Berühmtes Requisit Warum bloß lesen im Film alle die gleiche Zeitung?

Keiner kennt sie, jeder liest sie: In Filmen und TV-Serien taucht seit Jahrzehnten die gleiche Zeitung auf. Was steht im geheimnisvollen Blatt, in dem schon Al Bundy, Bobby Ewing und Marty McFly schmökerten?

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Im Salon der Southfork Ranch sitzen J.R. Ewing und sein Bruder Bobby beim Whiskey. Wie immer zwischen den ewigen "Dallas"-Rivalen geht es um das millionenschwere Ölimperium der Familie. J.R. drängt: "Ich finde, meine Söhne sollten die Ranch erben." Bobby seufzt nur: "Vergiss es, J.R.!" Und vertieft sich in die Zeitung auf seinem Schoß. Auf einem Bild lächelt ihm eine junge, schwarzhaarige Frau entgegen, darüber die rätselhafte Schlagzeile: "Sie ist das dritthellste Köpfchen - aber ein schwer zu sehendes 'Mädel'". Rechts daneben das Bild eines Mannes im Anzug und die Headline "Talregion verzeichnet Rekordwachstum".

Sheriff Bell hat in "No Country for Old Men" seinen Job satt - täglich begegnet er sinnloser Gewalt. Aus der Zeitung liest er seinem jungen Kollegen von einem kalifornischen Paar vor, das Senioren gefoltert, getötet und ihre Sozialhilfeschecks eingelöst hat: "Vielleicht war der Fernseher einfach kaputt." Während Bell noch vorliest, fährt die Kamera um ihn herum und zeigt, was in der Zeitung wirklich steht: zu einer strahlenden jungen Frau die Schlagzeile "Sie ist das dritthellste Köpfchen" - daneben ein Mann im Anzug in einem Text über Rekordwachstum.

Schreiend kniet Marty McFly in "Zurück in die Zukunft II" vor einem Grab. Gerade ist der Zeitreisende im fliegenden DeLorean aus der Zukunft zurückgekehrt ins Jahr 1985 und merkt, dass sich die Gegenwart verändert hat: Sein Vater George ist tot. Martys Verbündeter Doc Brown zeigt ihm einen Zeitungsbericht: George McFly wurde hinterrücks erschossen. Fassungslos starrt Marty auf den Artikel, reißt ihn heraus. Für einen Sekundenbruchteil wird auf der Seite darunter das Gesicht einer lächelnden Frau in Schwarz sichtbar, darüber die Worte "Sie ist das dritthellste Köpfchen…", daneben das Wort "…Rekordwachstum".

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Bekannt aus Film und Fernsehen: Die Phantomzeitung - echte Fake-News

Ob in "Dallas", "No Country for Old Men" oder "Zurück in die Zukunft" - von den Achtzigerjahren bis in die Gegenwart hatte diese Phantomzeitung Auftritte in US-Filmen und -Serien. Die "Desperate Housewives" haben sie so aufmerksam gelesen wie Al Bundy in "Eine schrecklich nette Familie".

Nur - wo kam sie eigentlich her?

Print wirkt, auch wenn das Blatt schon knittert

2010 fiel die Filmzeitung erstmals Reddit-Nutzern auf. Sie trugen Screenshots zusammen, von "Malcolm mittendrin" über die Geisterkomödie "Casper" bis zum Horrorfilm-Remake "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre". Mitunter sah das Blatt ganz schön vergilbt und knittrig aus. Kein Wunder - es war 2010 schon ein halbes Jahrhundert alt.

Die Zeitung geht zurück auf US-Unternehmer Earl Hays, der 1915 in Hollywood eine Druckerei eröffnet hatte. Hays reiste viel und hatte die Angewohnheit, alle Arten von Nummernschildern zu skizzieren, wo auch immer er war. Das kam ihm zugute: Im goldenen Hollywoodzeitalter fragten ab den Zwanzigerjahren Filmstudios an, ob er auch bedruckte Requisiten herstelle - etwa falsche Nummernschilder. Oder Bücher, Pässe, Schokoriegelpackungen, Geld, Milchkartons. Das Studio brachte ein Drehbuch vorbei, die Druckerei notierte, welche Druckerzeugnisse man in den Szenen brauchen könnte.

