Einsteins Freundin Marie Winteler Liebe ist relativ

Die Beziehung zwischen Albert Einstein und seiner ersten Freundin Marie Winteler war weit mehr als ein Jugendflirt - das verraten Briefe, die nun ausgewertet wurden.

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Von Mathias Plüss


Es sind die dramatischsten Zeilen, die Albert Einstein jemals einer Frau schrieb:

"Als ich Deinen Brief las, da war es mir, wie wenn ich zusähe, dass mein Grab gegraben wird. Das Restchen Glücks, das mir noch geblieben war, ist zerstört, es bleibt nur ein trostloses Pflichtenleben übrig."

Die Adressatin war weder seine erste Ehefrau Mileva, noch die zweite, seine Cousine Elsa, noch eine seiner zahlreichen Geliebten. Vielmehr richtete Einstein diese Worte an seine einstige Jugendliebe Marie Winteler. Die Biografen hatten diese bislang als Schwärmerei abgetan. Briefe, die im Bernischen Historischen Museum lagerten, aber erst 2018 veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Beziehung viel intensiver war als gedacht. Und dass sie in späteren Jahren nochmals aufflammte.

Marie Winteler war ein einfaches Mädchen aus Aarau, der Hauptstadt des Schweizer Kantons Aargau. Sie galt als die hübscheste der Töchter der Gastfamilie, bei der Albert Einstein als Jugendlicher für ein Jahr wohnte, um am örtlichen Gymnasium die Matur nachzuholen. Diese brauchte er, um am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich studieren zu können.

Als er im Oktober 1895 bei Familie Winteler einzieht, ist Marie 18 und hat soeben das Lehrerinnen-Seminar abgeschlossen. Einstein, gerade mal 16 Jahre alt, muss sich augenblicklich sehr heftig in sie verliebt haben. Der umfangreiche Briefwechsel, der bislang größtenteils unbekannt war, setzt ein, als sie im Januar 1896 auszieht, um ihre erste Stelle anzutreten.

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Einstein und die Frauen: "Die Liebe macht uns groß und reich"

"O, bei uns ist es jetzt so öd, so öd geworden, seit Sie uns durchgebrannt sind; und in meinem Hirn noch viel, viel öder und dümmer", hebt der erste Brief an - und setzt damit den Ton für die zahlreichen weiteren, die in hoher Kadenz folgen. Einsteins bevorzugte Themen sind die Musik, welche die beiden verbindet (er spielt Geige, sie Klavier), die Würste und Kirchweihnudeln, mit denen er sie zu mästen gedenkt, weil sie ihm zu dünn vorkommt, und die lange Zeit bis zum nächsten Wiedersehen - obwohl es meist nicht mehr als ein paar Tage sind.

Die Briefe zeigen das Jahrhundertgenie als Romantiker mit Hang zum Schwulst: "Welch unendliches Glück ist das Gefühl: Wir sind eine Seele zu sammen! ... Die Liebe macht uns groß und reich und kein Gott kann sie uns nehmen!" Albert nennt seine Geliebte gern "Mäuserl" und "Schätzchen", oder dann "Mariechen", "Herzensmariechen", "Goldmariechen".

Doch das reine Glück dauert nicht viel länger als ein Jahr. Im Oktober 1896 zieht Einstein nach Zürich, um sein Studium aufzunehmen. Dort lernt er die Serbin Mileva Mari kennen, seine Kommilitonin und künftige erste Ehefrau. Er gerät ins Wanken und hört zeitweise auf, an Marie zu schreiben, obwohl er ihr noch immer die Schmutzwäsche schickt. Nun ist auch sie verunsichert.

Offenbar ist Einstein durchaus gewillt, Marie zu heiraten. Seine Mutter reist eigens nach Aarau, um die Beziehung zu retten. Doch Marie, beleidigt durch sein zeitweises Zögern oder ahnend, dass er auch als Ehemann ein unsicherer Kompagnon wäre, gibt ihm schließlich einen Korb. "Ich liebe Sie von tiefster Seele und verehre Ihr edles Gemüt", schreibt er ihr Ende März 1897. Aber er sei bereit, den schmerzhaften Entscheid seines "grausamen Liebchens" zu akzeptieren.

Schäferstündchen in Bern

Vergessen kann Albert seine Marie nicht. In den nächsten Jahren geht er ihr aber ziemlich konsequent aus dem Weg. Er weiß, dass sonst seine Seelenruhe in Gefahr wäre: "Wenn ich das Mädchen wieder ein paarmal sähe, wär ich gewiß verrückt, das weiß ich & fürcht ich wie das Feuer." Marie ihrerseits scheint nachhaltig verbittert zu sein. Sie arbeitet zeitweise als Lehrerin, ist aber oft krank. Eine furchtbare Familientragödie setzt ihrer Seele noch mehr zu: 1906 erschießt ihr psychisch kranker Bruder im Aarauer Elternhaus ihre Mutter und ihren Schwager. Die Mutter stirbt in Maries Armen.

