Schock-Rocker Alice Cooper "Ich wollte der erste Bösewicht im Rock'n'Roll sein"

Seine Rockhymne "School's Out" ist weltberühmt, unzählige Bands kopierten seine Outfits und Show. Alice Cooper über Saufgelage mit Janis Joplin, Karate-Lektionen von Elvis - und die Suche nach seinem Gehirn.

Redferns

Ein Interview von


Zur Person
  • dpa
    Alice Cooper wurde am 4. Februar 1948 als Vincent Damon Furnier in Detroit als Sohn eines Priesters geboren. In Los Angeles gründete er 1968 die Band "Alice Cooper" und erfand den Schock-Rock mit Grusel-Make-up und Horrorshow. Mit Alben wie "School¿s Out" wurde er weltberühmt. Nach Auflösung der Gruppe übernahm er den Künstlernamen und steht nun seit 50 Jahren auf der Bühne. Der leidenschaftliche Golfer ist seit 1976 mit seiner Frau Sheryl verheiratet, Vater dreier Kinder und lebt mit seiner Familie in Phoenix, Arizona und Kihei, Hawaii.

TOURDATEN: 02.08. Dresden, 05.08. Wacken, 18.11. Krefeld, 20.11. Aurich, 21.11. Frankfurt 23.11. Berlin, 24.11. Neumarkt, 25.11. Ludwigsburg, 27.11. Wien

einestages: Mr. Cooper, wie kommt man eigentlich auf die Idee, sich auf der Bühne auf einen elektrischen Stuhl zu setzen oder guillotinieren zu lassen?

Alice Cooper: Ich wollte der erste echte Bösewicht im Rock'n'Roll sein. Das gab es Ende der Sechzigerjahre nicht - und ich hatte schlicht die Visage dazu. Auch den Sound: Harte britische Rockbands wie The Who waren meine Vorbilder. Mit meiner Show wollte ich das Publikum nicht schocken, sondern eher verwirren. Es gibt auch eine Moral: Am Ende werde ich, der Bösewicht, hingerichtet, das Gute scheint zu siegen. Der große Entertainer Groucho Marx, mit dem ich bis zu seinem Tod befreundet war, meinte: "Was du da machst, ist wie das Vaudeville-Theater der Zwanzigerjahre." Er hatte es begriffen.

einestages: Ihr Horror-Make-up inspirierte Rocker wie KISS oder Marilyn Manson. Wie kamen Sie auf die Idee?

Cooper: Ich wollte aussehen wie einer, dem ich nachts nicht gern begegnen würde. Die Idee mit der Schminke hatte ich aus dem Film "Was geschah wirklich mit Baby Jane". Bei der Szene, in der sich Bette Davis im Zorn ihr Make-up wüst verschmiert, wurde mir klar: Das ist es! Ich kombinierte das mit dem schwarzen Leder-Outfit, das Anita Pallenberg als "Black Queen" im Kultfilm "Barbarella" trug. In meine Bühnenshow baute ich dazu Elemente aus Horrorstreifen, aber auch aus "West Side Story" ein. So etwas Theatralisches gab es noch nicht.

einestages: Wie kamen Sie auf den Namen Alice Cooper?

Cooper: Das war erst unser Bandname. Er sollte nach einer harmlosen älteren Dame klingen, die Kindern Plätzchen backt - als Kontrast zu dem, was auf der Bühne abging. Als sich die Band auflöste, machte ich das zu meinem Künstlernamen.

einestages: Nennt Sie eigentlich noch jemand Vincent?

Cooper: Nur zwei Menschen: meine Mutter Ella, die ist jetzt 92. Und Keith Richards von den Stones. Der sagt immer "Vinnie" zu mir.

einestages: Ihr Vater war Priester. Mit Ihrer Berufswahl schlugen Sie ganz schön aus der Reihe. Sind sie ein religiöser Mensch?

Cooper: Ich gehe nach wie vor sonntags brav zur Kirche, aus Überzeugung. Und ich bete und lese täglich 20 Minuten in der Bibel. Die Leute können das kaum fassen, aber es gibt mir Kraft. Vincent Furnier ist das genaue Gegenteil der Kunstfigur Alice Cooper. Über die spreche ich selbst immer nur in der dritten Person.

einestages: Und wie hat Ihr Vater auf Ihre Horrorshow reagiert?

