"Aktuelle Kamera" Sendeschluss für die SED

"Aktuelle Kamera": Sendeschluss für die SED Fotos
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Sie wurde verspottet als "Trompete der Partei" und ignoriert von den DDR-Zuschauern: Am 14. Dezember 1990 lief die letzte Ausgabe der "Aktuellen Kamera". Es war das Ende einer Sendung, die sich während der Wende selbst revolutioniert hatte, mit ausgewogenen Berichten glänzte - und Einschaltquoten in schwindelerregender Höhe. Von

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Angelika Unterlauf ist noch nicht lange im Olymp, als sie auch schon wieder abzustürzen droht. Unterlauf, damals Mitte dreißig, war 1977 in die elitäre Riege der DDR-Nachrichtensprecher aufgenommen worden. Drei Jahre später unterläuft ihr ein Fauxpas, der ihre Karriere bedroht. Zum Verhängnis wird ihr eine harmlose Meldung über einen Kulturaustausch zwischen der DDR und Österreich. "600 Bücher sind auf dem Weg nach Wien", das ist der Satz, der auf dem Papier steht. "600 Bürger sind auf dem Weg nach Wien", sagt Unterlauf stattdessen.

Eigentlich ist es ein Fehltritt zum Schmunzeln, doch nicht in der "Aktuellen Kamera", der wichtigsten Nachrichtensendung der DDR. Hier macht es einen großen Unterschied, ob Bücher das von einer Mauer umgebene sozialistische Land in Richtung Westen verlassen oder seine Bürger. Der Chef vom Dienst habe sie danach angeschrien und gesagt: "Du wirst hier keine Nachrichten mehr lesen, dafür werde ich sorgen", erzählt Unterlauf später dem "Stern".

Doch es passiert nichts. Angelika Unterlauf liest noch zehn weitere Jahre die Nachrichten für die "Aktuelle Kamera". Mit sachlicher Stimme trägt sie Berichte von Volkskammertagungen und DDR-Produktivität in ostdeutsche Wohnzimmer vor und bleibt fehlerfrei bei den bandwurmlangen Titeln der Parteifunktionäre. Erst im Juli 1990, kurz vor der Wiedervereinigung, verliert sie ihren Job und wechselt als Redakteurin zu Sat1 hinter die Kulissen.

Sendeschluss für die "Trompete der Partei"

Die "Aktuelle Kamera" verschwindet wenige Monate später, im Dezember. Für immer. Eine Sendung, von den meisten DDR-Bürgern ignoriert und von Kritikern verspottet als TV-Abteilung des Zentralkomitees (ZK) oder "Trompete der Partei". Eine Sendung, die oft kurz vor dem Abbruch stand, weil zehn Minuten vor Start mal wieder das ZK beim Chefredakteur anrief und Änderungen verlangte oder Reaktionen auf die West-Konkurrenz von "heute". Aber auch eine Sendung, die sich in den Wendetagen radikal wandelte - und ihre Einschaltquoten in schwindelerregende Höhen trieb. Doch dazu später mehr.

Die letzten Monate der "Aktuellen Kamera" sind die spannendsten und ganz sicher ungewöhnlichsten in der langen Geschichte der Nachrichtensendung, die 1952 noch vor der westdeutschen "Tagesschau" auf Sendung geht. Produziert auf dem Rundfunkgelände in Berlin-Adlershof wird die "AK" schnell zum wichtigsten Instrument der Parteipropaganda. Die Chefredaktion untersteht direkt der Agitationskommission des ZK. Was konkret bedeutet, dass die zunächst zwanzig Minuten Sendezeit durchaus überzogen werden können, wenn es gilt, Ausführungen von Parteimitgliedern im Wortlaut wiederzugeben.

Das Zuschauerinteresse hält sich jedoch schon von Beginn an in überschaubaren Grenzen. Dürftige Quoten sind die Regel, und sie sollen in der Folge weiter sinken, je offensichtlicher sich das von der "AK" gemalte DDR-Bild von der Wirklichkeit entfernt: Die Bürger informieren sich lieber im Westfernsehen. Um die ungeliebte Konkurrenz auszuhebeln, werden DDR-Fernseher mit dem französischen Farbstandard SECAM ausgestattet statt mit dem in der BRD gängigen PAL. Doch auch das hilft wenig. Entweder beschaffen sich die Ostdeutschen PAL-Decoder - oder akzeptieren, dass sie die Westprogramme nur in Schwarz-Weiß sehen können.

