Ein Bild und seine Geschichte Mann am Kreuz

Welche Last hatte dieser Herr zu tragen? Die Geschichte hinter dem Foto erzählt von merkwürdigen Geräten - und Koryphäen der Kriminalistik.

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Library of Congress

Die Uhr über dem Kreuz zeigt zehn vor zwölf. Der Delinquent steht auf Strümpfen und presst seinen Rücken gegen das Holz. Er muss die Arme ausbreiten - ganz so, als würde man Maß nehmen, ob die Konstruktion auch zu ihm passt.

Das Bild zeigt nicht, was der Mann sonst noch in diesem Raum erspähte: einen Stuhl mit Klemmvorrichtung für Kopf und Rücken, seltsame Schemel, zangenartige Greifzirkel. Die Gerätschaften wirkten einschüchternd. Und wahrscheinlich sollten sie das auch. Denn wer diese Instrumente zu sehen bekam, hatte ein Verbrechen begangen oder war zumindest verdächtig.

Es war aber nur das Vorzimmer, nicht etwa der Ort der Strafe. Hier ging es allein um die fachgerechte Vermessung des Verbrechers - sie konnte schmerzhaft werden, wenn man sich widersetzte.

Die Prozedur hatte sich ein Mann ausgedacht, der selbst Zeit seines Lebens unter Schmerzen litt: Alphonse Bertillon, geplagt von heftigen Migräneattacken, die ihn zu einem mürrischen Einzelgänger werden ließen. Noch lange nach seinem Tod hing ihm der Ruf eines cholerischen Pedanten an.

Kein Scherz

Andererseits war Bertillon hochintelligent. Sein Vater, ein angesehener Pariser Arzt und Statistiker, war daher froh, als er seinen kontaktscheuen Spross und Schulabbrecher 1879 als Schreiber in der Polizeibehörde hatte unterbringen können. Fortan sollte der 26-Jährige die äußerlichen Merkmale von Straftätern, alle über sie bekannten Daten und Informationen auf Karteikarten zusammentragen und abheften.

Eine triste Aufgabe. Und so sinnlos noch dazu.

Viereinhalb Monate erst war Bertillon im Dienst, als er seine Vorgesetzten darüber belehrte: Für die rund fünf Millionen Karten im Strafregister gab es kein einheitliches Ablagesystem. Die Personenbeschreibungen waren vage, die angegebenen Namen oft falsch, die Fotos der Festgenommenen von miserabler Qualität. Eine Identifikation war kaum möglich, wenn Verdächtige absichtlich das Gesicht verzogen hatten.

Er selbst, ließ Bertillon seinen Chef wissen, habe eine bessere, eine wissenschaftliche Methode zur Identifizierung von Straftätern entwickelt und würde sie gern einführen.

Der Vorgesetzte ignorierte Bertillons Schreiben. Er hielt es für einen Scherz.

Doch Bertillon scherzte keineswegs. Als Arztsohn mit Interesse an Mathematik und Statistik hatte er sich eingehend mit Daten zum individuellen Körperbau befasst. Seine Annahme: In ihren Körpermaßen unterschieden sich Menschen eindeutig, diese Maße ändern sich nach dem 20. Lebensjahr nicht mehr. Seine Folgerung: Bei geeigneter Auswahl könnten die Messresultate zur eindeutigen Identifizierung dienen.

Elf verschiedene Maße schlug Bertillon vor: Körperhöhe, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge und Kopfbreite, Länge und Breite des rechten Ohres, Länge des linken Fußes, Länge des linken Mittel- und des linken kleinen Fingers sowie des linken Unterarms.

Bertillonage weltweit

Statt nach Namen wollte Bertillon Straftäter künftig nach Maßen sortieren. Für je eine Porträt- und Profilfotografie hatte er eigens eine Apparatur mit Drehstuhl konstruiert: Sie gab dem Verdächtigen die Haltung vor und ermöglichte so die Vergleichbarkeit der Aufnahmen.

Alphonse Bertillon
imago/ Leemage

Alphonse Bertillon

Immerhin: Seinen Vater konnte Bertillon von der Idee rasch überzeugen. Doch für den Durchbruch genügte dessen Einfluss in der Pariser Politik nicht. Seine Chance bekam Bertillon erst mit einem neuen Polizeichef - und nutzte sie. Binnen weniger Jahre wurde aus dem Büroschreiber eine international anerkannte Koryphäe der Kriminalistik.

Bertillons Ruhm sprach sich bis in die USA herum. Dort übernahm Theodore Roosevelt 1895 die Leitung einer der damals bekanntermaßen korruptesten Polizeibehörden: des New York Police Department. Der ehrgeizige neue Chef wollte das NYPD in eine schlagkräftige Ermittlertruppe verwandeln, die in der Lage sein sollte, Wiederholungstäter, also Berufsverbrecher zu identifizieren. Roosevelt empfahl deshalb die Übernahme von Bertillons System.

Auf die Bertillonage, wie die Methode genannt wurde, setzten bald auch Russland, Deutschland, Ungarn, die Schweiz, Belgien, Spanien, Österreich, Portugal, Dänemark, die Niederlande und weitere Staaten. Eine Ausnahme blieb Großbritannien.

Der Franzose tobte

Den Briten galt Bertillons Verfahren als zu aufwendig. Exakte Messergebnisse erforderten geschultes Personal und waren zudem - statt gleich am Tatort - erst im Büro mit den geeigneten Instrumenten möglich.

Darum favorisierten britische Experten das Fingerabdruckverfahren, das damals allerdings noch unausgereift war: Schon länger wusste man, dass die Papillarlinien an den Fingerkuppen jedes Menschen einzigartig waren. Aber noch fehlte es an einem geeigneten Klassifizierungssystem, um die Muster zu sortieren und die Datenblätter rasch auffindbar zu machen.

Das britische Innenministerium empfahl 1895 eine Kombination aus nur fünf Bertillon-Körpermaßen und Fingerabdrücken. Der Franzose tobte. Noch mehr, als erst Scotland Yard und danach weitere Polizeibehörden mehrerer Länder sich ganz von seiner Methode verabschiedeten und ausschließlich das Fingerabdrucksystem einführten.

Das New York Police Department dagegen blieb seinen Körpermessungen über Jahre treu - wie die Aufnahme oben zeigt, 1908 veröffentlicht und erhalten geblieben in der Library of Congress. Noch bis 1920 arbeiteten US-Polizeistationen mit den Körpermaßen nach Bertillon - und tun es mit den von ihm erfundenen Porträt- und Profilaufnahmen, den sogenannten Mugshots, sogar bis heute.

Sein eigenes Land wollte den verdienten Forensiker offenbar nicht unnötig erzürnen: Frankreichs Polizei wechselte erst 1914 zur Identifizierung per Fingerabdruck. Am 13. Februar des Jahres war der schwer kranke und fast erblindete Alphonse Bertillon gestorben.

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Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad/Het Leven
Burton Historical Collection, Detroit Public Library
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