DDR-Zwangsumsiedlungen Gedemütigt, enteignet, verjagt

Stasi und Volkspolizei vertrieben vor 65 Jahren Tausende Menschen von der innerdeutschen Grenze. Zynischer Tarnname: "Aktion Ungeziefer". Ein Dorf in Thüringen wehrte sich - bis Wasserwerfer anrollten.

Gemeindarchiv Strauhain

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Die Streufdorfer wehren sich mit Händen und Füßen, mit Äxten, Sensen und Mistgabeln. Einige parken ihre Heuwender mitten auf der Hauptstraße, andere errichten Barrikaden aus Holzscheiten und Wurzelstöcken. Wutentbrannt spannen Bürger des 1200-Seelen-Dorfs Stricke quer über die Fahrspur. Sie bilden Menschenketten, bewerfen die Volkspolizisten mit Steinen und Aststücken.

Die Glocken im südthüringischen Streufdorf läuten Sturm an diesem 5. Juni 1952, Hunderte sind auf den Beinen, um sich der Staatsmacht in den Weg zu stellen und den Abtransport der Mitbürger zu stoppen. "Das war ein richtiger kleiner Bauernkrieg", sagt Edith Fehringer. David gegen Goliath, Streufdorf gegen Staatssicherheitsdienst.

Edith Fehringer, Jahrgang 1931
privat

Edith Fehringer, Jahrgang 1931

Mehrere Stunden währte der Aufstand, zweimal forderte die Volkspolizei Verstärkung an. Am Ende siegte die Brutalität - und auch die Familie von Edith Fehringer musste das Dorf verlassen. Die gelernte Schneiderin und ihre Eltern gehörten zu den 63 Menschen, die damals aus Streufdorf ausgesiedelt wurden. Gedemütigt, enteignet, der Heimat beraubt.

"Wir fühlten uns weniger wert als der Dreck unter den Schuhen", sagt die inzwischen 86-Jährige. Immer wieder bricht die alte Dame beim Erzählen in Tränen aus, so tief sitzt der Schmerz, noch heute, 65 Jahre später. Mehr als 8300 Menschen wurden im Mai und Juni 1952 aus dem deutsch-deutschen Grenzgebiet ins Innere der DDR zwangsumgesiedelt. "Aktion Ungeziefer" - dieser Deckname bringt die geballte Menschenverachtung der SED-Diktatur zum Ausdruck.

Mitten in der Nacht überrumpelt

Auf Betreiben der Sowjets hatte der DDR-Ministerrat am 26. Mai 1952 die "Errichtung eines besonderen Regimes an der Demarkationslinie" beschlossen. Bereits neun Jahre vor dem Mauerbau wurden entlang der knapp 1400 Kilometer langen Grenzlinie erste Wachtürme gebaut, Zäune gezogen, "Kontrollstreifen" gerodet. Zudem ließ die SED-Regierung eine fünf Kilometer breite Sperrzone errichten, die "von feindlichen, verdächtigen und kriminellen Elementen" zu säubern sei, so die Anweisung.

Weg mussten alle, die "eine Gefährdung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung darstellen", lautete die Direktive. Zur Kategorie "Ungeziefer" gehörten auch Vorbestrafte, Ausländer, Arbeitslose, Prostituierte. Kurzum: "minderwertige Subjekte", im Stasi-Jargon.

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DDR-Zwangsumsiedlungen: "Weniger wert als der Dreck unter den Schuhen"

Die lokalen Behörden trafen ihre Auswahl auf Basis von Meldeunterlagen und Anzeigenbüchern, vor allem aber stützten sie sich auf Spitzelberichte, Gerüchte, Verleumdungen. Oft reichte schon ein Vorwurf: pflegt Westkontakte. Hört Rias. Betreibt offene Hetze gegen die DDR, die Sowjetunion, die Polizei. Bei einem Bürger aus Nordhausen stand laut Historiker Rainer Potratz als Grund auf der Aussiedlungsliste: Singt nicht "Ami go Home", sondern "Ami bleib hier".

Warum Edith Fehringer am 5. Juni 1952 verjagt wurde, ist ihr bis heute nicht klar: "Wir haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen." Nach Auffassung von Karl Westhäuser, ebenfalls zwangsausgesiedelt, ging es damals vor allem darum, die Unbequemen, Einflussreichen, Vermögenden zu vertreiben. "Die wollten sich bereichern. Wer nichts hatte, wurde in Ruhe gelassen", sagt der 81-Jährige; sein Vater besaß einen Kolonialwarenladen im Ort. In Streufdorf standen vor allem die Bauern auf die Aussiedlungsliste, die sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft gewehrt hatten.

"Schämt ihr euch denn nicht?"

