Reisepionierin Alexandra David-Néel Heimlich in Tibets verbotener Stadt

Verbote weckten einst den Ehrgeiz von Alexandra David-Néel. Also setzte die Feministin, Opernsängerin und Buddhismus-Forscherin alles daran, 1923 als erste Europäerin Lhasa zu erreichen - unerlaubt und zu Fuß.

Maison Alexandra David-Neel

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Ein Schrei. Irgendwo im Schneegestöber hinter ihr.

Die Französin Alexandra-David-Néel, 55, schreckt auf. Jetzt ist es passiert. Der Mönch Aphur Yongden, ihr einziger Begleiter auf dieser illegalen Expedition durch das Hochland von Tibet, muss gestürzt sein.

Sie entdeckt ihn nach 15 Minuten. Yongden liegt in einer nicht allzu tiefen Schlucht mit senkrechten Felswänden. Blutspritzer beflecken den Schnee. Nur eine Schürfwunde am Kopf, versichert er. Ihm ist schwindelig. Er versucht aufzustehen. Und schreit. Der Fuß.

David-Néel will ruhig bleiben. Sie hat viele vermeintlich ausweglose Situationen gemeistert. Und es war ja ihre Idee, sich im September 1923 heimlich, verkleidet als Bettelpilgerin mit schwarz gefärbtem Haar, auf eine kaum begangene Route nach Lhasa zu begeben. Als erste Europäerin will sie die für Ausländer "verbotene Stadt" erreichen, Zentrum des tibetanischen Buddhismus. Jahrelang hat die Feministin, Opernsängerin und Buddhismus-Forscherin darauf hingearbeitet.

Dieser Traum ist nun in Gefahr. Und ihr Leben.

Niemand weiß, wo die beiden sind. Der Schnee fällt dichter, die Verpflegung ist knapp, Brennholz haben sie nicht mehr. Wo wohl das nächste Dorf liegt? Sie wissen es nicht.

Yongdens Verletzung erweist sich als Verstauchung. Doch gehen kann er damit kaum, tragen kann ihn die 1,56 Meter kleine David-Néel nur kurz. So taumeln sie, bald schweißgebadet, aufeinander gestützt durch die Wildnis und schlucken Schnee gegen den Durst. Nach Stunden erreichen sie eine Felshöhle, nachts hält die Kälte sie wach.

Trotz allem genießt David-Néel ihre Reise noch, wie sie später in ihrem Buch "Mein Weg durch Himmel und Höllen" berichtet:

Selbst jetzt triumphierte dieser Reiz noch über meine Besorgnis. Ich blieb bis tief in die Nacht hinein regungslos sitzen und freute mich an der großen Einsamkeit, dem absoluten Schweigen, der gänzlichen Stille dieses seltsamen weißen Landes. Alles um mich herum war Ruhe, war tiefster Frieden. Und noch immer höher und höher türmte der Schnee sich um uns auf.

Es ist wie in ihrer Kindheit: Dieses Aufgehen in der Natur hat sie früh begeistert. Die kleine Alexandra empfindet Bäume, Pflanzen, Sonnenstrahlen als "so schön, dass es Gott sein muss". Sie spricht mit Blumen und befürchtet, dass sie plattgetretenen Grashalmen Schmerzen zufügt.

Nur weit weg!

Die Wärme, die sie in der Natur sucht, fehlt im zerstrittenen Elternhaus. Geboren 1868 als Tochter eines melancholischen, erfolglosen Börsenhändlers und einer strengen Katholikin, schreibt sie über ihre gefühlskalte Mutter nur Schlechtes: "Alles an mir missfiel ihr, so wie ihr alles an meinem Vater missfiel. Ich bin das Kind eines Mannes, den sie nie geliebt hat." Wie ein "Parasit" komme sie sich vor.

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Reisepionierin David-Néel: Ich bin dann mal für Jahrzehnte weg

Bald will Alexandra nur noch weg aus dem "verdrießlichen" Elternhaus, das sie "von ganzem Herzen" hasst. Mit fünf Jahren flieht sie, die Polizei findet sie schnell in einem Wald. Zehn Jahre später läuft sie tagelang an der Küste Belgiens und Hollands entlang, schafft es bis nach England, dann ist ihr Geld aufgebraucht. Mit 17 überquert sie allein zu Fuß das Gotthardmassiv in den Alpen, nur weil sie wissen will, wie es auf der anderen Bergseite aussieht.

