Helden unserer Jugend 90 Zentimeter haarige Anarchie

Mitten in der Langeweile von "Schwarzwaldklinik" und Salamibroten landet ein Außerirdischer vom Planeten Melmac: Alf, 230 Jahre alt. Ein rülpsender Flegel, der die Katze grillen will - als Kind war Schriftstellerin Simone Buchholz sofort verliebt.

ddp images/interTOPICS/mptv

Gordon Shumway traf mich und meine Mutter vollkommen unvorbereitet. Wie ein galaktischer Vorschlaghammer.

Wir saßen irgendwo in der Bergwelt Österreichs fest, in einem kalten Apartment mit dünnen Wänden, draußen fiel nasser Schnee. Wir hatten uns den ganzen Tag klebrige Pisten runtergekämpft, jetzt waren wir müde und übellaunig, weil klar war, dass sich das Wetter nicht mehr groß ändern würde. Wir hockten auf einer klapprigen Frechheit von einem Sofa und aßen Salamibrote. Das weiß ich noch genau, weil wir in diesem Urlaub ausschließlich Salamibrote aßen, morgens, mittags, abends. Wir hatten nicht viel Geld und nichts anderes zu essen dabei.

Wir schalteten den Fernseher an, just in jenem Moment, als Gordon Shumway, genannt Alf, vom Planeten Melmac ins Garagendach der Familie Tanner krachte, beseelt von dem Wunsch, die Katze zu grillen.

Das verdammte Gegenteil von Sascha Hehn

Es war 1988, wir lebten in einem Land, in dem der Gipfel der Familien-TV-Unterhaltung "Die Schwarzwaldklinik" hieß. Da erschien plötzlich dieser Typ auf dem Bildschirm. Ein Außerirdischer, 90 Zentimeter groß und 230 Jahre alt, von oben bis unten mit verfilztem, orangebraunem Fell bewachsen. Er hatte was von einem Ameisenbär mit viel zu großen Ohren, und die grölige Synchronstimme von Tommi Piper machte sofort klar, das hier würde lustig werden - das verdammte Gegenteil von Sascha Hehn.

Ich war begeistert und fiel in eine katatonische Fernsehstarre. Meine Mutter fiel rückwärts vom Sofa.

Als ich nach zwei Wochen Ferien zurück in die Schule kam, gab es kaum jemanden, der Alf nicht gesehen hatte. Tatsächlich hatte sich mit ihm unsere Welt verändert: Anarchie war plötzlich möglich, auch im spießigsten Einfamilienhaus. Denn die Tanners lebten zwar auf der anderen Seite des Ozeans, aber so viel unterschied sie nicht von uns. Sie trugen die gleichen schrecklichen Klamotten und Frisuren, da war ein Haus, ein Garten, irgendein unaufregender Papajob und ein durchorganisierter Alltag.

Und mittendrin diese ausufernde Weiterentwicklung von Pumuckl. Das unzivilisierte Familienmitglied, das versteckt werden musste. Ein rülpsender Flegel, ein Regeln verachtender Fünfjähriger. Ein Alien, der außer seinen neun Mägen und einer eingebauten Nervensäge keine besonderen Fähigkeiten besaß.

Und wieder flog die Küche in die Luft

Von besonderen Fähigkeiten war auch Familie Tanner weit entfernt. Willie versuchte tapfer, das Familienoberhaupt zu sein und Regeln aufzustellen. Tochter Lynn war ein eher nicht so furchteinflößender Teenager. Sohn Brian gab ebenso vorbildlich den braven Grundschüler. Alf war da ein anderes Kaliber. An Alf tropften Willies Sozialarbeiterqualifikationen einfach ab. Den musste man schon in die Garage verbannen, damit er was kapierte (was er dann immer noch nicht tat). Und Willie brach während jeder Alf-Strafaktion sein weiches Herz entzwei, denn er liebte den Außerirdischen hingebungsvoll.

Alf liebte ihn zurück, wenn auch auf sonderbare Weise. Er war sowas Ähnliches wie Willies heftig pubertierender Sohn und gleichzeitig sein Abgrund. Alf lieh sich auch gerne mal Dinge von Willie. Hemden, Hosen, Pyjamas. Rasierer, Zahnbürsten, Schecks. Weil er eben sein wollte, wie er dachte, dass ein Mann zu sein hatte. Einmal, als Willie im Bett einen Versuch machte, bei Kate zu landen, stürmte der Außerirdische ins Schlafzimmer und rief: "Geh ran, Willie!"

