Stasi-Raubzug durch die DDR "Kreissparkasse Schönebeck, 3 Ringe"

Stasi-Raubzug durch die DDR: "Kreissparkasse Schönebeck, 3 Ringe" Fotos
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Sie plünderten Schließfächer, knackten Tresore und fahndeten selbst auf dem Grund von Seen nach Kostbarkeiten: In den Sechzigern begab sich das Ministerium für Staatssicherheit auf eine zwielichtige Schatzsuche. Doch am Ende sollte die irrwitzige Geheimaktion selbst zum Millionengrab werden. Von

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Eigentlich ist eine Einladung zum Essen ein Grund zum Freuen - doch so manchem der Direktoren der Magdeburger Banken und Sparkassen dürfte ziemlich mulmig gewesen sein, als sie am Abend des 6. Januar 1962 zum Festessen zusammenkamen. Denn Veranstaltungsort war der Speisesaal der Stasi-Bezirksverwaltung Magdeburg und Gastgeber niemand anderes als das Ministerium für Staatssicherheit selbst.

Natürlich hatte die Stasi die Bankangestellten keineswegs nur zum gemütlichen Beisammensein eingeladen. Nach der Hauptspeise sprachen die Stasi-Mitarbeiter Tacheles: Die Herren sollten sich nun bitte aufmachen in die Räume ihrer jeweiligen Bank - begleitet von "Einsatzgruppen" der Staatssicherheit. Dort würden die Stasi-Beamten Schließfächer und Geldschränke "inspizieren" - sprich: öffnen oder aufbrechen und durchwühlen.

An diesem Abend begann die Stasi in der gesamten DDR mit der Plünderung von Safes und Schließfächern. "Aktion Licht" hatte sie die großflächige Durchsuchung von Bankräumen getauft - die in Wirklichkeit eine Schatzsuche war: Erfassung und Inbesitznahme "bisher nicht ordnungsgemäß erfasster Wertgegenstände" lautete die Mission, die Stasi-Chef Erich Mielke seinen Untergebenen am 20. Dezember 1961 in einem streng vertraulichen Schreiben erteilt hatte. Besonders Schließfächer und Tresore, die lange nicht mehr von ihren Besitzern geöffnet worden oder deren Nutzer nicht ermittelt werden konnten, gerieten ins Visier Mielkes.

Endlose Beutelisten

Bald schleppten die Stasi-Mitarbeiter allerhand Schätze aus den Bankräumen zusammen, darunter Gemälde, Schmuck, wertvolle Handschriften und viele andere Kostbarkeiten. Akribisch wurde die Beute aufgelistet, in nüchternen Aktenvermerken wie "Kreissparkasse Schönebeck: 3 goldene Ringe, davon einer mit blauem Stein (585) 1.200,- DM". Die Listen zogen sich bald ins Endlose.

So manche Preziose, die nun in den Besitz der Stasi wanderte, hatte einst rechtmäßig Juden oder anderen Verfolgten des NS-Regimes gehört. Das kümmerte Mielke und die Stasi allerdings wenig: Falls es sich tatsächlich um den Besitz "durch Kriegsereignisse verschollener Personen" handele, wäre die Herkunft doch trotzdem eine "faschistische" beziehungsweise "kapitalistische". Daher sollten die Eigentümer oder deren Erben die Schätze auch niemals wiedererhalten. Und so verwandelte die Stasi alles, was sie zusammenklaubte, mit Hilfe von Finanzbeamten, Kunstschätzern, Juwelieren und Philatelisten in klingende Münze. Vieles davon wurden im Westen verkauft.

Dass ihr Vorgehen illegal war, war der Stasi bewusst. Alle Beteiligten hatten Stillschweigen zu wahren, die Einsatzbefehle an die Stasi-Schatzsucher wurden schnurstracks wieder eingesammelt. Die Beute von zunächst geschätzten 4,1 Millionen DM wanderte in die immer leeren Taschen des SED-Regimes und der Stasi. Allen Verschleierungsbemühungen zum Trotz: Heute ist die unerhörte Dreistigkeit Mielkes und seiner Untergebenen bis ins Detail dokumentiert - und für jeden einzusehen auf der Homepage der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen.