Der Mutter, die sie in eine Klosterschule steckte, entgleitet sie vollends: Alexandra trifft sich mit einem Anarchisten und schreibt ein Buch mit dem vollmundigen Titel "Für das Leben" - ein Manifest des Aufbegehrens. "Der Gehorsam ist der Tod", steht darin; jeder Moment, in dem man sich fremden Willen unterwerfe, sei vernichtete Lebenszeit.

Die frühe Feministin macht, was sie will. Sie trifft britische Gnostiker und Freimaurer, fastet, übt sich in Askese, stürzt sich in philosophische Schriften. Vor allem China und Tibet faszinieren sie. In Paris studiert sie vergleichende Religionswissenschaften, Sanskrit und Mandarin. Pro Jahr will sie in vier Sprachen je 7200 neue Wörter lernen.

1891 ermöglicht eine kleine Erbschaft ihr eine 18-monatige Reise durch Indien. Als das Geld trotz bescheidener Lebensweise weg ist, schlägt sie einen radikal neuen Weg ein - sie wird Opernsängerin. Und schafft den Durchbruch in Indochina, wo man sie bald als "Star von Hanoi" feiert.

"Du bist nicht der Mann meiner Träume"

Ihre Sprunghaftigkeit bremst das nicht. Für Männer hat sie sich lange gar nicht interessiert, dann plötzlich heiratet sie, die Feministin, mit 35 einen notorischen Schürzenjäger, den Ingenieur Philippe Néel. Der streichele lieber ihre Beine, während sie mit ihm über Philosophie reden wolle, beklagt sie später. Längst ist sie als Journalistin und Vortragsrednerin gefragt, Néel ist ihr intellektuell nicht gewachsen. "Du bist nicht der Mann meiner Träume", schreibt sie Philippe Wochen nach der Hochzeit. 1911, nach sieben Jahren Ehe und Streit, ist sie weg: auf einer Reise, die ausufert zu 14 Jahren.

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"Beinahe zwanghafte Traumverwirklichungen" nennt sie ihre Reisen. Indien, Nepal, China - wie als Opernsängerin hat David-Néel auch als Forschungsreisende schnell Erfolg. Sie ist zu Gast bei indischen Maharadschas in pompösen Palästen, besucht streng asketische Sadhus und verzückt 1912 gar den 13. Dalai Lama, der zu dieser Zeit nicht in Lhasa, sondern im indischen Exil lebt. Sein Rat: "Lernen Sie Tibetisch!"

Sie macht es, wagt sich trotz der Verbote der Briten als Eremitin nach Westtibet und wird bald in den Stand eines Lamas erhoben. Danach lebt sie jahrelang als einzige Weiße zwischen 3800 Mönchen in der Klosterstadt Kumbum. In diesem Zentrum des tibetischen Buddhismus gilt David-Néel bald als derart gelehrt, dass man sie "Lampe der Weisheit" nennt.

Nun, bei der Expedition Ende 1923, ist die Lampe der Weisheit in Schwierigkeiten. Der verletzte Yongden kann auch nach einer Nacht Pause nicht laufen. Soll sie ihn zurücklassen, Hilfe holen? Dafür ihr am Körper verstecktes Geld einsetzen und ihre Tarnung aufgeben? Aber würde man sie dann nicht ausrauben?

Auf der Suche nach nomadischen Hirten geht David-Néel allein los und findet nur verlassene Sommerlager. Erst im Dunkeln kehrt sie zur Höhle zurück, mit Brennholz. So können die Reisenden wenigstens Tsampa essen, geröstetes Getreide, das Tibeter mit heißem Tee übergießen. Doch der Vorrat schwindet. Es bleiben nur vier Löffel Tsampa.

"Zeigen, was der Wille einer Frau vermag"

Sie reden über den Tod. Die Sturheit der Französin hat sie in diese Lage gebracht. "Mein Hauptansporn zur Reise nach Lhasa war das strenge, unsinnige Verbot, Zentraltibet zu betreten", schreibt sie später. Außerdem wollte sie "zeigen, was der Wille einer Frau vermag".

Tags darauf kann Yongden wieder auftreten, wenig später sitzen die Abenteurer bei Tsampa und Butter am Feuer eines Hirten. Nach einigen Wochen sind sie tatsächlich am Ziel und erspähen im Januar 1924 in der Ferne die majestätische Potala-Festung, Sitz des Dalai Lama in Lhasa. Euphorisch schreibt David-Néel:

Schon konnten wir die eleganten Umrisse der vielen goldenen Dächer unterscheiden. Sie hoben sich strahlend vom blauen Himmel ab und von ihren scharf nach oben gezogenen Ecken schienen Funken zu sprühen, als ob die ganze Burg, der Stolz Tibets, eine Flammenkrone trüge. Unsere Augen konnten sich nicht von dem Bild losreißen. Mit beflügelten Schritten gingen wir vorwärts.

