Aus dem Alltag eines DDR-Fotoreporters Im Eichsfeld fuhr Honecker Trabant

Wenn die Katholiken im Eichsfeld zum Palmsonntag ihr Kirchenfest feierten, mussten die Genossen von der SED hilflos zusehen, wie dabei demonstrativ überdimensionale Christusfiguren durch die Straßen getragen wurden. Die Partei rächte sich für diese Schmach eine Woche später auf kuriose Weise.

Von

Uwe Gerig

Im Oktober 1979 stand wieder einmal ein "runder" DDR-Geburtstag bevor, der 30. Die Agitationskommission hatte dafür rechtzeitig ein entsprechendes offizielles Logo verordnet: DDR XXX.

Der Volks-Spott war damit programmiert: DDR - drei Kreuze!

Für die "Neue Berliner Illustrierte (NBI)", für die ich damals arbeitete, hatten die obersten Obergenossen eine langfristig angelegte Serie mit Hauptbeiträgen unter dem unverfänglichen Titel "Heimat DDR" ausgetüftelt. Ich schlug für die Serie das Eichsfeld vor.

Das Eichsfeld lag am nordwestlichen Rand des Bezirkes Erfurt. Eine abgeschiedene Gegend, die an der damaligen Staatsgrenze endete. Um mein Thema für die Jahrestagsserie zunächst in der Redaktion und dann bei den obersten Obergenossen durchzusetzen, bediente ich mich eines simplen Tricks. Ich schilderte in meinem Konzept ausführlich, welche große Glaubensfreiheit katholische Christen im Eichsfeld genießen.

Kirche im Sozialismus war gerade eine Propaganda-Dauerkampagne der Partei, nachdem Honecker evangelische Bischöfe zu einem Gespräch getroffen und Zugeständnisse gemacht hatte. Im Eichsfeld konnten wir für die Serie das Wirken der Christen im Sozialismus optisch vorführen. Das würde dem Genossen Honecker bestimmt gefallen.

Sehr schnell bekam ich von ganz oben die Zustimmung für die Arbeit an meinem DDR-Geburtstagsbeitrag.

Sonderpassierschein für Sperrgebiet

Zunächst musste ich mir bei der Bezirksbehörde der Volkspolizei einen Dauerpassierschein für das Grenzgebiet besorgen und dazu noch einen Sonderpassierschein für die 500-Meter-Sperrzone. Nachdem dies von "ganz oben" nach Erfurt "durchgestellt" worden war, erhielt ich die entsprechenden Papiere umgehend. Ein "normaler" Bürger kam nicht an derartige Passierscheine. Aber ich war ja kein "normaler Bürger", sondern reiste im allerhöchsten Auftrag der Partei.

Trotzdem wurde ich immer beschattet, wenn ich mich in den folgenden Wochen im Eichsfeld aufhielt. Mal folgte mir auf den leeren Landstraßen im Grenzgebiet ein Motorrad, dann wieder ein mausgrauer Trabant, manchmal auch ein Kübelwagen der Grenztruppen. Ich gewöhnte mich daran. Immer und immer wieder musste ich Ausweis und Passierschein vorzeigen. Dann telefonierten die Kontrolleure mit irgendjemandem und winkten mich durch. In den entsprechenden Kommandostellen war bekannt, wer ich war und was ich im Grenzgebiet machte.

Zum ersten Mal sah ich die "Staatsgrenze-West" aus allernächster Nähe. Hier im Eichsfeld durchschnitten hohe Maschendrahtzäune und Mauern die Landschaft bis zum Horizont. Überall standen Wachtürme aus Beton. An manchen Stellen liefen hinter dem Zaun Hunde an langen Ketten. Die kleinen Dörfer unmittelbar an der Grenze, Bornhagen, Volkerode oder Asbach, schienen menschenleer. Viele Häuser waren verfallen.

Spazierstöcke für das "kapitalistische Ausland"

Mehrfach bin ich nach Lindewerra gefahren. Bei meinen Recherchen hatte ich gehört, dass in dem kleinen Dorf seit ewigen Zeiten Spazierstöcke aus Holz hergestellt werden. In der SED-Kreisleitung Heiligenstadt, wo ich mich natürlich angemeldet hatte, verwiesen die Genossen stolz auf den Umstand, dass in Lindewerra vorwiegend für den Export in das "kapitalistische Ausland" gearbeitet würde. Ich solle mir unbedingt die dortige PGH, sprich: die Produktionsgenossenschaft des Handwerks, ansehen.

Die Genossen hatten mich angemeldet.

Ein redseliger Genosse Bürgermeister empfing mich und wich keine Minute von meiner Seite. Die Stockmacher, die wir in ihren kleinen Werkstätten besuchten, waren dagegen wortkarg. Die Männer waren alte, knorrige Typen und die Frauen meist verhutzelte Omis mit lieben Gesichtern. Sie sprachen eine kaum verständliche Mundart, während der Bürgermeister unüberhörbar sächselte.

