Alltag im Ersten Weltkrieg "Feuerüberfall, durch Minen Verluste, 1 Mann tot"

Im August 1914 zog das preußische Infanterie-Regiment 56 in den Weltkrieg. Dank eines Archivfundes kann nun ein ZDF-Film den Alltag dieser Einheit detailliert nachzeichnen - vom Rattenfangen im Schützengraben bis zum Kartenspielen mit Gasmasken.

Stadtarchiv Wesel

"Stillgestanden!", hieß es in aller Herrgottsfrühe auf dem Kasernenhof der rheinischen Garnisonsstadt Wesel. Kompanie für Kompanie traten die Soldaten des Infanterie-Regiments 56 in der Dunkelheit zum Appell an. Es war der 7. August 1914, wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Offiziere hielten aufmunternde Reden, doch die Soldaten wussten ohnehin, was sie erwarten würde: Die Männer hatten zuvor scharfe Munition erhalten. An diesem Tag zog auch dieses preußische Regiment in den Krieg.

Der frühen Morgenstunde zum Trotz waren zahlreiche Menschen erschienen, um die "56er" zu verabschieden. "Jungens, Kopf hoch, ihr kommt alle wieder nach Wesel zurück", versuchte ein älterer Herr die Männer aufzumuntern, wie Soldat Fritz Lenz später notierte. Allerdings schien der Zurufer selbst Zweifel zu hegen: Tränen flossen ihm in den Bart.

Der erste Tote - erschossen aus den eigenen Reihen

Der alte Herr sollte mit seiner Vorhersage gewaltig irren: Bereits am nächsten Tag betrauerte das Regiment seinen ersten Toten, als es die kleine belgische Ortschaft Herve erreichte. Die Stimmung war angespannt, Gerüchte von belgischen Zivilisten, die angeblich Jagd auf deutsche Soldaten machen würden, beunruhigten die unerfahrenen Männer.

In dieser Situation reichte ein harmloser Vogel, um eine erste Tragödie herbeizuführen. "Auf eine Taube wird geschossen", berichtete später ein anonymer Soldat des Infanterie-Regiments 56. Als sich von den Schüssen aufgeschreckt der ganze Taubenschwarm in die Lüfte erhob, brach Chaos aus. "Die Leute stürzen ohne Befehl an die Gewehre, reißen die Gewehrpyramiden auseinander und schießen sinnlos auf die Gebäude", so der unbekannte Chronist weiter. Tatsächlich feuerte wohl niemand auf die Deutschen - außer sie selbst. Opfer dieser überreizten Stimmung war der Hornist Johann Iffland, der anscheinend von den Kugeln seiner eigenen Landsleute getroffen wurde.

Ein unbekannter Archivschatz

Zahlreiche seiner Kameraden sollten ihm bald in den Tod folgen. Rund 3200 Mann zählte das 56. Infanterie-Regiment, als es im August 1914 in den Krieg zog. Nach über vier Jahren Kampf war es im November 1918 auf weniger als 30 kampffähige Soldaten zusammengeschrumpft.

Die Geschichte dieser Einheit aus dem westlichen Ruhrgebiet erzählt nun die ZDF-Dokumentation "Die Suche nach den verlorenen Söhnen" sowie das Buch "Schanzen, warten, sterben - Kriegsalltag eines rheinisch-westfälischen Regiments 1914-1918", herausgegeben vom Stadtarchiv Wesel.

Es war ein archivalischer Fund, der die Suche nach den Spuren der "56er" ermöglichte. "Wussten Sie eigentlich, dass wir Hunderte Glasplattenfotos zum Infanterie-Regiment 56 im Ersten Weltkrieg haben?", fragte der Weseler Archivleiter 2013 den ZDF-Filmemacher Alexander Berkel. Berkel, selbst gebürtiger Weseler und lokalgeschichtlich interessiert, wusste es nicht. Sofort machte er sich daran, diesen Archivschatz samt der Dokumente des Regiments, die bis dahin unausgewertet in alten Kartons lagerten, zu untersuchen. Zusätzliches Material kam aus dem nahe gelegenen Kleve, wo ein weiteres Bataillon des Regiments stationiert gewesen war. Dort sichtete Berkel 200 weitere Aufnahmen des Sanitätsunteroffiziers Johann Hebing und dessen Diensttagebuch.