Mielke kann nicht genug bekommen

Erich Mielke war außerordentlich zufrieden mit dem Ergebnis von "Aktion Licht". "Die bisher durchgeführten Maßnahmen brachten den erwarteten Erfolg", lobte der Stasi-Chef in einem Schreiben vom 9. Januar 1962, wie Andreas Förster Mielke in seinem Buch "Schatzräuber. Die Suche der Stasi nach dem Gold der Nazizeit" zitiert.

Nun aber kam die Stasi erst richtig auf den Geschmack. Die Schätze der Nazi-Zeit schienen eine wahre Goldgrube zu sein. Daher schickte Mielke seine Männer in der Fortführung der "Aktion Licht" erneut los. Sie durchsuchten Schlösser, Kirchen und Museen, alte Filialen von Banken, der Post oder die ehemaligen Häuser von Konzernlenkern und Gutsbesitzern - immer auf der Suche nach Geheimverstecken mit wertvollem Inhalt. Selbst in Stollen mussten die staatlich legitimierten Räuber nach Schätzen suchen. Auch wenn sie dabei nie über einen einzelnen, riesigen Fund stolperten - in der Summe waren die vielen Beutestücke überaus lohnend.

Am 13. Oktober 1962 sendete die Stasi eine über 100 Seiten umfassende Auflistung an die Tresorverwaltung des Ministeriums für Finanzen. Es klang beeindruckend, was inzwischen alles zusammengekommen war: Werke von Albrecht Dürer und Rembrandt, Sammlungen von Briefmarken und Münzen. Nochmals geschätzte 2,37 Millionen Westmark hatten die Stasi-Mitarbeiter im Rahmen dieser zweiten Aktion zusammengesucht. Ein Teil der Schätze ging an den Edelmetallfonds der DDR, ein anderer wurde in der DDR selbst verkauft, aber der lukrativste Teil sollte im Westen in Devisen verwandelt werden, "sobald das Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel die in der Unterredung beim Minister übernommene Verpflichtung zur Herbeischaffung der interessierten Käufer erfüllt hat", so ein Bericht des Finanzministeriums.

Doch nicht nur Gold und Schmuck, auch viele Unterlagen aus der NS-Zeit hatte die Stasi aufgetan: Behördendokumente, NSDAP-Parteibücher und anderes Material, dass sich wunderbar zum Unter-Druck-setzen und Erpressen nutzen ließ. Kein Wunder, dass die Stasi auf weitere Schätze aus Hitlers untergegangenem Regime hoffte.

Auf den Spuren des Göring-Schatzes

Mitunter trieb Mielkes Schatzsuche bizarre Blüten: So erhielten im März 1981 die gesamten Bewohner des Ortes Vietmannsdorf Hausarrest. Während die Einwohner in ihren Häusern ausharrten, gruben sich Stasi-Mitarbeiter durch das Erdreich des nahegelegenen Gutes. Ein ominöser westdeutscher Tippgeber namens Medard Klapper, der sich bester Beziehungen zu Alt-Nazis rühmte und behauptete, selbst im Krieg Schatzkisten vergraben zu haben, hatte die Staatssicherheit auf eine vermeintlich heiße Spur gebracht. Angeblich lagen hier Schätze aus dem Umkreis von Hermann Göring aus erlesenem Meißner Porzellan.

Mit schwerem und leichtem Gerät, mit Sonden und Stangen rückten die Männer dem brandenburgischen Boden zu Leibe. Was sie zu Tage förderten, war jedoch mehr als enttäuschend: keine Nazi-Kostbarkeiten von unschätzbarem Wertes, sondern eine Kiste, gefüllt mit ein wenig Porzellan im Wert von 700 Mark.

Danach erkaltete die Beziehung zu dem Informanten, der seine Enttäuschung über die Stasi dem SPIEGEL klagte. Über den "Stern"-Reporter Gerd Heidemann - der später mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern Geschichte schreiben sollte und Beziehungen zur Stasi hatte - kam Medard Klapper jedoch bald wieder mit der Stasi ins Geschäft, wie Andreas Förster in seinem Buch ausführt: Diesmal ging es scheinbar um wirklich hohe Beträge. Mehrere Kisten mit fast einer halben Tonne Gold und Platin sollten Klappers Informationen zufolge in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zum Schutz vor der anstürmenden Roten Armee im Stolpsee im nördlichen Brandenburg versenkt worden sein - eine Art persönlicher Notgroschen des Reichsmarschalls Hermann Göring.

