Aids-Verschwörung Woher kam das Virus wirklich?

Aids-Verschwörung: Woher kam das Virus wirklich? Fotos
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Die Spekulationen halten sich hartnäckig: Waren KGB und Stasi die Urheber eines perfiden Desinformations-Coups, der die Welt glauben ließ, dass Aids nicht aus Afrika sondern einem US-Labor stammt? Unsinn, sagt der renommierte Forscher Erhard Geißler - und erklärt, wie die Legende entstand. Von

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Über den Ursprung von Aids wird man in Washington wohl nicht mehr diskutieren. Vor allem dank molekularer Stammbaumanalysen und epidemiologischer Recherchen weiß man heute, dass die verschiedenen Aids-Erreger von Viren afrikanischer Menschenaffen abstammen. HIV-1-M, weltweit am meisten verbreitet, ist Nachkomme eines Schimpansen-Virus, das um 1908 in Kamerun auf den Menschen übertragen wurde.

Um 1966 gelangte es von Afrika nach Haiti, von wo es um 1969 ein Flugbegleiter unwissentlich in die USA einschleppte. Auch die Viren anderer HIV-1-Gruppen sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Kameruns unabhängig voneinander von Schimpansen auf den Menschen übergetreten. Die verschiedenen Subtypen von HIV-2 dagegen entstanden um 1966 in multiplen Übertragungen von Viren der Affenart Rauchgrau-Mangabe auf den Menschen.

Dass Aids-Erreger von Affenviren abstammen, wurde bereits von manchen Experten vermutet, nachdem HIV-1 1983 entdeckt worden war. Andere dagegen bezweifelten eine natürliche Herkunft des Erregers. Insbesondere der phantasiebegabte und eloquente Ostberliner Biologie-Professor Jakob Segal spekulierte - gemeinsam mit seiner Frau Lilli -, HIV sei auf Befehl des Pentagon im US-Biowaffen(schutz)institut in Fort Detrick durch Geningenieure konstruiert worden.

Das Verschwörungsbuch, das es nicht gab

Bald gelang es ihm, damit die Weltöffentlichkeit zu alarmieren (während er die Hypothese in der DDR nicht veröffentlichen durfte). Kurz nach dem sechsten Gipfel der Blockfreien Staaten Anfang September 1986 in Harare erschien in der Zimbabwer Zeitschrift "Social Change and Development" ein Artikel über ein Buch mit dem Titel "AIDS: U.S.A. - Home-Made Evil; Not Imported From Africa". Der Artikel war als Besprechung eines Werkes von Jakob und Lilli Segal deklariert und enthielt ihre Thesen - doch es gab dieses Buch gar nicht.

Wenig später veröffentlichte der Londoner "Sunday Express" einen Artikel unter der Überschrift "Aids Sensation", der auch ein längeres Interview mit Jakob Segal enthielt. Zur gleichen Zeit hörte der Ostberliner Autor Stefan Heym von den Thesen des Wissenschaftlers und verabredete mit diesem ein Interview.

Die beiden Interviews, vor allem aber der kämpferische Titel des fiktiven Buches, erregten weltweites Aufsehen. Im Sowjetblock und in Schwarzafrika begrüßte man, dass die USA als Übeltäter angeprangert wurden, zumal viele afrikanische Politiker - zum Teil bis heute - Behauptungen, Aids stamme aus Afrika, als rassistische Diskriminierung zurückwiesen und -weisen. In den USA hingegen vermuteten die Regierung und viele Journalisten sofort, Segals Behauptung sei Teil einer Desinformationskampagne des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

Dafür sprechen tatsächlich einige Indizien. Ähnliche Behauptungen waren bereits schon vor Segal von der einflussreichen Moskauer Wochenschrift "Literaturnaya Gazeta" veröffentlicht worden. Außerdem waren die Segals sowjetische Staatsbürger, die erst auf sowjetische "Empfehlung" hin 1953 von Paris in die DDR übersiedelten. Aber beweisen kann man eine Rolle des KGB bei der Schaffung des Mythos und seiner Verbreitung nicht. Beweisen kann man dagegen, dass eine darüber hinausgehende Behauptung völlig aus der Luft gegriffen ist.

Falschinformationen von zwei Stasi-Oberstleutnants

Seit dem Zusammenbruch der DDR brüsten sich zwei ehemalige Stasi-Oberstleutnants, Herbert Brehmer und vor allem Günter Bohnsack, bei der Aids-Kampagne habe es sich um eine mit dem KGB abgestimmte Desinformationsaktion der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gehandelt. In einer ausführlichen Dokumentation, die demnächst in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Politics and the Life Sciences" erscheinen wird, belegen der amerikanische Politologe und Mediziner Robert H. Sprinkle von der University of Maryland und ich, dass es sich hier faktisch um "Desinformation im Quadrat" handelt.