Alfs Verhältnis zu Kate war weitaus pragmatischer. Sie war einfach die Mutter. Ihre Aufgabe war es, den Laden am Laufen zu halten, alle zu beschützen und lieb zu haben. Alf machte ihr das nicht leicht. Er tat immer exakt das Gegenteil von dem, was Kate ihm sagte, und sie kam aus dem Schimpfen nicht mehr raus.

Liebe zu einer Langweilerin

Hin und wieder hatte sie einen sanften Moment. Wenn sie dachte, Alf wäre ein bisschen in sie verliebt. Tatsächlich aber war Alf in Lynn verliebt, diese völlig unproblematische 15-Jährige. Sie war nie betrunken, sie rauchte nicht, sie schrie nicht, sie übernachtete nie in einem von Punks besetzten Haus. Sie war der Part der Geschichte, mit dem ich mich identifizieren sollte, und sie war, pardon: grottenöde. Sie war meine Antiheldin. Das, was ich nie werden wollte.

Für Alf war sie der Augenstern. Er tat etwas, das sich jedes Mädchen wünscht: Er schloss sich tagelang in der Garage ein und produzierte ein Rockvideo für sie. "You're the one who's out of this world, sweet baby." Hammer. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum sie nicht wenigstens heimlich mal mit ihm knutschte. Ich hätte es getan. Lynn bot ihm stattdessen ihre immerwährende Freundschaft an. Gähn.

Passt die Katze in den Toaster?

Ich denke, Alf war schnell drüber weg. Und wandte sich der wahrscheinlich aufrichtigsten, männlichsten und coolsten Freundschaft seit Rick Blaine und Capitain Louis Renault in "Casablanca" zu: Alf und Brian. Brian war Alfs bester Kumpel. Sein Spielkamerad, sein Komplize, sein Tröster, sein Übersetzer für Menschendinge. Einen Typen wie Brian wünscht sich jeder auf der Erde gestrandete Außerirdische. Ihn konnte er alles fragen: Warum mag deine Mutter es nicht, wenn ich Eier in der Mikrowelle platzen lasse? Warum soll ich keine Knetmasse essen? Warum, verdammt noch mal, darf ich das Haus nicht in die Luft jagen?

Und für den Jungen war Alf all das, was Jungs für ihr Leben gern sind: ein distanzloser Anarchist, ein wildes Tier, ein wandelnder Chemiekasten. Explosionen, Überschwemmungen, Kurzschlüsse, so weit das Auge reichte. Was man mit Alf außerdem natürlich richtig gut machen konnte, war fernsehen. Er nahm alles für bare Münze. Alf ließ sich nie berieseln, er glotzte mit voller Hingabe.

Keinen Spaß hingegen hatte Lucky, der Kater. Denn Alfs zweites Steckenpferd neben dem exzessiven Glotzen war exzessives Essen. Es gab nichts, was er nicht kiloweise probiert hätte. Einmal hat er den kompletten Thanksgiving-Truthahn verputzt. Roh. Und dann diese Delikatesse, von der keiner die Finger lassen kann, der auf Melmac geboren wurde: Katzen! Als Alf bei den Tanners strandete, war seine größte Sorge, dass Lucky nicht in den Toaster passen könnte.

Alf-Doubles terrorisieren die Schule

Immer wieder rannte er durchs Haus, mit einem Kochlöffel bewaffnet und auf der Jagd nach dem Kater. Warum er ihn nie gekriegt hat? "Das Vieh ist verdammt schnell!" Und: Die Geschichte verlor Staffel um Staffel an Anarchismus. Da redete in den USA wohl irgendwer vom Sender rein, denn an Alf war eine fortschreitende Domestizierung zu beobachten.

Ich hingegen liebte mehr den frühen, von wohlwollender Menschlichkeit unangetasteten Alf. Ich tat es jeden Tag in der Schule. Am ärmsten dran war eine Deutschlehrerin, eine Referendarin mit fettigem Haar. Die Jungsclique rund um Alexander, der mit seiner rotblonden Struppfrisur eine richtiggehende Inkarnation von Alf war, machte ihr den Vormittag zur Hölle.

Er präsentierte uns den gefürchteten Melmac-Schluckauf, eine Art körperliche Implosion. Als Alf versuchte, mithilfe eines Handmixers die tannersche Badewanne in ein Sprudelbad zu verwandeln und nach dem obligatorischen Stromschlag tagelang glaubte, er wäre der Versicherungsvertreter Wayne Schlegel aus Michigan, kam auch Alexander als Wayne Schlegel in die Schule, in Anzug und Krawatte seines Vaters und mit Aktentasche. Und manchmal verschwand er auf der Toilette, um danach brüllend ins Klassenzimmer zu stürmen: "DAS FETT BRENNT! DAS FETT BRENNT!"

