Alltag im Krieg Crescendo der Betenden

Alltag im Krieg: Crescendo der Betenden Fotos
Ferdinand Schumacher

Zunächst sah alles nach einem Manöverspiel aus: Mit kleinen Blumensträußen auf den Gewehren zogen die Soldaten zum Bahnhof. Als Neunjähriger wurde Ferdinand Schumacher Zeuge des beginnenden Zweiten Weltkrieges - und bald befand er sich selbst mittendrin. Von

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Die Stadt war in Aufruhr. Wo sonst Gemächlichkeit das Leben bestimmte, herrschte plötzlich Hektik und Nervosität. Mir kam es vor, als würden selbst die Straßenbahnen schneller fahren. Alles drängelte und hastete wie auf der Flucht. Flucht? Wo hin? Der Krieg hatte uns bei einer mehrtägigen Fahrradtour im bergischen Land überrascht. Die Eltern waren verzweifelt und verstört. Erst später konnte ich ihr Entsetzen verstehen. Schon einmal waren englische Bomber Angriffe auf Köln geflogen. Das war am 22. August 1918. Auch damals gab es Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung.

Wie groß die Schäden an Leib und Leben werden sollten, das konnten wir uns nicht vorstellen. Noch war es unterhaltsam, wenn Soldaten mit Musik die Straßen entlang zum Bahnhof marschierten. Kleine Blumensträuße auf den Gewehren erweckten den Eindruck eines Manöverspiels. Doch die Gesichter dieser Männer waren ernst, sehr ernst. Hin und wieder huschte ein Lächeln darüber, wenn sie in der Menschenmenge Bekannte, Freunde oder Angehörige erblickten. Mit neun Jahren konnte ich noch nicht unterscheiden, ob die Tränen der Menschen Freude oder Leid ausdrückten. Das Leid, das wir danach erlebten, kannte keine Tränen mehr. Es überstieg bei weitem unsere Vorstellungskraft.

Die Übungen für den Ernstfall in der Schule mit Erste-Hilfe-Maßnahmen und Bedienung der Feuerlöschgeräte dienten mehr der Unterhaltung. Alle diese Aktivitäten waren sinn- und zwecklos. Sie förderten nur die Angst vor etwas Unbekanntem, ja Unheimlichem.

Anfangs war die Bedrohung durch feindliche Bomber noch harmlos. Die Männer standen während des Fliegeralarms an den Haustüren und kommentierten die Aktivitäten der Flak und der Scheinwerfer. Mit Hurra und Indianergeheul begleiteten sie jeden gelungenen Abschuss eines feindlichen Bombers. Der wurde auch im Luftschutzkeller entsprechend kolportiert. Mit der Zeit änderte die Royal Air Force ihre Taktik. Mittels metallisierter Düppelstreifen verwirrten sie die Radargeräte und schalteten ihre Funktion aus. Die Bombardements nach dem 1000-Bomber-Angriff vom 30. Mai 1942 wurden heftiger und nahmen auch seitdem zivile Ziele in Angriff. Die Beobachtung der kriegerischen Aktionen vom Boden war zusehends gefährlicher geworden. Keiner traute sich mehr aus dem sicheren Keller. Das dumpfe Motorengeräusch der Flieger und die hellen Explosionen der Flakgranaten erzeugten die Hintergrundkulisse für ein grausames Gemetzel.

Alarm!!!

Der an- und abschwellende Ton der Sirenen weckte selbst Tote. Noch benommen vom Schlaf zog ich mich aus, statt an. Eine laute Äußerung von Mutter weckte mich aus dem Halbschlaf. Das Radio sendete ständig Hinweise zur Luftlage.

"Starke feindliche Verbände fliegen über St. Vith ins Reich ein..."

Beim schwachen Schein der Taschenlampe zog ich mir Hose und Jacke über, schnappte mir den bereitgestellten Koffer mit der linken Hand, in der rechten den Babykorb meiner Schwester. An der anderen Seite Mutter mit kleinem Gepäck. Soweit das Gepäck es zuließ, stürmten wir die Treppen hinab in Richtung Bunker.

Die Nacht war von den Lichtkaskaden der "Pfadfinder" taghell erleuchtet. Es krachte gewaltig in unserer Nähe. Die Flak auf dem Maifeld, am Aachener Weiher, ballert mit hohlem Knall los. Die 3,7cm-Flak schoss im Takt mit. Wir ließen uns auf den Boden fallen, wie wir das bei den Pimpfen gelernt haben. Granatsplitter sirrten umher und erzeugen ein Klirren auf dem Pflaster. Mutter deckte mit ihrem Körper den Babykorb meiner Schwester vor den Splittern ab. So verharrten wir einige Zeit. Warum hatte ich keine Angst?