Anrufe von Erich Honecker

Diesen Spielraum hat die Redaktion der "Aktuellen Kamera" nicht - sie ist an die Vorgaben aus dem ZK gebunden. Das Telefon des Zentralkomitees habe "bis ins Cockpit unserer Sendeleitung gereicht", erinnert sich Angelika Unterlauf nach der Wende im "Stern". "Die Chefredaktion musste machen, was die wollten." Manchmal ist es auch der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker persönlich, der Sätze vorformuliert wie jenen berühmt gewordenen aus dem Herbst 1989: "Die DDR weint den Republikflüchtigen keine Träne nach."

Neben den Parteioberen hat auch die Staatssicherheit die Sprecher im Visier. Chefsprecher Klaus Feldmann oder Unterlauf sind Stars, die Zuschauer wählen sie oft zum "Liebling der DDR". Unterlauf bekommt zwei Anfragen für eine Stasi-Mitarbeit und lehnt zweimal ab. Danach wird sie überwacht - aus einem herrenlosen Bauwagen vor ihrem Haus heraus oder in der U-Bahn. 1985 dann dichtet der Westberliner Sänger Lonnie ein Lied auf die attraktive Nachrichtensprecherin. Zu Country-Klängen singt er:

17 Uhr im Ostkanal

Dunkle Augen sehn mich an

was du sagst das klingt banal

aber darauf kommt's nicht an

gerne würde ich dich fragen

ob ich dich mal treffen kann

ich möchte dir was Nettes sagen

einfach so dann und wann

könnt ich nur beiseite schieben

was uns auseinander hält

ich bin hier und du da drüben

wie lebst du in deiner Welt?

Angelika, Angelika, vom Fernsehen in der DDR

Du erscheinst zum Greifen nah und doch bist du so fern.

Hinter dem Pseudonym Lonnie verbirgt sich Klaus Heilbronner, Redakteur beim Sender Rias. Und sein Lied ist nur vordergründig der schmachtende Kontaktversuch mit einer ostdeutschen Fernsehschönheit - vor allem thematisiert Lonnie die deutsch-deutsche Teilung. Die Stasi ist in Aufruhr, aber machtlos: Die Schnulze wird bundesweit bekannt.

Quotenhit Regimekritik

Damals ahnt niemand, dass es nur vier Jahre dauern soll, bis die Mauer fällt - und die "AK" plötzlich ausgerechnet von den Menschen geliebt und gesehen wird, die sie fast vier Jahrzehnte lang ignoriert hatten.

Der ehemalige "Aktuelle Kamera"-Redakteur Jörg Schmidt, heute beim NDR in Rostock, macht während der Wendemonate Notizen und wird zum Chronisten eines so bemerkenswerten wie radikalen Wandels. Im September, wenige Monate vor dem 40. Jahrestag, haben Zehntausende das Land verlassen. Es ist die tiefste Krise der DDR-Geschichte. Auch die "AK"-Journalisten zweifeln, ringen mit sich, stellen Fragen. Die Veränderungen sind vorerst noch marginal. Immerhin erlaubt Heinz Adameck, der Vorsitzende des Staatlichen Komitees für Fernsehen, eine klitzekleine Programmkosmetik. Lediglich der erste von drei innenpolitischen Beiträgen müsse "mit einem Erfolg aufwarten, der zweite könnte dann schon realistischer sein."

Es bleibt nicht lange bei Kosmetik. Immer häufiger kommen kritische Stimmen in den Beiträgen zu Wort, so am 14. Oktober. Schmidt notiert: "Premiere in der AK: Ein Meister eines Betriebes kritisiert die AK, die Medienpolitik. Eine eigentlich völlig normale Angelegenheit - sollte man denken." Und auch die Betonköpfe werden weicher. Am 17. Oktober fordert der Chef der ZK-Abteilung Agitation, Heinz Geggel, Schmidt solle einen Bericht über eine Studentenversammlung in der Humboldt-Universität "unbedingt" ausgewogen gestalten.

Moderatorentausch zwischen Ost und West

Am 19. Oktober, einen Tag nach dem Rücktritt Honeckers, ist es erneut Chef-Agitator Geggel, der vor leitenden SED-Journalisten das offizielle Ende der Zensur verkündet: "Wir werden den einzelnen Medien nicht mehr reinreden." Am 30. Oktober startet "AK zwo", ein Abendjournal. Schmidt nennt es "moderiert, aber nicht moderat." Und auch hier vor allem im Bild und Ton: Oppositionelle, Bürgerrechtler, Kritiker. In der "AK zwo" gibt es am 3. November 1989 eine Sensation zu sehen: eine offizielle Entschuldigung der Redaktion, die jahrelange Zensur zugelassen zu haben.

