Alpensanatorium Agra Unheilbar deutsch

Alpensanatorium Agra: Unheilbar deutsch Fotos
Beat Hauser

Für Tausende Patienten schien das Deutsche Haus in den Schweizer Alpen die letzte Rettung zu sein - für das Lungensanatorium selbst kam jede Hilfe zu spät: In den sechziger Jahren geschlossen, verrottete es über Jahrzehnte. Fotograf Beat Hauser hat den Zauber des Geisterhauses festgehalten. Von

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"Bitte schaut mich nicht so an, es ist das erste Mal, dass ich sterbe", entschuldigt sich der Medizinstudent. Dann reißt sich der Patient die Sauerstoffmaske vom Kopf, so dass die Schläuche krachend zu Boden fallen. Der junge Mann wird die nächsten Tage im Schweizer Sanatorium nicht überleben und Irma, die junge Krankenschwester an seinem Bett, diese Szene nie vergessen. Anfang der fünfziger Jahre hatte sie im Deutschen Haus in Agra im Tessin gerade ihre Stelle als Röntgenassistentin angetreten. In der Klinik hoffte sie, Neues über die moderne Behandlung Tuberkulosekranker zu lernen.

Mehr als 50 Jahre später, längst pensioniert, ist sie an den Ort zurückkehrt. Die großen Patientensäle sind leer, die Flure verwaist. Der Fußboden ist mit Schutt und Asche übersät, überall liegen Tapetenfetzen, Kabel, Steinbrocken. Im ganzen Haus herrscht Totenstille. Der Schritt auf die Aussichtsterrasse aber wirkt seltsam vertraut - zwischen steinernen Säulen gibt er den Blick auf das atemberaubende Panaroma frei, weit über die Arme des Lago di Lugano bis nach Italien. Der Betrieb der Heilstätte in 550 Metern Höhe ist seit 1968 eingestellt. Das Deutsche Haus wurde zu einem Geisterhaus. Nur manchmal kehrten ehemalige Patienten oder Klinikmitarbeiter in die monumentale Ruine zurück. Und wenn die Sonne durch die großen leeren Fenster fiel, kamen auch die Erinnerungen wieder - an das endlose Warten, Husten, Leiden.

Bis zum Abriss im Dezember 2009 war das ehemalige Sanatorium ein Mekka für Hobbyfotografen. Und für solche, die die Ruhe lieben, sich von der idyllischen Atmosphäre und dem morbiden Charme von Schönheit und Verfall verzaubern lassen wollten. Das Deutsche Haus - ein magisches Mysterium: Wohl in kaum einem anderen Land sind die Grundstückpreise derart hoch wie in der Schweiz - und wohl an keiner anderen Stelle des teuren Schweizer Bodens hatte je eine Ruine derart lange Bestand. Fast schien es, als hätte die medizinische Therapie, die das Klinikum einst bekannt gemacht hatte, das gesamte Areal erfasst.

Ein Drittel überlebte

"Ruhe bis zum Exzess", so hatte der letzte Chefarzt der Klinik, Erich Picht, die langwierigen und keinesfalls Erfolg garantierenden Liegekuren im Sanatorium von Agra bezeichnet. Bei seiner ersten Reise dorthin, im Juni 1939, war dem Mediziner ein Bild besonders im Gedächtnis geblieben: In der Zentralschweiz las er an einem Gebäude eine Inschrift, die ihm wie ein Omen erschien: "Wir haben hier keine bleibende Stätte (Hebräer 13,14)." Optimisten mögen darin die Aussicht auf baldige Heimkehr gelesen haben. Picht verstand die Zeile als Mahnung - auch sein Leben war endlich.

In Berlin hatte er damals gerade sein medizinisches Staatsexamen abgelegt, nun reiste er in die Heilstätte im Tessin - als Patient. Picht war an Tuberkulose (Tbc) erkrankt. Seine Chancen standen schlechter, als er ahnte: Nur ein Drittel von über Tausend mit ansteckender Schwindsucht, die sich von ihrem Aufenthalt an der Schweizer Bergluft Genesung versprachen, konnten überhaupt mit einer Lebenserwartung von mehr als zwei bis drei Jahren rechnen. "In dieser statistischen Verteilung sollte mir noch während meiner zehn Monate in Agra die Rolle des Überlebenden zufallen", konstatierte Picht später.

Dabei wäre dieses erschreckende Zahlenverhältnis wohl vermeidbar gewesen, gab es doch zu jener Zeit bereits einen Impfstoff. Doch die Schutzimpfung war ausgesetzt worden, nachdem - wegen einer Verwechslung, wie sich später herausstellte - in einer Klinik in Lübeck 72 Säuglinge gestorben waren. Selbst Risikogruppen wie Medizinstudenten wurden nun nicht mehr geimpft. Picht sollte überleben - und 1957 das Deutsche Haus als dessen Chefarzt übernehmen. Doch da war der Niedergang der gesamten Heilstätte längst nicht mehr aufzuhalten.

