Alltag in der DDR Brötchen als Kaninchenfutter

Alltag in der DDR: Brötchen als Kaninchenfutter Fotos
Ernst Dr. Woll

Butter und Fleisch statt Obst und Gemüse: Das Warenangebot in der DDR bestimmte den Speiseplan ihrer Bürger. Auch Ernst Woll machte diese Erfahrung. Beim Einkaufen und Essen folgte er dennoch am liebstem seinem Bauchgefühl. Von

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Als Bürger der ehemaligen DDR erlebte ich bis zur Wende ein völlig anderes Warenangebot sowie Kauf- und Essverhalten, als ich es heute im wiedervereinigten Deutschland gewohnt bin. In der DDR wurden unser Einkaufsverhalten und unsere Ernährung vor allem durch die staatlich rationierten Waren des täglichen Grundbedarfs gesteuert. Wir konnten uns sattessen, vernünftig und zweckmäßig kleiden und hatten notwendige Produkte wie Zahnpasta oder Toilettenpapier ausreichend zur Verfügung - zu stabilen Preisen.

Besucher aus Westdeutschland erwarteten bei uns stets Mangel an sämtlichen Nahrungsmitteln und waren häufig erstaunt, dass bei uns so viel Butter gegessen wurde. Wahrscheinlich lag das aber einfach daran, dass der Geschmack der Speisemargarine zu wünschen übrig ließ. Zumindest bei uns in Erfurt gab es keine Versorgungsschwierigkeiten bei Butter. Lediglich in den sechziger Jahren war sie für einige Zeit im Bezirk Rostock knapp geworden. Unseren Bekannten schickten wir deshalb Pakete mit dem begehrten Artikel.

Ich selbst habe in der DDR nie gehungert und auch niemanden gekannt, der dies aufgrund von Versorgungsengpässen hätte tun müssen. Zu essen gab es immer - nur standen einzelne Nahrungsmittel nicht immer in ausreichenden Mengen zur Verfügung wie etwa Obst und Gemüse. Ich ernährte mich demnach, wie viele DDR-Bürger, vor allem einseitig und viel zu fett und war deshalb zu dick.

Den ganzen Sommer lang roch es in den Kleingartensiedlungen bei uns in Thüringen nach Gegrilltem. Für die vielen Kleingartenbesitzer war es ein traditionelles Freizeitvergnügen, wann immer das Wetter es zuließ, Rostbratwürste zu grillen oder sogar Lamm oder Ferkel am Spieß zu garen. Diese Produkte waren immer zu beschaffen und wenn nötig, mussten hierfür allerlei Beziehungen, über die fast jeder DDR-Bürger verfügte, herhalten. Wenn es gut schmeckte, kannte das Schlemmen - leider auch bei mir - kaum Grenzen.

Alles hat seinen Preis

Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Brot, Fleisch, Butter, Milch und Käse waren in der DDR relativ billig. Das verleitete sogar manchen Kleintierhalter dazu, z. B. Haferflocken und Brötchen an Kaninchen zu verfüttern, die gemästet recht teuer an den volkseigenen Handel verkauft werden konnten. Kaninchenmast war somit für viele auf dem Lande ein einträglicher Nebenverdienst.

Eine widersinnige Preispolitik verleitete bei der Kaninchenmast jedoch zu Betrügereien. Kaninchenschlachtkörper konnten im volkseigenen Einzelhandel sehr billig eingekauft werden. Manch einer verkaufte diese dann als Erzeugnis, das angeblich aus eigener Mast stammte, für einen weitaus höheren Preis wieder an den staatlichen Handel. In den siebziger Jahren war dieser Schwindel zu Ende. Der Handel kaufte dann aus privater Zucht nur noch lebende Kaninchen auf.

Ein Nebeneinkommen brauchten viele Bürger im Osten, um sich beispielsweise eines der sehr teuren Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik oder Möbel kaufen zu können. Der Durchschnittsverdienst lag 1980 bei 1020 Ostmark monatlich. Ein Farbfernseher kostete etwa 4000 Ostmark. Für die Anschaffung eines Trabant in der Standardausführung musste man rund 10.000 DDR-Mark investieren und bekanntlich lange Wartezeiten in Kauf nehmen, hatte aber somit reichlich Zeit fürs Ansparen. Offizielle Kredite für den Erwerb all dieser Konsumprodukte gab es nicht und auch Ratenzahlungen waren nur in seltenen Fällen möglich.