Meinen nächsten Besuch im Dorf wählte ich so, dass ich sicher sein konnte, den Bürgermeister nicht wieder als Aufpasser dabeizuhaben. Er hatte mir stolz erzählt, dass er auch Kreistagsabgeordneter sei.

Unterwegs ohne Aufpasser

Am Tag der nächsten Kreistagssitzung war ich erneut in Lindewerra. Der Bürgermeister tagte im fernen Heiligenstadt. Einige Stockmacher feixten, als ich sie diesmal ohne Begleiter besuchte. Ihr Bürgermeister sei, so hörte ich, ein ehemaliger Grenzoffizier, ein ganz "zackiger".

Wir plauderten über dieses und jenes. Ich ließ mir genau erklären, wie sie die Stöcke biegen, wie lange das Holz trocknen muss, woher das Holz überhaupt geliefert werde. Wir redeten über die schöne Landschaft ringsum und über die Versorgungslage. Ob sie denn hier überhaupt DDR-Fernsehen empfangen könnten, fragte ich hinterlistig, weil doch die Berge Richtung Osten so hoch seien. Da lachte einer, und alle grinsten.

Bei solchen Gesprächen kehrte ich nie den Reporter heraus und machte mir keine Notizen. So erfuhr ich eine Menge. Die Stockmacher fassten ein wenig Vertrauen zu mir, blieben aber weiter reserviert und maulfaul.

Mit einem der wenigen jüngeren Männer stieg ich auf eine Anhöhe hinter dem Dorf, um ein Übersichtsfoto zu machen. Natürlich waren die Sperranlagen mit auf dem Bild. Der Mann meinte, den Film würden die Grenzer bestimmt gleich einkassieren. Das sollen sie mal wagen, sagte ich forsch, ich habe alle Genehmigungen.

Ganz wohl war mir nicht.

Der Mann wies hinüber auf die andere Seite der Werra. Wir sahen ein Stück einer Straße, auf der viele Autos fuhren, und daneben eine Bahnlinie. In kurzen Abständen fauchten rot-weiße Intercity-Züge in beiden Richtungen vorbei. In dieser Richtung geht es nach Göttingen, dorthin nach Kassel, sagte mein Begleiter.

Göttingen, Kassel! Nahegelegene, aber von hier aus unerreichbare Städte.

Vom Hügel über dem Dorf Lindewerra konnte ich weit hinüber sehen in das Land vor dem hohen Maschengitterzaun. Einen Augenblick lang wünschte ich mir, ein Vogel zu sein.

Am Palmsonntag fotografierte ich in Heiligenstadt die Prozession der Katholiken. Tausende Gläubige, unter ihnen sehr viele jüngere Menschen, zogen singend und betend langsam durch die Stadt. Das war eine beeindruckende Machtdemonstration, die ich in dieser Form bisher in der DDR noch nicht erlebt hatte. Im Eichsfeld waren solche Kirchendemonstrationen ein Ritual, an dem die angeblich allmächtige Partei nicht mehr zu rütteln versuchte. In der SED-Kreisleitung hatten mir die Genossen ganz offen erklärt, die "Schwarzen" machten hier, was sie wollten, sie tanzten der Partei auf der Nase herum.

Mausgraue Genossen und Honecker-Riesenporträts

14 Tage später fuhr ich wieder nach Heiligenstadt, um mir die Maidemonstration der Werktätigen anzusehen. Diesmal führte der Zug in umgekehrter Richtung durch dieselben Straßen der kleinen Kreisstadt. Es waren auf den ersten Blick ebenso viele Menschen unterwegs wie am Palmsonntag. Zum 1. Mai marschierten allerdings mausgrau uniformierte Genossen der Kampfgruppen vorneweg. Irgendwo in der Mitte des Zuges wurden in offenen grünen Trabant-Geländewagen Riesenporträts des Genossen Honecker und anderer Parteigrößen spazieren gefahren. Das sah zum Schreien komisch aus, aber anscheinend lachte niemand darüber.

Die Teilnehmer an beiden Veranstaltungen mussten identisch sein. Sie hatten offensichtlich nur die Kostüme gewechselt. Zum Palmsonntag trugen viele Männer dunkle Anzüge und Zylinder und schleppten große Holzfiguren des Gekreuzigten und seiner Jünger durch Heiligenstadt. Am 1. Mai waren dieselben Männer als Werktätige verkleidet und hatten Fähnchen, sogenannte "Winkelemente", in den Händen, um damit ihren auf einem zur Tribüne umfunktionierten Lastwagenanhänger postierten Obergenossen zuzujubeln.

Mir fehlten Bilder, wie sie von den obersten Obergenossen gewünscht wurden. Vor allem fehlten mir Bilder von der Arbeiterklasse im Eichsfeld. Erst die Arbeiterklasse, so hieß es, habe das Eichsfeld vom "Armenhaus Preußens" in einen blühenden sozialistischen Landstrich verwandelt. Unter der Führung der Partei natürlich. In der SED-Kreisleitung hatten mir die Genossen lange Vorträge darüber gehalten.