Das Geschäft lief so gut, dass Earl Hays Press bald nur noch Requisiten herstellte. "Ich fing 1963 hier an", erinnerte sich Ralph Hernandez, der die Druckerei heute mit seiner Familie führt, 2017 in einem Interview. Zur gleichen Zeit begann man dort auch, die Zeitung herzustellen, die sich später in so vielen Filmen finden sollte. Aber warum musste man überhaupt Zeitungen für den Dreh fälschen und nahm nicht echte?

In dieser Zeitung steht nur Blabla

Es lag am Urheberrecht: Oft ist es langwierig und teuer, Nutzungsfreigaben von echten Zeitungen zu bekommen. Erst recht, wenn man deren Inhalt verändern und dem Film anpassen will. "Die 'New York Times' lässt dich nicht einfach falsche Meldungen in ihrer Zeitung abdrucken", so Hernandez. "Sie geben dir eine Freigabe, wenn du sie exakt so nachdruckst, wie sie an dem Tag erschien."

Manchmal lohnt dieser Aufwand - wie beim Mafia-Epos "Der Pate" von 1972. Nachdem Michael Corleone Rache für einen Anschlag auf seinen Vater geübt hat, verschwindet er ins Exil nach Sizilien. Großaufnahmen von New Yorker Zeitungen erläutern, was in der Zwischenzeit in den USA geschieht. Gedruckt wurden die Imitate von Earl Hays Press - ein guter Handel, wie Hernandez 2017 der BBC erklärte: "Für nur ein paar tausend Kröten wurden Jahre abgedeckt - und das Publikum wusste, was passiert war (...), als wir Michael in Sizilien sahen."

Das "Hays Newspaper"

Das "Hays Newspaper"

Welche Produktionsfirma aber würde viel Geld ausgeben, wenn eine Zeitung keine zentrale Rolle spielt, sondern nur ein paar Sekunden durchgeblättert wird? Dafür bietet Earl Hays Press vorgefertigte Fake-Zeitungen für 15 Dollar an, schon bestückt mit Fotos - etwa von einer lächelnden jungen Frau und einem Mann mit Hut. Und mit unechten News.

Die entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als leeres Blabla. Genauer hinsehen - das kann bei dieser Zeitung außer den Schauspielern eh niemand. So steht im Artikel zu der Frau mit dem "dritthellsten Köpfchen":

"Die Fakten bezüglich der Situation, so die Behörden, seien gleichgeblieben. Details der Maßnahme sind einer vorläufigen Betrachtung unterzogen worden, führten aber zu der Einschätzung, dass nur durch eine detailliertere Untersuchung die wahren Fakten zutage treten werden."

Die "Hays Newspaper" gehört längst zum Hollywoodinventar. Filmfans suchen danach mit ähnlicher Hingabe wie nach dem berühmten "Wilhelm-Schrei", der in mehr als 100 Kinofilmen vorkommt, oder nach "Kirk's Rock", einer x-fach gefilmten Felsformation. Dabei sollte das Requisit ja gerade Nebensache bleiben statt auffallen. Earl Hays Press jedenfalls führt die berühmten Seiten nicht mehr unter den auf der Homepage angebotenen falschen Zeitungen.

Falschgeld für die Polizei

Nicht zum ersten Mal erregt ein Hays-Produkt Aufmerksamkeit: Zum berühmten Easter-Egg wurden auch Zigaretten der Marke "Morley", seit der kettenrauchende Bösewichts der TV-Serie "Akte X" sie in den Händen hielt. Zuvor waren die falschen Kippen schon in Filmen wie Hitchcocks "Psycho" (1960) oder "Platoon" (1986) zu sehen.