Damit eröffnete sich die Chance, mit Fotografien und Dokumenten den langen Weg der Männer eines einzelnen Regiments vom August 1914 bis hin zum Waffenstillstand 1918 detailliert nachzuzeichnen. Eine einzigartige Gelegenheit, denn die Hinterlassenschaften der anderen preußischen Regimenter sind 1945 bei einem Brand des Preußischen Heeresarchivs in Potsdam größtenteils verloren gegangen.

"Auf nach Paris!"

Die Geschichte des Infanterie-Regiments 56 lässt sich dagegen - ein Jahrhundert nach Kriegsbeginn - subjektiv und fast unmittelbar nacherleben. "Paris 91 km!" lasen die noch siegesgewissen Männer wenige Wochen nach ihrer Feuertaufe in Belgien. Doch statt in der französischen Hauptstadt den Sieg zu feiern, wurde das Regiment am 8. September 1914 in die erste Schlacht an der Marne geworfen. Mitten im Sumpfgebiet von St. Gond hatten die Männer eine Brücke zu erobern.

"Rascher stürzen die Züge vorwärts - wie auf dem Exerzierplatz mit Hurra und Sturmsignal, die Führer mit gezogenem Degen weit voraus", ist in der Chronik des Regiments nachzulesen. "Weiter stürzt der Angriff unter erheblichen Verlusten." 47 Tote hatte die Einheit nach diesem Angriff zu beklagen - an einem einzigen Tag.

Der Tod wurde von Beginn an zum ständigen Begleiter der Einheit. 15. September 1914: 104 Tote, 2. November 1914: 42 Tote, 25. Januar 1915: 190 Tote. Bajonette und Gewehre, Maschinengewehre und Artillerie, Gas und Minen töteten immer mehr Männer des Regiments.

"Ein Bein vom Engländer"

Schließlich traten die Kriegsgegner den Weg in den Untergrund an, um sich vor den verheerenden gegnerischen Angriffen zu schützen. Ihre Unterstände in gewaltigen Schützengrabenanlagen bauten die Soldaten immer weiter aus. Stahlträger, Holzbalken, Sandsäcke und große Mengen Erde sollten die Männer schützen. Schnell besannen sich die Strategen auf eine uralte Militärtechnik, um diese Bollwerke des Gegners auszuschalten - unterminieren und anschließend in die Luft sprengen.

Zahlreiche Männer des Infanterie-Regiments 56 waren besonders für diese Art der Kriegsführung geeignet. Sie stammten aus dem rheinischen Kohlerevier und brachten "stählerne Nerven" sowie "die Gewöhnung des Schwerarbeitens" mit in den Kampf, wie es in den Regimentsarchivalien heißt. Schließlich stellte die Einheit eine eigene "Bergkompanie" für den Kampf unter der Erde auf.

Diese Art der Kriegsführung war nicht minder brutal als der Kampf über der Erde. Der "56er" Hermann Kortüm schilderte seiner Frau in einem Brief mit erschreckender Sachlichkeit, was passierte, als er mit seinen Kameraden 1915 einen Stollen in der Nähe der britischen Gräben in die Luft jagte: "Folgende Sachen kamen herüber geflogen: ein Bein vom Engländer, 1 neues Gewehr, 1 Brotbeutel mit Zwieback und mit einem Brief drin und 1 Stück vom Maschinen Gewehr."

