Alltag in den Achtzigern "Wo bleibt denn da die Freude?"

Alltag in den Achtzigern: "Wo bleibt denn da die Freude?" Fotos
Reinhard Krause

Krabbelnde Striptease-Tänzerinnen und dösende Bierleichen, schrille Michael-Jackson-Imitatoren und Rollschuh fahrende Rentner: Der Fotograf Reinhard Krause hat in den achtziger Jahren den Ruhrpott porträtiert. Seine hinreißenden Bilder zeigen die Tristesse und die Komik einer vom Wirtschaftssterben gezeichneten Region.

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Gute Reportagen, gute journalistische Fotos entstehen, wenn man einem Thema sehr nahe kommen kann. Wenn man sich aber mit seinem direkten Lebensumfeld beschäftigt, kann es besonders schwer werden: Die nötige Distanz fehlt. In den achtziger Jahren habe ich es im Ruhrgebiet versucht, wo ich aufgewachsen bin und 30 Jahre lang gelebt habe. Ständig und überall habe ich fotografiert.

Fotografie bietet die Möglichkeit, den eigenen Alltag, die Straßenbahn vorm Haus und die Bushaltestelle um die Ecke oder den Discobesuch am Wochenende neu zu entdecken. Mit der Kamera kann man in unbekannte Gefilde vorstoßen, fremde Orte in der Nachbarschaft entdecken. Wie sonst hätte man die Möglichkeit, als Nicht-Tänzer das Training des Bayerischen Gebirgstrachtenvereins "Edelweiß" in Duisburg zu besuchen?

Genug Geld konnte ich damit aber nicht verdienen, abgesehen von einer Geschichte über den "Herrenkarneval", die als Titelgeschichte im "Stern" landete, druckten nur die "taz" und die "Zeit" gelegentlich Bilder von mir. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich damals als Fotograf bei der Messe Essen und später bei einem Projekt mit arbeitslosen Jugendlichen in Essen-Katernberg. Fotografiert habe ich aber trotzdem weiter alles, was mir in meinem Alltag und in der Freizeit interessant erschien. Im Jahr 1989 verließ ich das Ruhrgebiet, um für die Nachrichtenagentur Reuters zu arbeiten, heute bin ich Chef des Reuters-Bilderdienstes in China.

Erinnerungen in Umzugskartons

Die Negative landeten in Umzugkartons, doch irgendwann habe ich sie dann wiederentdeckt. Fasziniert von den persönlichen Erinnerungen habe ich, jetzt mit der nötigen Distanz, alle Negative noch einmal durchgesehen und neu bearbeitet.

Erinnerungen an eine bestimmte Zeit kommen wohl immer periodisch, und immer wieder erinnern sich Menschen, die zusammen groß geworden sind, gemeinsam ihrer Jugend. Mode und Musik beeinflussen uns sehr stark und meistens sehr unreflektiert, erst mit einiger Lebenserfahrung fragt man sich, was man da in jungen Jahren bloß angestellt hat. Auch die eigenen Kinder wollen irgendwann wissen, wie ihre Eltern groß geworden sind und interessieren sich für deren Jugendzeit - spätestens dann, wenn sie die alten Kleider ihrer Mutter mit großen bunten Blumenmustern im Schrank finden und Bilder des Vaters mit Irokesen-Haarschnitt. Bilder wecken dabei sehr direkt ganz bestimmte Erinnerungen, selbst belanglose Straßenszenen werden so zu Zeitdokumenten, schon allein wegen der abgebildeten Autos und der Kleidung der fotografierten Menschen.

"Essen wird jetzt bald Kulturhauptstadt, da passen diese Bilder einfach nicht". Das war die Reaktion eines bekannten Essener Buchverlages, dem ich meine Bilder aus den achtziger Jahren zusammen mit dem Entwurf anbot. Die Fotos seien zwar toll, doch werde sich sicher niemand finden, der ein "eher negatives Bild des Ruhrgebiets sponsort", hieß es.

Eigentlich hat sich nicht viel geändert, seit ich das Ruhrgebiet verlassen habe.