Hays Sortiment ist breit, das Unternehmen bekannt genug, um nicht auf solchen Hypes reiten zu müssen. Die Firma zählt zu den ältesten ihrer Art und hat jederzeit rund 25.000 Produkte für Filmproduzenten in deckenhohen Regalen abholbereit auf Lager - allein um die 4000 unechte Formulare. Manche Requisiten wie etwa falsche Polizeimarken, FBI-Ausweise oder CIA-Papiere verdankt man laut Hernandez guten Beziehungen zur Polizei: "Vor Jahren haben wir mal falsche Ausweise für die Polizei gemacht, die sie bei Drogenfahndungen benutzte - und Falschgeld."

Trotz der Bekanntheit und Verbindungen ist die Zukunft von Earl Hays Press ungewiss. Das liegt am technischen Wandel: "Unser Hauptkonkurrent", sagt Hernandez, "ist jeder, der einen Computer besitzt." Drucken ist eben viel leichter geworden und auch ohne die enormen Betriebskosten eines Lagers wie bei Earl Hays Press möglich. Es werde der Tag kommen, an dem sie schließen müssen, ahnt Hernandez: "Und ich glaube, sie werden uns ganz schön vermissen."



insgesamt 5 Beiträge
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Bastian Schubert, 08.08.2018
1. es geht doch um die Urheberrechte
jeder Film-Praktikant kann doch ein Fake-Tageszeitung erstellen, aber hat er auch die ganzen Urheberrechte beachtet? Da ist doch Earl Hays Press im Vorteil, da weis die Produktionsfirma das sie keine Probleme mit den Rechten hat. Und Earl Hays Press brauch die Druckerzeugnisse nicht mehr selber zu drucken, eine Datei (mit "Digitalem Wasserzeichen") reicht doch. Wenn dann ein Raubkopie in einem anderen Film auftauchen, können so hohe Schadens-Summen gefordert werden. - Die Handeln doch nicht mit Papier - die klaren Urheberrechte sind das Handelsgut. -
Christian Koep, 09.08.2018
2. Da sieht man´s doch wieder
Wieso fällt der blitzgescheiten SPON-Redaktion - und sonst wohl auch keinem - auf, dass die Hays News ein Medium des KGB waren um Schläfer im roten Hollywood zu aktivieren? Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass zwischen den Zeilen kryptische Zeichen versteckt sind, die aussehen wie Druckschmutz, aber in Wahrheit eine Art Proto-QR-Code waren. Die Aktion wurde von der Reagan-Administration aufgedeckt, die dann Matthias Rust mit einem Spezial-Flugzeug nach Moskau geschickt hat. Darin war ein Störsender, der das KGB-Netz mit einem Killer-Virus lahmgelegt hat. Übrigens, das Foto zu "third brightest "Gal" hard to see" stellt nachweisbar die sowjetische Agentin Ludmilla Swerdlowskaja dar, die damals ein Verhältnis mit Larry Hagman, dem jungen Donald T. und Tom Selleck (gleichzeitig!) hatte - ein Grund mehr dieses Staatsgeheimnis hinter Fakenews über eine rein sinnfreie Requisite der 80s zu verharmlosen. (Ich habe in diesem Leserbrief ein paar innovative Anti-Fake-Signale eingefügt, die die Redaktion davon abhalten, ihn zu unterschlagen)
Max Hoberg, 10.08.2018
3. saure Gurkenzeit?
dieser Artikel kann jedes Jahr seit 2007 publiziert werden. So alt sind die Bilder...also SPON wie oft schon? und von wem?
Oliver Haller, 10.08.2018
4. Haha Koep,
sehr gut, wirklich amüsant.
Wolfgang Hauser, 11.08.2018
5. Wieder nur Amerika
Ich würde mich freuen, wenn solche Medienthemen auch mal anhand des deutschen Marktes beleuchtet würden. Da gibt es das Markenproblem mit der Ausstattung in Film und Fernsehen genauso und genauso auch eine Handvoll Firmen und Abteilungen, die Phantasieprodukte fertigen. Dito Randthemen wie Telefonnummern, da haben wir ja keine 555-Vorwahl als Primitivlösung. Ist halt ein bißchen aufwendiger als irgendwas Fertiges aus den USA einzukaufen und nur noch zu übersetzen.
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