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Wimmelbild-Erfinder Ali Mitgutsch "Da kommt er, der Träumer!"

Wimmelbilder: Was für eine Wimmelei! Fotos
Ali Mitgutsch/Ravensburger Buchverlag

Überall kleine Missgeschicke und Dramen, und wo versteckt sich der pinkelnde Junge? Ein Besuch bei Ali Mitgutsch, der mit seinen Wimmelbüchern einst die Pädagogen gegen sich aufbrachte - aber Millionen Kinder glücklich machte. Von

Der Lehrer war ein Sadist. Viel schlimmer als seine Schläge waren aber die kleinen, subtilen Quälereien, erzählt Ali Mitgutsch. Mit denen machte er ihm, dem schmächtigen Achtjährigen, das Leben zur Hölle und hetzte seine Mitschüler auf. Die klauten ihm sein geliebtes Taschenmesser. Lockten ihn auf eine Holzbrücke, die sie angesägt hatten und die dann einbrach. Verteilten Zettel, auf denen stand: "Heute wird der Mitgutsch verprügelt."

Warum man ihn so geärgert hat? "Ich war so ein Träumer. Das hing mir an. Die sagten immer: Ja, da kommt er, der Träumer!"

Doch plötzlich hatte er, der Außenseiter, zwei neue Freunde. "Der eine war ein stabiler, massiver Bursche und schützte mich, wenn ich von den Mitschülern angegangen wurde", erzählt Mitgutsch. "Jumbo hieß er. Der andere, Fritz, war so ein kleiner mit spitzer Nase, der mir immer mit den listigsten Ausreden half."

Nur: Jumbo und Fritz haben nie gelebt. Mitgutsch hat sie sich nur ausgedacht, um der unglücklichen Wirklichkeit zu entfliehen. "Meine Fantasie hat mich gerettet", sagt er in seiner knarzenden Münchner Altbauwohnung und schmunzelt. Ein alter Mann mit einem buschigen, weißen Walrossbart und stechend blauen Augen, der sich ein sehr junges, spitzbübisches Lachen bewahrt hat.

Seine Fantasie hat nicht nur ihn gerettet. Sondern Generationen von Kindern. Der einst gehänselte Schuljunge ist bis heute einer der beliebtesten deutschen Kinderbuchautoren. Mit seinen kleinteilig und farbenfroh illustrierten Wimmelbüchern schuf er eine neue Gattung in der Bilderbuchliteratur und landetet einen Welterfolg: Bis heute haben sie sich insgesamt etwa 6,5 Millionen Mal verkauft.

"Ein hurtiger Geist, der in der Gegend herumsprang"

Auch Erwachsene werden ganz wehmütig, wenn sie an die vielen liebevoll versteckten Details und Minigeschichten in den großformatigen Büchern zurückdenken. Der aufmüpfig pinkelnde Junge, der immer wieder auftauchte - früher ein Tabubruch. Das Chaos im Schwimmbad. Den geifernden, meckernden Alten, der immer wieder auftaucht. Überall kleine Unglücke und Missgeschicke, nie hämisch, sondern augenzwinkernd gezeichnet. Und so werden die Bände - fast ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Wimmelbuch von 1968 - immer noch rege nachgefragt. "Dem Verlag ist das selber ein Rätsel", sagt Mitgutsch.

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Zeichnerlegende Ali Mitgutsch: Flucht in die Wimmelwelt

Mit so einem Erfolg hat auch der Illustrator nie gerechnet, und es spielten eine Menge Zufälle mit. Dass Mitgutsch von einem selbstständigen Grafiker hörte, der in der freien Natur arbeitete, die Füße stets in einen Eimer Wasser getaucht. Diese Freiheit wollte er auch. Dass er später als Gebrauchsgrafiker vom Direktor des Stadtjugendamts, einem progressiven Pädagogen, angesprochen wurde, der ihn bat, ein Bild zu malen, auf "dem ganz viel drauf" ist - und so erst in den Kinderbuchmarkt rutschte. Und dass er "immer daran glaubte, dass sich die Dinge zum Guten wenden."

