Alltag im Zweiten Weltkrieg Heile Welt im Hippodrom

Alltag im Zweiten Weltkrieg: Heile Welt im Hippodrom Fotos
Ralf Klee

Hufetrappeln statt Bombenhagel: Obwohl die Hauptstadt um sie herum in Trümmer sank, pilgerten Tausende Berliner auch 1943 noch begeistert zu Pferderennen. Seltene Farbaufnahmen zeigen die merkwürdige Idylle mitten im Krieg. Von Ralf Klee

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Samstag, 8. Mai 1943. Unzählige Berliner drängeln sich in die Straßenbahnen der Linie 99, die Wagen sind an diesem Nachmittag nach langer Zeit wieder gut gefüllt. Sie fahren in den Süden der Stadt. Vorbei am Flughafen Tempelhof, bis ins idyllische Mariendorf. Die meisten Fahrgäste steigen an der Trabrennbahn aus, sie wollen die Wiedereröffnung der Anlage hautnah miterleben. Das Geläuf war vor Monaten bei einem Luftangriff schwer beschädigt worden, doch nun steigen die Fahrer in ihren bunten Jerseys wieder in den Sulky, ihren kleinen Rennwagen.

Mit dabei ist in diesen Wochen auch ein Amateurfotograf. Seine kräftigen Farbaufnahmen halten den Moment fest, da Berliner Pferdeliebhaber zu den Rennbahnen der Stadt pilgern - just zu einer Zeit, in der der Zweite Weltkrieg in seine entscheidende Phase tritt und Menschen an allen Fronten sterben. Bei Online-Auktionen sind die Fotos des Unbekannten von der Mariendorfer Trabrennbahn kürzlich aufgetaucht.

Der Star an diesem Mai-Tag in Berlin ist Publikumsliebling Charlie Mills. Der 55-Jährige besitzt zwar den irischen Pass, ist aber eigentlich Hamburger, geboren in einer kleinen Wohnung auf der Trabrennbahn Bahrenfeld, wo sein Vater als Trainer arbeitete. Vieles hat er sich abschauen können, vom richtigen Auswählen des Rennhafers bis zum Anbringen der Hufeisen. "Allens hett siene Wetenschap" ("Alles hat seine Wissenschaft") ist das Credo des plattdeutsch sprechenden Iren.

Bilder aus dem Auge des Orkans

Die Zuschauer an der Mariendorfer Rennbahn können sich von Mills Genie im Hauptrennen überzeugen. Mit seinem Pferd Eljen gewinnt er auf der Zielgeraden den mit 15.000 Reichsmark dotierten Großen Preis des Flughafens und lässt Wienerwald, Barbier und Marco hinter sich. Der "Völkische Beobachter" jubelt: "Die Kilometerzeit von Eljen mit 1:22,9 Minuten ist der beste Beweis für den guten Zustand des neuen Mariendorfer Geläufs."

Die neue Bahn wird auch in den nächsten Wochen gut besucht. Man trabt um den Großen Preis der Krolloper, den Goldpokal oder den Preis der deutschen Ströme. Der Hobbyfotograf hat seine Kleinbildkamera mit einem Agfacolorfilm bestückt. Das Farbmaterial ist knapp geworden in den vergangenen Monaten, und so ist jedes Motiv mit Bedacht zu wählen. Doch an einem Tag im Sommer 1943 stimmt fast alles: Der Himmel leuchtet hellblau, der Rasen erstrahlt in vitalem Grün und die Pferde traben spektakulär über die Bahn.

Nur die alte Sitztribüne fehlt zur perfekten Kulisse. Sie war bei einem Luftangriff zerstört worden und erinnert nun als bleiches Gerippe den Besucher daran, dass es keine friedlichen Oasen mehr gibt. Es ist Krieg. Den jungen Fotografen stört die bedrückende Perspektive nicht, immer wieder drückt er ab und versucht, die am Zuschauerpulk vorbeirollenden Sulkys einzufangen. Sieben Aufnahmen macht er. Die Motive sind wenig abwechslungsreich und dennoch gelingen Bilder von besonderem Wert: Es sind Fotos aus dem Auge des Orkans und zugleich beinahe malerische Ansichten eines traditionsreichen Geläufs - dreißig Jahre nach dessen spektakulärer Eröffnung.

Premiere mit Prinz

Rückblende. Die Belle Époque liegt 1913 in ihren letzten Zügen. In der Metropole Berlin verschwindet das Pferd als Beförderungsmittel aus dem Straßenbild, dafür erobert es sich gerade die vielen Rennbahnen der Stadt. Eine der schönsten wird am 9. April in Mariendorf eingeweiht. Es ist ein gesellschaftliches Großereignis. Preußische Offiziere marschieren in Ausgehuniform über die Anlage, der Berliner Polizeipräsident Traugott Achatz von Jagow sieht mit eingeklemmtem Monokel nach dem Rechten, und natürlich ist auch der Adel anwesend: Prinz Oskar von Preußen lüftet unter lauten "Hurra-Rufen" den Zylinder, die feinen Damen in Rennbahntoilette knicksen höflich. Ein Frauenzimmer, deren Reifrock zu eng geschnürt ist, bricht ohnmächtig zusammen. Wer schön sein will, muss leiden.

Atemberaubend schön ist auch die Anlage. Sie verzaubert die Besucher mit mondänen Sitz- und Stehtribünen und einem pittoresken Teehaus. Dazu hat der Berliner Architekt August Endell einen modernen Zielturm errichtet, damit es bei engen Rennen zu keinen Fehlentscheidungen kommt. Ein scharfes Auge ist beim Premierenrennen aber nicht gefragt. Überlegen rollt schon damals der Hamburger Charlie Mills ins Ziel - unter vornehmen Applaus der Zuschauer.

