Botschaftsstürmung in Tirana Ein Baby namens Germana

Acht Monate nach dem Fall der Berliner Mauer regierte in Albanien noch immer das kommunistische Regime. Dann ergriffen deutsche Diplomaten die Initiative und boten Tausenden im Garten der Botschaft Unterschlupf.

Lothar Parzeller

Von Fred Abrahams


Ervis Gega war gerade 16, als Anfang Juli 1990 Tausende verzweifelter Albaner ausländische Botschaften in der Hauptstadt stürmten. Gega und ihre Verwandten lebten damals in Fier, einer Stadt rund hundert Kilometer südlich von Tirana. Von den Ereignissen erfuhren sie aus dem italienischen Fernsehen - und überlegten nicht lange. Als Musiker litten sie seit vielen Jahren unter der Herrschaft der Kommunisten.

In Albanien regierte die Arbeitspartei acht Monate nach dem Fall der Berliner Mauer weiterhin mit harter Hand. Im Sommer 1990 standen in dem völlig abgeschotteten Balkanstaat die Statuen Stalins und des 1985 gestorbenen langjährigen Diktators Enver Hoxha noch fest auf ihren Sockeln.

Das Mädchen griff nach ihrer Geige und stieg gemeinsam mit Eltern, Tante und Onkel in den Zug nach Tirana. Als sie ankamen, war das Diplomatenviertel bereits von Sicherheitskräften umstellt. Der Familie gelang es, die Polizei zu bestechen - und so konnten auch sie noch über die Mauer der bundesdeutschen Botschaft klettern.

Binnen weniger Tage drangen mehr als 3000 Menschen auf das Gelände vor. Viele von ihnen kamen durch ein Loch in der Mauer, die am 3. Juli von einem mit vier Männern besetzten Lastwagen durchbrochen worden war. Hunderte Albaner besetzten auch die diplomatischen Vertretungen Griechenlands, Italiens und Frankreichs. Drei Flüchtlinge verschafften sich knapp vier Monate vor der Wiedervereinigung Deutschlands Zugang zur Botschaft der DDR.

Polizei verschonte Flüchtlinge

Die Moral der Sicherheitskräfte war am Boden. Auf den Ansturm der Flüchtlinge reagierten sie zumeist mit Zurückhaltung. Selbst bei einem Schießbefehl hätten die Polizisten wahrscheinlich nicht das Feuer eröffnet. Wie alle anderen wollten auch sie eigentlich nur so rasch wie möglich raus aus dem Land.

Westliche Diplomaten ermunterten die Albaner, die Mauern ihrer Botschaften zu überwinden. "Mir war klar, dass ein massenhafter Exodus zum Zusammenbruch des Regimes führen würde", sagte Werner Daum, der damalige Leiter der deutschen Botschaft, der schon bald die Scheinwerfer einschalten und die Tore öffnen ließ.

Ehemalige Mitglieder des albanischen Politbüros und Geheimagenten erklärten später, dass sie Informationen über die ausländische Unterstützung für einen geplanten Sturz der Regierung gesammelt hatten. Hinter dem Komplott vermutete die Regierung Deutschland, Italien, Frankreich, Jugoslawien und Griechenland. "Alles wirkte recht spontan, doch ganz sicher hatten andere ihre Hände mit im Spiel", sagte Ramiz Alia, der letzte kommunistische Staatschef Albaniens.

Party nach deutschem WM-Sieg

Am 7. Juli hielten sich 3199 Menschen auf dem Grundstück der deutschen Botschaft auf. Sie schliefen im Garten und verrichteten ihre Notdurft in einer neugegrabenen Latrine. Eine Frau brachte in den Tagen ein Mädchen zur Welt, das sie aus Dankbarkeit Germana taufte. In der Botschaft von Italien kamen 870 Albaner unter, etwa 500 harrten in der Vertretung Frankreichs aus.

"Es war sehr voll, aber die Leute waren glücklich", erinnert sich Gega ein Vierteljahrhundert später in ihrem Haus in Bonn. "Jeden Abend schauten wir uns Spiele der Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen an. Als Deutschland dann den Titel holte, feierten wir eine Party."

Die Regierung von Albanien weigerte sich, den Botschaften Lebensmittel und Zelte für die Flüchtlinge bereitzustellen. Entweder ihr bringt sie außer Landes oder ihr übergebt sie der Polizei, hieß es. Die Behörden drehten den Diplomaten das Wasser ab und schleusten Spione ein, die herausbekommen sollten, warum so viele Albaner plötzlich das Land verlassen wollten.

