Filmlegende Al Pacino Sie nannten ihn Zwerg

Er zählt zu den größten Stars Hollywoods, dabei wollte ihn die Traumfabrik anfangs nur loswerden. Jetzt wird Al Pacino 75. Seine Rollen lebt er, doch manchmal kommt er aus ihnen nicht mehr heraus - mit bizarren Folgen im Alltag.

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Filmproduzent Robert Evans ist sauer. So einer soll einen durchtriebenen Mafioso spielen? Ein, kleiner, schüchterner, introvertierter Milchbubi, den keiner kennt? Warum die Rolle nicht einem Kerl wie Jack Nicholson geben?

Nein, diesen offenkundig unpassenden Schauspieler will Evans am liebsten sofort wieder loswerden. Also weigert er sich konsequent, seinen Namen auszusprechen. Sondern nennt ihn nur abschätzig "Zwerg". Oder "Wicht".

Der Name des "Zwergs": Al Pacino, Oscarpreisträger und heute längst als Gigant Hollywoods gefeiert. In diesen Tagen wird er 75.

Damals, im Spätsommer 1970 erkennt aber nur Francis Ford Coppola das große Talent Pacinos. Der Star-Regisseur soll Mario Puzos Erfolgsroman "Der Pate" verfilmen. Produzent Evans wittert ein gutes Geschäft. Schon seit 67 Wochen steht "Der Pate" auf der Bestsellerliste der "New York Times".

Doch schon bald gerät er mit seinem eigensinnigen Regisseur aneinander: Coppola besteht für die Hauptrolle des Mafioso Don Vito Corleone auf den in Evans' Augen abgehalfterten Marlon Brando. Evans will deshalb wenigstens für die zweite Hauptrolle, Don Vitos Sohn Michael, einen richtig heißen Star - und ist bitter enttäuscht, als Coppola sich für den völlig unbekannten Pacino entscheidet. Wochenlang arbeiten der Regisseur und sein Schützling unter dem Druck, jederzeit gefeuert werden zu können.

"Ob die mich heute Abend rausschmeißen ?"

Wie sehr Evans falsch liegt, zeigt sich nach der Filmpremiere 1972. "Der Pate" wird zu einem Meilenstein der Kinogeschichte und Al Pacino über Nacht ein Weltstar. Seine Darstellungskunst gilt plötzlich als das Maß aller Dinge. Generationen von Nachwuchsdarstellern studieren sein Spiel in "Der Pate" und "Der Pate II" - etwa die berühmte Sequenz, in der Michael Corleone nach vielen Seelenqualen zum Killer wird.

In einem Restaurant erschießt er einen Konkurrenten und einen korrupten Cop. Pacino spielt einen Mann, der scheinbar ganz entspannt mit Geschäftspartnern diniert. Seine Augen aber zeigen seine Zerrissenheit, sein Zögern, seine wachsende innere Anspannung - bis zu dem Moment, in dem er aufspringt und schießt. Ein mythischer Moment der Kinogeschichte, den Pacino später herunterspielte. Er habe beim Dreh der Szene gedacht: "Ob die mich heute Abend wohl rausschmeißen?"

Das mag eine nachträgliche Koketterie sein. Oder auch die eigene, oft bittere Lebenserfahrung.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Aufgewachsen in der Bronx, trennten sich Pacinos Eltern früh. Mit neun Jahren fängt er an, Alkohol zu trinken und zu rauchen. Mit 13 kifft er, die Schule schmeißt er mit 17, ohne Abschluss. Er schlägt sich mit Hilfsjobs durch: Bote, Tellerwäscher, Hausmeister. Das Geld reicht trotzdem nicht. Oft übernachtet er auf der Straße.

Schon früh flüchtet er in die Traumwelt des Theaters und Kinos. Als Teenager steht er im New Yorker Theater-Underground auf der Bühne. Pacino bewirbt sich an der legendären Schauspielschule "Actors Studio" in Hell's Kitchen, an der schon Marlon Brando studiert hatte. Er wird abgelehnt, besucht eine andere Schauspielschule, versucht es vier Jahre später erneut am "Actors Studio" - und wird genommen. Sein Lehrer dort ist der renommierte Theaterregisseur Lee Strasberg, Wegbereiter des "method acting" - der später selbst in "Der Pate II" mitspielen wird.

Dieser Schauspiel-Stil sollte den jungen Pacino sein Leben lang prägen. Ein "method actor" kennt keine Distanz zu seiner Figur. Sie ist nicht nur eine Rolle, die er spielt - er wird zu diesem Charakter. Darin ist Pacino ein Meister. Schwieriger fällt es ihm oft, aus seinen Rollen wieder herauszukommen - mit manchmal bizarren Folgen.

