"Asterix"-Schöpfer Uderzo Beim Teutates!

Jahrzehntelang bescherte Albert Uderzo der Welt immer neue "Asterix"-Abenteuer. Heute wird er 90 - fast so alt wie der störrische Methusalix im Comic. Ein Streithammel ist der Zeichner auch im echten Leben.

Paris Match/ Getty Images

Ach, das Altwerden! "Mit zunehmendem Alter verliert das Leben seinen Reiz", sagte 2009 im Jubiläums-Comic "Das Goldene Buch" ein altgewordener Asterix - zum 50. Geburtstag der Comicreihe.

Der Ton war neu. Zuvor waren alte Männer vor allem Gegenstand von Witzen. Methusalix, mit 93 Jahren Dorfältester, wurde bei seinem ersten Auftritt in "Asterix bei den Olympischen Spielen" noch als Lustgreis dargestellt. Und in "Asterix auf Korsika" kommentierten die Alten auf dem Schlachtfeld das späte Erscheinen der jungen Krieger nur lakonisch mit: "Diesen Jungs geht jeder Sinn für Pünktlichkeit ab!"

Doch der alternde Asterix, der seine Lebensfreude verliert - es ist vermutlich die schmerzhafteste Stelle in der gesamten "Asterix"-Historie, den Krieger und seinen Kumpel Obelix grau, gebeugt, greisenhaft auf der Bank sitzen zu sehen. Und vielleicht die ehrlichste.

82 Jahre alt war "Asterix"-Zeichner Albert Uderzo da. Die Zeichnerhand wollte längst nicht mehr so, wie der Zeichner wollte, wie er im Interview auch zugab. 2008 war seine Autobiografie erschienen, im Jahr darauf - zum 50. Jubiläum der Figur - sein finales "Asterix"-Abenteuer "Das goldene Buch". Dann war Schluss. Jedenfalls für Uderzo. Das Duo Jean-Yves Ferri und Didier Conrad übernahm die Arbeit an den folgenden Bänden.

Goscinny starb schon 1977

Wer will es ihm verdenken? Inhaltlich waren die "Asterix"-Abenteuer zu dem Zeitpunkt nur noch ein fahler Schatten ihrer selbst. Spätestens seit 1977, als René Goscinny überraschend starb, Autor der ersten 24 "Asterix"-Alben. Es geschah mitten in der Entstehung von "Asterix bei den Belgiern". Der Verlag zwang Uderzo, das Album trotzdem fertig zu produzieren, das darum mit seitenweise grauem Himmel endet.

Was danach kam, war von Uderzo nicht nur gezeichnet, sondern auch getextet - größtenteils ein Trauerspiel aus faden Gags und notdürftig zusammengezimmerten Plots. Damit kratzte er am Ruhm seines eigenen Werks.

Andererseits: Muss man Uderzo nicht Narrenfreiheit zugestehen? Immerhin ist er ein einzigartiger europäischer Comiczeichner und sein filigraner und nur scheinbar so fusseliger, in Wahrheit aber aufgeräumter Strich eine Schule für sich. Unvergessen bleiben die Nase von Cleopatra, das "Tock! Tock! Tock!" von Obelix, der sich an die Stirn tippt.

Trotz Uderzos ungeheuren Talents - seine Karriere als Comiczeichner war zunächst nicht absehbar: Geboren wurde er 1927 als Kind italienischer Einwanderer und wuchs in bitterarmen Verhältnissen auf. Zunächst arbeitete er als Kuhhirt, dann als Mechaniker, bevor er schließlich Trickfilmer und Comiczeichner wurde.

"Diese Fremden da sind nicht von hier!"

Von den Franzosen wurde die Familie relativ schnell eingebürgert: "Frankreich war gastfreundlich", erinnerte er sich in seiner Autobiografie. Doch die Nationalsozialisten rekrutierten den minderjährigen Albert zur Zwangsarbeit. Nicht nur den Humor, auch die Abneigung gegen Nazis hatte er mit René Goscinny gemein, dem Juden polnischer Herkunft, aufgewachsen in Argentinien. Mehrere Verwandte Goscinnys waren in Konzentrationslagern gestorben.

In "Das Geschenk Cäsars" ließen Goscinny und Uderzo ihren Methusalix sagen: "Ich hab' nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!" Beide waren Fremde in Frankreich, vom Land gut aufgenommen. Beide hatten erlebt, wohin die Ideen eines Reiches und übertriebener Nationalstolz führen konnte.

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Legendärer Zeichner Uderzo: Albert Methusalix

Darin finden sich die Wurzeln jenes europäischen "Asterix'", der meist liebevoll die Eigenheiten der europäischen Nationen karikiert - außer bei den Deutschen, pardon: "Goten". Uderzo zeichnete das gallische Dorf als idealisiertes Spiegelbild des osteuropäischen Schtetl. Und gegen den grassierenden Imperialismus stellte er immer wieder die Einheit der europäischen Völker dar - trotz all ihrer Eigenheiten.

Seine ersten grafischen Inspirationen bekam Uderzo aus den Comics, die er in den Dreißigerjahren als Kind las. Freilich nicht die aus Belgien, wie etwa Hergés damals schon immens erfolgreiches "Tim & Struppi" oder die ersten Nummern von Franquins "Spirou". Sondern die aus Übersee, vor allem aus dem Haus Disney.

Der doppelte Uderzo

Das waren noch nicht die "Donald Duck"-Geschichten von Carl Barks; die gab es damals noch nicht. Es waren die Comicstrips von Floyd Gottfredson mit Micky Maus. Micky war damals tatsächlich eine interessante Figur: klein, gewitzt, sich von Job zu Abenteuer zu Job hangelnd, ein bescheidener Underdog. Ihm zur Seite der übergroße, tumbe Goofy.

