, wie man die Verlustlisten doch noch sinnvoll erschließen kann. Ein paar Seiten abzutippen, schien mir machbar. Meinen Opa auf genau diesen paar Seiten zu finden, war hingegen nahezu unmöglich. Wenn nun aber noch mehrere Hundert andere Helfer auf der Suche nach ihren Verwandten wären und Seiten abschrieben…

Beim Verein für Computergenealogie entwickelte ich also eine Online-Erfassung für die Verlustlisten und fand viele Unterstützer. Seit Anfang 2012 haben knapp 700 Freiwillige bislang 90 Prozent der Seiten indexiert.

Hörfehler und Lesefehler

Damit wird die Suche in den Verlustlisten fast zu einem Kinderspiel. Doch die Menschen, die diese Listen schrieben, machten gelegentlich auch Fehler. Einzelne Einheiten erstellten an der Front handschriftliche Verzeichnisse, die an das "Zentral-Nachweisebureau des Kriegsministeriums" in Berlin gingen. Dort wurden die Angaben zu den Ausgaben der Verlustlisten zusammengestellt, eventuell sortiert und Druckseiten mithilfe einer typografischen Setzmaschine gesetzt.

Aufgrund der vielen verschiedenen Arbeitsschritte muss immer mit Hörfehlern, Lesefehlern durch schlechte Handschrift und Setzfehlern gerechnet werden. Die Buchstaben auf der Tastatur der Setzmaschine waren übrigens anders als bei den heutigen Schreibmaschinen angeordnet. Daher kommen Buchstabendreher häufig vor. Die Verlustlisten boten alles andere als Echtzeitinformationen. Meist dauerte es Wochen, zum Teil Monate oder Jahre, bis zu einem Ereignis ein Eintrag abgedruckt wurde.

Dazu schrieb das Kriegsministerium im September 1914 auf Seite 381 der Verlustliste: "Infolge des überaus raschen Vorschreitens der Armeen sind die Truppenteile selbstverständlich nicht in der Lage, die Listen sogleich nach einem Gefecht einzureichen, daher öfters ein verhältnismäßig spätes Eintreffen in Berlin. Von mehreren Regimentern usw. sind bis jetzt überhaupt noch keine Verlustlisten eingegangen."

Die Listen wirken mitunter etwas verwirrend. Neben der durchgehenden Zählung von Seite 1 bis 31.202 gibt es nämlich noch eine Zählung für Ausgaben (von 1 bis 2535) sowie Zählungen der einzelnen Armeen. Die Armeen von Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen, die Kaiserliche Marine sowie die Kaiserlichen Schutztruppen hatten nämlich alle ihre eigenen Verlustlisten mit eigener Zählung.

Detaillierte Beschreibungen unbekannter Toter

Besonders umfangreich sind die Unterlagen der preußischen Armee mit 1550 Listen. Die Marine hat 173 Verzeichnisse veröffentlicht, die als Besonderheit eine alphabetische Sortierung aufweisen. Auf welchem Schiff ein Seemann eingesetzt war, erfährt man in der Regel nicht. Besonders beeindruckend fand ich auf den Marine-Listen die Meldungen von unbekannten Toten, die an der Küste angeschwemmt wurden. Durch die zum Teil sehr genaue Beschreibung wird der Schrecken des Krieges konkreter.

Welche Informationen man in einer Verlustliste finden kann, hängt stark vom Datum der Veröffentlichung ab. Zunächst waren die Listen, wie oben beschrieben, nach Truppenteilen gruppiert. Aufgeführt wurden zu einem Eintrag der Name, der Dienstgrad und der Geburtsort. 1916 sah man von der Gliederung nach Truppenteilen ab. Man kann mutmaßen, dass der Feind keine Information über die Schwächung einzelner Truppenteile bekommen sollte. Damit die Angehörigen trotzdem ihre Männer identifizieren konnten, wurde das Geburtsdatum mit aufgenommen. Im Sommer 1917 wurde das Geburtsjahr weggelassen - vermutlich wiederum, um dem Feind keine Rückschlüsse auf das Alter der Soldaten zu erlauben. Nach Kriegsende kehrte man 1918 nach und nach zur Gliederung nach Truppenteilen zurück.