Also gingen die Stasi-Männer auf Bootstour. Pech nur, dass nach dem Krieg im See Trümmer versenkt worden waren. Angesichts des vielen Metallschrotts am Grund schlugen die Detektoren der Stasi ständig aus. Die angeblich todsicheren Wegmarken waren einfach nicht zu finden, als Gerd Heidemann zusammen mit Stasi-Offizieren den See absuchte. Und die zusätzlich versprochenen 47 Kisten mit Gemälden und alten Akten waren ebenfalls nirgendwo aufzutreiben. Die eingesetzten Kampftaucher hatten derweil die Nase voll, immer wieder ließ Stasi-Chef Mielke sie auf den Grund des Sees abtauchen - ergebnislos.

Schatzsuche oder Geldverbrennung?

Auch im Rahmen einer anderen dringenden Schatzsuche standen die Stasi-Mitarbeiter mit leeren Händen vor Erich Mielke: bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer. Im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen aus Leningrad geraubt, hatten sich seine Spuren 1945 verloren. Zwar wurde seit langem in der DDR nach dem Bernsteinzimmer gefahndet, doch 1980 wollte Mielke endlich Ergebnisse sehen. In den Rang eines "Operativen Vorgangs" erhoben, sollte die Suche nach dem größten Schatz der Nazi-Zeit von einer Spezialistengruppe um den Stasi-Offizier Hans Seufert erfolgreich zu Ende geführt werden - als Geschenk an die Genossen im Osten.

Die als Sicherungsvorgang "Puschkin" bezeichnete Suche nach dem Bernsteinzimmer brachte jedoch nur eins hervor: Papier. Fast 1000 Akten legte die Stasi über Personen an, die in einer Beziehung zum Bernsteinzimmer stehen konnten, über 11.000 Seiten umfasst das Dossier "Puschkin" laut Andreas Förster. An über 100 potentiellen Verstecken ließ die Stasi suchen und alte Schächte öffnen, etwa im Jonastal, an dem Hitlers letztes Hauptquartier entstehen sollte. Doch alles war erfolglos, das Bernsteinzimmer blieb verschollen.

Rund sechs Millionen D-Mark soll die Suche insgesamt gekostet haben. Womit ein Großteil eben jenes Geldes wieder verbrannt wurde, das sich das SED-Regime in der "Aktion Licht" zuvor zusammengeraubt hatte.

Zum Weiterlesen:

Andreas Förster: "Schatzräuber - Die Suche der Stasi nach dem Gold der Nazizeit". Ch. Links Verlag, Berlin 2000, 237 Seiten.

Das Buch erhalten Sie über den Ch. Links Verlag.

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1.
Peter Grolig 13.01.2014
Jetzt habe ich es endlich kapiert: Nachfolgestaat des Dritten Reiches war die DDR. Nachfolgestaat der DDR ist die BRD. Nur so ist es für mich verständlich, dass auch unser Staat am liebsten über alle Werte der Bürger Bescheid weiß. Wir sollten anfangen langsam misstrauisch zu werden.
2.
Oswald Koslowsky 13.01.2014
Bei Gurlitt konnte man ohne zu suchen beschlagnahmen.
3.
Georg Scheffczyk 13.01.2014
Die DDR-Führung hat einen Fehler gemacht:Sie hätten, wie die gerisseneren Amerikaner, vorher ein entsprechendes Gesetz machen sollen, die Raubzüge wären dann legal gewesen. Aber Mielke war das wurscht, er äußerte sich sogar, manchmal buchstäblich "kurze" Prozesse zu machen, er war ein Mörder, aber wie alle großen Ganoven blieb er juristisch unbehelligt.
4.
Michael Köhler 13.01.2014
Gab es da eigentlich schon Entschädigungszahlungen ? Oder ist die BRD zu sehr damit beschäftigt Privatpersonen in Regress zu nehmen?
5.
Horst Jungsbluth 13.01.2014
Diese Raubzüge der Stasi stehen wohl in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Mauerbau, der Riesensummen verschlungen haben muss, mussten doch auch Materialien dafür im Westen gegen harte Devisen erworben werden. Gleichzeitig boten die aufgeheizte Stimmung, die Angst sowie die Abschirmung eine gewissen Schutz für diese kriminellen Aktionen. Dass Journalisten der demokratischen Bundesrepublik dem "Schild und Schwert" der diktatorischen SED nicht nur in dieser Sache behilflich waren, ist eine kaum fassbare Schande, die viel zu wenig publiziert wird.
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