Albert Schweitzer im Film Orgeln im Urwald

Der "Urwalddoktor" wird zum Kino-Star - wieder einmal. Der neue Streifen "Albert Schweitzer - Ein Leben für Afrika" nimmt es mit der Historie nicht so genau und macht aus der CIA-Bespitzelung Schweitzers eine Agentenklamotte. Dabei ist das Leben des Friedensnobelpreisträgers auch so spannend genug.

Corbis

Von Ralf Bülow


Albert Schweitzer wanderte vom ersten Lebenstag zwischen den Welten. Das Dorf Kaysersberg unweit von Colmar, wo er am 14. Januar 1875 geboren wurde, lag im sogenannten Reichsland Elsass-Lothringen, welches das kaiserliche Deutschland vier Jahre zuvor den Franzosen weggenommen hatte. Sein Vater war evangelischer Pfarrer in einer katholischen Gegend, ein Onkel Kaufmann in Paris. Seine Muttersprache war das Alemannische des Oberelsass, Französisch lernte er in der Familie, Hochdeutsch wohl erst in der Schule.

Das Abitur machte Albert Schweitzer mit 18 Jahren in Mülhausen, und im Schnelldurchgang schaffte er das Studium: 1899 Philosophie-Promotion in Berlin, 1900 Doktor der Theologie in Straßburg, 1902 Habilitation und Aufnahme der Lehrtätigkeit. Mit seiner Geschichte der Leben-Jesu-Forschung schuf der junge Dozent 1906 ein Jahrhundertwerk der Bibelkunde. Als Vikar an der Straßburger Nikolaikirche traute er 1908 den künftigen Bundespräsidenten Theodor Heuss mit seiner Braut Elly Heuss-Knapp.

Doch Philosophie und Theologie genügten Albert Schweitzer nicht. Während der Studienzeit perfektionierte er sein Orgelspiel beim Pariser Komponisten Charles-Marie Widor; es folgten dickleibige einflussreiche Bücher über den Komponisten Johann Sebastian Bach und über die deutsche und französische Orgelbaukunst. Ermöglicht wurden solche Leistungen durch eine unglaubliche Energie, eine eiserne Gesundheit und die Tatsache, dass er mit wenigen Stunden Nachtschlaf auskam.

Schnurrbart und Tropenhelm

Schon 1896 hatte Schweitzer ein Gelübde abgelegt: Bis zum 30. Lebensjahr würde er der Wissenschaft und der Kunst widmen - und anschließend der Menschheit dienen. Im April 1913 brach er mit seiner Ehefrau Helene samt siebzig Kisten Fracht nach Zentralafrika auf, nachdem er sich schon 1905 bei den Missionaren in der französischen Kolonie Kongo beworben hatte. Vor der Abreise hatte er aber noch ein Medizinstudium eingeschoben.

Das Ziel der Schweitzers war die 1876 von Amerikanern gegründete Missionsstation Lambaréné am Dschungelfluss Ogowe. Direkt am Äquator und inmitten eines feuchtheißen Klimas richtete das Ehepaar ein Spital ein, in dem sie die Kranken und Verletzten der Umgebung versorgten. Am Tropenklavier mit Orgelpedal - ein Geschenk der Pariser Bach-Gesellschaft - orgelte Schweitzer auch im Urwald weiter. Doch dann brach in Europa der Erste Weltkrieg aus, und im September 1917 fand sich das Ehepaar in einem Internierungslager in Frankreich wieder. 1918, noch vor Kriegsende, durften die beiden bei einem Gefangenenaustausch über die Schweiz nach Deutschland ausreisen.

