Aids-Hysterie in den Achtzigern "Kondome statt Pogrome"

Es war eine beispiellose Kampagne: Aus Angst vor der neuen Krankheit Aids machten Münchner CSU-Politiker in den frühen achtziger Jahren Stimmung gegen Schwule. Die Szene sollte zerschlagen, Infizierte verhaftet werden. Guido Vael organisierte damals den Widerstand.

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dpa

Auslöser des ganzen Irrsinns war eine SPIEGEL-Titelgeschichte von 1983. Wissenschaftler bezeichneten Aids darin als "Lustseuche". In Amerika war die Krankheit auch unter dem Namen GRID bekannt: "Gay related immun deficiency". Der Artikel war so verfasst, dass wir das Thema politisch verstanden. Denn von der Krankheit wussten wir nichts in Deutschland. Den Umgang mit Aids empfanden wir zu diesem Zeitpunkt als einen Angriff auf unseren Lebensstil und fürchteten eine neue Pogromstimmung. Deshalb suchten wir nach objektiven Informationen über GRID.

Im September 1983 gründete sich die Deutsche Aids-Hilfe Berlin, im Januar darauf die Münchner Aids-Hilfe. Dort war ich im Vorstand und habe die bayerischen Aids-Hilfen im Dachverband vertreten.

München war wegen des Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler (CSU) bundesweit ein Schreckgespenst. Unterstützt wurde der Law-and-Order-Mann allerdings vom damaligen Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD). Gauweiler war der Hardliner, der alle möglichen Themen von Absonderung bis Zwangstest ins Gespräch brachte. Er hatte einen Brief ans bayerische Innenministerium geschrieben, um harte Maßnahmen durchzusetzen. Er wechselte dann als Staatssekretär ins Innenministerium, so dass er seinen eigenen Brief beantworten konnte.

Angst vor Nazi-Praktiken

Wir haben natürlich das Gespräch mit ihm gesucht, weil er den berühmten Maßnahmenkatalog entwickelt hatte. In diesem Katalog ging es namentlich nur um Drogenabhängige und Prostituierte.

Gauweiler hatte Angst, mit Praktiken der Nazis, mit der Erinnerung an Konzentrationslager in Verbindung gebracht zu werden. Aber er sagte uns wortwörtlich, dass sein Ziel sei, die Schwulen-Infrastruktur zu zerschlagen. Er ließ die "Spinne" schließen, ein Transvestielokal, und eine Sauna. Dann wurde vorgeschrieben, dass es in Saunen keine Einzelkabinen geben durfte, die Türen mussten alle offen bleiben, die Lichtstärke der Beleuchtung wurde festgelegt. Ein Lokal, in dem Pornofilme liefen, musste immer um ein Uhr schließen, anstatt um drei Uhr wie die anderen.

Die ganzen Repressalien hatten zur Folge, dass viele Schwule aus München weggezogen sind. Die Stadt galt unter uns als ein Ort, den man besser meidet. Gauweiler wurde damals von einem Dr. Michael Koch unterstützt - einem Landarzt, der mit Aids keine Erfahrung hatte. Koch hat immer vorgerechnet, dass es bald Hunderttausende Aidskranke in Deutschland geben würde. Das ist nie eingetroffen.

"Absonderung" von Infizierten

1987 haben wir in München eine große Anti-Gauweiler-Demo organisiert, gegen die Zwangsmaßnahmen, gegen die ganze Ausgrenzung. Die zeigte sich ja schon im Sprachgebrauch, mit Vokabeln wie "Ausscheidungsverdächtiger" oder "Träger". Wer irgendwie auffällig erschien, konnte zum HIV-Test zwangsvorgeführt werden.

Wir standen mit dem Gesundheitsamt in gutem Austausch und versuchten gemeinsam, die schlimmsten Auswirkungen des Gauweiler-Katalogs zu vermeiden. Es gab da zum Beispiel einen jungen Mann, der kein Zuhause hatte und sich durch die Betten schlief, bis bekannt wurde, dass er infiziert war. Der sollte dann "abgesondert" werden, also eingesperrt. Wir haben mit dem Gesundheitsamt vereinbart, dass das Absonderungsgebiet die Stadt München ist. So hatten wir ihn wenigstens immer im Blick.

Jahrelang hat die CSU im Stadtrat beantragt, uns die Zuschüsse zu streichen. Jetzt aber merkt man wirklich, dass uns die Behörden offen und tolerant gegenüberstehen. Das ist wohl eine Folge von Rot-Grün, und auch die CSU will nun Großstadtpartei werden. Das bayerische Gesundheitsministerium unterstützt uns ebenfalls. 20 Jahre haben viel geändert in den Köpfen der Menschen. Man hat erkannt, dass es wichtig ist, auf die Zielgruppen zuzugehen, wenn man Aids bekämpfen will. Gauweilers Maßnahmenkatalog ist längst außer Kraft.

Die Aidshilfe in München hat einen Namen und ein Gesicht: Guido Vael, 61, Belgier und gelernter Radiochemiker. Vael kam Ende der siebziger Jahre in die bayerische Hauptstadt, er machte seine Homosexualität öffentlich und gehörte zu den Gründern des Vereins Aids-Hilfe. Mitte der achtziger Jahre war er der größte Kontrahent des Münchner Kreisverwaltungsreferenten und Innenstaatssekretärs Peter Gauweiler (CSU). Heute sitzt Vael im Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe und arbeitet hauptberuflich in der Münchner Schwulenorganisation "Sub".


Dieser Text ist auch im einestages-Magazin erschienen.



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