So soll Pacino während der Dreharbeiten zum Cop-Thriller "Serpico" nach Feierabend versucht haben, einen Lastwagenfahrer wegen Umweltverschmutzung zu verhaften, weil dessen Fahrzeug dicke Abgaswolken ausstieß. Und nachdem er in dem Thriller "Insomnia" einen Cop mit Schlafproblemen gespielt hatte, litt er angeblich jahrelang unter Schlaflosigkeit.

Alkohol und Flops

Der Einsatz, den Pacino für seine Rollen zeigt, lohnt sich jedenfalls: 1993 gewinnt er für seine Rolle in "Der Duft der Frauen" den Oscar als bester Hauptdarsteller - zuvor war der Schauspieler mehrmals nominiert worden, aber immer leer ausgegangen. Es ist der Höhepunkt einer Karriere, die anfangs alles andere als glatt verlaufen war.

An die Siebzigerjahre, als Pacino in Klassikern wie "Serpico" oder "…und Gerechtigkeit für alle" seine besten Leistungen abliefert, kann er sich angeblich kaum erinnern. Zu schnell kommt der Aufstieg. "Jeder kennt das großartige Gefühl zwischen dem zweiten und dritten Martini. Das wollte ich haben - immer", sagte er einmal über diese Zeit. Bei drei Drinks blieb es aber selten. Pacino soff exzessiv.

Darunter litt womöglich irgendwann seine Leistung vor der Kamera. Die Komödie "Daddy! Daddy! Fünf Nervensägen und ein Vater" (1982) etwa fällt nicht nur durch einen selten dümmlichen Titel auf, sondern wird auch vom Publikum ignoriert. In dem Thriller "Cruising" (1980) spielt Pacino einen Undercover-Cop, der einen Schwulenmörder jagt - in Ledermontur. Nicht nur Homosexuelle protestieren gegen solch plumpe Klischees. Und auch das Historien-Epos' "Revolution" (1985) - ein Herzensprojekt Pacinos - floppt gnadenlos.

Das Ende des Understatements

Mit einer Rolle wird Pacino in dieser Zeit aber zum Helden aller Machos und Möchtegern-Gangster: Tony Montana aus "Scarface" (1983) ist ein aus Kuba stammender Kokain-Dealer, der mit Schimpfworten genauso wild um sich schießt wie mit seiner M16. Fans wollen im Film mehr als 200-mal das Wort "Fuck" gezählt haben. Pacino spielt die Figur mit rollenden Augen und Geifer in den Mundwinkeln. Eine zugekokste, komplett durchgeknallte Variante eines Gangsterbosses - weit entfernt von der Vielschichtigkeit und Nachdenklichkeit eines Michael Corleone aus "Der Pate".

Auch später bemängeln Kritiker immer wieder, Pacino sei zu einer Parodie seiner selbst verkommen. Kaum ein Film in den Neunzigerjahren, in denen er nicht zu großen Monologen ansetzt. Pacino spielt nicht mehr ökonomisch, sondern raumgreifend, als stehe er vor großem Publikum am Bühnenrand. Die Zuschauer aber lieben diese extravaganten Auftritte.

Vielleicht auch, weil er neben brillanten Darbietungen offenbar keine Angst vor peinlichen Momenten hat. Zuletzt hatte er 2011 wieder so einen Auftritt: in Adam Sandlers unterirdischer Trash-Komödie "Jack und Jill". Darin spielt Al Pacino keinen geringeren als Al Pacino. Häme war ihm sicher.

Der Oscarpreisträger aber kontert in einem Interview gut gelaunt: "Ich könnte mich darüber totlachen. Und immer, wenn ich jetzt Freunden meiner Kinder begegne, sehen die mich bewundernd an und sagen: 'Du bist Al Pacino! Wir kennen dich aus Jack und Jill!''"



insgesamt 26 Beiträge
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Hans Heckenhauer, 24.04.2015
1. Man muss auch mal Humor haben und über sich selbst lachen
deswegen finde ich so Gastauftritte wie bei Jack and Jill (wobei der Film einfach nur scheiße war) völlig in Ordnung. Aber Scarface ist einer der genialsten Filme aller Zeiten.
Michael F., 25.04.2015
2. Wenn ich an Al Pacino
denke, dann denke ich an Any Given Sunday, der Pate, Scarface und Heat. Unsterblich haben die Filme ihn gemacht, und er die Filme.
kay neumann, 25.04.2015
3. Heat
bleibt in dem Artikel genauso unerwähnt wie ANY GIVEN SUNDAY... Da kann man doch schon wieder ins Tablet beißen....
Hatem Porschefahrer, 25.04.2015
4. Heat!
Er hat große Filme gedreht und Schrott, aber in so einem Artikel sollte "Heat" von Michael Mann nicht fehlen, in dem er sich ein beeindruckendes Duell mit Robert de Niro liefert.
kalinda, 25.04.2015
5.
In "Im Auftrag des Teufels " war er nicht minder genial gut!!
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