Alexandras mysteriöse Biografie Tote Katze vor der Tür

Eine aufgebrochene Leichenhalle, manipulierte Akten, verschwundene Zeugen: Auch über 40 Jahre nach dem Tod der "Mein Freund der Baum"-Sängerin Alexandra ist ihr Leben und Sterben ein riesiges Mysterium. Sogar ihr Biograf sollte zum Schweigen gebracht werden.

Marc Boettcher

Von Thomas Winkler


Am 31. Juli 1969 beherrschen Papst Paul VI. und "Mariner 6" die Nachrichten. Der eine trifft zu einem Besuch in Uganda ein, und die Raumsonde funkt Bilder vom Mars zur Erde, so klar, wie man sie noch nie gesehen hat. Kaum Schlagzeilen machen dagegen die syrischen Kampfjets, die einen Angriff auf einen israelischen Posten fliegen, und die 110 gefallenen amerikanischen Soldaten, die in nur einer Woche in Vietnam zu beklagen waren. Nein, der 31. Juli ist im Großen und Ganzen ein guter Tag, ein heißer Sommertag in Deutschland. Auf dem Titelbild der "Bravo" lutscht Heintje an einer Getreideähre, und an der Spitze der Charts stehen die Edwin Hawkins Singers mit "Oh Happy Day". Alexandra steht nicht an der Spitze der Charts, Alexandra hat auch keinen glücklichen Tag, Alexandra wird den Abend nicht erleben.

Die Sängerin ist an diesem Tag unterwegs nach Sylt. Sie steuert ihren elfenbeinfarbenen Mercedes in den ersten Urlaub seit drei Jahren. In dieser Zeit hat sie eine erstaunliche Karriere hingelegt. Aus dem Mädchen aus dem Rotlichtmilieu ist ein Star geworden. Ihre Hits wie "Zigeunerjunge" und "Sehnsucht", die sie mit dunkler Stimme vorträgt, kennt ganz Deutschland, noch am Vormittag sollte ihr Plattenvertrag verlängert werden. Sie ist 27 Jahre alt, hat eine große Zukunft vor sich - und ist unglücklich.

Vielleicht ist sie deshalb unaufmerksam an diesem Tag. Vielleicht streitet sie sich auch mit ihrer Mutter, die neben ihr sitzt. Vielleicht ist sie abgelenkt durch ihren Sohn im Fond. Wie auch immer: Alexandra missachtet zwei Stoppschilder, der Mercedes rollt in der Nähe von Tellingstedt auf die Landstraße 149 und kollidiert mit einem Lastzug. Alexandra und ihre Mutter sind tot, der Sechsjährige auf dem Rücksitz überlebt mit nur ein paar Schrammen.

Ungereimtheiten, Halbwahrheiten, Merkwürdiges

Heute ist aus dem scheinbar profanen Unfalltod einer Schlagersängerin ein legendenumwehtes Mysterium geworden. Die Elemente der dubiosen Geschichte: Eine seltsame Familie, ein russischer, viel zu alter Ehemann, eine dominante Mutter, geheimnisvolle Liebhaber und sonderbare Dunkelmänner, Geheimdienste aus Ost und West. Immer neue Verschwörungstheorien entstehen, manche vermuten gar Mord.

Den Stein ins Rollen gebracht hat vor allem einer. Marc Boettcher ist Dramaturg am Stuttgarter Theater, als er Ende der achtziger Jahre beginnt zu recherchieren. Revuen mit den Liedern bekannter Stars, der Dietrich oder der Knef, sind damals angesagt. Alexandra scheint ihm geeignet, den Stoff für solch einen Abend abzugeben. Er beginnt nachzuforschen, "ziemlich blauäugig", wie er heute sagt.

