Aktion Weißer Strich an der Berliner Mauer Protest auf Augenhöhe

Schaut her, hier steht eine Mauer! 1986 zogen fünf Freunde aus der DDR einen kilometerlangen weißen Strich quer über die Westseite der Berliner Mauer. Die Protestaktion brachte einen der Freunde ins Gefängnis - ein anderer entpuppte sich als Verräter.

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Heinz J. Kuzdas

Manche Passanten pöbelten, andere lachten. "Streicht doch lieber einer alten Frau das Badezimmer", riefen ein paar West-Berliner Arbeiter empört. Doch die fünf Gestalten mit ihren bizarren Gipsmasken ließen sich nicht beirren. In aller Ruhe zogen sie mit weißer Wandfarbe einen dicken Strich über die Westseite der Mauer: Sechs Kilometer lang, immer auf Augenhöhe, quer über die grellen Graffiti. Bis sich im Grenzwall plötzlich eine unscheinbare, kleine Tür auftat.

Lautlos traten drei DDR-Grenzpolizisten durch den Türspalt in den Westen, blitzschnell umzingelten sie einen der Mauermaler. Und zogen ihn durch den Eisernen Vorhang zurück in den Osten. Mit der Festnahme von Wolfram Hasch endete am Vormittag des 4. November 1986 die Aktion Weißer Strich: eine Performance, mit der fünf junge Männer aus der DDR ein Zeichen setzen wollten.

Die nach West-Berlin ausgereisten oder abgeschobenen Strich-Zieher konnten sich nicht damit abfinden, dass die Mauer zur poppigen Staffelei quietschbunter Mauerkunst, zur Gruselattraktion für Berlin-Touristen verkommen war. Und wollten die Mauer wieder sichtbar machen als das, was sie war: meterhohe Grenzanlage eines Unrechtsstaates, der seine eigenen Bürger wie Schafe einsperrte. Und der auch die West-Berliner der Möglichkeit beraubte, sich frei zu bewegen.

"Es ging uns um den symbolischen Akt des Durchkreuzens", sagt Frank Willmann, einer der einstigen Mauermaler und Co-Herausgeber des Buchs "Der weiße Strich", mit dem nun, pünktlich zum 50. Jubiläum des Mauerbaus, die erste umfassende Dokumentation der Aktion vorliegt. Willmann, heute 47 Jahre alt, stammt aus Weimar, ebenso wie die anderen Akteure. Neben Hasch waren dies: Frank Schuster sowie die Brüder Jürgen und Thomas Onißeit. In der Stadt der Dichter und Denker begann die Freundschaft der fünf, die vor allem eines verband: der Hass auf ein Regime, das nur eine Meinung duldet.

Anarchos unter den Fittichen der Kirche

"Für schräge Vögel wie uns gab es keinen Platz, wir eckten automatisch an", sagt Willmann. Die fünf Weimarer konterkarierten das sozialistische Einheitsgrau mit grellgefärbten Haaren, zerrissenen T-Shirts und buntbemalten Lederjacken, hörten und spielten Punk, waren laut, unbequem, anders. Da sie aus jeder Kneipe rausflogen, schlüpften die Teenager, ebenso wie Blueser und "Kunden", wie man die Hippies im Osten nannte, unter das Dach der Evangelischen Jakobskirche.

Hier, im Montagskreis, las man gemeinsam Erich Fromm und Hermann Hesse, trank Rotwein, diskutierte über Abrüstung und Umweltschutz. Der Staatssicherheit war die aufsässige Jugend ein Dorn im Auge, mit Bespitzelung, Bedrohung und willkürlichen Festnahmen versuchte sie, die bunte Subkultur zu zerschlagen. Als Willmann 16 war und zum Wandern in die damalige CSSR wollte, wurde er aus dem Zug gezogen und in Handschellen abgeführt. "Die glaubten, ich wollte aufs Deutschlandtreffen der Hippies nach Prag", so Willmann.

Ähnlich erging es Wolfram Hasch, der, wie er sagt, schon mit neun Jahren zum ersten Mal abhauen wollte. Mit 13 wurde der Teenager, der mit Parka und langen Haaren durch die Stadt lief und sich Briefe mit einem Bonner Studenten schrieb, erstmals verhaftet - weil er ein Fußballspiel von Bayern München im tschechoslowakischen Ostrava besuchen wollte. Mit 15 versuchte er ein zweites Mal abzuhauen und wurde ins Gefängnis gesteckt.