Es ist vermutlich im Sommer 1909, als die Beziehung erneut auflodert. Marie ist nun 32, Albert 30 Jahre alt. Er wohnt in Bern, hat hier bahnbrechende Arbeiten veröffentlicht, aber die Ehe mit Mileva ist in der Krise. Da erinnert er sich an Marie, mit der er einst so unbeschwerte Stunden verbracht hatte. In der Folge kommt es zu mehreren intimen Treffen. Wir wissen davon dank drei Briefen und einer Postkarte aus dem Bernischen Historischen Museum - zuvor war diese Affäre völlig unbekannt.

Wieder ist die Liebe heftig. Man trifft sich auf dem Berner Hausberg Gurten, im Bremgartenwald, in Zollikofen. "Für mich bedeuten jene Stunden den Höhepunkt des Lebens", schreibt er ihr. Doch abermals legt sich bald ein Schatten über die Beziehung - nach dem goldenen Sommer ist es offenbar vorbei mit den Rendezvous. Auch diesmal ist es Einstein, der um seine Liebe kämpft.

Marie im Trotz

"Heute Morgen wollte ich zu Dir fahren, weil ich es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten zu können glaubte", schreibt er ihr im März 1910. "Ich denke in innigster Liebe an Dich in jeder freien Minute und bin so unglücklich wie nur ein Mensch es sein kann. Verfehlte Liebe, verfehltes Leben, so klingt es mir immer nach." Keiner anderen Frau hat er solche Zeilen geschrieben.

Marie lässt sich nicht erweichen. Vielmehr entschließt sie, die genug Erfahrung mit Einsteins Wankelmut hat, sich zu einer Art Trotzreaktion: Sie heiratet einen Mann, den sie gar nicht liebt, den Berner Uhrenfabrikanten Albert Müller. Als sie Einstein ihren Entschluss im Sommer 1910 mitteilt, ist dieser am Boden zerstört. Und reagiert mit den eingangs zitierten Worten, wonach er nun gewissermaßen in sein eigenes Grab blicke.

Vermutlich sahen sich die beiden zeitlebens nie wieder. In sicherer Distanz von der Frau, die ihn so leicht entflammen konnte, heilten Einsteins Wunden. Marie Winteler hingegen kam nie über den Bruch hinweg, obwohl sie ihn initiiert hatte. Sie gebar zwei Söhne, doch ihre Ehe verlief von Anfang an unglücklich. Nach der Scheidung 1927 verzichtete sie freiwillig auf Alimente und hielt sich mit Klavierstunden über Wasser.

In den Dreißigerjahren durchlebte sie eine psychische Krankheit, verbrachte fast fünf Jahre in einer Klinik. 1938 nahm sie brieflich wieder Kontakt mit Einstein auf, der schon längst in die USA emigriert war. Sie sandte ihm Gedichte und auch ein Foto, berichtete von ihrer großen Armut und bat ihn, besonders nachdem der Krieg ausgebrochen war, immer dringender um Geld und um die Möglichkeit, nach Amerika zu kommen. Schließlich hatte er ihr in glücklichen Tagen versprochen, ihr zu helfen, wenn sie einmal in Not wäre.

Einstein, der während des Krieges mit den Briefen von Hunderten von todgeweihten Europäern bombardiert wurde, reagierte distanziert. Er antwortete zwar, schickte auch einmal ein wenig Geld - auf die Bitte um Emigration ging er nicht ein.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Marie Winteler in der "Kantonalen Irrenanstalt" im bernischen Meiringen. Kurz vor dem Tod beschrieb sie auf Anfrage eines Biografen ihre Beziehung zu Einstein: "Er hätte mich sehr gerne geheiratet. Aber ich war durch allerlei Vorkommnisse störrisch geworden und hieß ihn den Weg der Pflicht gehen. … Auch später verblieb ich in meinem Trotz, der ja eigentlich ein großer Schmerz war als ich schon lange eingesehen hatte, dass es die Schuld einer Frau war, die unsere Liebe gestört hatte."

Marie Winteler starb am 24. September 1957 in Meiringen im Alter von 80 Jahren. "Die Wintelers", hatte sie ihrem Albert einmal geschrieben, "haben fast alle kein Glück gehabt".

insgesamt 2 Beiträge
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Albert Augustin, 12.10.2018
1. Besser als Trump und Bayern
dieser ausgezeichnete Artikel aus dem Feuilleton des Spiegel. Ich würde gerne mehr von dieser Redaktion lesen, Berichte über Trump, Söder, Seehofer, NSU und wie die beim Spiegel so beliebten Themen alle heissen überblättere ich, lese nicht mal das Lead.
Stephan Schwebs, 13.10.2018
2.
Schön zu sehen das auch ein „Genie“ nur ein normaler Mensche war
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