Die ersten Lastwagen fuhren ab 3.30 Uhr vor, wie Historikerin Andrea Herz rekonstruiert hat. Die Räumkommandos hämmerten an die Türen, rissen die Bewohner aus dem Tiefschlaf, hielten ihnen Zettel unter die Nase, auf denen stand: "Ich verpflichte mich, mein Anwesen innerhalb von zwei Stunden zu verlassen, und führe diese Maßnahme freiwillig durch."

Wohin man sie bringen würde, erfuhr niemand. "Wir hatten solche Angst, dass es nach Sibirien geht", sagt Edith Fehringer. Doch die Streufdorfer ließen sich nicht einfach abholen - sie leisteten Widerstand.

Karl Westhäuser, Jahrgang 1936
privat

Karl Westhäuser, Jahrgang 1936

"Jeder, der laufen konnte, war auf der Straße", erinnert sich Karl Westhäuser, damals 16. Im Morgengrauen eilte der Schneiderlehrling zum Marktplatz, half die Barrikade zu errichten, stellte sich den Lastern in den Weg, die das "Ungeziefer" samt Gepäck zum Bahnhof bringen sollten. "Schämt ihr euch denn nicht?", rief Westhäuser einem Volkspolizisten zu. Der habe sich zu seinem Fahrer umgedreht und kleinlaut gemurmelt: "Die Leute haben recht."

Um die aufsässigen Streufdorfer zur Raison zu bringen, schickte die Staatssicherheit im Laufe des Vormittags rund 100 sogenannte Aufklärer in den Ort. "Die haben versucht, uns einzureden, dass alle Auszusiedelnden Verbrecher seien. Da gerieten wir noch mehr in Rage", so Westhäuser. Die Dorfbewohner verprügelten die Aufklärer, entluden bereits vollgepackte Laster, schnitten Benzinleitungen durch, erinnert sich Fehringer. Daraufhin ließ die SED-Kreisleitung den ganzen Ort umstellen.

Erst als die Staatsmacht um die Mittagszeit berittene Polizisten mit Gummiknüppeln auf die Menschen hetzte und Wasserwerfer einsetzte, gaben die Streufdorfer auf. "Ich kann mich nicht erinnern, je so etwas Brutales gesehen zu haben", sagte ein Volkspolizei-Helfer später. "Ich habe mich noch nie im Leben so vor mir selber geschämt."

Per Viehwaggon in die Fremde

Edith Fehringer weiß noch genau, wie sie hinten auf dem offenen Lkw saß, neben sich zwei Betten, ein Sofa, den neuen Herd. Ihre Freundin Sieglinde stand am Straßenrand, den kleinen Sohn an der Hand, und winkte: "Es brach mir das Herz."

Am Bahnhof Hildburghausen wurde die Familie in einen Viehwaggon gesteckt, wohin er rollen würde, wusste niemand. In Frankenhain bei Arnstadt war Schluss. Edith campierte mit ihren Eltern zunächst im Tanzsaal einer Gaststätte. Andere Zwangsausgesiedelte wurden in Schweineställen oder, wie die Familie Westhäuser, in leerstehenden Fabriken untergebracht.

Fern der Heimat mussten die Menschen noch einmal ganz von vorn beginnen - misstrauisch beäugt von manchen Einheimischen. "Es gab Leute, die mit den Fingern auf uns zeigten und sagten: 'Die hätten euch doch nicht ausgewiesen, wenn ihr nichts ausgefressen hättet'", erinnert sich Fehringer.

Karl Westhäuser, der sich bei der Streufdorfer Revolte mit dem SED-Kreissekretär angelegt hatte, wurde am 5. Juni 1952 zusammen mit einem Dutzend vermeintlicher Rädelsführer verhaftet, wie ein Stück Vieh gefesselt, eingesperrt. Zehn Jahre Haft drohten die Stasi-Beamte dem Teenager an, der aber nach drei Tagen freikam. Im Spätsommer gelang der Familie die Flucht in die Bundesrepublik. Fünf der in Streufdorf festgenommenen Männer dagegen verschwanden für bis zu acht Jahren im Gefängnis.

1961 verschleppte die SED-Führung weitere 3200 missliebige DDR-Bürger aus den Grenzgebieten. Diesmal lauteten die Decknamen für die Zwangsaussiedlungen, je nach Region: "Aktion Kornblume" (für Bauern ein Unkraut) oder, noch zynischer, "Frische Luft", "Blümchen", "Neues Leben".

Lieber tot als entwurzelt

Um dem Abtransport zu entrinnen, entschlossen sich zahlreiche Menschen zur Flucht - andere entzogen sich der staatlichen Willkür durch Selbstmord. Im Kreis Sonneberg brachte ein Familienvater seine Frau, seinen neunjährigen Sohn und sich selbst um; in Hirschberg erschoss sich ein Ehepaar.