Wanzen in den Lautsprechern

Seit seinem 16. Lebensjahr überwachte die Stasi Haschs Jugendzimmer - per Kamera, die beim Nachbarn im gegenüberliegenden Haus installiert war. Später besorgte sie sich Nachschlüssel für seine WG, brachte Wanzen in den Lautsprechern der Anlage an. Als Hasch 1984 mit Flugblättern zum Boykott der Kommunalwahlen aufrief, wurde er verhaftet, ebenso wie andere Weimarer Punks, die Häuserwände mit Sprüchen wie "Macht aus dem Staat Gurkensalat" und "Aktiver Widerstand" besprüht hatten.

Der Montagskreis war zerschlagen. Wer konnte, stellte einen Ausreiseantrag nach West-Berlin, wohin auch Hasch aus der Haft heraus abgeschoben wurde. In der Stadt, die, so Willmann, "wirklich so bunt war wie es Nina Hagen besungen hatte", trafen sich die fünf Exil-Weimarer wieder. Sie erhielten ein Schüler-Bafög und versuchten, das Abitur nachzumachen. Doch eigentlich bereisten sie Europa, machten Musik, malten, schrieben Texte, drehten Super-8-Filme.

"Wir fühlten uns als Künstler, als Bohemiens", sagt Willmann. Die Clique genoss die neue Freiheit, tanzte beim Filmdreh nackt auf dem Teufelsberg, sprang nach verlorener Wette in den Landwehrkanal, traf sich sonntags im Anzug zum Kricket-Spielen vor dem Reichstag. Bei einem Spaziergang im Spandauer Forst hatte Jürgen Onißeit den Einfall, die Mauer mit einem weißen Strich zu versehen - begeistert beschlossen die Freunde, die Idee in die Tat umzusetzen.

"Realität der Mauer entblößen"

"Unserer Meinung nach wurde es Zeit, die eigentliche Realität der Mauer wieder zu re-realisieren, zu entblößen", sagt Wolfram Hasch. Durch den Strich sollte der Zuschauer, so Hasch, "wieder die Länge, das Ausmaß der Mauer" erkennen: den Begrenzungscharakter, der "durch die metropolitane Poppigkeit der Malereien kaschiert" worden war. Bei Obi besorgten sich die Weimarer eimerweise weiße Wandfarbe, am 3. November 1986, einem nasskalten, grauen Morgen, legten sie los.

Meist standen zwei Schmiere, einer zog den Bollerwagen mit Farbe, Wein und Rucksäcken und zwei malten - wo die Mauer nicht erreichbar war, zogen sie ihren Strich über Zäune und Straßen. Nachdem sie am Künstlerhaus Bethanien in der Kottbusser Straße angefangen hatten, trafen die Weimarer am Erkelenzdamm auf eine Künstlerin, die gerade die Mauer bemalte. Ihr Wehgeschrei beeindruckte die Strich-Zieher ebenso wenig wie spottende Passanten, mahnende Polizisten und wütende Axel-Springer-Mitarbeiter, die ihnen eine Klage wegen Vandalismus androhten.

Auch den ersten Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße überquerten die mit weißen Gipsmasken getarnten Mauermaler ohne Probleme: Die DDR-Grenzer waren so überrascht, dass sie wie angewurzelt stehen blieben. Den Checkpoint Charlie hingegen mussten die Freunde im Laufschritt nehmen, die "Grepos" nahmen ihnen zwei Farbeimer und eine Malerrolle ab, um ein Haar hätten sie auch Frank Schuster erwischt. Am Abend erreichten sie das Lenné-Dreieck, beendeten den ersten Aktionstag und bauten im Tiergarten, unweit der Mauer, ihre Zelte auf. Als sie in ihre Schlafsäcke schlüpften, befanden sich die Mauermaler längst im Visier der Staatssicherheit.

"Stehen bleiben oder wir schießen"

Seit Mittag hatten die DDR-Grenzer jeden Schritt der Weimarer dokumentiert, Fotos geschossen, Berichte verfasst. Bar jeden Humors, wertete die Stasi den weißen Strich als ernsthaften Versuch, die Westgrenze um mehrere Meter nach Osten zu verschieben. Dies kam einem Angriff auf die Souveränität der DDR gleich - den es umgehend zu ahnden galt: Am Morgen des 4. November, gegen 11.30 Uhr, schnappte die Falle zu.