Die neue Offenheit lässt die Einschaltquoten der "Aktuellen Kamera" auf teilweise mehr als 40 Prozent steigen. Doch nicht bei allen kommt die neue Linie an. So beklagt sich der Honecker-Nachfolger Egon Krenz am 9. November über das große Medieninteresse an den Demonstrationen im ganzen Land. "Ich habe gestern das Vertrauen des Zentralkomitees bekommen in der Annahme, dass wir gemeinsam eine Politik der Erneuerung durchsetzen wollen, aber nicht die Politik der Zulassung der Opposition in Presse, Rundfunk und Fernsehen." Doch schon am Abend kommt der nächste Schlag: Günther Schabowski verkündet die "neue Reiseregelung" und öffnet die Mauer. Die Meldung in der "Aktuellen Kamera" liest Angelika Unterlauf.

Im November macht Unterlauf den Vorschlag, sie könne doch für ein Mal die "Tagesschau" moderieren. Der Vorschlag schafft es bis in die "Bild"-Zeitung, die am 19. November 1989 titelt: "Ost und West tauschen Sprecher aus - Dagmar Berghoff ins DDR-Fernsehen". "AK"-Chefredakteur Klaus Schickhelm besucht die Westkollegen von "Tagesthemen" und "Tagesschau". Und die "Aktuelle Kamera" sendet am Abend einen Bericht zur Annäherung der Nachrichtensendungen - mit einem aus Hamburg übernommenen Beitrag.

Die Grenzen verschwimmen, das DDR-Fernsehen heißt ab März 1990 wieder Deutscher Fernsehfunk (DFF) und hofft sogar, sich als Konkurrenz zu den Öffentlich-Rechtlichen im Westen etablieren zu können. Immerhin sieht DFF-Generalintendant Hans Bentzien die "demokratische Feuerprobe des Senders bestanden" und 88 Prozent der DDR-Bürger befürworten laut einer Studie den Erhalt des DFF. Doch eine Eigenständigkeit ist politisch nicht gewollt. Im Einigungsvertrag wird geregelt, dass der Deutsche Fernsehfunk als "DFF-Länderkette" weitergeführt wird - und spätestens mit dem Jahresende 1991 eingestellt werden muss.

Die "Aktuelle Kamera" sendet am 14. Dezember 1990 zum letzten Mal. Pünktlich um 19.58 Uhr, nach dem Wettertelegramm, übernimmt die ARD. Der DFF ist Geschichte und mit ihm die wichtigste Nachrichtensendung der nun ehemaligen DDR. Für die Abwicklung ist der 72-jährige Rudolf Mühlfenzl verantwortlich ist - ein Bayer. Ab dem 15. Dezember sendet die DFF-Länderkette in PAL und nicht mehr in Secam.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Horst Schmidt, 14.12.2010
In der Tat Sendeschluss für die SED, aber was folgte dann? Was jeder wußte war, die Aktuelle Kamera "lügt". Heute aber glaubt jeder die "Tagesschau" oder "Heute" berichten wahrheitsgemäß und sind dieser, nur dieser verpflichtet. Welch verhängnisvoller Irrtum. Die Rechnung wird uns erst noch präsentiert.
2.
Horst Schmidt, 14.12.2010
Lassen sie mich noch dieses hinzufügen. Früher habe ich mich als West-Berliner köstlich über die "Aktuelle Kamera" amüsiert. Heute allerdings erzeugt das Schauen der "Tagesschau" oder gar "Heute" Stress, ob dieser Unverfrorenheit und selbst verordneten Schere im Kopf.
3.
Reiner Lenz, 14.12.2010
Angelika heißt heute Maybritt, Sandra,Anne oder bis vor kurzem noch Sabine. Also auch hier Im Westen, gibt es nicht wirklich etwas Neues
4.
jürgen eife, 14.12.2010
Die Sendung wurde doch von der Tagespropagandaschau abgelöst. Nur mit dem Unterschied, das heutige Journalisten entweder zu dumm sind oder freiwillig mitmachen.
5.
Armin Becker, 15.12.2010
>Die Sendung wurde doch von der Tagespropagandaschau abgelöst. >Nur mit dem Unterschied, das heutige Journalisten entweder zu dumm sind oder freiwillig mitmachen.
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