Kaufen, was gerade da ist

In der DDR entwickelte sich dadurch ein recht abnormes Kaufverhalten. Wir kauften, sobald irgendwelche knappen Erzeugnisse gerade im Angebot waren, ob wir sie brauchten oder nicht. Weihnachtseinkäufe unverderblicher Waren begannen somit bereits im Frühjahr. Sehr gefragt waren auch "Bück-dich-Waren" - so bezeichneten wir alles, was es nur selten gab und das die Verkäuferinnen für ausgewählte Kunden unter der Ladentheke verbargen.

In den sechziger Jahren erlebte meine Frau eine ungeplante Schnäppchenjagd im sogenannten Centrum-Warenhaus in Erfurt. Eigentlich wollte sie Gummiringe für Einweckgläser ergattern, die jedoch während der Obsternte meist knapp waren. Stattdessen beobachtete sie, wie sich in der Teppichabteilung Käufermassen auf neu eingetroffene Lieferungen stürzten. Sie begab sich ins Gewühl, fand einen Teppich, der nach ihrer Meinung dem entsprach, wonach wir schon lange gesucht hatten, und hielt diesen an einer Ecke krampfhaft fest. Nach langer Zeit erschien endlich ein Verkäufer, der ihr aber klar machte, dass das gute Stück nicht ins Haus angeliefert und auch nur bis Ladenschluss um 18 Uhr zurückgehalten werden könne. Es war inzwischen 15 Uhr, und ich war dienstlich unterwegs und nicht erreichbar. Kurzentschlossen trommelte sie unsere vier Kinder, zwischen acht und 14 Jahre alt, zusammen. Sie marschierten ins Kaufhaus, der Teppich wurde gekauft, geschultert und gemeinsam nach Hause getragen. Unterwegs hörte sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite junge Männer sagen: "Da sieht man, dass bei uns alles knapp ist, selbst die Sieben Schwaben marschieren nur noch zu fünft."

Wen wundert es also, dass wir Ostler im Westfernsehen begierig Werbung für alle möglichen benötigten oder auch überflüssigen Waren anschauten. Ein Grund, warum das SED-Regime seine Bürger absolut von dieser Informationsquelle fernhalten wollte.

Die Wende

1989 kamen für uns unerwartet der Mauerfall und die Wende. Meine damals 85-jährige Schwiegermutter abonnierte als erstes die Zeitschrift "Hörzu", weil sie sich das Mitschreiben der Programmvorschau, die am Sonntagvormittag für die ganze Woche gesendet wurde, ersparen wollte. Sie war noch rüstig, besorgte ihren eigenen Haushalt und kaufte auch selbst ein.

Hocherfreut war sie über das plötzlich einsetzende reichliche Angebot an Südfrüchten und Gemüse. Einerseits ging sie nun gern einkaufen, weil es jetzt alles gab. Andererseits war sie entsetzt über die manchmal großen Preisunterschiede bei allen Lebensmitteln, selbst bei gleicher Sorte und Qualität. Der Schreck kam an der Kasse, wenn sie nach DDR-Manier auf Vorrat eingekauft hatte und dann hörte, was sie bezahlen musste.

Der Umfang des Sortiments und die undurchschaubare Preispolitik verwirren selbst mich heute beim Einkaufen, zudem die Vielzahl an Informationen auf den Verpackungen der Produkte. Ich selbst entscheide daher beim Einkaufen und Essen im wahrsten Sinne des Wortes nach meinem Bauchgefühl.

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Siegfried Wittenburg 06.01.2012
Als Verwalter des Mangels konnte man im real existierenden Sozialismus, damit meine ich nicht nur die DDR, für die damaligen Verhältnisse sehr wohlhabend werden. Nicht der Besitz der Waren war entscheidend, sondern die Möglichkeiten, diese beschaffen zu können. Wer sozialistisch lebte und marktwirtschaftlich dachte - wie bei Kaninchen, so auch bei Schweinen - brauchte auch nicht so lange auf das Auto sparen.
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