Algerien-Krieg Adenauer und die Bombenleger

Algerien-Krieg: Adenauer und die Bombenleger Fotos
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In Frankreich legten sie Bomben, in Bayern blieben sie unbehelligt: Französische Terroristen mit guten Kontakten zum Kanzler betrieben bis 1963 ein Büro in München und organisierten von dort aus heimlich Anschläge. Erst spät wachten die deutschen Behörden auf - nach einer spektakulären Entführung. Von Wolfgang Brenner

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Am Rosenmontag 1963 wurde im Foyer des Münchner Hotels Eden-Wolff ein französischer Offizier entführt. In der Nacht rasten zwei Wagen mit französischen Militärkennzeichen über die Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg. Sie benutzten die Spur der europäischen Behörden, die vom Zoll nicht kontrolliert wurde. Am nächsten Tag tauchte der Entführte in Paris wieder auf - am Quai des Orfèvres, dem Hauptquartier der Kripo. Er lebte und lag gefesselt im Kofferraum eines Lieferwagens.

Es handelte sich um Oberst Antoine Argoud. Der 48-Jährige war der militärische Kopf der Organisation de l`Armée Secrète (OAS), zu deutsch: Organisation der geheimen Armee, einer französischen Untergrundbewegung, die Anfang der sechziger Jahre einen blutigen Krieg gegen das eigene Land führte. Die OAS wollte verhindern, dass Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle die französische Kolonie Algerien in die Unabhängigkeit entließ. Dabei war ihr jedes Mittel recht: Argoud gehörte einer Splittergruppe an, die in Frankreich Bombenattentate verübte, um die Pariser Regierung zu zermürben.

Mit seiner Flucht nach München hatte er sich einer Verfolgung durch die französischen Behörden entzogen. Begleitet worden war er dabei von Georges Bidault, dem geistigen Führer der OAS, vormals mehrfach Außen- und Premierminister Frankreichs. Ungestört konnten die beiden von ihrem neuen Zufluchtsort aus den Kampf in ihrer Heimat organisieren, nach Informationen des französischen Geheimdiensts gehörten dazu allein sechs Attentate gegen de Gaulle. Argoud war außerdem ein gern gesehener Gast in den südwestdeutschen Garnisonen der französischen Besatzungsmacht, wo der Weltkriegsveteran und Algerienkämpfer Vorträge vor alten Kameraden hielt.

Dass er in Algier Jugendliche vor ihren Elternhäusern hatte aufhängen und Verwundete und Tote auf offener Straße zur Abschreckung hatte verfaulen lassen, störte in Deutschland offenbar kaum jemanden.

Journalisten als Terrorhelfer

In München hatten Bidault und Argoud das Büro Teamstar betrieben. Eine auffallend hübsche Blondine namens Ingrid Gallmeister arrangierte dort Interviews mit großen Zeitungen, während Mitstreiter der Geheimorganisation zur gleichen Zeit in Paris, Lille, Marseille und Bordeaux Bomben hochgehen ließen - vornehmlich an belebten Orten wie Cafés, Bahnhöfen und Kinos. Dabei starben mehrere Menschen, etliche wurden verletzt. In Algerien selbst hatte die OAS allein bis zum März 1962 mehr als 1500 Menschen getötet, darunter 300 Europäer.

Dem in München entführten Argoud drohte wegen der Anschläge nun in Paris die Todesstrafe. Georges Bidault aber genoss weiterhin die deutsche Gastfreundschaft.

Durch die Verschleppung Argouds gewarnt, zog er sich ins bayerische Umland zurück - und konnte dabei auf die Unterstützung zweier ehrgeiziger Münchner Journalisten bauen: auf die des Chefredakteurs der "Neuen Revue", Oscar Stammler, der für die OAS-Leute Wohnungen und das Büro angemietet hatte, und auf jene des Reporter Heinz Losecaat von Nouhuys, in dessen Landhaus er nun unterkam.

Die Story

Im Gegensatz zum entführten Argoud war Georges Bidault ein intellektueller Kopf, Absolvent einer Jesuitenschule und ehemaliger Geschichtslehrer mit Hang zu radikalen Positionen. Während des Zweiten Weltkriegs hatte ihn der Leiter der französischen Résistance, Jean Moulin, in seine Führungsriege geholt, wo Bidault im August 1944 die offene militärische Offensive gegen die Wehrmacht angeführt hatte.

Nach dem Krieg war er mehrmals Außenminister und wurde als Begründer der christdemokratischen Bewegung in Frankreich zu einem Verbündeten Konrad Adenauers. 1958 unterstützte er die Präsidentschaft de Gaulles. Doch als dieser in der Algerien-Politik umschwenkte, ging Bidault in Opposition. Er verfasste aggressive Pamphlete gegen die Unabhängigkeitspolitik - und tauchte Anfang 1962 unter. Aus dem Minister war ein Terrorist geworden.

Die Journalisten Stammler und Nouhuys teilten Bidaults politische Ziele nicht. Sie wollten mit ihrem Freund aus Frankreich bloß das große Geld verdienen. Über den Rechtehändler Josef Ferenczy nahmen die beiden Kontakt zu internationalen Verlagen auf. Im Haus des Holländers Nouhuys saß Bidault bereits über seinen politischen Memoiren.