"Ich war mitten im Malen, da hörte ich hinter mir 'Stehenbleiben oder wir schießen'", erinnert sich Hasch. Während Frank Willmann, etwa 15 Meter rechts von Hasch ebenfalls mit Rolle und Farbe am Werk, in die Büsche des Tiergartens flüchtete, blieb dieser stehen - noch fühlte er sich sicher. Schließlich, so dachte er, hatte die DDR den Amerikaner John Runnings, der kurz zuvor mit einem Vorschlaghammer auf die Mauer eingedroschen hatte, schon bald wieder abgeschoben, "und ich war nur Maler, kein Hauer", so Hasch.

Als die Grenzpolizisten ihn traten, anbrüllten und beleidigten, schwand seine Zuversicht. Nach zwei Monaten Untersuchungshaft in Hohenschönhausen wurde der Weimarer im Januar 1987 zu einem Jahr und acht Monaten Haft im Stasi-Hochsicherheitstrakt Bautzen II verurteilt. Die Geburt seines Sohnes verbrachte Hasch nicht bei seiner damaligen Freundin, sondern in einer grauen Gefängniszelle.

Punker, Stasi-IM, Mauermaler

Nach dem abrupten Ende der Aktion Weißer Strich organisierte die Weimarer Künstler- und Anarchisten-Clique eine Soli-Disco, um die Anwaltskosten für Hasch zu sammeln. Die Veranstaltung scheiterte ebenso wie Freilassungsgesuche der westdeutschen Grünen-Politiker Petra Kelly und Gert Bastian. Am 18. Juni 1987 kutschierte ein Volvo des Ost-Berliner Anwalts Wolfgang Vogel den Weimarer Hasch dennoch zurück nach West-Berlin - die BRD hatte den politischen Häftling freigekauft.

Heute arbeitet Hasch als Buchhändler in Berlin-Neukölln, erst über das Forschungsprojekt zum Weißen Strich kamen sich die Mauermaler von einst wieder näher. Einer jedoch blockte jeglichen Kontakt ab: Anfang 2010 stieß Anne Hahn, Lebenspartnerin von Willmann und Mitherausgeberin des Buchs vom Weißen Strich auf eine IM-Akte "Jürgen Onißeit". Einer der fünf Weimarer hatte die Staatssicherheit zwischen 1981 und 1984 regelmäßig mit Berichten über seiner Freunde und die Punkszene versorgt.

Zu seinem Verrat von einst schweigt Onißeit sich aus, Angebote, am Buch mitzuwirken, das auch einen der Ex-DDR-Grenzer zu Wort kommen lässt, schlug er aus. Er verbannte den Weißen Strich aus seinem Leben - ganz anders als Frank Willmann, der sich, wie er sagt, "immer diebisch freut", wenn er ein Foto in die Hände bekommt, auf dem sich ein kleiner, weißer Strich quer über die Mauer zieht.

Und auch ganz anders als Wolfram Hasch, der die Erfahrungen jener grauer Novembertage vor 25 Jahren nicht missen möchte. Auch wenn er auf die Haftzeit natürlich lieber verzichtet hätte, resümiert er heute: "Ich bezahle lieber für eine gute und realisierte Idee als alt zu werden im Grauen einer schmerzfreien Ideenlosigkeit."

Die Wanderausstellung zur Aktion Weißer Strich startet am 10. August 2011 im ehemaligen Stasi-Gefängnis Bautzen II.

Zum Weiterlesen:

Anne Hahn/Frank Willmann (Hg.): "Der weiße Strich - Vorgeschichte und Folgen einer Kunstaktion an der Berliner Mauer". Ch. Links Verlag, Berlin 2011, 200 Seiten.