Und Boettcher stellt fest: Es gibt kaum Material, jedenfalls kaum geordnetes, über das Leben der Sängerin. Dafür aber jede Menge Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, dubiose Indizien und merkwürdige Hinweise. Amtliche Unterlagen scheinen manipuliert, vernichtete Akten tauchen unerwartet wieder auf. Eine Werkstatt, in der das Auto kurz vor dem Unfall repariert worden sein soll, war nicht ins Gewerbemelderegister eingetragen. Der Wagen verschwindet wenige Wochen nach dem Unfall, bevor er noch einmal gründlich untersucht werden kann. Noch in der Nacht des Unfalls wird in die Leichenhalle eingebrochen, in der die tote Künstlerin aufgebahrt ist, kurz darauf wird ihre Wohnung leergeräumt, vermutlich von der Familie. Ein technisches Gutachten stellt Jahrzehnte später den gesamten Unfallverlauf in Frage. "Manchmal", sagt Boettcher, "fühle ich mich wie James Bond."

Zeugen verschwinden

Boettcher rutscht hinein in das Leben von Alexandra, fast unfreiwillig, aber immer tiefer. Er bekommt Anrufe, die ihn davor warnen, weiterzuforschen. Eier landen auf den Fenstern seines Häuschens in Berlin-Dahlem, vor seiner Tür liegt eine tote schwarze Katze, ein Anrufer verspricht ihm, "das beste Stück abzuschneiden und damit das Maul zu stopfen". Zwei weitere Autoren, die am selben Stoff arbeiten, geben verschreckt ihr Vorhaben auf. Verwandte der Toten verweigern mal die Zusammenarbeit und schütten ihm dann ihr Herz aus. Zeugen melden sich anonym, andere Zeugen verschwinden oder kommen kurz, nachdem sie Boettcher aufgespürt hat, ums Leben.

Der Bestattungsunternehmer, der Alexandras Leiche gewaschen hat, meldet sich bei Boettcher und beteuert, die tote Sängerin sei kaum verletzt gewesen. Ein Verwandter entpuppt sich als Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes, ein anderer als Stasi-IM. Ein Verlobter stellt sich als potentieller Bigamist und Spion heraus. Ein ominöser Grieche ruft an, behauptet, Alexandras letzter Liebhaber gewesen zu sein und bedroht Boettcher. Später verschwindet er spurlos, nicht ohne vorher versucht zu haben, mit gefälschten Tagebüchern von Alexandra Reibach zu machen.

Boettcher sammelt weiter wie manisch und stößt auf immer neue Verdachtsmomente. Mittlerweile glaubt er, beweisen zu können, dass Alexandra selbst für Geheimdienste als Zuträgerin gearbeitet hat. Längst fragt er sich: "Was steckt da noch alles dahinter?" Mit jeder neuen Tatsache wird der Fall mysteriöser. Mittlerweile sind zwei Bücher entstanden und ein Fernsehfilm, und im Keller stapeln sich die Umzugskisten mit Unterlagen. Ein drittes Buch mit neuen Enthüllungen ist in Arbeit, Boettcher besitzt mittlerweile sogar die Filmrechte am Leben von Alexandra.

Stimme aus der Zwischenzeit

Geboren wurde sie am 19. Mai 1942 als Doris Treitz im Memelland. Das war damals noch Ostpreußen und ist heute Litauen. 1944 flüchtet die Familie nach Norddeutschland, Doris wächst in Kiel und Hamburg auf. Ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelt sie in zwielichtigen Bars, singt allein zur Gitarre Selbstgeschriebenes und russische Folklore. Nach einer kurzen Ehe mit dem 30 Jahre älteren Russen Nikolai Nefedov heißt sie nun Doris Nefedov und wird vom bekannten Produzenten Fred Weyrich entdeckt, der sie zielstrebig zum Schallplattenstar aufbaut.

Sie füllt eine Nische in einer seltsamen Zwischenzeit: 1969 stürmt ein Heintje mit "Heidschi Bumbeidschi" ebenso die Hitlisten wie Desmond Dekker mit "The Isrealites", die Beatles werden von Peter Alexander an der Charts-Spitze abgelöst. Aber Alexandra setzt sich ab von ihren Konkurrentinnen auf dem Schlagermarkt: Ihre Stimme ist dunkel, ihre Lieder sind melancholisch. Sie ist weder Femme fatale noch kleines Mädchen, sondern wirkt mit Bubikopf und Rollkragenpullover fast wie eine singende Simone de Beauvoir.