So wischte Mitgutsch alle Einwände und Anfeindungen einfach weg: Pädagogen, die meinten, er überfordere die Kinder mit so vielen Details. Kritiker, die bemängelten, er male eine zu heile Welt. Buchhändler, die ihn warnten, so großformatige Bände verkauften sich nicht. Mit charmanter Zurückhaltung sagt Mitgutsch, er habe sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen: "Ich habe gespürt, dass ich einmal ein ganz Guter werden kann."

Mitgutsch kann mit demselben Hintersinn formulieren, wie er seine Figuren zeichnet. Es fällt ihm zwar manchmal schwer an diesem heißen Augusttag, an dem die Sonne auf seine Dachgeschosswohnung im vierten Stock brennt. Er braucht Pausen, zieht sich in sein Zimmer zurück, an dessen Tür er liebevoll-schief einen Zettel mit der Aufschrift "Privat" hängt. Und dann, wieder ausgeruht und hochkonzentriert, sagt er wunderschöne Sätze wie diesen: "Ich hatte immer einen sehr hurtigen Geist, der gerne in der Gegend herumsprang und ständig neue Ideen hatte."

Mit der Mutter auf Pilgerfahrt

Es wimmelt in seinem Kopf, es wimmelt in seinen schmalen Büchern, die er als "Fenster in eine eigene Welt" beschreibt, und es wimmelt auch in seiner Wohnung. Sein Atelier ist voll des kreativen Chaos: Da baumeln kleine Holzschiffe von der Decke, eine Palme rankt auf sein hölzernes Zeichenbrett, auf dem er die Vorlagen für seine Bilder anfertigt. Davor sitzt nun Ali Mitgutsch mit einer exotischen Mütze auf dem Kopf, die einige Journalisten fälschlicherweise als "afghanisch" beschrieben haben. Dabei hat er sie bei einem Münchner Schneider anfertigen lassen.

Aber es hätte zu ihm, dem passionierten Weltenbummler, gut gepasst. So wie er sich als Kind in Fantasiewelten flüchtete, so zog es ihn später in reale fremde Welten, immer mit Zeichenblock: Indien, Japan, Mexiko. Überall in seinem Atelier hängen zwischen Notizen und Skizzen Andenken von seinen vielen Reisen: bunte Tücher, Anhänger, Spiegelchen. Aus ihnen bastelt Mitgutsch bis heute eine Art dreidimensionale Wimmelbilder für Erwachsene: Hölzerne Guckkästen, in denen er kleine Geschichten fantasievoll arrangiert. Ein überdimensioniertes Herz etwa, das mit Seilen festgezurrt auf einem hölzernen Karren transportiert wird. Dazu der Titel: "Sicherung einer fragilen Beziehung."

Diese Kreativität verdankt er womöglich seiner tiefreligiösen Mutter. Sie hat ihre drei Kinder stets auf lange Wallfahrten mitgenommen und mit langen, selbst erdachten Geschichten bei Laune gehalten. Für den jungen Ali war das Größte aber immer das Ende der Reise, wenn er in einer der Kirchen die Dioramen für die Pilger betrachtete. Er warf ein paar Pfennige in den Schaukasten, und die christlichen Figuren setzten sich in Bewegung.

"Für uns Kinder war das die reinste Zauberei", erinnert sich Mitgutsch in seiner Autobiografie "Herzanzünder". "Ganz oben in einem geschnitzten Kirchturm öffnete sich eine Klappe, und dort heraus kam auf einer Schiene das Jesuskindlein. Licht erstrahlte hinter ihm. In der einen Hand hielt es die Erdkugel, mit der anderen erteilte es uns seinen Segen." Es war im Grunde genau das, was Mitgutsch später - wenn auch statisch - in seinen Büchern zeigte.

Zum ersten Mal Riesenrad

Zwischen Wallfahrten und Welterfolg aber lagen noch harte Jahre. Sein älterer Bruder Ludwig starb im Krieg. Als die Nachricht überbracht wurde, lag Ali schon im Bett und hörte "einen eigenartigen Ton des Vaters und einen furchtbaren Schrei meiner Mutter, der nicht enden wollte", wie er es einmal beschrieb. Dann wurde die Familie aus München in ein winziges, vor den Bomben sicheres Dorf im Allgäu evakuiert, in der Ali immer der Fremde blieb. Er sehnte sich nach München. Doch als er nach dem Krieg dorthin zurückkehrte, erkannte er seine Heimat nicht wieder.