Es fällt nicht schwer, in diesem Figurenverhältnis die Keimzelle von Asterix und Obelix zu sehen, und in Gottfredsons semirealistischem Strich eines der Vorbilder für Uderzos Zeichenstil. Später, im "Asterix"-Album "Gallien in Gefahr", hat Uderzo der Maus ein überlebensgroßes Denkmal gesetzt.

Überhaupt war Uderzo geprägt von überraschenden Vorbildern. Seine Vorliebe für den realistischen Strich etwa hatte er vom US-Zeichner Milton Caniff ("Terry und die Pirates"), den Hang zur kreativen Schriftgestaltung von Walt Kelly, bekannt für sein Comic-Opossum "Pogo". Und den Drall zur Persiflage von den frühen "MAD"-Heften.

Das Ergebnis war ein grafisch nahezu doppelter Uderzo: Er konnte realistische Abenteuercomics (wie die Fliegercomic-Serie "Tanguy & Laverdure") ebenso überzeugend zeichnen wie die lustigen Eskapaden eines "Asterix'" und seiner vielen Vorläufer.

Es wäre sowieso ungerecht, Uderzo auf den knubbeligen Gallier zu reduzieren. Viele seiner Comics davor, der Indianer "Umpah-Pah", der Reporter "Luc Junior", der Pirat "Pitt Pistol" - alle stehen tief und zu Unrecht im Schatten des "Asterix". Der war zu Anfang nur einer unter vielen, schnell in einer Nacht mit viel Pastis ausgebrütet, in einem der "Arbeiterschließfächer" des Pariser Vororts Bobigny, wo Uderzo damals wohnte.

Er klagte gegen alles mit -ix

Vielleicht wirkte der Gallier auch deshalb zu Anfang etwas schludrig im Aussehen. Lange zeichnete Uderzo "Tanguy & Laverdure" und "Umpah-Pah" parallel zu "Asterix", produzierte jeden Tag eine fertige Albenseite - ein ungeheurer Aufwand.

Er hätte es leichter haben können. Sein Bruder Marcel, ebenfalls Comiczeichner, gehört zu den wenigen, die Alberts Stil glaubwürdig nachahmen können. Marcel hat neben einer "Asterix"-Kurzgeschichte die Comicadaption des Films "Asterix erobert Rom" gestaltet.

Albert Uderzo jedoch verbot die Wiederveröffentlichung beider Comics und erstellte von "Asterix erobert Rom" später sogar eine eigene Bilderbuchfassung, um die Spuren ganz zu tilgen. Die Brüder eint eine innige Feindschaft: Albert erwähnt Marcel in seiner Autobiografie praktisch nicht, als einziges Familienmitglied.

Wie überhaupt der späte Albert eher als Streithammel denn als Zeichner auffiel. Er führte Prozesse gegen so ziemlich alles, was auf -ix endet, gegen die deutschen Comiczeichner Ralf König und Walter Moers - und sogar gegen seine eigene Tochter.

Ach, das Altwerden eben! Im Comic geht das so einfach: Als der greise Asterix auf der Bank sitzt, kommt sein Zeichner, Albert Uderzo persönlich, des Weges. Ein frustrierter Fausthieb genügt, schon zeichnet er seine Figuren wieder jung. Und entschuldigt sich für die schlechte Idee, die beiden Figuren altern zu lassen.

Im wahren Leben wird Albert Uderzo heute 90 Jahre alt. Noch drei Jahre jünger als Methusalix.

insgesamt 4 Beiträge
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Hans-Joachim Schlosser, 25.04.2017
1. Hmmm ...
... wenn Asterix 93 Jahre alt ist (und Obelix nicht viel jünger) - wie alt sind dann Methusalix, Miracol... äh, Miraculix, und Majestix? Oder sind die längst ins ewige HZinkelsteinlager eingegangen?
Helge Delion, 25.04.2017
2. Überakademisiert
Asterix' Dorf als Sinnbild des jüdischen Schtetl? Da war doch wohl der promovierte Schreiber Academicus am Werk! Das Dorf von Asterix ist einfach das idealisierte gallische Dorf, wie es heute teils noch existiert, mit Charcuterie, Boulangerie, Epicerie und so wieter, wie es sich gehört. Ein "Schtetl" sah da doch meist anders aus, vor allem städtischer und in der Handelsstruktur weniger nahrungsorientiert.
Hans Hass, 25.04.2017
3.
Als peinlicher Prozesshansel hat sich Uderzo um seinen guten Ruf gebracht. Er hätte sich ein Beispiel nehmen sollen an seinem Kollegen Morris ("Lucky Luke") der in diesen Fragen viel cooler war. Uderzo hat sich ja schon in den 70er Jahren beklagt, weil im ZACK-Magazin komische Figuren mit Asterix-ähnlichen Helmen aufgetaucht sind. Vor soviel Kleingeistigkeit kann man bloß den Kopf schütteln.
Peter Hartung, 26.04.2017
4. Schtetl? Reistance!
Insgesamt zeugt dieser Artikel ja doch von erfreulich viel Fachkenntnis des Autors. Woher die Deutung des gallischen Dorfs zum jiddischen Schtetl kommt, bleibt jedoch sein Geheimnis. Was viel eher passt, und nach meinem Wissen anfangs auch so gedacht war: das gallische Dorf steht sinnbildlich für die Resistance im zweiten Weltkrieg - und die Deutschen werden darum weniger durch die Goten karikiert als durch: die Römer.
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