Gewaltige Verluste

Nervenaufreibende Angriffe und Gegenangriffe wechselten sich im Leben der Männer des Regiments mit quälender Routine ab, vier Jahre lang. "14.4.'15 III. Ruhetag. Dienst: 9 -10.00 Gewehrreinigen, anschließend Instandsetzen des Anzuges. 2.00 [Uhr] Waschen der Mützen. 4.00 [Uhr] Appell Mützen und Anzüge", notierte Sanitätsunteroffizier Johann Hebing in sein Diensttagebuch während sich seine Einheit in einem "Ruhedorf" erholte. Im Fronteinsatz lasen sich seine Einträge anders: "10.4.'15: Tag ohne besondere Ereignisse. Auch heute schießt der Gegner mit Minen. Nachts (von 10-11) Feuerüberfall, durch Minen Verluste. 1 Mann tot, 1 Mann verwundet". Wohlgemerkt: Laut Hebig, war das kein "besonderer" Tag.

Mehr als vier Jahre kämpften die Männer des Infanterie-Regiments 56 auf diese Weise in Frankreich - unter anderem in den Schlachten an der Marne, in Loretto und Verdun. Ständig mussten die Reihen des Regiments durch Ersatzleute aufgefüllt werden. Am Ende waren die Verluste gewaltig: 133 Offiziere und 4473 Soldaten und Unteroffiziere fielen oder wurden für immer "vermisst". Am 4. November 1918, dem letzten Gefechtstag des Regiments, betrug die Kampfstärke lediglich zwei Offiziere und 26 Soldaten. Tod, Verwundung, Krankheit und Gefangenschaft hatten die Reihen der "56er" drastisch gelichtet.

Der klägliche Rest der Einheit betrat am 21. November 1918 wieder deutschen Boden. Nach Wesel sollte, entgegen der Vorhersage des alten Herrn vom 7. August 1914, keiner der Männer in Uniform zurückkehren. Die Stadt befand sich den Bedingungen des Waffenstillstands zufolge innerhalb einer demilitarisierten Zone. Die Weseler blieben allein in ihrer Trauer um die verlorenen Söhne der Stadt, die in einem sinnlosen Krieg gestorben waren.


TV-Tipp:

Das ZDF strahlt die Dokumentation "Die Suche nach den verlorenen Söhnen" am Dienstag, 26. August 2014 um 20.15 Uhr aus.

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  • Alexander Berkel:
    Schanzen, warten, sterben

    Kriegsalltag eines rheinisch-westfälischen Regiments 1914-1918

    Selbstverlag des Stadtarchivs Wesel; Januar 2014; 386 Seiten; broschiert; 24 Euro.

  • Direkt beim Stadtarchiv Wesel bestellen

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Roland Magiera, 26.08.2014
1.
Sind damit Handgranaten gemeint? Falls ja, dann hat der Soldat einen Fehler gemacht, denn die entsprechenden Soldaten heißen schon mindestens seit dem 18 Jhd. Grenadiere und werfen mit Granaten. Minen sind passive, zur späteren Detonation abgelegte Sprengkörper. Es bringt wenig, sie zu verschießen oder zu werfen, außer man trifft mit Wucht den Schädel. Das ist nicht nur Erbsenzählerei! Man sieht ja in der Politik was geschieht, wenn die Begriffe munter nach der Großwetterlage verwendet werden und mal dies und mal das bedeuten. Roland Magiera
Reinhard Reinhard Müller, 26.08.2014
2.
Als Minenwerfer und Minen bezeichnete man im ersten Weltkrieg noch Mörser und Mörsergranaten.
Ansgar Schmersal, 26.08.2014
3. Minengeschosse
Falsch. Als Minengeschosse bezeichnet man Granaten mit einer im Verhältnis starken Ladung, i.d.R. Mit Steilfeuergeschützen abgefeuert. Deren Wirkung zielt weniger auf Splitter , sondern mehr auf die Sprengwirkung ab. Heute bezeichnet man die Nachfolger als Mörser.
Matthisa Broske, 26.08.2014
4.
Minen sind nicht nur Land oder Wasserminen, es wurden bzw werden auch Sprengminen verschossen oder "geworfen". Diese Minen sind etwa wie ueberdimensionale Mörsergeschosse und verteilten viel Schrapnell.
Joachim Joa, 26.08.2014
5. wenn man keine ahnung hat...
...sollte man vlt. mal googlen, bevor man sich lächelich macht, lieber roland.
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