Nicht nur, dass die Stadt in Trümmern lag, überzogen von einem beißenden Geruch. "Auch hier war ich plötzlich fremd", erzählt er. "Die Stadtkinder waren viel roher als ich. Sie handelten schwarz, einer war sogar der Zuhälter seiner eigenen Mutter." Nur langsam gewöhnte sich Ali an das neue Leben. Schließlich fand auch er Gefallen daran, die unterirdischen Ruinenwelten zu durchstreifen. Er sammelte Schrott und Antiquitäten aus eingestürzten Museen und verkaufte sie weiter. Er spielte mit Munition, auch wenn das drei seiner Schulkameraden verstümmelte.

Und doch gab es noch ein sehr prägendes, schönes Erlebnis in den grauen Nachkriegsjahren: In München fand ein Rummel statt, und Ali fuhr zum ersten Mal Riesenrad. "Von oben suchten meine Augen die Welt nach neuen, ungewohnten Bildern ab", erinnert er sich in seiner Autobiografie. "Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig." Kinder jagten sich, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Boden auf, ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hoch. "Auf gewisse Weise hatte alles seine Ordnung und dann auch wieder nicht."

Es war diese Entdeckerlust aus der Höhe, die seine Bilder später so beliebt machten. Das Riesenrad blieb dabei eines seiner häufigsten Motive. Noch heute hat Ali Mitgutsch seinen Spaß an dieser Perspektive. Auch wenn er mit bald 80 Jahren im Obergeschoss eines Altbaus ohne Aufzug wohnt - Mitgutsch hat dafür die Sicht, die er so liebt.

Dazu muss er nur auf seinen kleinen Balkon gehen. Tief unten, in der Türkenstraße im Stadtteil Maxvorstadt, wuseln die Menschen über die Straße oder unterhalten sich in den vielen kleinen Cafés und Bars, die diese Gegend so charmant machen.

Eine bedrohte Idylle. Immobilienspekulanten, sagt Mitgutsch, würden die Künstlerviertel Maxvorstadt und Schwabing "von innen zerfressen wie Termiten". Seit Jahren engagiert er sich deshalb in einer örtlichen Bürgerinitiative. Auch hier ist er, im positiven Sinne, ein Träumer geblieben. Er hofft, dass am Ende die Vielfalt, das Gewimmel, bleibt.

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1. Besonderer Mensch
Vincent Berger, 14.08.2015
Ein toller Mensch und ein toller Artikel. Ich habe seine Wimmelbücher als Kind geliebt und mein 4 jähriger Sohn liebt sie heute genauso - Danke!
2. Mein Lieblingsbuch wiedergefunden!
Gabriela Kodym, 17.08.2015
Danke für diesen super Artikel! "Rund ums Schiff" habe ich in meiner Kindheit sehr bewundert. Die Rabauken-Wikingertruppe hing in einer schlechten aber handgefertigten Kopie über meinem Kinderbett. Dann hat Mama das Buch hergegeben, und ich habe ihm lange nachgeweint, ohne Chancen, es je wiederzufinden, weil ich mich weder an Titel noch an den Autoren erinnern konnte. Mein erster Blick auf die Illustrationen hat mir gezeigt, dass Ali Mitgutsch meine geliebten Wikinger gezeichnet haben musste. Siehe da: Ich kann mir in einem Antiquariat die Helden meiner Kindheit wieder erwerben. Danke, Spiegel, danke Ali !
3. Wimmelbilder beim Zahnarzt
Tobias Oberer, 27.05.2016
Mein Zahnarzt hat in jedem Behandlungszimmer eines dieser Wimmelbilder als Poster an der Decke(!) hängen. Tolle Idee. Ich freue mich wirklich immer wieder, während einer Behandlung ein neues Detail zu entdecken.
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