Cooper: Positiv! Er sagte: Ich verstehe die Absicht hinter deiner Show, ist okay. Er war ein offener Typ mit Sinn für Humor. Er kannte die Bibel auswendig, wusste aber genauso, wie der Bassist von The Animals heißt. Nur mit dem dekadenten Leben, das viele Rockstars führen und dem auch ich nicht widerstehen konnte, hatte er Probleme.

einestages: In den späten Sechzigerjahren sind Sie nach Los Angeles gezogen, um dort Ihre Musikkarriere zu starten.

Cooper: Kaum war ich angekommen, lernte ich Jim Morrison von The Doors und Frank Zappa kennen. Jimi Hendrix hat mir mit 19 den ersten Joint meines Lebens angeboten, mit Janis Joplin habe ich um die Wette gesoffen. Wir waren eine trinkfeste Runde und nannten uns "The Hollywood Vampires". Keith Moon von The Who und John Lennon gehörten auch dazu.

Fotostrecke

22  Bilder
Schock-Rocker Alice Cooper: Bürgerschreck mit Schminkfimmel

einestages: Viele dieser Kollegen wurden nur 27 - Sie aber haben überlebt.

Cooper: Das stimmt. Jim Morrison etwa war ein großer Poet, aber auch total unberechenbar und selbstdestruktiv. Er zahlte seinen Preis, starb früh. Dasselbe gilt für Jimi und Janis, genauso wie für Brian Jones und Keith Moon. Sie zogen den Rock'n'Roll-Lifestyle 24 Stunden am Tag durch. Ich dagegen bin ein ganz anderer Mensch, wenn ich nicht auf der Bühne stehe. Das hat mir das Leben gerettet. Jetzt will ich noch weiterrocken bis ich 100 bin, mindestens!

einestages: Apropos rocken: 1972 gelang Ihnen mit "School's Out" eine unsterbliche Teenager-Hymne, die noch heute funktioniert.

Cooper: Als Promogag haben wir ein weißes Höschen über das schwarze Vinyl gezogen. Das war ein echter Skandal, Mütter und Lehrer gingen auf die Barrikaden. Wir wollten provozieren, um aufzufallen. Hat geklappt, die Nummer wurde ein Hit.

einestages: In den Siebzigern stiegen Sie zum Superstar auf und verkehrten mit vielen Berühmtheiten.

Cooper: In Las Vegas traf ich 1971 Elvis, der dort auftrat. Er war ein Waffennarr, und als ich ihn mit meiner guten Freundin Liza Minnelli im Hilton besuchen durfte, drückte er mir spontan die geladene Pistole seines Bodyguards in die Hand. Elvis forderte mich auf, auf ihn zielen. Ich dachte, ich höre nicht recht. Er hat dann einen Karate-Hieb demonstriert und mich im Nullkommanichts entwaffnet. Eine Sekunde lang dachte ich: was, wenn ich jetzt abdrücke!? Ich würde in die Geschichte eingehen (lacht).

einestages: Seit fast 50 Jahren stehen Sie nun wacker auf der Bühne. Stramme Leistung, nachdem Sie jahrelang dem Alkohol verfallen waren!

Cooper: Eine Flasche Whisky am Tag war normal. Ich fühlte mich aber nie betrunken. Auf Alk war ich immer gut drauf, nie aggressiv. Zum Frühstück trank ich ein paar Bier - bis ich eines Morgens Blut spuckte. Ich erschrak zu Tode, aber mehr, weil ich befürchtete, meine Frau Sheryl könne das mitbekommen.

einestages: Und hat Sie?

Cooper: Nein. Ich ging heimlich zum Arzt. Diagnose: Akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse, ich musste sofort ins Hospital. Mein Arzt gab mir noch zwei Wochen, er meinte, die Organe seien ziemlich im Eimer. Ich verstand die Welt nicht mehr, schließlich hatte ich keine Schmerzen. Ich ging auf Entzug, saß bei den Anonymen Alkoholikern. Seit 1984 bin ich geheilt. Ich habe kein Verlangen mehr nach Alkohol. Gott hat es mir genommen, es ist ein Wunder.

einestages: Stattdessen spielen Sie seither Golf, sehr gut sogar, wie man hört, mit einem Zweier-Handicap!

Cooper: Früher hatte ich jeden Vormittag vorm Fernseher verbracht und gebechert. Das fiel nun weg. Ich brauchte eine neue Beschäftigung. Golf wurde zu einer neuen Sucht, ich spiele fast jeden Tag. Wenn ich auf dem Golfplatz stehe, gibt meine Frau Ballettunterricht, perfekt. Wir sind jetzt 41 Jahre verheiratet, auch ein Wunder.

einestages: Hat es Sie gewundert, dass die Kunstfigur Alice Cooper das Interesse eines Künstlers von Weltruf weckte?