Heilung für Reichsdeutsche

Dabei hatte dessen Geschichte so erfolgversprechend begonnen: Ruhekuren im Hochgebirgsklima, so die Erkenntnis Ende des 19. Jahrhunderts, sei eine mögliche Rettung vor der tödlichen Infektionskrankheit. Der Schweizer Luftkurort Davos war zum Zentrum der Tbc-Behandlung geworden. Doch nur die Oberschicht konnte sich den kostspieligen Aufenthalt leisten - wie etwa der Hamburger Kaufmannssohn Herman Burchard und seine Frau Olga. Sie kamen 1890 nach Davos und wollten zunächst für drei Jahre bleiben - doch dann ließ sich das Paar eine Villa bauen.

Die Burchards erkannten schnell, dass es vor allem Ärmeren an einer qualifizierten Versorgung mangelte. Aus Dankbarkeit für ihre Genesung riefen sie 1898 den Verein Deutsche Heilstätte ins Leben - mit dem Ziel, "minderbemittelte, an Tuberkulose erkrankte Reichsdeutsche nach der Methode der geschlossenen Anstalt zu behandeln". Ein Jahr nach der Vereinsgründung wurde der Grundstein für ein Sanatorium in Davos gelegt.

Schon bald konnte die Heilstätte den Ansturm der Patienten nicht mehr bewältigen. So entstand die Idee, in Lugano eine Zweigstelle für solche Patienten zu errichten, denen zwar die saubere Schweizer Luft, nicht aber das Hochgebirge zuträglich war. Das brachliegende Landwirtschaftsgut Poncini in Agra schien dafür der ideale Ort. 1912 konnte der Bau des Sanatoriums beginnen. Vier Jahre später erholten sich in Agra auch deutsche Soldaten vom Ersten Weltkrieg.

Klinik mit NSDAP-Ortsgruppe

Die Kosten der Patientenbetreuung trugen die reichsdeutschen Sozialversicherungen - das funktionierte so gut, dass das Deutsche Haus in den zwanziger Jahren wegen großer Nachfrage noch erweitert wurde. Erst die Machtübernahme Hitlers verunsicherte den Vorstand: Würden die Nationalsozialisten die medizinische Außenstelle der Deutschen unterstützen? Um sicherzugehen, holte sich der Heilstättenvorstand die Fürsprache zweier hochrangiger Nazis: Er berief den Landesgruppenchef der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, in seine Reihen und machte den deutschen Gesandten in der Schweiz, Ernst Freiherr von Weizsäcker, zum Ehrenvorsitzenden.

Die eilfertige Anbindung an Nazi-Deutschland verfehlte ihr Ziel nicht: Vor allem während der ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs waren die Sanatorien gut belegt - mit Reichsdeutschen im Sinne der Nürnberger Rassengesetze. Der Chefarzt der Klinik in Agra, Hanns Alexander, hatte 1937 persönlich den Posten der NSDAP-Ortsgruppenleitung in der deutschen Exklave übernommen.

Als das "Dritte Reich" unterging und die Gesinnung der Klinikleitung zum Verhängnis zu werden drohte, reagierte der Vorstand prompt - und wählte politisch unbedenkliche Deutsche und Schweizer Bürger in seine Reihen. Die Schweizer Regierung hatte im Februar 1945 dessen Konten vorsorglich sperren lassen, nachdem bekannt geworden war, dass sich die Alliierten den Zugriff auf alle in der Schweiz befindlichen deutschen Vermögenswerte sichern wollten. Das juristische Tauziehen um das Heilstättenvermögen sollte über Jahre andauern.

In der Idylle gefangen

Absurd war die Situation aber vor allem für die bei Kriegsende noch in den Sanatorien verbliebenen deutschen Patienten. Weil die Alliierten unter ihnen Anhänger des "Dritten Reiches" vermuteten, durften sie nicht ausreisen und waren - mittellos und von der Heimat abgeschnitten - zum jahrelangen Abwarten verdammt. So hatten sie sich ihren Alpen-Aufenthalt nicht vorgestellt.

Eine Lösung zeichnete sich erst 1950 ab: Der Trägerverein wurde zu einer Stiftung schweizerischen Rechts, deren vorrangige Bestimmung die Behandlung deutscher Patienten blieb. Damit waren Bestand und Finanzierung gesichert. Aus Deutschland kamen die ersten Neueinweisungen, die Verbliebenen konnten nach Hause zurück.