Nach dem ersten Afrikaaufenthalt entwickelte sich der Albert Schweitzer, den die Welt noch heute kennt: buschiger Schnurrbart, wildes weißes Haar und Tropenhelm. Abwechselnd weilte er in Lambaréné und Europa; hier praktizierte er im Krankenhaus oder überwachte den Ausbau der Station, dort absolvierte er Konzert- oder Vortragsreisen, nahm Schallplatten auf, hielt Vorlesungen und heimste gelegentlich Kulturpreise ein. 1949 bereiste er auch die USA; im Oktober 1947 nannte ihn die Illustrierte "Life" gar "the greatest man in the world".

Medienphänomen im Urwald

Endgültig zum Mythos wurde Schweitzer, als ihm 1953 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. Da war er bereits zur Filmfigur avanciert, 1952 in dem französischen Spielfilm "Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer". Mit dem Nobelpreis aber wurde der "Urwalddoktor" endgültig zum Medienphänomen. Der halbdokumentarische Streifen "Albert Schweitzer" des Amerikaners Jerome Hill gewann 1957 sogar einen Oscar. Auch Journalisten zog es in Scharen nach Lambaréné - aber nicht alle fanden schön, was sie dort sahen. Kritische Besucher zeichneten das Bild eines alten Mannes, der lieber kommandierte als diskutierte und eines Krankenhauses voller Schmutz und heruntergekommener Gerätschaften.

Mehr als ein halber Jahrhundert später ist es schwer, Wahrheit und Fiktion zu trennen. Tatsache ist, dass Albert Schweitzer ein Kind seiner Zeit war. In seinen Schriften titulierte er die Afrikaner als "Primitive" oder "Wilde" und sah sich ihnen gegenüber als älterer Bruder, der Freundlichkeit mit Autorität paart. Zugleich machte er aber keinen Hehl aus seiner Kritik am Kolonialismus: "Eine große Schuld lastet auf uns und unserer Kultur."

Noch 1957, bereits über achtzig Jahre alt, begann Albert Schweitzer ein neues Kapitel des öffentlichen Wirkens. Am 23. April strahlte Radio Oslo seinen Aufruf für die Einstellung von Atombombenversuchen aus. Drei weitere Appelle gingen 1958 auf Sendung. Damit reihte sich der Arzt in eine weltweite Bewegung von Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern und Publizisten ein, die schließlich zum internationalen Abkommen von 1963 führte, das Atomtests in der Atmosphäre, im Kosmos und unter Wasser untersagte. Das erlebte Schweitzer noch; er starb am 4. September 1965 in Lambaréné, inzwischen Teil von Gabun.

Fakten und Fiktion

Wie Schweitzers englischer Biograph James Brabazon herausfand, landeten vier Briefe, die der Arzt 1957 an Radio Oslo geschickt hatte, beim US-Geheimdienst CIA, der sie an John Foster Dulles weiterreichte, den Außenminister und Bruder von CIA-Chef Allen W. Dulles. Nach den drei Aufrufen von 1958 suchte die amerikanische Botschaft in Oslo eifrig nach kommunistischen Hintermännern, konnte aber nur berichten, dass Schweitzer seine Texte handgeschrieben eingereicht habe und dass sie der Sender übersetzte.

Brabazon schrieb auch das Originaldrehbuch zu dem neuen Schweitzer-Spielfilm. Doch nach Brabazons Tod 2007, so scheint es, wurde in seinem Skript einiges geändert. In "Albert Schweitzer - Ein Leben für Afrika" wird aus der CIA-Überwachung ein veritabler Agententhriller, der zudem aus den späten Fünfzigern ins Jahr 1949, verlegt wird, als sich der Dschungelarzt noch nicht für Atomversuche interessierte. Und der USA-Besuch, mit dem die Story einsetzt, fand zu einer Zeit statt, als noch gar keine sowjetische Atombombe explodiert war. Es empfiehlt sich also, nicht alles zu glauben, was von Schweitzer nun auf der Leinwand zu sehen ist. Erinnern sollten wir uns aber an Albert Schweitzers philosophisches Vermächtnis, seine Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben - und vielleicht an den gefühlvollen Dokumentarfilm von 1957, der auch auf YouTube zu sehen ist.



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