Viele Dörfer wurden im Zuge von Grenzsicherung und Zwangsaussiedlung nahezu vollständig entvölkert. Die Fotografin Anne Heinlein hat geschleifte Orte im einstigen Sperrgebiet besucht und mit der Plattenkamera eindrucksvoll dokumentiert, wie sich die Natur der "gewüsteten" Dörfer bemächtigt.

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"Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber unsere platzen immer wieder auf", sagt Edith Fehringer leise und schluckt. Bis heute leiden die Überlebenden der Zwangsaussiedlungen unter dem Unrecht. "Sie wurden nie materiell für ihr Leid, ihre Traumatisierung entschädigt wie etwa die Haftopfer oder jetzt die Dopingopfer oder ehemaligen Heimkinder", so Potratz gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Zehn Jahre lang musste Westhäuser nach der Wende um den Familienbesitz in Streufdorf kämpfen, sich als Illegaler, Republikflüchtling, Wessi beschimpfen lassen. "Haben die Zwangsausgesiedelten als anerkannte SED-Opfer nicht einen anderen Umgang verdient?", fragt Marie-Luise Tröbs, Präsidentin des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten.

Am 16. Juni wollen sich Überlebende der "Aktion Ungeziefer" zu einer Gedenkveranstaltung in Streufdorf versammeln. Edith Fehringer wird in die alte Heimat fahren, ebenso Karl Westhäuser. Er kümmert sich darum, dass immer frische Blumen vor dem Gedenkstein im Ort blühen. Manchmal mopse sie einer, etwa in der Nacht vor Muttertag, erzählt der alte Mann und lacht. Dann pflanzt Westhäuser wieder neue, derzeit sind es Stiefmütterchen: "Ich werde gegen das Vergessen ankämpfen, so lange ich kann."

insgesamt 17 Beiträge
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Manfred Krüger, 13.06.2017
1. Mähdrescher??
Die Autorin scheint über eine profunde Unkenntnis der landwirtschaftlichen Technik der beschriebenen Zeit zu verfügen. Mähdrescher gab es in der DDR damals überhaupt noch nicht. Diese wurden in der DDR erst nach dem Umsetzen der Kollektivierung der Landwirtschaft in den 60-iger Jahren entwickelt. Ansonsten schildert der Artikel ain wirklich schreckliches Kapitel der DDR-Geschichte.
Egoo Ist, 13.06.2017
2.
Es war wirklich eine riesige Schweinerei, was damals passiert ist. Jedoch halte ich es für äußerst unangebracht, unter der Teilüberschrift "Lieber tot als entwurzelt" einen "Familienvater" aufzuführen, der nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau & seinen 9jährigen Sohn umgebracht hat. Genauer auszuführen, was ich von so einem "Familienvater" halte, verkneife ich mir hier.
Reinhard Krause, 13.06.2017
3. Mähdrescher??? Auch im Westen
gab es damals noch keine Mähdrescher. Es wurde bis in die 1960-iger Jahre mit Hand oder Selbstbinder geerntet und eingefahren, und dann mit Hilfe einer Dreschmaschine gedroschen.
Horst Jungsbluth, 14.06.2017
4. Die
Diese verbrecherische Aktion an wohl meist vollkommen unbescholtenen Menschen als "Aktion Ungeziefer" zu bezeichnen, kennzeichnet den Charakter dieser Partei und ihrer Funktionäre mehr als deutlich. Wenn man sich dazu noch die schlimmen Verhältnisse nach dem Krieg vorstellt, dann kann man die Menschen verstehen, die das bis heute nicht verdrängt haben. Die Folgen für diese Art von Politik waren die Flüchtlingswellen, die zum Bau der Mauer und weiteren Vertreibungen führten. Die Partei, die das alles zu verantworten hatte, hat sich flugs zig Mal umbenannt, warnt vor "rechter Gefahr", gibt sich als sozialen Gewissen aus und "koaliert" mit jenen, die sie einst brutal verfolgte.
Rudolf Haase, 14.06.2017
5. Fotostrecke
Hallo. Das Bild 6 ist nicht richtig beschrieben. Hohengandern liegt in Thüringen, damals im Kreis Heiligenstadt/Eichsfeld, heute Landkreis Eichsfeld. Also nicht in Sachsen. Vor dem Krieg gehörte es wohl zur preußischen Provinz Sachsen. Aber das ist eine andere Geschichte. Bild 7 gehört dazu: richtig, Niedergandern bis heute Kreis GÖ und Kirchgandern auch in Thüringen/EIC. Die Grenze auf Bild 7 verläuft am alten Gut Besenhausen, heute eine schicke Wohnanlage mit Handweberei und Hofcafé. Hier (Kreis GÖ) arbeiteten früher die Leute aus Kirchgandern ... Viele Grüße aus Heiligenstadt.
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