Alaska-Katastrophe 1964 Das Beben, das Amerika weckte

Berge rutschten zu Tal, Häuser zerplatzten, 169 Menschen starben: Ein massives Beben erschütterte 1964 die Südküste Alaskas - als "Karfreitagsbeben" ging die Katastrophe in die Geschichte ein. Noch Wochen danach vibrierte der Erdball.

Von

Corbis

Zuerst kam das Grollen. Dumpf, drohend, aus dunkler Tiefe. "Wie ein Güterzug", würden sie sich hinterher erinnern, oder: "Wie ein Lebewesen, das auseinander gerissen wird." Sie hörten es in Anchorage und, 650 Kilometer entfernt, auf dem Kodiak Island, in Homer im Süden, Naknek im Westen, Valdez im Osten. Selbst auf den Booten im Prinz-William-Sund.

Fünf Sekunden später tat sich die Erde auf.

Was dann geschah, ist kaum fassbar. Mehr als viereinhalb Minuten lang bebte, krachte, wankte, rüttelte es. Berge rutschten zu Tal, Straßen bäumten sich auf, Brücken stürzten ein, Häuser zerplatzten. In der Downtown von Anchorage, der größten Stadt Alaskas, versanken Autos, Gebäude und Passanten im pulverisierten Boden. Überall brachen Brände aus. Der Meeresboden hob sich, gefolgt von einem Tsunami, der die Häfen ausradierte.

Das große Alaska-Erdbeben vom 27. März 1964 gilt als eine der schlimmsten Naturkatastrophen der Geschichte. Die genaue Zahl der Opfer blieb unklar. Nach offiziellen Angaben hatte es 169 Tote gegeben - dank der Abgeschiedenheit der Region eine glimpfliche Statistik. Die Sachschäden erreichten nach heutiger Rechnung mehr als 2,3 Milliarden Dollar.

Mit einer Stärke von 9,2 auf der Richterskala war es das schwerste je gemessene Beben Nordamerikas. Bis heute ist es, nach einem Beben in Chile vier Jahre zuvor, das zweitschwerste weltweit - heftiger noch als jenes im Indischen Ozean, das 2004 einer Viertelmillion Menschen zum Verhängnis wurde. Noch wochenlang vibrierte der gesamte Erdball - "wie eine Glocke", so das US-Geologieamt USGS. Die tektonische Gewalt jener 278 Sekunden forderte die Wissenschaftler heraus: Das Alaska-Beben dauerte länger als die meisten vorherigen und verschob dabei mehr Erdoberfläche, vertikal wie horizontal.

"Dann war die Welt zu Ende"

"Es war das Beben, das Amerika aufweckte", resümiert der USGS jetzt zum 50. Jahrestag. "Noch nie hatte ich etwas so Zerstörerisches aus nächster Nähe gesehen", erinnert sich USGS-Geologe Art Grantz, der als einer der ersten Außenstehenden in Alaska eintraf. "Alles im Chaos versunken", bestätigte sein Kollege George Plafker. Plafker war aus Seattle eingeflogen, wo die 184 Meter hohe Space Needle schwankte - 3600 Kilometer südöstlich vom Epizentrum.

Es war Karfreitag. Wegen des Feiertags waren die Straßen von Anchorage relativ leer. Viele Einwohner hatten die Stadt, die sich erst fünf Jahre zuvor mit Alaska den USA angeschlossen hatte, fürs Osterwochenende verlassen. Der Zufall entschied, wer überlebte und wer nicht.

Am Ortsrand saßen die achtjährige Penny Mead und ihre Brüder, der zwölfjährige Perry, der vierjährige Paul und der zweijährige Merrell, beim Abendessen, als das Beben um 17.36 Uhr begann. "Es poltert und ächzt und kreischt laut", erinnert sich Mead in der Lokalzeitung "Anchorage Daily News". Das Holzhaus zerbarst, Merrell ruschte in eine Erdspalte: "Ein Riss klaffte und verschluckte ihn." Zugleich sei auch Perry "in ein Loch gesprungen". In Sekunden waren beide Brüder verschwunden. Nur Penny und Paul überlebten.

Anchorage wurde fast komplett zerstört, samt seiner Infrastruktur. Auch der Tower des Flughafens stürzte ein. "Wir guckten fern", schreibt der damals sechsjährige Eric Clark auf einem Beben-Blog. "Dann war die Welt zu Ende."

100 Millionen Tonnen TNT

Die Fissuren, die sich plötzlich durch Alaskas frosterstarrte Felslandschaft zogen, waren ein Echo der geologischen Gewalt im Erdinneren. Unter der Küste des Kontinents treffen zwei tektonische Platten aufeinander: Die Pazifische Platte schiebt sich unter die Nordamerikanische Platte. Da beide Platten ineinander verhakt sind, entlädt sich die Spannung in ruckartigen Erdstößen. An jenem Freitag entsprach dieser Schock rund 100 Millionen Tonnen TNT, dem 63.000fachen der Hiroshima-Atombombe.

Auf 250.000 Quadratkilometern hob das Beben den Boden um bis zu elfeinhalb Meter an. Erdrutsche begruben ganze Gemeinden, anderswo verflüssigte sich der Untergrund zu Steinschlacke. "Fast biblische Ausmaße", so beschrieb der USGS die dramatischen Folgen.