Liebeserklärung ans Ruhrgebiet

Die Kultur des Alltags - etwa der Arbeiter, der frühmorgens mit der Straßenbahn zur Maloche fährt (wo gibt es sonst überhaupt noch Straßenbahnen?) - wird ebenso wenig gewürdigt wie die Kultur der Freizeit: Der Karnevalsjeck, der einer Striptease-Tänzerin hinterherkrabbelt, ist es eben auch wert, beachtet zu werden. Natürlich stößt man auch auf Schattenseiten, wenn man sich auf die Suche nach dem Alltag macht. Aber auch diese gehören dazu und werden irgendwann Zeitdokumente.

Ich habe damals in den achtziger Jahren das Ruhrgebiet als faszinierenden Kulturraum erlebt, den Strukturwandel und die vielen damit verbundenen Ungereimtheiten empfand ich eher als Chance denn als Hemmnis. Meine Fotos sind sehr subjektiv, aber sie sind keine Abrechnung, sondern eher eine Liebeserklärung.

Ein Essener Karnevalspräsident schrieb mir einmal als Kommentar zu meinen Bildern aus der närrischen Zeit des Jahres voller Empörung: "Wo bleibt denn da die Freude?"

Genau das habe ich mich damals auch gefragt.

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1.
G. Heim 09.10.2007
Hmm, ich frage mich, was das Besondere sein soll - schlecht angezeogene Menschen, die sich zum Affen machen ("Disco", heute eher "Club" oder Karneval) sieht man auch heute noch und überall in Deutschland... - das hat mit "Alltag in den 80ern" nicht viel zu tun... Ja, es gab und gibt bis heute triste und trotzdem oder grade deswegen faszinierende Ecken im Pott, keine Frage - aber steht ihnen auch ihre triste Farbgebung zu - "schwarz-weiß" verwechselt hier Tristess mit "gewollt alt"... alles in allem suggeriert der titel hier mehr, als der Inhalt halten kann...schade.
2.
Michael Harbisch 09.10.2007
Grossartige Bilder. Ich habe selber in den 80ern in Duisburg gelebt und erkenne Vieles wieder. Gerne würde ich noch mehr sehen.
3.
G. Heim 09.10.2007
Mich überzeugen die Bilder ganz und gar nicht - kenne und erlebe auch das Ruhrgebiet seit 30 Jahren... und ja, es gibt dort Tristess... aber die sieht anders aus, fasziniert anders. Menschen die sich zum Affen machen und/oder schlecht gekleidet sind gibt es weltweit und auch im Jahre 2007. Auch werden schwarz-weiss-Fotos dem Anliegen nicht gerecht - die faszinierende Tristess des Potts an einigen Ecken erschließt sich doch grade in bzw. mit seinen Farben... - deutlich gelungener und aussagekräftiger ja da sogar die Eindrücke, die uns heute ein Felmy- oder Schimmi-Tatort aus den späten 70ern oder frühen 80ern gibt...
4.
Mark Seifert 09.10.2007
Fantastisch dokumentiert. Ich als Bochumer habe den Pott ebenso wahrgenommen. Viele graue Gestalten, Mantelomas, Säufer. War natürlich nicht alles so. Schön zu lesen, dass sich in den Köpfen kaum was geändert hat. Alles wird weiterhin idealisiert. Schöne Geschichte.
5.
martin bussick 09.10.2007
Die Bilder sind großartig. Krause versteht es die Menschen in ihrerer Verletzlichkeit und Absurdiät so darzustellen, das er sie dennoch nicht denunziert. Als ehemaliger Altenessener und aufgewachsen neben den Gartenstühlen am Coop kann ich mir kaum vorstellen, wie man diese Zeit besser dokumentieren und kommentieren könnte. Jeder der nur "schlecht angezogene" Menschen sieht, sollte noch einmal seine alten Bilder heraus suchen. Mit Sicherheit findet er ähnliche modische Strafttaten. Ob allerdings mit soviel Wahrhaftigkeit und Ironie fotografiert, bleibt offen.
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