Nach dem Ersten Weltkrieg macht Mariendorf eine rasante Entwicklung durch. Die Zuschauerzahlen steigen, das Publikum ändert sich. Auch der einfache Berliner besucht jetzt die Rennbahn und sucht in wirtschaftlich schlechten Zeiten sein Glück beim Wetten. Wen der berüchtigte "Toto-Teufel" einmal gepackt hat, der kommt nicht mehr von ihm los. Das große Glück finden nur die Wenigsten. Politisch linksorientierte Journalisten sind über die Abzocke im ehemals bourgeoisen Sport erbost, die rechten Schreiber stören sich an dem ostentativen Auftreten der Neureichen.

Brezelweiber und Pomadenplebs

"Da wandeln jetzt Typen auf dem Asphalt, denen man auf fünfzig Schritt ansieht, dass sie zu den 'ersten Ausgezahlten' irgendeines Wettkonzerns gehören", notiert der Journalist Adolf Stein 1921 in der "Täglichen Rundschau". "Diese jungen Männer, die vor kurzem vielleicht noch das Gepäckdreirad traten, tragen Lackhalbschuhe, violette Seidenstrümpfe, enge umgeschlagene Hosen, Jacketts mit Taille und weiblich gepolsterter Brust, eine Perle im gehäkelten Selbstbinder, einen fast krempenlosen Strohhut, und riechen zehn Meter gegen den Wind nach Parfüm und Pomade wie ein italienischer Feldwebelleutnant."

Der Publizist Siegfried Kracauer besucht 1930 erstmals Mariendorf und ist tief beeindruckt: "Am Ziel stauen sich Trambahnen, Omnibusse, Wagen; es ist, als hielten sie einen Fahrzeugkongreß ab. Eismänner, Brezelweiber und Zeitungsverkäufer harren in der Spätnachmittagshitze aus, die sich dick anfühlt und nicht abfließen will. Auf Zehenspitzen scharen sich ein paar Leute um irgendein Astloch im Bretterzaun, hinter dem das Dab-Dab von Pferdehufen ertönt."

Mariendorf ist in seiner Blütezeit - auch weil der jüdische Verleger und Trabrennfreund Bruno Cassirer kräftig in die Bahn und den eigenen Rennstall investiert. Als die Nazis 1933 schließlich an die Macht kommen, endet das Engagement Cassirers - er flieht 1938 ins Exil nach Oxford. Fortan vergnügen sich Nazi-Funktionäre auf den Berliner Rennbahnen - bis der alliierte Bombenhagel die Sportstätten trifft. Auch die Mariendorfer Trabrennbahn wird während des Krieges beschädigt, doch sie wird immer wieder instand gesetzt. Bis 1945 fährt man Rennen, die Ablenkung der schwergeprüften Stadtbevölkerung mit derlei Spektakeln gilt als kriegswichtig.

Was der Krieg übrig ließ

Nach dem Krieg ist Berlin eine Ruinenlandschaft, die Menschen hungern - doch einige denken bereits an den kulturellen Aufbau der Stadt. Der Journalist Kurt Bading, Mitglied des Mariendorfer Trabrennvereins, will zusammen mit dem Bäckermeister Paul Holz in der zerstörten Stadt wieder Pferderennen durchführen. Sie schlagen der sowjetischen Militärverwaltung vor, Steuereinnahmen aus den Wetten für den Wiederaufbau Berlins zu verwenden. Das überzeugt auch den Stadtkommandanten Nikolai Bersarin.

Noch im Juni 1945 macht sich Bading auf die Suche nach Pferden. Viele Tiere sind bereits als Kriegsbeute in Richtung Ukraine verfrachtet worden, 45 Traber vegetieren noch in den Boxen in Mariendorf, manche sind nur noch ein Bündel von Haut und Knochen. Bading versorgt sie.

Da Mariendorf in den letzten Kriegstagen noch einmal schwer beschädigt worden war und außerdem im späteren amerikanischen Sektor liegt, befiehlt die sowjetische Kommandantur, das erste Nachkriegsrennen am 1. Juli 1945 auf der Anlage in Karlshorst stattfinden zu lassen. Man wolle der Welt ein Beispiel für den "wiedererwachten Lebenswillen einer zentraleuropäischen Hauptstadt" bieten. Es ist der Neuanfang des deutschen Trabrennsports.

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1.
Ernst-Wilh. Möbius 01.03.2009
Der "totale Krieg" zeigte in D ein widersprüchliches Gesicht. Einerseits wurde alles an Menschen verheizt, was noch laufen konnte, andererseits wurden solche Idyllen wie die Feuerzangenbowle unter ständigem Bombardement gedreht. Apokalypse und Revue lagen so eng beieinander wie wohl in keinem anderen Land. In diesem Sinne total war eher der Krieg der Sowjetunion, wo alles der Verteidigung untergeordnet wurde. Wir sahen jedenfalls als Kinder im Osten noch die russischen Kriegsfilme, die wohl seichte Propaganda, aber nie seichte Unterhaltung zeigten. Würde mich interessieren, ob jemand von anderen Erfahrungen zu berichten weiß.
2.
Josef Sp. Rave 01.03.2009
Erstaunlich ist doch, wie viele Männer da noch zu sehen sind , und keiner von ihnen steckt in einer Uniform, wenn ich es richtig sehe. Es zeigt, dass der Unmut Goebbels' über die mangelnde Totalisierung wohl berechtigt schien. Goebbels beklagte ja, dass sie vor allem viele Amtsträger vor dem Kriegseinsatz drücken würden. Es ist schließlich schon 1943. J. Rave
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