Meinen Großvater habe ich mittlerweile auch in einer Verlustliste gefunden. Bei seinem Eintrag hat sich auch einer der oben erwähnten Hör- oder Lesefehler eingeschlichen. Auf Seite 16.193 ist er als "Hermann JANS aus Neumühlen-Dietrichsdorf, Kiel" verzeichnet. Dass er in der 2. Maschinengewehr-Kompanie eingesetzt war, passt zu dem Foto, das ihn und seine Kameraden an einem solchen Gewehr zeigt.

Gegnerische Soldaten durch technischen Trick verschont

Meine Mutter erzählte mir, dass mein Opa an der Front den Abschusswinkel für die Kanone immer ein paar Grad falsch angesagt oder eingestellt habe. Er habe damit verhindern wollen, dass Soldaten im gegnerischen Schützengraben getroffen wurden. Die Männer auf der anderen Seite taten es offensichtlich genauso.

Ansonsten hat mein Großvater kaum über den Ersten Weltkrieg gesprochen. Aus Kopien von Schreiben geht hervor, dass er 1916 oder 1917 verwundet worden sein musste. Nur ein Foto und die Regimentsangabe in der Verlustliste haben uns Hinweise darauf gegeben, dass er an der Ostfront im Lazarett gewesen sein muss.

Andere Leute, die die Kriegsvergangenheit ihrer Großväter und Urgroßväter erforschen wollen, werden vor ähnlichen Problemen wie ich stehen. Unser Gemeinschaftsprojekt hilft uns aber wesentlich dabei, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.



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insgesamt 16 Beiträge
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Uwe Gerig, 13.06.2014
1. Erschütternd
Wie wichtig akribische Forschung, auch von Nicht-Historikern ist, zeigt dieser Beitrag mit den erschütternden Dokumenten. Solche Forschungsergebnisse immer wieder öffentlich zu machen, ist sehr wichtig.
Rainer Mueller-Glodde, 13.06.2014
2. 1. WK - Suchtipp
Gibt man in die Suchmaske der Datenbank nur einen Geburtsort ein erhält man eine Liste der Soldaten aus dem betreffenden Ort. Damit lassen sich zumindest in überschaubaren Ortschaften einzelne Namen schneller identifizieren, und man geht Schreibfehlern eher aus dem Wege bzw. Unklarheiten bzgl. des Rufnamens.
Gabriele Schreib M.A., 13.06.2014
3. Ein sehr guter Tipp...
...der mit dem Geburtsort. Nur leider kam mein Großvater aus Berlin, da muss man dann halt scrollen. Der andere aus Gumbinnen, das war schon einfacher, vielen Dank!
Stefan Matthäus, 13.06.2014
4.
Danke für den Tipp mit den Listen. Ich konnte damit rausbekommen, welchen Regimenten einige Vorfahren meiner Familie waren, und nach weiterer Recherche nach diesen Regimentern auch rausbekommen, wo etwa. Bei einem Gefallenen war bisher nur "Frankreich" und das Datum bekannt, jetzt weiß ich, dass sein Regiment zum Zeitpunkt seines Todes entweder bei Verdun oder an der Somme war.
Johannes Höper, 13.06.2014
5. Sehr löbliches Unterfangen!
Den Beteiligeten großen Dank, das ist sehr hilfreich. Habe mir gleich die Seite und die Suchfunktion angesehen und hätte noch folgenden Verbesserungsvorschlag: Eliminierung von Doppelnennungen (oder zumindest Markierung möglicher Doppelnennungen) Ich habe nach einem Urgroßvater mütterlicherseits namens Fritz Homann gesucht. Dieser war auch in der Datei vorhanden, allerdings in mehrfacher Ausführung. Es gab einen Fritz Homann aus Edemissen, Peine und einen Fritz Homann aus Edemissen, Peinje. Erstere Schreibweise ist richtig. (Nebenbei gibt es bei Peine ein Eixe, aber kein Eixee) Es ist auch nicht der einzige Fall. Wo wir also schon dabei sind: Es gibt einen August Homann aus Aken, Calbe, einen August Homann aus Aken, Calbe a.S. und einen August Fritz Homann aus Aken, Calbe. Oder einen Albert Homann aus Sachsendorf und einen Albert Homann aus Sachsendorf, Cottbus und zwei mal Robert Homann aus Burgdorf, Hannover. Hier könnte eine Checkfunktion nach Ortnamen oder Doppeln sicher helfen. Aber nochmal: Tolle Arbeit -herzlichen Dank! Meine Suche ging nach einem Verwandten namens HomannDa es Doppel
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