Ich war heimlich immer ein bisschen verknallt in Alexander. Nachmittags trafen wir uns oft bei einem aus der Alf-Clique. Wir gaben uns der Zerstreuung hin, die auch Alf liebte: dem Fernsehapparat. Die Telefone waren uns von sämtlichen Erziehungsberechtigten gesperrt worden, nachdem wir auch damit versucht hatten, unserem Idol nachzueifern. Alf zeigte uns erst, was man mit dem Ding alles anfangen konnte: Man konnte es benutzen, um Sachen zu kaufen, den Präsidenten anzurufen oder Automobilklubs beizutreten. Manchmal rief Alf auch tagelang in Japan oder Korea an.

Frust bei den Schauspielern

Für die Darsteller der Serie muss es zermürbend gewesen sein, hinter einer Puppe zurückzutreten. Max Wright packte nach Drehschluss der letzten Staffel angeblich wortlos seine Sachen und dampfte ab, ohne sich umzudrehen. Danach lief es eher so lala, niemand interessierte sich mehr großartig für den Ex-Willie. Inzwischen lebt er zurückgezogen in Los Angeles und spielt hin und wieder ein bisschen Shakespeare.

Anne Schedeen, also Kate Tanner, verabschiedete sich bald nach dem Ende der Dreharbeiten vom Showbusiness. Sie arbeitet heute als Antiquitätenhändlerin. Andrea Elson aka Lynn Tanner verknallte sich am Set zu Alf in den Produktionsassistenten Scott Hopper. Mittlerweile ist sie Inhaberin eines Yoga-Studios. Benji Gregory, der damals den kleinen Brian spielte, finanzierte sich mit der Kohle aus der Fernsehzeit sein Studium.

Michu Meszaros, ein 84 Zentimeter großer ungarischer Schauspieler, der immer dann ins Alf-Kostüm geschlüpft war, wenn der Außerirdische in Ganzkörperaufnahmen zu sehen war (was aber eher selten vorkam, denn in dem Kostüm war es extrem heiß) konnte ebenfalls kaum von dem Ruhm seiner Rolle profitieren. Er tauchte nach seinem Engagement als Alf nur noch in einigen Horrorfilmen auf und ist inzwischen Mitte siebzig.

Heute laufen im ZDF-Nachmittagsprogramm keine Anarchogeschichten mehr. Es läuft täglich ein Boulevardmagazin mit furchtbar interessanten Beiträgen über Prominente, Mode und Lifestyle.

Alf würde das natürlich gucken, aber er würde im Strahl kotzen.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf und ich". Nächste Woche in der einestages-Serie über Helden unserer Jugend: "Ein Colt für alle Fälle".

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Eva Baum, 18.05.2014
1. Was ist das eigentlich?
Ein Ausserirdischer, der gerne ein erotisches Verhältinis mit der Tochter des Hauses hätte. Das ist doch Sodomie und wäre heute so nicht mehr legal!
Moles Harding, 18.05.2014
2. Mit inzwischen 41 Jahren...
schaue ich Alf noch immer mehr als gerne. Zum einen eine wunderschöne Jugenderinnerung, zum anderen trifft der Knabe für mich noch immer den Zeitgeist und ist mir deutlich näher in seiner Art als die meisten seltsamen Wesenheiten die sonst den Äther bepflügen... schade nur das man Alf damals ein so dreistes Ende beschert hat. Bei der Serie und, fast noch schlimmer im Film der folgte - angeblich ist ja eine neuer Film im Anflug, man darf gespannt sein. großer Dank gilt sicher auch Tommy Piper der Alf wunderbar synchronisiert hat. Kein Wunder das die Serie in Deutschland erfolgreicher war als in den Staaten. Die US Stimme war im Vergleich bescheiden. Ein Hoch auf den Mann mit den vielen Mägen der das Hauptgericht "Alles mit allem" kreiert hat. :)
Hubert Zanier, 18.05.2014
3. Danke
Für diesen netten Beitrag ! Gerade in den letzen Tagen dachte ich mal wieder an Alf und wie erfrischend seine Geschichten waren. Schade dass es sowas heute nicht mehr gibt...
Ralf Heitmann, 18.05.2014
4. nee
Darauf ein nettes "Ach ja"
Michael Schmidt, 18.05.2014
5. Ach ja...
S-L-T-Sandwich...Schinken, Lucky und Tomate.....
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