Alexanderplatz in Berlin Das Narbengesicht

Alexanderplatz in Berlin: Das Narbengesicht Fotos
Harald Hauswald

Fernsehturm und Weltzeituhr: Auf dem Berliner Alex spielte einst der Osten Westen - jetzt ist er das östlichste und ehrlichste Gesicht der Hauptstadt. Der Fotograf Harald Hauswald hat den Wandel der Berliner Mitte liebevoll dokumentiert. Von Markus Deggerich und Peter Wensierski

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Immer wenn Hans Kollhoff den Platz besuchte, legte er den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Der bekannteste Architekt Berlins wies in den weiten Himmel. Dorthin, wo er an der Nordseite des löchrigen Alexanderplatzes zehn Bürotürme geplant hatte - bis zu 150 Meter hoch. "Diese Weite", schwärmte der Professor im Architektendeutsch, "würde drastisch verdichtet. Und die Hochhäuser", träumte er, "hätten New Yorker Dimensionen". Dann senkte er wieder den Kopf. Auf dem Boden der Tatsachen: Punks, Penner und Panflötenspieler, die sich drapieren wie ewig wartende Komparsen in einem Dokumentarfilm über den Niedergang des Ostens.

Denn die Gegenwart des Alexanderplatzes hat noch immer nichts von New Yorker Dimensionen, sondern von Osteuropa: Im Nieselregen ergeben die bröckelnden sozialistischen Prestigebauten ein erdrückendes Szenario wie in Minsk oder Kiew. Kollhoffs Manhattan an der Spree bleibt ein Luftschloss. Der Alexanderplatz ist das Schmuddelkind unter Berlins Vorzeigeadressen. Weltberühmt der Name, geschichtsträchtig, ein Mythos in der Vorstellung aller Nicht-Berliner, ausgestattet mit zwei Publikumsmagneten, dem Fernsehturm und der Weltzeituhr nebst kolossalen Shoppingtempeln.

Aber auch immer wieder eine ewige Baugrube, vom Winde verweht, hässlich und missverstanden, Schauplatz für dröhnende Oktoberfest-Imitate und Hütchenspieler.

Selbst den 200. Geburtstag des Platzes im November 2005 verschwieg die Hauptstadt beschämt: weder der Senat, noch der Bezirk Mitte, kein Tourismusverein oder die Geschäftsbesitzer würdigten den weltberühmten Alex - angeblich fehlte das Geld. "Der Alex ist eine bekannte, aber keine gute Adresse", sagt René Wagener, einer von drei kommunalen Platzmanagern, die das Leben am Alex im Auge haben. Und die Jubiläumsfeste fielen aus, beschied Wagener ein Hotelbesitzer am Platze, "weil man nicht so blöd sein wollte, Aufmerksamkeit auf eine Baustelle zu lenken".

Eine Asphaltwüste namens Alex

Eine zugige Baustelle war er schon immer. "RUMM RUMM haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz", heißt es in Alfred Döblins weltberühmten Roman. Und: "Wind gibt es massenhaft am Alex", dort "zieht es lausig." Die Asphaltwüste namens Alex, von der keiner genau weiß, wo sie beginnt und wo sie endet, ist die Stein gewordene Diskrepanz zwischen Berliner Größenwahn und der Tristesse der Gegenwart. Der Alex ist der lebendigste Beweis für das notorische Zitat des Kunsthistorikers Karl Scheffler, dass Berlin dazu verdammt sei, "immerfort zu werden und niemals zu sein".

Aber das unbestimmte Sein bestimmt das Bewusstsein am Platze: Ostdeutsches Beharrungsvermögen trifft hier auf kühne Großstadtvisionen, Trinker treffen Treber, Polizisten kontrollieren Punks, Macher leiden unter den beschränkten Möglichkeiten und Touristen wenden sich mit Grausen oder flüchten auf den Fernsehturm: Von dort lässt sich der Alex am besten übersehen.

Die Symphonie des Großstadtplatzes klingt immer nur nach Verkehrs- und Baulärm. Das ewige Baustellenleben verärgert die Gewerbetreibenden. Der Alex ist eine löchrige Transitstrecke, ein Bahnhof und Hindernisparcours, den an Wochentagen über 300.000 Menschen absolvieren - möglichst schnell. Das Laufpublikum beschert zwar satte Umsätze für Saturn, Alexa, Kaufhof oder Burger King - aber es bringt kein Leben auf den Alex. Menschen steigen hier um, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Arbeitsagentur. Aber sie verweilen nicht. Wer hier stehen bleibt, hat keinen anderen Platz im Leben.

Pläne aus einer längst vergessenen Zeit

Als die ehemalige Deutschlehrerin von Platzmanager Wegener hörte, wo er nun arbeitet, war sie begeistert: "Alexanderplatz! Döblin! Weltstadt! Flair". Dann kam sie zu Besuch und sagte: "Soso. Aha." Aus dem Neid wurde Mitleid, als hätte man ihren Schüler Wegener irgendwo in Nordkorea ausgesetzt. "Diesen Kulturschock haben viele am Alex", sagt Wegener. Der klingende Name, die Verheißung - und dann das Elend der Realität. Es kommt vor, dass Touristen mitten auf dem Platz stehen, hektisch im Stadtplan blättern und hilfesuchend fragen: "Wo ist der Alexanderplatz?"