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Sie ist eigentlich zu schwermütig für den Schlager, ihre Songs sind zu ernsthaft, zu dramatisch, zu tiefgründig. Doch andererseits bedient sie, des Russischen mächtig, mit Songs wie "Am großen Strom" oder "Schwarze Balalaika" eine in den späten sechziger Jahren grassierende Sehnsucht nach der slawischen Seele. "Doktor Schiwago" hatte alle Kassenrekorde gebrochen, Iwan Rebroff oder Dunja Rajter feiern Erfolge. Und im September nach Alexandras Tod wird Willy Brandt zum neuen Bundeskanzler gewählt werden und mit seiner Politik das Verhältnis Deutschlands zu seinen östlichen Nachbarn grundsätzlich verändern.

Start in ein neues Leben

Doch Alexandra will weg vom Schlager, raus aus dem russischen Stereotyp. Sie sieht sich als Chansonsängerin. Und als Autorin. Gilbert Bécaud und Juliette Gréco sind ihre Idole, mit dem damals gerade zu Ruhm gekommenen Udo Jürgens schreibt sie zwei Lieder, für Adamo übersetzt sie Texte ins Deutsche. Mit dem damals in Frankreich als Chanson-Hoffnung gefeierten Sänger verbindet sie eine romantische, wenn wohl doch platonische Liebe. Affären hat sie zahllose, Adriano Celentano und Carlos Jobim sind nur ihre prominentesten Liebhaber. Trotzdem beweist sie Geschmack: Karel Gott lässt sie abblitzen.

Sie war ihrer Zeit wohl voraus. Alexandra war eine moderne Frau. Nicht nur eine Vertreterin der Generation, die mit der Pille aufgewachsen war und abgetrieben hatte. Nicht nur eine, die sexuell aufgeschlossen war und sich One-Night-Stands gönnte, die in der Presse ganz selbstverständlich und ohne große Häme als alleinerziehende Mutter bezeichnet wurde. Sondern auch eine, die wusste, was sie wollte und ihre Attraktivität zielgerichtet zum eigenen Vorteil ausnutzte. Die Reaktion der Männer, die das Schlagergeschäft beherrschten, war eindeutig: In der Branche galt sie als zickig.

Kein Wunder: Sie wollte ihre Lieder selbst schreiben. Damit bedrohte sie das Einkommen der Produzenten, Komponisten und Autoren, die sie zu dem gemacht hatten, was sie war, und die ihre Marionette behalten wollten. Deutsche Schlagersänger schrieben damals ihre Lieder nicht selbst, Schlagersängerinnen erst recht nicht. Doch Alexandra, gehetzt vom Geschäft und kaum noch ohne Tabletten funktionierend, wollte raus aus diesen Zusammenhängen, wollte mehr künstlerische Selbstbestimmung. Auch dafür hat Boettcher Hinweise gesammelt und befeuert so die Verschwörungstheorien: "Die Reise nach Sylt war ihr Start in ein neues Leben." Jedenfalls: Das von ihr komponierte und getextete "Mein Freund der Baum" - womöglich der erste Öko-Song der Popgeschichte - wurde erst nach ihrem Tod zum Hit.

Gegen den Strom

Alexandra, sagt Boettcher, hätte, wenn sie nicht so jung gestorben wäre, ein weiblicher Udo Jürgens werden können. Dieser Jürgens sagt über sie in Boettchers Buch: "Sie wollte gegen den Strom Dinge machen, die nicht alltäglich sind, zumindest damals nicht alltäglich waren." Der Liedermacher und erst recht nicht die Liedermacherin, darin liegt auch Alexandras Tragik, aber waren noch nicht erfunden.