Heinz J. Kuzdas: "BerlinerMauerKunst - Mit East Side Gallery". In Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Espresso Verlag, Berlin 1999, 101 Seiten.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
hajo Obuchoff, 31.07.2011
1.
Verdammt interessant. Es gibt doch so viele Geschichten, die es gilt noch zu erzählen. Das Leben in der DDR war zum Glück nicht nur ein graues Einerlei, auch wenn die bunten Vögel nicht gern gesehen wurden und sogar immer auch wieder gejagt (wie blöd und unsagbar ängstlich so ein Staat - gilt indes auch heute noch, wenn auch nicht so krass). So konsequent, wie hier beschrieben, war ich damals nicht. Obwohl wir auch immer wieder verrückte Dinge angestellt haben. Allerdings gab es Dada-Aktionen in Ost-Berlin sogar im Monatsprogramm des Franz-Klubs. Gewiss waren dort ebenfalls ungebetene Zuschauer dabei, aber es wurde wohl nicht ganz so eng gesehen wie in der "thüringischen Provinz". Nicht selten war es vielleicht auch Glück, dass man ungeschoren davon kam bei Aktionen, die nicht in den offiziellen Plan der Jugendarbeit passten. Ich erinnere mich an karnevaleske Dampferfahrten Mitte der 1980-er Jahre, die privat organisiert wurden. Irgendwann gab es selbst für diese harmlosen Ausflüge keine Genehmigung mehr. Nicht wenige der Teilnehmer dieser spaßigen Veranstaltung stellten dann Ausreiseanträge. Die Gründe waren ähnlich denen die die Mauerstrich-Maler bewegten.
Dirk Schütze, 01.08.2011
2.
Eigentlich sage ich immer; frag 16 Millionen Ossis undu bekommst 16 Millionen verschiedene Antworten, genau so viele unterschiedliche Erfahrungen. Manches, was heutzutage über die DDR in den Medien zu hören und zu lesen ist, scheint mir - aus meiner Erfahrung - allerdings schlicht falsch zu sein. Gut möglich, dass das zeitlich und regional begründet ist. Hier im Artikel wird geschrieben, dass Hippies als "Kunden" bezeichnet wurden. Meiner Meinung nach nur halb richtig: als "Kunde" wurde alles bezeichnet, was irgendwie anders, auffällig und/oder ungewöhnlich war. Egal, ob Hippie, Punk, Popper oder einer der nur immer zu Scherzen aufgelegt war, krude Einfälle hatte oder jemand, der nur im Keller basteltet. Schnell kam es zu Ausspruch "man is det een Kunde". Den Spruch hört man im Berlin u. Brandenburg immer noch. Daraus eine spezielle Bezeichnung für Hippies in der DDR zu machen, finde ich etwas weit hergeholt. Wird so bereits Geschichte etwas "verfälscht"?
Knut Hoffmeister, 01.08.2011
3.
ich war bei zahlreichen maueraktioen dabei, wir haben die mauer als leinwand als projektionsflaeche als filmkulisse MISSBRAUCHT und damit ihr die bedeutung als gefaengnismauer beraubt, indem wir darauf gemalt und projeziert, ja sie einmal sogar angezuendet haben. und dann kamen diese "strichmaennchen" die die mauer durch ihre aktion wieder aufrichteten. die waren von der szene voellig isoliert und ihre aktion wurde von ALLEN als, und das muss man auch so sagen koennen, als SCHEISSAKTION empfunden und tituliert. dabei geht es nicht um den respektvollen umgang mit den arbeiten anderer kuenstler, sondern dass in einem "boschewistischen putsch" die bewegung ursupierten. denn ihr weisser strich wirkt ja nur vor dem hintergrund der mauermalerei. das haette auch die stasi nicht besser machen koennen. heute feiern sie ihre reaktionaere aktion als kunst und widerstand?! es war einfach nur dumm. fuerchterlich dumm, und von allen maueraktionen die bescheidenste.
Felix Müller, 01.08.2011
4.
Sorry, aber ich fand die Aktion damals echt bescheuert! Besonders, weil ich selbst kurz vorher mein Graffiti an der Mauer hinterlassen habe (Stresemannstraße), welches eine echte lesbare Message enthielt und nicht so nichts sagend daherkam, wie so ein bescheuerter kunstverachtender Strich! Freedom stand da geschrieben mit einem "Supermann", der von der DDR-Seite die Mauer durchbricht (der Supermann war übrigens als Symbol für das ostdeutsche Volk gedacht, welches ja später auch meine Vorahnung wahr werden ließ), und genau durch das Wort Freedom (Freiheit) ging dieser blöde Strich... tolle Aktion!! Cool wäre es gewesen, wenn die Jungs "Freiheit" ausgespart hätten, aber wahrscheinlich waren sie in ihrer Hektik zu sehr um ihre selbige besorgt... Das Bild dazu lässt sich (nach Freigabe) übrigens in meinem Profil begutachten.
Nico Fürstenberg, 01.08.2011
5.
ich hab da mal eine Frage: Wieso konnte die Ost-Grenzpolizisten auf der Westseite der Mauer jemanden Festnehmen? Gehörte die Westseite noch zum Osten?
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