Endlich Jeans und Motorrad

"Der Grund war, dass niemand mehr an die geltenden Regeln glaubte", erfuhr ein Agent von einem Flüchtling in der deutschen Botschaft, wie in einem albanischen Geheimdienstbericht nachzulesen ist. "Ich möchte endlich Jeans und moderne Kleidung anziehen, die Leute meines Alters im Ausland tragen", gestand ein anderer Albaner. "Außerdem wünsche ich mir ein Motorrad."

Gegas Familie war bei dem Regime in Ungnade gefallen. Verwandte waren inhaftiert und zum Tode verurteilt worden. Obwohl das Mädchen Talent hatte, durfte es weder Musik studieren noch im Chor singen.

Am 8. Juli kam ein Gesandter der Vereinten Nationen zu Gesprächen nach Tirana. Die Regierung verkündete danach, dass diejenigen, die im Ausland Asyl suchten, gehen dürften. Kommunistenchef Alia war sich darüber im Klaren, dass all diese Menschen selbst unter dem Versprechen der Immunität nicht freiwillig nach Hause zurückkehren würden.

Zwei Tage später holte Václav Havel, der wenige Tage zuvor gewählte Präsident der neuen Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik, 51 Albaner aus der Botschaft seines Landes in Tirana ab. "Lang lebe Havel!", jubelten sie bei ihrer Ankunft in Prag.

Uhren und Geld aus Bussen geworfen

Um vier Uhr früh ließen die Behörden am 12. Juli alle übrigen Ausreisewilligen in Bussen in die Hafenstadt Durres bringen. Per Schiff ging es dann weiter nach Italien. Bewohner umliegender Dörfer standen am Straßenrand und winkten ihnen zum Abschied zu. Die Menschen in den Bussen schleuderten Armbanduhren und Geld aus den Fenstern, um ihre Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.

Vom Deutschen Roten Kreuz begleitet, kamen Gega und ihre Verwandten zusammen mit zahlreichen anderen Albanern in drei Zügen von Italien nach Deutschland. Nach der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge war das Ende der kommunistischen Alleinherrschaft in Albanien nur noch eine Frage der Zeit.

Nach heftigen Studentenprotesten stimmte das Zentralkomitee im Dezember 1990 einer pluralistischen Staatsordnung zu. Zwei Monate später wurde Hoxhas Bronzestandbild auf dem Skanderbeg-Platz in Tirana gestürzt. Nachdem die Arbeiterpartei am 31. März 1991 die erste Mehrparteienwahl gewonnen hatte, wurde Alia zum Staatspräsidenten gewählt, übte dieses Amt aber nur etwa ein Jahr lang aus.

Gega spielt inzwischen als Konzertmeisterin in der Klassischen Philharmonie Bonn und tritt weltweit als Solistin auf. "Ich bin Albanerin, meine Heimat ist Albanien", sagt sie. "Mein Zuhause ist aber Deutschland."

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insgesamt 5 Beiträge
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Bahri Selaci, 12.07.2015
1. Shqiptari
Was soll ich sagen nur danke Deuschland.
Hans Mayer, 12.07.2015
2. Damals
Damals wurden Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Heute würde man die selben Flüchtlinge als potentielle Terroristen behandeln und am liebsten zurückschicken.
Jürgen Pengel, 13.07.2015
3. Die Recherche könnte besser sein
Dr. Werner Daum war seinerzeit Stellvertreter des Botschafters, der durch Abwesenheit glänzte (das war allerdings vom Auswärtigen Amt so gewollt). Insgesamt haben während der Botschaftsbestzung 3 Albanerinnen auf dem Kanzleigelände entbunden. Es ist richtig, dass auch die Griechische Botschaft (unmittelbarer Nachbar der Deutschen Botschaft) von Flüchtlingen besetzt wurde. Allerdings verließen alle griechischen Botschaftsmitarbeiter das Kanzleigebäude und überließen die Flüchtlinge ihrem Schicksal. Die meisten dortigen Flüchtlinge fanden dann ebenfalls in der Deutschen Botschaft Zuflucht.
Niklas Weber, 14.07.2015
4.
Ein Beispiel für Hilfe, ein Beispiel für Integration. Es sollte immer so sein. Wir haben nach wie vor die Pflicht Menschen zu helfen!
Fred Abrahams, 14.07.2015
5. Fred Abrahams
Danke, Herr Pengel. Viele Einzelheiten musste ich auf Grund der Wortgrenze weglassen. Aber Sie können mehr über dieses und andere Albanien Ereignisse im Buch lesen: www.modern-albania.com.
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