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Andererseits wäre Alexandra wohl nicht der Mythos, der sie ist, gäbe es heute keine Fan-Clubs und keinen Personenkult. Doris Nefedov wäre wohl vergessen, hätte es nicht jenen 31. Juli 1969 gegeben, an dem ein elfenbeinfarbener Mercedes an einer Kreuzung bei Tellingstedt die Vorfahrt missachtete und auf einer Landstraße mit einem Lastzug zusammenstieß. Und das aus bis heute ungeklärten Gründen und unter mit jedem Tag mysteriöser werdenden Umständen.



insgesamt 4 Beiträge
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Marc Albert, 31.07.2009
1.
Zum dem "mysteriösen" Verkehrsunfall gibt es eine Diplomarbeit, die klar belegt, dass es sich eindeutig um einen zufälligen Unfall, keinesfalls um Mord etc. handelt. dies wird zwar recht ungerne erwähnt, ist aber Fakt.
Martin Bitdinger, 31.07.2009
2.
In den 60ern waren wahrscheinlich nichtangemeldete Werkstätten eher die Regel als die Ausnahme. Der Autor sollte mal das Buch über Ihren damaligen Manager Beierlein lesen. Darin geht er auf die "Fahrkünste" und auch die "Probleme" Alexandras ein. Aber mit banalen Tatsachen kann man halt keine DREI Bücher füllen und VERKAUFEN.
Jochen Behrendt, 03.08.2009
3.
Natürlich kann man alles im Buch von Marc Boettcher mit einem unwirsch geführten Handstreich vom Tisch fegen und sicherlich hat Marc sein Buch eher spannend geschrieben wie nur mit reinen trockenen Fakten, aber die eigene Meinung als der Weisheit letzten Schluss hinzustellen ist auch nicht gerade die feine englische Art. Da sowohl ein Eigen- wie auch ein Fremdverschulden weder bewiesen noch widerlegt werden kann, sollte man jedem die Freiheit zugestehen, sich hier seine eigenen Gedanken machen zu können wie jeder Lust und Laune hat. Ich möchte hier nur erwähnen, dass mich die Künstlerin ob Ihres musikalischen Talents auch ohne Spekulationen über ihren Tod interessieren. Damit möchte ich weiterhin sagen, dass ich auf jeden Fall ein Käufer der Biografie gewesen wäre und auch bin. Schon allein aus dem Grund, dass endlich jemand mal das Thema Alexandra aufgegriffen und der Sängerin eine Biografie gewidmet hat. Vielleicht sollte man bei seinen Eintragungen und Diskussionsteilnahmen ETWAS toleranter sein.
Karsten Lehl, 20.12.2015
4. Dünnbrettbohrer am Werk!
"Trotzdem beweist sie Geschmack: Karel Gott lässt sie abblitzen." Ah ja - ich gebe gerne zu, dass seine Musik bei mir Karies vor lauter Zuckerguss auslöst, aber deswegen ist er trotzdem ein ernstzunehmender Musikprofi, der weiß, was er will und kann und ein Meister seines Metiers ist, der sein Publikum glücklich macht; mit einem billigen Seitenhieb Leute zu diffamieren, die den eigenen Geschmack nicht bedienen, ist einfach billig. Und über wessen Geschmack reden wir hier? Den eines offenbar ahnungslosen Autors; denn: "Der Liedermacher und erst recht nicht die Liedermacherin, darin liegt auch Alexandras Tragik, aber waren noch nicht erfunden." Das erste Chanson-Festival auf Burg Waldeck, wo u.a. Reinhard Mey, Dieter Süverkrüp und Franz Josef Degenhardt auftraten (offenbar alle des Liedermachens unverdächtig), war 1964! Muss man eigentlich mit irgendwelchem Grundwissen zu den Themen belastet sein, über die man auf Spiegel Online schreiben darf? Und kann das sein, dass offenbar mehr als sechs Jahre lang niemand was merkt? Autsch!
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