Cooper: Salvador Dalí! Um zu verstehen, wie viel mir das bedeutete, muss man wissen, dass ich früher Kunststudent war und Dalí mein großes Idol. Ohne ihn und seinen Einfluss hätte es meine Horrorshow nie gegeben.

einestages: Wie kam es zum Treffen mit ihm?

Cooper: Dalí hatte meine Show gesehen und wollte diesen Verrückten von der Bühne kennenlernen. Vielleicht sah er in mir einen Geistesverwandten. Im April 1973 trafen wir uns im St. Regis Hotel in New York. Ich war hochnervös. Zuerst kam Gala Dalí, seine Frau, perfekt gestylt in Smoking mit Hut. Dann erschien er, spektakulär in purpurnem Outfit, mit goldenen Schnabelschuhen und Gehstock, im Schlepptau eine kunterbunte Entourage von Freaks. Die waren sowas von ausgeflippt, dass selbst ich Augen machte. Im Vergleich zu Dalí und seiner Clique war ich eher Kindergarten.

einestages: Was hatte er mit Ihnen vor?

Cooper: Der Maestro bestellte uns erstmal einen Scorpion-Cocktail, jede Menge Rum gemixt mit Cognac und Sirup, serviert in einer Riesenmuschel - optisch ganz im Dalí-Stil. Er meinte, Alice Cooper erinnere ihn an eine lebendig gewordene Version seiner Bilder. Dann eröffnete er mir, dass ich der perfekte Typ für sein Vorhaben sei: Ein 3D-Hologramm, das sich bewegt, eine Weltneuheit.

einestages: Sie wurden sein Modell?

Cooper: Ja, da musste ich nicht lange überlegen! Eine Woche lang habe ich in seinem Atelier auf einem Podest posieren müssen, durfte mich nur in Zeitlupe bewegen. Bevor Dalí anfing zu filmen, legte er mir Schmuck im Wert von ein paar Millionen Dollar an, dann drückte er mir etwas in die Hand: "Hier nimm, Alice, das ist dein Gehirn." Er hatte es eigens als Teil des Gesamtkunstwerks angefertigt. In der Mitte des Hirns war ein Spalt, aus dem ein Schoko-Eclair quoll, seitlich waren die Worte Alice und Dalí zu sehen, gestaltet aus toten Ameisen. Ich war sprachlos.

einestages: Sie scheinen Spaß gehabt zu haben.

Cooper: So was Abgefahrenes habe ich nie wieder erlebt. Andy Warhol hatte recht: Du kannst dir alles erlauben, wenn du es nur als Kunst deklarierst. Galt auch für Dalí, ein Genie, das in seiner eigenen Welt lebte, zu der niemand wirklich Zugang hatte. Dalí sprach fünf Sprachen und mixte ständig alle durcheinander. Ich verstand kaum ein Wort und wusste nie, ob er etwas ernst meinte oder nur scherzte.

einestages: Was wurde aus Ihrem Kunst-Hirn?

Cooper: Dalí hat es behalten. Jetzt ist er tot und mein Gehirn spurlos verschwunden. Es wurde sowas wie mein Goldenes Vlies - ich habe es überall gesucht, Museen in aller Welt abgeklappert, ohne Erfolg. Wahrscheinlich verstaubt es irgendwo bei einem Sammler auf dem Schreibtisch.

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jochen Dümpel, 01.08.2017
1. Er war nicht der erste Bösewicht
im Rock'n & Roll. Da gab es vorher schon Screaming Jay Hawkins und Screaming Lord Sutch wäre auch zu nennen. https://www.youtube.com/watch?v=7kGPhpvqtOc
Wendy Purba, 01.08.2017
2.
Sensationell.
manfred kaese, 01.08.2017
3. Alice Cooper
ist eine Figur aus dem Comic "Archie". Kennt da jeder.
Yoerc Mueller, 01.08.2017
4. ♪♪
Alice Cooper & Marc Bolan, meine Jugend. Nicht die Schlechteste. ♪♪
Willhelm Schmitz, 01.08.2017
5. Alice ist immer noch ok ;-))
nach In-A-Gadda-Da-Vida von Iron Butterfly und Distant Light von den Hollies war School's Out die 3. LP, die ich mir Anfang der 70er gekauft habe.... was für ein Lärm auf dem kleinen Dual Plattenspieler mit integrierten 2x6 Watt....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.