Parteifreunde

In Bonn waren die abenteuerlichen Zustände in München nicht unbemerkt geblieben. Der Kanzler hielt sich zwar bei der Kommentierung der Entführung Argouds durch den französischen Geheimdienst auffällig zurück. Aber der Schlächter Argoud war auch der kleinere Fisch.

Viel gefährlicher war Bidault. Adenauer hatte nicht nur mit ihm Kontakt gesucht, als der Ex-Minister schon im Untergrund war und de Gaulle in den Wirren des Algerienkonfliktes zeitweilig weggespült zu werden drohte. Er hatte dem französischen Parteifreund in dessen besseren Tagen durch seinen Staatssekretär Otto Lenz auch größere Summen zukommen lassen.

Am 4. März 1963 nahm deshalb die Sicherungsgruppe Bonn den "Neue Revue"-Chefredakteur Stammler ins Verhör und setzte ihn unter Druck. Stammler bemerkte jetzt erst, wie gefährlich sein Spiel mit Bidault war. Er versprach den Bonner Agenten hoch und heilig, dafür zu sorgen, dass sein Schützling sich den bayrischen Behörden stellen und einen Asylantrag einreichen würde. Vorher aber erbat er sich noch zwei, drei Tage Zeit, damit Bidault das ersehnte Manuskript beenden konnte.

Zugriff

Bayerns Innenminister Heinrich Junker allerdings wollte darauf nicht warten. Er fühlte sich übergangen und schickte seine Landpolizei zum Haus des Holländers Nouhuys. Beweismittel, die auf eine Terrortätigkeit Bidaults hindeuteten, fanden die Ermittler allerdings nicht. So ließen sie den Franzosen, der sich während der Durchsuchungsaktion im Schlafzimmer des Hauses aufgehalten hatte, zurück und riegelten lediglich das Anwesen ab.

Georges Bidault allerdings hatte nun keine Muße mehr für seine Memoiren: Er musste seinen Kopf retten. Also schrieb er einen persönlichen Brief an den deutschen Kanzler, in dem er an die alten Zeiten erinnerte und um Hilfe in seiner ausweglosen Situation bat. Adenauer wurde der Brief durch einen Boten in Rhöndorf überbracht. Er schickte ihn ungeöffnet an die Bundesanwaltschaft weiter. Er konnte sich keine Nähe zu Bidault mehr leisten.

Der Kanzler atmete erst auf, als Paris auf einen Auslieferungsantrag verzichtete. Damit war die Sache fast ausgestanden. Auch die Bayern verloren das Interesse an dem französischen Ex-Minister, der im Allgäu festsaß, während seine Gastgeber Stammler und Nouhuys verzweifelt versuchten, die Weltpresse für ihre persönlichen Erinnerungen an die Affäre zu interessieren. Titel: "Ich war Bidaults Gastgeber". Doch selbst Rechtehändler Josef Ferenczy war plötzlich nicht mehr so erpicht auf den Stoff, nachdem ihn "zwei sehr ernste Herren", wie er später sagte, aus Paris aufgesucht hatten, die er für Agenten des französischen Geheimdiensts hielt.

Whisky mit Würde

Der gejagte Ex-Regierungschef saß derweil im Schlafzimmer, schrieb weitere Bittbriefe an Adenauer und tat das, was er immer tat, wenn er nicht mehr weiterwusste: Er trank. Schon de Gaulle hatte seine schlechte Angewohnheit, sich vor wichtigen Parlamentsreden mit Pernod in Stimmung zu bringen, verflucht. Das Münchner Starlet Birgit Bergen, angeblich letzte Besucherin bei Bidault: "Ich habe ihn sehr bewundert, mit welcher Würde er Whisky aus einem Bierglas trank."

In München wartete man, bis Gras über die Sache gewachsen war. Erst im Frühsommer 1963 machten sich die Behörden an die Ausweisung Bidaults. Nicht nach Frankreich - nach Brasilien. Als die dortigen Behörden Skrupel bekamen, einen rechten Bombenleger in ihr Land zu lassen, nahm De Gaulle sich der Sache an. Er sorgte auch dafür, dass Bidaults Gattin, eine hohe Beamtin des Pariser Außenministeriums, Langzeiturlaub bekam, um im August 1963 nach Rio zu ihrem Gatten zu reisen. Bei vollen Bezügen von 4000 Mark monatlich.

Antoine Argoud blieb die Todesstrafe erspart. Deutschland wollte ihn im Dezember 1963 zurückhaben, bekam ihn aber nicht. Bidault kehrte 1967 nach Hause zurück, wo er noch 20 Jahre munter lebte. Stammler flog als Chefredakteur der "Neuen Revue" raus und ging zum Sex-Blatt "St. Pauli Nachrichten". Nouhuys hingegen wurde erst Chefredakteur der "Quick", brachte erst den "Playboy", dann das französische Männermagazin "Lui" nach Deutschland und schrieb für "Super!". Die schöne Münchnerin Ingrid Gallmeister wurde Chefreporterin bei "Bild".

Der Terror in Frankreich war ohne Erfolg geblieben. Und Algerien - entsprechend der Referenden beider Länder von 1962 - unabhängig.

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Jan Cooner 16.04.2013
Frau Gallmeister war zwar in den späten 70er Jahren zeitweilig die Freundin von Krupp-Chef Berthold Beitz, als die "schöne Ingrid" konnte man sie objektiv aber kaum bezeichnen. Auch Willy Brandt gefiel sie übrigens...
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