Die Bewohner des Eichsfeldes waren immer ein störrisches Völkchen. Vor 1961, als die innerdeutsche Grenze zum westlichen Teil des Eichsfeldes noch nicht hermetisch abgeriegelt war, flüchteten ganze Familien, ganze Dorfgemeinschaften und nahmen sogar ihr Vieh mit hinüber. Diejenigen, die im Osten blieben, vertrauten ihrem Pfarrer mehr als den Sprüchen der Parteisekretäre. Die "Blockpartei" CDU hatte mehr Mitglieder als die SED.

Als ich 1979 meine Erkundigungen für den "NBI" - Beitrag im Eichsfeld anstellte, hatte der Sozialismus im lokalen Wettbewerb mit der Kirche keineswegs die Führung übernommen. Im Gegenteil.

Alkoholismus und steigende Scheidungsraten

Das Zementwerk war zum größten Umweltverschmutzer der ganzen Region geworden. Die Schlote schleuderten ungefiltert feinste Stäube in die Luft, die bei den Menschen zu Atemwegerkrankungen führten. Ärzte und Pfarrer baten und beschworen gemeinsam die Verantwortlichen der Partei, doch niemand sorgte für Änderungen. Wer sich öffentlich über den Staub von Deuna aufregte, geriet ins Visier des Staatssicherheitsdienstes.

In der Baumwollspinnerei Leinefelde fotografierte ich verhärmte junge Frauen, die in einer riesigen fensterlosen Halle bei künstlicher Beleuchtung im Drei-Schicht-Rhythmus an ratternden Maschinen malochten. Die Verantwortlichen berichteten mir ganz offen über den hohen Krankenstand, aber auch über Alkoholismus und steigende Scheidungsraten.

In meinem Eichsfeld-Beitrag, veröffentlicht im Heft 32/1979, wurde auf den Seiten 11 bis 23 mit meinen schönsten Bildern eine Region der DDR so vorgestellt, wie sie sich die obersten Obergenossen wünschten. Mein Text beschrieb die Tradition der Kirmesfeste, erwähnte die Spazierstockhersteller von Lindewerra, zitierte hintergründig Heinrich Heine, der einst das Eichsfeld als "verlassene Gegend" bezeichnet hatte.

Nach langer Diskussion in der Redaktion hatte ich auch drei kleinere Fotos von den Wallfahrten der Katholiken im Beitrag unterbringen können. Die Bilder von Honecker im

offenen Trabant legte ich erst gar nicht vor. Das Titelbild zeigte Judith und Anja aus Leinefelde mit der Schlagzeile "KINDER vom EICHSFELD. Heimat DDR - Eine Landschaft im Wandel".

Zum Weiterlesen:

Uwe Gerig: "Böse Nachrufe: Trauma Deutsche Mauer 1961-1989". Books on Demand, 2011, 136 Seiten.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Horst Weißmann, 02.03.2014
1.
Jetzt kommen bestimmt gleich wieder die bösen Kommentare von den Freunden krimineller, menschenverachtender Diktaturen...
Kai-Michael Gustmann, 02.03.2014
2.
Danke für die interessante Doku! Die Fotos zu Ihren Beiträgen finde ich immer sehr gelungen. Was mich nur etwas irritiert: Die Fotos stammen offenbar nicht nur von dem beschriebenen Besuch 1979, z.B. ?14 Tage später?, im Trabant hinter Honecker fährt doch anscheinend Andropow, das wäre dann wohl 1983? Ich hätte mir hier etwas mehr Genauigkeit gewünscht, sonst entstehen noch Missverständnisse, Geschichtsverdrehungen gar, wie die Anekdote mit dem angeblichen ?offiziellen Logo? DDR XXX ? das war doch nur ein politischer Witz, das hat es nie gegeben ?
Uwe Gerig, 02.03.2014
3.
Es stimmt: das veröffentlichte Foto Honecker im Trabant stammt vom 1. Mai 1983, aber er wurde auch schon in den Jahren davor im Umzug gefahren. Das offizielle Logo DDR XXX war nach meiner Erinnerung tatsächlich die erste Fassung, die dann aber sehr bald geändert wurde in "DDR 30", weil viele Witze darüber gemacht hatten. Uwe Gerig
Gunther Aulepp, 03.03.2014
4.
Blick von Lindewerra auf die damalige Intercity-Eisenbahnstrecke: nordwärts nach Göttingen, südwärts nach Bad Hersfeld, nicht nach Kassel ! Gunther Aulepp
Rolf Dießner, 03.03.2014
5.
Ich hatte die Gelegenheit, das Eichsfeld kurz vor der Wende als "Wessi" zu besuchen. Die innere Distanz zu Staat und Partei gab den Menschen im Eichsfeld die Kraft, ihre Würde zu bewahren. Das machte sich u. a. im von viel Eigeninitiative geprägten äußeren Erscheinungsbild der Städte und Gemeinden bemerkbar, die bei weitem nicht so herunter gekommen wirkten wie im Rest der DDR.
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