Zwischen den Angriffswellen kehrte etwas Ruhe ein. Was ist? Können wir jetzt zum Bunker laufen? Auf und los! Wir hetzten zum rettenden Keller. Einige beherzte Männer halfen uns die Wendeltreppe hinab in den Tiefkeller. Hier, dreißig Meter unter der Erde, spürten wir, wie das Inferno sich oben ausbreitete. Die Detonationen wurden stärker. Kamen näher. Die Druckwellen ließen den Keller schwanken. Wie ein Boot in der Brandung. Es knirschte verdächtig im Mauerwerk. Putz und Farbe rieselte von Wand und Decke. Risse wurden größer. Die schrillen Angstschreie der Frauen und das Weinen der Kinder vermischten sich mit dem Gemurmel der Betenden zu einem Crescendo. Zwangsarbeiter und Gefangene wurden blass. Der Krieg, den sie schon abgehakt hatten, kam wieder - und in seiner brutalsten Form. Sie sollten dem Terror hilflos ausgeliefert sein - wie wir. Ist das schon das Ende? Haben wir noch eine Chance? Wir hatten!

Es wurde ruhiger. Draußen und drinnen. Die Beileidsäußerungen der Ausländer halfen uns wenig. Denunzianten waren unter uns. Vorsicht bei Kontakten mit Ausländern. Ein Dankeschön für geleistet Hilfe könnte schon eine Verhaftung nach sich ziehen. Es herrschte Kriegsrecht. Wir konnten alles verlieren. Auch unser Leben.

Entwarnung

Stimmen wurden laut. Es war noch mal gut gegangen. Die Ehrenfelder hatte es diesmal böse erwischt. Hunderte Tote und Verletzte waren zu beklagen. Erhebliche Schäden an Heim, Hof und Straßen. Das wievielte Mal kehrten wir die Glassplitter zusammen? Als Ersatz für die zerstörten Fenster nagelten wir ein mit Kunststoff beschichtetes Drahtgeflecht in die Fensterflügel. Wie lange hält dieses Provisorium?

Die Schulklassen litten an Schülerschwund. Teils weil die Familien ausgebombt und weggezogen waren oder weil sie getötet wurden. Aus unserer Klasse waren es alleine fünf Schulkollegen. Einige waren schon mit Rotem Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen im Einsatz.

Nach den Bombenangriffen zogen wir in die Stadt und sahen uns die Hilfsmaßnahmen vor Ort an. Auf dem Kölner Neumarkt stand ein großes Zelt des Roten Kreuzes, provisorisch als OP ausgerüstet. Ein Dieselaggregat knatterte daneben und lieferte den Strom für die medizinischen Geräte. Schmerzensschreie und Stöhnen der Verletzten schallten über den Platz. Die eigenartige Ruhe wurde gelegentlich vom Flammengeknatter, brechendem Mauernwerk und lauten Warnrufen unterbrochen. Personal des Sicherheits- und Hilfsdienstes (SHD), eine Polizei-Sonder-Einheit, scheuchte uns heimwärts.

Weitere Luftangriffe

Die Turnhalle des Mädchenlyzeums im Weyertal wurde vorübergehend für hunderte verbrannte Menschen zur Trauerhalle. In Kartons und Särgen deponiert, säuberlich aufgereiht und mit Namensschildern versehen sollte sie für die Angehörigen als ein letzter Kontakt dienen. Ein unangenehmer ätzender Geruch lag in der Luft. Wir gingen schleunigst davon.

Die Luftangriffe gingen weiter. Auch uns hatte es erwischt. Bei einem nächtlichen Bombardement verloren wir unser Hab und Gut. Unter Lebensgefahr versuchten Vater und ich das Mobiliar zu retten. Das massive Eichenschlafzimmer wurde ein Raub der Flammen. Neben meinen Büchern auch die Uniform. Was soll's. An Dienst war nicht mehr zu denken. Noch gab es in der Nachbarschaft freien Wohnraum. Die Satellitenstädte rund um Köln aber waren fast alle ausgebucht. Ein Umzug dorthin war unmöglich. Der Feindsender "Radio Calais" machte uns keine Hoffnung auf Frieden.

Er und die Flugblättern bezeichnen uns als Hunnen. Im Herbst 1944 wurden wir ein letztes Mal zum Schutze des Landes herangezogen. In der Eifel, bei Rohren, sollten Schützengräben ausgehoben werden. Lightnings beäugen uns argwöhnisch aus der Luft. Unsere Zivilkleidung schützte uns vor Angriffen. Die Front rückte näher. Wir konnten den Auftrag nicht durchführen. Flucht über Hürtgenwald, Düren nach Hause. Glücklich schloss Mutter mich in ihre Arme. Das hätte schief gehen können. Düren wurde kurz danach dem Erdboden gleichgemacht. Die Zukunft, wenn überhaupt noch vorhanden, sah für uns düster aus.

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