Die hochtrabenden Pläne für den Alex stammen aus einer längst vergangenen Zeit, kurz nach dem Fall der Mauer, als die Berliner Politiker und Immobilienentwickler im Weltstadtwahn ganz schnell, ganz hoch hinaus wollten. Als sie unermüdlich propagierten, die Hauptstadt würde zur Drehscheibe zwischen Ost und West, die alle namhaften Firmen dieser Welt und Hunderttausende neuer Bewohner anzieht.

Es kam alles ganz anders. Am Potsdamer Platz wurden ein paar Hochhäuser gebaut, doch ab 1993 kollabierte der boomende Immobilienmarkt. Heute schrumpft die Bevölkerung Berlins. An die zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen bereits leer. Die Hochhäuser am Alex würden noch mal 1,3 Millionen Quadratmeter Geschossfläche auf den Markt schwemmen - mehr als am Potsdamer Platz. Architekt Kollhof meinte zwar tapfer: "Der Platz hat das Zeug für ein gigantisches Shopping-Konglomerat."

Ein DDR-Dorf unter einem Dach

Aber Berlin ist eine deindustrialisierte Stadt ohne Wirtschaft, ein bankrottierendes Armenhaus. Und der Alex ist ihr ehrlichstes Gesicht. So ist die Einschätzung von Gottfried Kupsch, einem alteingesessenen Makler, schon realistischer. "Ab dem Jahr 2020", sagt er, "hat der Platz vielleicht eine Chance."

Bis dahin muss das vernarbte Gesicht des Alex mit ein wenig Kosmetik auskommen: Ein neuer Belag aus hellgelbem Granitplatten, einheitliche Beleuchtung. Und die Straße an der Nordseite wird von einer Breite von 108 Metern auf 56 zurückgebaut. Das war's.

Für Menschen wie Brigitte Habraneck ist selbst das schon eine Zumutung. Sie gehört zu den Generationen von Ost-Berlinern, die sich seit frühester Kindheit am Alexanderplatz trafen und dort in den fünfziger Jahren an einem Automaten für 35 Pfennig ein Keta-Kaviarbrötchen mit einem Zwiebelring zogen.

Nun lebt die Rentnerin seit 35 Jahren in ihrer Drei-Zimmer Wohnung in den "Rathauspassagen" - ein lang gestreckter Edel-Plattenbau der DDR zwischen Rotem Rathaus und S-Bahnhof mit Blick auf den Alexanderplatz.

Mit ihr zusammen wohnen 1200 Menschen im Gebäude, ein DDR-Dorf unter einem Dach. Fast zwei Drittel der Mieter sind noch "Erstbewohner", eingezogen ab dem Jahr 1969, als es in der DDR noch aufwärts ging. Man kennt sich, man hilft sich, man duzt sich. Eine Frau, die sich gerade am Briefkasten das "Neue Deutschland" herausgeholt hat, bekennt: "Das ist ein Haus, das man schützen muss, in dem es anständig zugehen soll." Auch Frau Habraneck spricht gern und viel über die guten alten Tage, als die Wohnungen in privilegierter Lage im Ost-Berliner Zentrum "einfach so nach Kontingenten vergeben" worden wären. Sie und ihre Mitbewohner hätten damals überraschend "die Einweisung bekommen".

Lesen Sie in Teil 2: Warum der Fernsehturm Kraft gibt - und was die Damen von der Volkssolidarität im Fashion Store wollen

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Carsten Kuinke, 22.10.2008
Der Text des Bildes 23 ist Falsch. Es ist genau umgekehrt. Die U-Bahnlinien waren Linien des Westteil der Stadt die durch den Osten fuhren. Hier im Osten waren die U-Bahnhöfe gesperrt und nicht zugänglich für die Ost-Berliner Bevölkerung. Am Alex betraf das die Linie 8, welche hier am Alex nicht gehalten hat.
2.
Harald Hauswald, 24.10.2008
Harald Hauswald 24.10.2008 Der Text des Bildes 23 ist nicht falsch. Die U-2 fuhr schon immer unter dem Alex durch und die U-5 von ihm ab.
3. Bild 9...
Carroll Lewis, 16.06.2014
...wohl kaum Anfang der 80er. Erstens: die Digitaluhren: selbst zu Ende der DDR Goldstaub, aber Anfang der 80er unbezahlbahr. Wichtiger aber: der junge Mann links trägt einen Aufnäher mit der Jahreszahl 86. Warum sollte er das tun (5 Jahresplan hin oder her)? Typische Steilvorlage für Menschen, die den Wahrheitsgehalt solche Zeitdokumente anzweifeln...
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