Im Schutze eines aufziehenden Sturms erreichen sie unbemerkt Lhasa, "zum Skelett abgemagert", wie David-Néel in einem Brief schreibt, und kommen in einer ärmlichen Behausung am Stadtrand unter.

Zwei Monate bleiben sie, in ständiger Angst vor Enttarnung. Die schwarz gefärbten Haare der Französin sind längst aufgehellt und passen nicht mehr zu ihren Kunstzöpfen aus schwarzem Yak-Haar. In Lhasas heiligen Stätten muss sie aber ihre Mütze absetzen. Dann lasten neugierige Blicke auf ihr. Geschickt gibt sie sich als Frau aus dem fernen Westtibet aus, dessen Dialekt sie beherrscht.

Meist aber ist es die Besucherin, die genau beobachtet: David-Néel bestaunt pulsierende Feste und tiefe Religiosität. Sie erlebt auch, dass viele Tibeter weiter "primitiven Göttern und Dämonen der vorbuddhistischen Zeit" huldigen. Eine Trance-Sitzung gerät wegen eines vermeintlich rasenden Gottes im Körper eines Kettenhundes außer Kontrolle. Mit "unablässiger Wachsamkeit" würden die Tibeter magische Riten ausüben, um sich vor Unheil zu schützen. Mit dem "wahren Buddhismus" habe das nichts zu tun.

Reisepass verlängert - mit 100

Sie schildert das ohne die kulturelle Arroganz vieler Europäer und mit Stolz: "So tief wie jetzt in Lhasa war ich früher nie in das Volksleben eingedrungen." Ihrem Mann Philippe schreibt sie nach der Rückkehr, ihr "Dauerreisen" habe sie nun "würdig mit dieser letzten Wanderung gekrönt", durch eine Gegend, die "nach den allerbesten Informationen noch nie von einem Angehörigen der weißen Rasse bereist worden ist".

Durch ihr Buch erlangt sie weltweiten Ruhm, ihren treuen Begleiter Yongden adoptiert sie. Und so bleibt Lhasa doch nicht David-Néels "letzte Wanderung". Nach Jahren in Europa macht sie sich 1937, inzwischen 69 Jahre alt, mit Yongden erneut auf eine epische Tour. Diesmal will sie den Taoismus in China erforschen und ist weitere neun Jahre lang unterwegs.

Erst das Rheuma fesselt sie im hohen Alter in die Enge ihrer Wohnung im südfranzösischen Digne. Aus dem Fenster blickt sie auf die Voralpen, die sie sehnsüchtig "kleines Himalaja" nennt.

Ihre Rastlosigkeit bleibt. Trotzig lässt Alexandra David-Néel noch mit 100 Jahren ihren Reisepass verlängern. Wochen später stirbt sie am 8. September 1969 in Digne. Ihre Asche wird fern der Heimat im Ganges verstreut.

insgesamt 6 Beiträge
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ralf raabe, 15.01.2019
1. Respekt!
nach diesem artikel fühle ich mich unerträglich behäbig. ich mach mir jetzt popcorn und freue mich auf die foristen die ihre eigene behäbigkeit mit dem vorwurf der sinnlosigkeit eines solchen lebens zu rechtfertigen suchen.
Ralf Krasssek, 15.01.2019
2. Grosser
Bericht über eine grande Dame.
Annaluisa Dorsten, 15.01.2019
3.
Die das wurde, was sie an ihrer Mutter hasste. die Frau hatte doch einen Hau.
Helga Löffelholz, 15.01.2019
4. Respekt vor diesem Lebensabenteuer
Das Leben war schon immer eine Reise. Das ist zwar trivial, aber wer's wörtlich nimmt, bereichert sich - und gelegentlich auch andere. Als Vielreisender seit 40 Jahren habe ich großen Respekt vor dieser schillernden Persönlichkeit, die das tat, was sie sagte, und das sagte, was sie dachte - in einer Zeit, in der das Reisen mehr als heute ein wahres Lebensabenteuer war. Danke für den Beitrag!
Susanne Zenner, 15.01.2019
5. Was für eine interessante Frau !
Setzt sie in die Schulbücher, als Inspiration für die Mädchen.
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