Die Desinformation über die angebliche gentechnische HIV-Konstruktion wird getoppt durch die haltlose übergeordnete Desinformation, die Stasi stecke dahinter. Das Quellenstudium beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) und in anderen Archiven sowie Zeitzeugenbefragungen ergaben eindeutig: Hier war das MfS nicht Täter sondern nur Beobachter. Bohnsack und Brehmer hatten unter anderem behauptet:

"Zunächst griff der Ostberliner Professor Jakob Segal diese Version auf. Stefan Heym sorgte durch ein Interview, das er für die Westberliner 'tageszeitung' mit dem Wissenschaftler führte, dafür, dass sich die Aids-Lüge in Europa verbreitete. Journalisten trugen die Geschichte nach Afrika und andere von der Krankheit stark heimgesuchte Regionen. Bestsellerautor Johannes Mario Simmel schließlich, gerade mit dem Thema Genforschung befasst, bediente sich arglos der ihm [von der Stasi] übersandten Materialien und übernahm die Details unserer Konstruktion. Im Roman 'Doch mit den Clowns kamen die Tränen' […] finden sich entsprechende Passagen."

Kein Beleg für eine Stasi-Verschwörung

Nichts davon stimmt. In den zahlreichen Akten des Archivs der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) gibt es keinen einzigen Beleg dafür, dass Segal von der Stasi entsprechend instruiert wurde. Auch Stefan Heym erfuhr von der Story nicht aus obskuren Quellen sondern von seinem Arzt. Heym, der einflussreiche und wortgewaltige Schriftsteller, der nicht nur der DDR sondern auch seiner früheren Wahlheimat USA sehr kritisch gegenüberstand, fand das Material brisant und schlug Segal das bereits erwähnte Interview vor. Es fand am 8. November 1986 in Segals Wohnung statt. Die Stasi erfuhr davon, aber mit einigen falschen Details und erst mehr als zwei Wochen später, am 25. November.

Beim MfS nahm man das so ernst, dass sogar Mielkes Stellvertreter, Generalleutnant Rudi Mittig darüber informiert wurde. Ihm wurde dabei auch mitgeteilt, dass sich Heym bemühe, das Interview in der "Zeit" unterzubringen, da der SPIEGEL eine Veröffentlichung trotz mehrfacher Bemühungen des Schriftstellers abgelehnt habe. Das stimmt mit einem Eintrag in Heyms Tagebuch überein: SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme habe gesagt, man wüsste bereits seit etwa einem Jahr von der Geschichte, fände die aber nicht gut. Auch der "Stern" lehnte es ab, das Interview zu drucken. Das erfuhr die Stasi am 18. Dezember 1986, als während der Rund-um-die-Uhr-Überwachung Heyms ein diesbezügliches Telefongespräch mit "Stern"-Redakteur Hans-Hermann Klare abgehört wurde.

Schließlich erschien das Interview am 18. Februar 1987 auf drei Seiten in der "taz". Harro Zimmer vom RIAS nahm davon sofort Notiz und ging noch am gleichen Morgen damit auf Sendung. Beim MfS hingegen erfuhr man erst am 27. Februar von der Veröffentlichung, und zwar durch Telefonüberwachung der Ostberliner US-Botschaft.

Vier Fakten gegen die Verschwörungstheorie

Zunächst hatte der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Bohnsack noch behauptet, Journalisten hätten die Geschichte nach Afrika getragen. Später setzte er noch eins drauf: In mehreren Korrespondenzen mit Thomas Boghardt, dem Historiker des Washingtoner Spionage-Museums, behauptete er, Segal habe gemeinsam mit seiner Frau und einem Chemiker auf der Basis von Material, das vom MfS geliefert worden sei, ein Pamphlet verfasst. Dieses sei Anfang September 1986 auf der Konferenz der Blockfreien in Harare verteilt worden, und zwar von zwanzig KGB-Männern und vier Offizieren der Hauptverwaltung Aufklärung. Außerdem seien Segals Thesen ins Schlussdokument der Konferenz aufgenommen worden.

Der Historiker Boghardt hat diese Behauptungen Bohnsacks ungeprüft in einem großen Aufsatz über "die Desinformationskampagne der Ostblock-Geheimdienste" übernommen, der Ende 2009 in einer von der CIA herausgegebenen Zeitschrift erschienen ist. Aber Boghardt war desinformiert worden. Vier Fakten sprechen gegen die Version Bohnsacks:

Erstens hat Segal nach eigenem Bekunden kein anschließend in Harare verteiltes Manuskript geschrieben. Er hat lediglich afrikanische Journalisten mit entsprechendem Hintergrundmaterial über seine Hypothese versorgt. Daraus dürfte dann die oben erwähnte "Buchbesprechung" entstanden sein, aber das lässt sich nicht beweisen. Vermutlich ist es diese Besprechung, die bald als "Harare-Pamphlet" weltweit zitiert wurde - aber sicher kein von Segal verfasster Text.

Zweitens ist weder auf der Konferenz noch in deren Umfeld Material über die Herkunft des Aids-Erregers verteilt worden. Fünf ehemalige Teilnehmer, darunter der damalige Botschafter der DDR in Zimbabwe, erinnern sich, nichts dergleichen bemerkt zu haben. Auch im Kongressbericht, der dann dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR übermittelt worden war, ist davon keine Rede.

