Akustische Spurensuche "Kennedy, Kennedy, Kennedy"

Akustische Spurensuche: "Kennedy, Kennedy, Kennedy" Fotos
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Halluzination oder Zeitsprung? Während eines Flohmarktbesuchs vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin hörte Silvia Friedrich plötzlich die Stimme von John F. Kennedy, tosenden Beifall und Jubelrufe. Zwei Wochen glaubte sie, in ein Zeitloch gerutscht zu sein - bis ein Knirps sie aufklärte. Von

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Mein Sonntagmorgen gehört dem Flohmarkt. Genau genommen dem Flohmarkt auf dem John-F.-Kennedy-Platz vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin. Er ist nur ein Markt von vielen in Berlin, aber wohl der einzig wirklich authentische Flohmarkt. Statt Profihändlern, die einen regelmäßig übers Ohr hauen, verhökern hier Privatleute ihre getragene Unterwäsche oder ranzige Sonnencreme aus dem Vorjahr. Der Markt ist ein buntes Gewimmel aus Kaufenden und Verkaufenden. Mir gefällt das. Mein gesamter Hausrat setzt sich aus Kuriositäten zusammen, die ich hier erstanden habe.

Ein Besuch auf meinem Lieblingsflohmarkt ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, weil er mich noch Wochen später beschäftigte. Es war heiß. Am Würstchenstand gingen die ersten Biere über die Theke. Ich schlenderte durch die Gassen der mit Planen überdachten Holzstände, guckte hier, grapschte dort, schnüffelte und wühlte. "Der Krug...!!! Was würden Sie zahlen?" rief mir ein älterer Mann nach, der meine Kaufbereitschaft gewittert hat. Doch ich ließ mich nicht beirren. Ich war auf der Suche nach einem Fußabtreter. Die Reihen rauf, die Reihen runter, Gedrängel und Geschiebe.

Plötzlich riss mich eine Stimme aus meinem Kaufrausch: "Today in the world of freedom." Erschrocken fuhr ich herum. Von wo kam die Stimme? Dann hörte ich Beifallskundgebungen, Gemurmel von Menschen und wieder die Stimme: ".. the proudest boast is 'Ich bin ein Berliner'." Es war die Stimme von John F. Kennedy. Kein Zweifel. Doch da war noch mehr. Ich hörte Menschen, die klatschten, zustimmten und lautstark riefen: "Kennedy, Kennedy, Kennedy." Mit allen Sinnen versuche ich die Quelle des Lärms zu orten: vor mir, hinter mir, über mir, neben mir. Doch ich sah nichts. Rein gar nichts. Um mich herum waren nur emsig verkaufenden Händler.

Im Bann von Kennedys Stimme

Ich schaute auf den Balkon des Rathauses. Dort hat er gestanden, damals 1963. War dort irgendetwas zu sehen? Nichts. Nur ein paar rostige Lautsprecher baumelten verloren an noch verloreneren Masten. Es schien, als wären sie übrig geblieben. Ein einsamer Rest dieses denkwürdigen Tags damals im Juni 1963. Ich schaute mich um. Doch niemand nahm Notiz von dem, was ich hörte. Hatte ich Halluzinationen?

Kaum kam mir der Gedanke, ging es weiter: "..freedom has many difficulties and democracy is not perfect, but we have never had to put a wall up to keep our people in ..." Laut und vernehmlich, deutlich und klar schallte Kennedys Stimme über den Platz vor dem Schöneberger Rathaus. Niemand außer mir schien die Stimme zu hören. Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Und da kam mir plötzlich ein Gedanke. War es möglich, dass ich in ein so genanntes Zeitloch gerutscht war? War ich Zeuge eines Zeitsprungs?

Kurz zuvor hatte ich einen Artikel gelesen, in dem Leute davon berichteten. Zugegeben, man findet solche Artikel hauptsächlich in den schönen bunten Büchern in der Esoterikabteilung, aber hin und wieder befassen sich ja auch Wissenschaftler, die sich für seriös halten mit Phänomenen dieser Art. Hatte nicht schon Einstein davon gefaselt, dass Zeit nicht unbedingt hintereinander, sondern sehr wohl oder eventuell auch nebeneinander passieren könnte? Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichsam wie drei Sorten Nougat nebeneinander geschichtet und je nach Lust und Vermögen des Einzelnen, nascht man mal davon oder davon?

Auf der Suche nach dem Loch in der Zeit

Irritiert eilte ich nach Hause, erzählte meinem Freund davon. Gemeinsam suchten wir im Internet nach der legendären Rede des Präsidenten und lasen alles über Zeitlöcher und Zeitsprünge, was das Netz zu bieten hat. Eine ganze Woche beschäftigen wir uns damit und stellen erstaunt fest, dass ich tatsächlich Wort für Wort Kennedys Rede gehört hatte und dazu alle Nebengeräusche, Beifallskundgebungen, so als wäre ich selbst da gewesen. Aber wie war das möglich? Am folgenden Sonntag gingen wir gemeinsam zum Flohmarkt, um das Loch in der Zeit, wenn es denn eines war, noch einmal herausfordern.

Erwartungsvoll stellten wir uns beide auf den Platz zwischen die Händler und Kaufenden und lauschten. Nichts! Wir postierten uns exakt zwischen den Ständen, wo mich das Unbegreifliche ereilte. Lauschten, lauschten angestrengter, reckten den Kopf, drehten die Ohren in alle Richtungen. Wieder nichts! Enttäuscht und mit hängenden Köpfen, grübelnd und nachdenklich gingen wir nach Hause, die bittere Erkenntnis im Gepäck, dass sich Zeitphänomene wohl nicht wiederholen lassen.

Doch mich ließ das ganze nicht in Ruhe. Nach langem Grübeln beschloss ich, der Sache noch einmal auf den Grund zu gehen. Am nächsten Flohmarktsonntag stand ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wartete. Alles war wie immer. Eine Frau beugte sich über einen Kleiderstapel, wühlte und ging weiter. Die Sonne brannte. Die Vorbeiziehenden schubsten mich und riefen mir ein nettes "...festjewachsen wa..??" zu. Ich blieb stur. Einen Meter hinter mir sprang plötzlich ein etwa zehnjähriger Junge an der Hand seiner Mutter hin und her. Er war ganz offensichtlich gelangweilt, riss sich los und hüpfte zu einem Gebilde, das aussah wie eine Parkuhr. Er spielt an den Knöpfen herum und plötzlich ertönte laut und vernehmlich Kennedys Stimme.

Ich raste zu dem Gerät. Mein Zeitloch war also nicht mehr als eine schnöde Metallkiste, die auf Knopfdruck die Rede des Präsidenten ableiert. Ihm zu Ehren war sie hier aufgehängt worden, damit jeder dieses denkwürdige Ereignis noch einmal erleben kann. Tief enttäuscht schlurfe ich zur U-Bahn und verschwinde im Dunkel des Berliner Untergrunds.

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