Das Epizentrum lag 125 Kilometer südöstlich von Anchorage unter dem Prinz-William-Sund in 25 Kilometern Tiefe. Auf dem Meeresboden schuf das Beben eine 800 Kilometer lange Verwerfung. Bis zu 67 Meter hohe Tsunami-Wellen verschlangen die Küstenorte Seward, Chenega, Kodiak und Valdez, wo allein 32 Menschen starben, als der Hafen unterging. Selbst 4500 Kilometer südlich im kalifornischen Crescent City forderte der Tsunami noch zwölf Todesopfer. Ausläufer erreichten Peru, Neuseeland und Japan.

"Amerikanern die Augen geöffnet"

Doch das Karfreitagsbeben veränderte nicht nur das Denken der Forscher: "Es hat den Amerikanern die Augen geöffnet für die Realität der Bebenrisiken für Leben und Besitz", sagt der frühere USGS-Direktor Chip Groat. "Es zeigte uns, dass wir es uns nicht leisten können, selbstgefällig zu sein, was Erdbeben angeht, vor allem im seismisch aktivsten Bundestaat."

Der US-Kongress verabschiedete daraufhin das National Earthquake Hazards Reduction Program, das etliche Behörden bei der Erdbebenforschung koordiniert. Die Ozeanografiebehörde NOAA richtete ein Tsunami-Frühwarnsystem ein und Stadtplaner entwickelten in der Folge neue Bauvorschriften.

Das Beben veränderte, wie Wissenschaftler über solche Ereignisse denken. Die Mechanik der tektonischen Platten war noch unerforscht - und dann über Nacht erwiesen. USGS-Mann Plafker war einer der Ersten, die das kapierten.



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insgesamt 5 Beiträge
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Ferdinand Quoos, 27.03.2014
1. 1964
Das ist noch nicht so lange her. Aber das Wunschdenken der Menschheit ist ungebrochen. Stellen wir uns doch einfach mal diese Katastrophe an anderer Stelle vor. Hochhäuser, große chemische Anlagen, mehrere Atomkraftwerke, dicht besiedeltes Land. Mit Arroganz und Ignoranz machen wir immer so weiter, wohl wissend, dass das nächste mal unausweichlich ist. Und wer es ausspricht gilt als Spinner. ...
lizenz, 27.03.2014
2. Die Amis ...
... haben doch sogar ein Atomkraftwerk auf dem Sankt Andreas Graben gebaut. Was soll´s! Wir wären nicht die erste Zivilisation die selbstverschuldet untergeht. Geschichte wiederholt sich.
M K, 27.03.2014
3. Hiroshima-Bombe
Ja, wenns um Sprengkraft und Atomwaffen geht dann stimmen im Sinne der Superlative ja schnell mal die Fakten nicht. In diesem Sinne: Sie sind beim Vergleich mit der Hiroshima-Bombe um eine Kommastelle verrutscht. Wobei diese nicht 16KT hatte sondern nur 12KT, das macht dann etwa 8300x Hiroshima bei 100MT. 100 MT TNT sind 6300x Hiroshima (12KT), nicht 63.000.
Gerhard Kramm, 27.03.2014
4. The 1964 Great Alaska Earthquake
Die Aussage von Herrn Pitzke, dass das Beben eine Stärke von 9,2 auf der Richterskala erreicht habe, ist falsch. Fuer solche Erdbeben ist die Richter-Skala voellig unzureichend. Bei dem 9,2 handelt is sich um die sog. Moment-Magnitude M_w (siehe http://www.usgs.gov/faq/?q=categories/9828/3357). Eine Zusammenfassung zu diesem Alaska-Erdbeben findet man unter http://pubs.usgs.gov/fs/2014/3018/pdf/fs2014-3018.pdf Danach betraegt die Zahl der Todesopfer 129. Allerdings wird in der Zusammenfassung des Alaska Earthquake Information Center des Geophysical Institute, University of Alaska Fairbanks, http://www.aeic.alaska.edu/quakes/Alaska_1964_earthquake.html eine Zahl von 131 genannt, wobei 115 Opfer in Alaska und 16 in Oregon und Kalifornien zu beklagen waren. Die Zahl 169, die von Herrn Pitzke genannt wurde, ist zu hoch. Was typisch ist, ist der 2. Kommentar. Offenbar koennen einige Herrschaften nicht mehr klar denken. Gaebe es in Deutschland ein Erdbeben der Moment-Magnitude M_w = 9,0 und eine nachfolgende Tsunami, wie es beim Erdbeben in Japan vom 11. Maerz 2011 der Fall war, dann waeren Kernkraftwerke das geringste Problem. Die Zahl der Todesopfer betrug bei diesem japanischen Erdbeben nach USGS 15.703; 4.647 Personen werden vermisst. Aber es wird nur vom KKW Fukushima schwadroniert. Beim Erdbeben vor der Westkueste von Sumatra vom 26. Dezember 2004 kamen fast 228.000 Menschen ums Leben. Obwohl dieses Erdbeben noch staerker und verheerender war als das vor der Ostkueste von Honshu, bezeichnete die Bundesministerin fuer Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit das japanische Erdbeben als das staerkste Seebeben und schwadronierte dann vom Fukushima-Desaster.
Bernd Bausch, 28.03.2014
5.
"die Stadt, die sich erst fünf Jahre zuvor mit Alaska den USA angeschlossen hatte" Naja, natürlich war Alaska schon vorher ein Teil der USA, nur nicht ein eigener Staat. Fünf Jahre zuvor hat sich Alaska entschieden, ein Staat, und damit teilunabhängig, zu werden.
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