Doch der Nachkriegsbetrieb lief nur schleppend an. Die Erlebnisse des Krieges und die zweifelhaften Heilungsaussichten motivierten Patienten kaum, auf unbestimmte Zeit Familie und vertraute Umgebung zu verlassen. Vor allem bei Männern, stellt Chefarzt Picht fest, "äußerte sich die einer Heilung gewiss nicht förderliche Unzufriedenheit vor allem in sozialschicht- und zum Teil auch berufsbedingtem Alkoholismus". Patienten griffen Schwestern an und tyrannisierten Leidensgenossen. Andere fühlten sich in Agra so wohl, dass sie nach erfolgreicher Behandlung "als Schmarotzer im Hause" blieben.

Meistfotografierte Ruine der Schweiz

Unter seinen Kollegen beobachtete Picht in jenen Jahren einen "allgemeinen Schlendrian", der sich unter anderem darin äußerte, dass man Ärzte "sogar rauchend in den Korridoren" der Lungenheilstätte antreffen konnte. Die Klinikleitung wurde der Exzesse kaum Herr.

Doch ein anderer Grund ließ die Überlebenschancen des Deutschen Hauses in den sechziger Jahren massiv sinken: Die Volksseuche Tuberkulose war besiegt. Während sich die Hochgebirgsklinik in Davos nun auf andere Erkrankungen wie Asthma und Allergien spezialisierte, musste das Sanatorium in Agra seine Pforten 1965 für deutsche, drei Jahre später auch für Tessiner Patienten schließen.

Seine Anziehungskraft verlor das Deutsche Haus damit nicht. Touristen, Abenteurer und Romantiker auf der Suche nach Thomas Manns "Zauberberg"-Sanatorium erkundeten in den Folgejahren das weitläufige Areal. Für "einzigartig" hielt auch der Schweizer Fotograf Beat Hauser die Ansiedlung: "Ein so riesengroßes, stillgelegtes Objekt gab es sonst nirgends in der Schweiz, erst recht nicht in dieser Lage." Die deutsche Heilstätte wurde zur meistfotografierten Ruine des Landes.

Heute erzählen die Fotos Geschichte. Nachdem sich 2004 ein Investor fand, der das Gelände kaufte und den Prachtbau des Zürcher Architekten Edwin Wipf sanieren wollte, erwies sich die Bausubstanz als marode. Nach dem Abriss soll nun an Stelle des Sanatoriums ein luxuriöser Wohnkomplex entstehen.

Zum Weiterlesen:

Fischer-Hotz, Margrit: Schatzalp Davos und Deutsches Haus Agra. Die Geschichte einer späten Zauberberg-Liebe, Edition Fischer, Frankfurt am Main, 2005.

Festschrift: 100 Jahre Stiftung Deutsche Hochgebirgsklinik Davos. 1898-1998, Davos, 1998.

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1.
V. M. 16.04.2010
Eine schön recherchierte und dargestellte Geschichte dieses Hauses, das auch mich vor allem aufgrund der einmaligen Lage fasziniert hat. Für den geneigten Leser der Link zu meinen Photos des Sanatoriums: http://verloreneorte.byethost8.com/hospital/Agra.html - auf www.verloreneorte.de
2.
Burkhard von Grafenstein 16.04.2010
Die Überschrift zum Beitrag ist insofern passend, weil ziemlich pathologisch. Das Lungensanatorium hilft hier aber nicht weiter.
3.
beat marti 17.04.2010
ich habe als kind jahre auf dem appisberg/männedorf verbracht,wo mein vater nach seiner assistentenzeit in davos bis 1944 chefarzt der damaligen arbeitsheilstätte für tuberkulosekranke war.er war von anfang an ein überzeugter gegner der nationalsozialisten und hat darunter über ein jahrzehnt in einer allzu deutschfreundlichen umgebung gelitten.
4.
nordee welle 18.04.2011
Hochachtung. Ein wirklich guter und informativer Artiken. Es war ein Genuss ihn zu lesen. Und auch die Bilder. Sehr gut. Beste Grüße - Thomas (http://www.urbex-online.de)
5.
Manuel Moeklin 14.12.2012
Liebes Spiegel-Team, liebe Leser Der Bericht über das ehemalige Sanatorium "Deutsches Haus" in Agra ist sehr interessant, aber falsch! Der Gebäudekomplex wurde saniert und heute erstrahlt das ehemalige Sanatorium, wie Phoenix aus der Asche, unter dem Namen "Resort Collina d'Oro" in neuem, wenn auch eher zeitgenössichem, Glanz (siehe Link). http://www.resortcollinadoro.com/it/13/resort.aspx
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