Akten, die Geschichte machten Dokumente der Intrige

Ohne Hilfe Kaiser Wilhelms II. hätte Lenins Oktoberrevolution im Jahr 1917 kaum stattgefunden, die Bolschewiki ihr erstes Jahr an der Macht nicht überstanden. In den Archiven haben die Intrigen der Diplomaten und Revolutionäre viele Spuren hinterlassen - einestages zeigt eine Auswahl von Dokumenten, die Weltgeschichte machten.

Politisches Archiv des AA

Den Hinweis auf Lenin erhielten die Deutschen von Alexander Kesküla, einem ehemaligen Bolschewiken aus Estland, der hoffte, die Deutschen würden sich für den Anschluss des russisch okkupierten Estland an Schweden einsetzen. Am 30. September 1915 übermittelte Kesküla der Berner Gesandtschaft Lenins "Friedensbedingungen" im Fall eines Sieges der Revolution in seinem Heimatland. Für seine Hinweise erhielt Kosküla von den Deutschen insgesamt 250.000 Mark - aber nur ein kleiner Teil davon landete tatsächlich bei den Bolschewiken.

Der Lebemann und Radikalsozialist Alexander Helphand, genannt "Parvus" - Verleger, radikaler Sozialist, Freund Trotzkis und Rosa Luxemburgs wurde zum wichtigsten Kontaktmann der Deutschen zu Lenins Bolschewiken. Parvus legte Anfang 1915 einen detaillierten, 23-seitigen Plan zum Sturz des russischen Zaren vor, der die Diplomaten der Wilhelmstraße offenkundig überzeugte - nur wenige Wochen später erhielt Parvus wie gewünscht Sprengstoff, einen deutschen Pass und reichlich Geld: eine Million Mark.

"Eingepropft wie in einer Flasche"

Als der Zar dann 1917 in der Februarrevolution vom Thron gestürzt wurde, waren es die Deutschen , die Lenin mitten im Krieg die Rückkehr nach Russland aus dem Schweizer Exil ermöglichten. Den Revolutionär drängte es zwar angesichts der Ereignisse daheim zurück, aber in der Schweiz saß er "eingepropft wie in einer Flasche" (Helphand): Briten und Franzosen hatten kein Interesse, den Revolutionär über ihr Gebiet zurückkehren zu lassen, damit er die Lage beim schwächelnden Verbündeten womöglich noch weiter destabilisiere. Planspiele, sich als taubstummer Schwede getarnt durch Deutschland durchzuschlagen oder mit dem Flugzeug heimlich über die Ostfront zu fliegen, wurden verworfen.

Der Schweizer Sozialist Fritz Platten handelte schließlich mit den Deutschen die Bedingungen für Lenins berühmte Reise im verschlossenen Zug durch das Deutsche Reich nach Schweden und weiter nach Russland aus. Wilhelm II. erfuhr davon aus der Presse - und regte sofort an, den Revolutionären eine seiner Reden und weiteres Propagandamaterial mitzugeben, "damit sie in ihrer Heimat aufklärend wirken".

Lenin "arbeitet völlig nach Wunsch"

Am 21. April 1917 reichte die Obersten Heeresleitung in Berlin eine Vollzugsmeldung aus Stockholm vom 17. April an das Auswärtige Amt weiter: "Eintritt Lenins nach Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch. Daher Wutgeheul Stockholmer Entente..." Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr war Lenin an der Macht - und Wilhelm II. träumte von "einer Art Bündnis oder Freundschaftsverhältnis" mit Russland gegen die übermächtigen Feinde im Westen. Seinen Außenminister bat er in diesem Telgramm "das doch zu versuchen".

Realität wurde solch ein deutsch-russisches Bündnis erst gut zwanzig Jahre später - unter dem Diktator Adolf Hitler und Lenins Nachfolger Josef Stalin.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.