Drittens: Hans Pfeiffer und Horst Schötzki, zwei Offiziere der Hauptverwaltung Aufklärung und von Bohnsack explizit erwähnte Akteure der angeblichen Verteilungsaktion, waren zu jener Zeit überhaupt nicht in Harare. Das erfuhren wir jedenfalls übereinstimmend von den Zeitzeugen.

Und im Schlussprotokoll der Konferenz ist, viertens, von Aids keine Rede, geschweige denn von der Segalschen Hypothese.

Ein fulminantes Eigentor

Schließlich betrieben der Washingtoner Historiker Boghardt und seine Informanten mit der Behauptung, auch Johannes Mario Simmel sei in diesem Sinne vom MfS manipuliert worden, nicht nur Desinformation, sondern schossen auch noch ein fulminantes Eigentor. Tatsächlich werden in Simmels Roman Segals Hypothese und Stefan Heyms Interview erwähnt. Aber der Autor lässt den Protagonisten von "Doch mit den Clowns kamen die Tränen" eindeutig von der Hypothese abrücken und sagen, er glaube kein Wort davon, es gäbe "keine Anhaltspunkte dafür, dass das Aids-Virus irgendwo entwichen ist, wo man mit Viren experimentiert". Im Übrigen war Simmel nicht von der Stasi oder anderen obskuren Quellen über diese Angelegenheit informiert worden, sondern durch einen Aufsatz des Dichters Erich Fried.

Leider ist zu befürchten, dass auch nach Abschluss des heute beginnenden Aids-Kongresses gelegentlich weiter falsche Informationen verbreitet werden und so die Arbeit der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS glorifiziert wird. Bereits zu DDR-Zeiten, als ich Segals Thesen bereits heftig widersprach, zitierte ich in diesem Zusammenhang aus Gustave le Bons "Psychologie der Massen": "Die reine, einfache, aller Vernünftelei und allen Beweises bare Behauptung ist eines der sichersten Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von allem Scheine von Beweisen und Demonstrationen ist, desto autoritativer ist sie".

Über den Autor:

Prof. Dr. Erhard Geißler arbeitet am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, vormals war er Leiter der Abteilung Virologie am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Sein neuestes Buch mit dem Titel "Ein Genetiker der DDR gegen Krebs und Biowaffen" ist im Berliner Wissenschaftsverlag erschienen.

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1.
Ralf Bülow, 22.07.2012
Das ist aber eine seltsame Geschichte. Im TAGESSPIEGEL vom 14.1.2010 sagte Erhard Geißler noch ganz klar, dass Boris Segal seine AIDS-Verschwörungsthesen 1986 in Harare verteilte, siehe http://www.zeit.de/wissen/2010-01/aids-virus-verschwoerung/komplettansicht Was gilt denn nun ? Im übrigen erschien bereits im Sommer 2001 im ersten Heft des "Journal of Intelligence History" ein Artikel von Herbert Romerstein, der die Harare-Geschichte aufdröselte, nachzulesen via Google Books ("Disinformation as a KGB Weapon in the Cold War").
2.
Ralf Bülow, 22.07.2012
...Himmel hilf, der Forscher hieß natürlich nicht Boris, sondern Jakob Segal.
3.
Horst Jungsbluth, 22.07.2012
Die "TAZ" hat sich vor einiger Zeit in ungewöhnlicher Form auf der ersten Seite bei ihren Lesern dafür entschuldigt, dass sie sich mit dem Heym/Segal Interview für eine Stasi-Kampagne einspannen liess. Dass mehr dahintersteckt, das beweist wohl auch die Tatsache, dass die Stasi regelmässig!!! HIV- und Hepatis B verseuchte Blutkonserven über das BRK in die Bundesrepublik verkaufte. Der Dichter Stefan Heym liess sich im Übrigen gerne für Geld und gute Worte einspannen, hat er sich doch bereits 1959 zusammen mit Stefan Hermlin entrüstet im "Neuen Deutschland" über "faschistische Verbrechen" in NRW geäusserst, die tatsächlich von der Stasi inszeniert wurden.
4.
Momme Jantz, 22.07.2012
Eine Frage. Sie schreiben Um 1966 gelangte er von Afrika nach Haiti, von wo ihn um 1969 ein Flugbegleiter unwissentlich in die USA einschleppte. Der Flugbegleiter Gaëtan Dugas (* 20. Februar 1953; ? 30. März 1984 in Quebec City) war ein franko-kanadischer Steward bei Air Canada. war aber erst 16?! Gab es da noch einen Flugbegleiter vor Patient Zero?
5.
Detlef Mantz, 22.07.2012
Das angeblich weltweit diskutierte "Harare-Pamphlet" gibt es zumindest unter diesem Namen nicht. Was der Artikel nicht erwähnt, ist, dass zumindest die Möglichkeit der Entwicklung im Labor eben durchaus denkbar war - allerdings nicht nur speziell in einem US-Labor. Diese Tatsache war das Erschreckende - auch wenn in diesem Fall vielleicht mal nicht zutreffend.
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