Als Botschafter bei Castro Heikles um Mitternacht

Fidel Castro nimmt Abschied von der Macht. Bernd Wulffen lernte Kubas Diktator ganz aus der Nähe kennen, als Botschafter in Havanna. Fast wäre der Diplomat dem Charme des Máximo Lider erlegen - wären da nicht die Dissidenten gewesen und Castros Wunsch, die Berlinale zu besuchen.

Bernd Wulffen

Bernd Wulffen trat 1969 in den Diplomatischen Dienst ein und war von 2001 bis 2005 deutscher Botschafter in Havanna. Er ist Autor des Buches "Eiszeit in den Tropen. Botschafter bei Fidel Castro", Berlin 2006.


Das erste Mal bin ich Fidel Castro Anfang 2001 begegnet. Das war bei einer Veranstaltung in einem großen Sportstadion in Havanna. Castro zeichnete verdiente Sportler des letzten Jahrhunderts aus und jedes Mal, wenn er einen Athleten beglückwünschte und nach kubanischer Sitte umarmte, flammte Applaus auf. Ich war beeindruckt von der Spontanität der jungen Menschen und davon, dass sie Fidel Castro verehrten wie einen Vater.

Castro hat ein unglaubliches Charisma. Er schaut seinen Gesprächspartner direkt an, baut Distanz ab, fasst sie auch mal am Arm bei dem Versuch, sie von seinen Gedanken zu überzeugen. Das habe ich mehrfach erlebt. Mit seiner sympathischen Art kann er einen schon gefangen nehmen. Er weiß sehr gut, mit Leuten umzugehen. Diese Ausstrahlung ist selten, man muss sich ihr beinahe mit Gewalt entziehen.

Der Revolutionär sammelt Wein

Castro mischte sich immer wieder unters Volk, das habe ich oft auf seinen Reisen durch das Land erlebt. Sobald er aus dem Wagen stieg, riefen die Leute: "Fidel! Fidel!" Er hat mit ihnen gesprochen, Hände geschüttelt und Kinder gestreichelt. Fast immer war er zu einem Witz oder einer launigen Bemerkung aufgelegt.

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Als Botschafter bei Castro: Heikles um Mitternacht

Als der damalige deutsche Wirtschaftminister Werner Müller im Juni 2001 Kuba besuchte, verteilte Castro am Ende ein paar Geschenke und überreichte jeder Dame aus der Delegation eine Rose. Eine deutsche Dolmetscherin fiel ihm dabei besonders auf. Er wurde noch großzügiger und schenkte jedem Delegationsteilnehmer eine kleine Zigarrenkiste. Eine versah er mit besonderer Widmung und schrieb: "Der Frau ..., der Hübschen und Geheimnisvollen." Solche Scherze machte er gerne. Wir wollten auf unseren Zigarrenkisten dann natürlich auch so eine Unterschrift - die gab er auch, allerdings ohne Verslein.

Zigarren sind auf Kuba ein typisches Gastgeschenk, selbst geraucht hat Castro sie später aber nicht mehr. Das hatten ihm die Ärzte in den achziger Jahren verboten. Auch Rum habe ich ihn nie trinken sehen. Das lag ihm wohl nicht. Er bevorzugte spanischen Rotwein. Als ich einmal bei einem Empfang beim Abendessen neben ihm saß, meinte er: "Sie haben ja keinen Rotwein in Deutschland, sie haben ja nur Weißwein."

Ich antwortete ihm: "Nein, Herr Präsident, wir haben auch sehr guten Rotwein in Deutschland und eine ganze Reihe von Anbaugebieten. Ich werde mir erlauben, Ihnen eine Flasche deutschen Rotweins zu schicken." "Ach nein", sagt er, "schicken Sie mir bitte zwei. Die eine werde ich trinken und die andere kommt in meine Sammlung." Die Weinsammlung war sein Hobby.

Vom Schlag getroffen

Bei Empfängen im Staatsratsgebäude habe ich Castro dann öfter getroffen und ihn auch zu mir in die Botschafter-Residenz eingeladen. Einmal war eine Delegation aus Hessen zu Besuch, es sollte um die Themen Biotechnologie und Verkehrsinfrastruktur gehen. Es war ein ganz merkwürdiger Abend. Es fing an zu regnen, was ungewöhnlich war im Februar und ich hatte mich mit den Besuchern aus Deutschland ins Innere der Residenz zurückgezogen.

Plötzlich wurden Stimmen laut. Jemand rief "El Comandante!" und eine Hausdame der Botschaft kam aufgeregt hereingelaufen und rief, wir müssten herauskommen. Da stieg Castro schon aus seinem Wagen in der khakifarbenen Uniform, die er fast immer trug. Ich habe ihn die Treppen hinauf begleitet. Die Hessen waren wie vom Schlag getroffen. Die wussten gar nicht, was los war.

Castro begrüßte die Delegationsmitglieder und schaute sich wie ein freundlicher Gast um, besonders in meiner Bibliothek. Er ist ein großer Büchernarr. Dann ging es zur Sache und wir haben uns über aktuelle weltpolitische Fragen und besonders über das Bundesland Hessen unterhalten, das ja im Mittelpunkt des Abends stehen sollte.

"Wir sind hier belagert!"

Irgendwann kamen wir auch auf die DDR zu sprechen und Gorbatschows berühmten Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Ich habe damit auf Kuba übergeleitet und gefragt, ob es nicht auch in Kuba die Möglichkeit gebe, freundlicher mit der Opposition umzugehen und nicht immer gleich mit Strafmaßnahmen zu antworten und Leute ins Gefängnis zu werfen. Das hat ihn sehr getroffen.

Er wurde plötzlich sehr energisch und sagte: "Botschafter, wie lange sind Sie denn schon in Kuba?" - "Ein gutes Jahr", sagte ich. "Dann müssten Sie doch wissen, dass wir hier belagert sind", erklärte er. "Wir befinden uns in einem Kriegszustand und dürfen uns keine Blöße geben. Wir können die Opposition nicht einfach frei agieren lassen, das sind Söldner, verlängerte Arme der USA. Und die USA sind unsere Feinde, die uns mit Krieg überziehen wollen."

Es war eine kurze Diskussion. Ich merkte, wie empfindlich er auf solche Fragen reagierte. Nach anderthalb Stunden verabschiedete er sich.

"Das geht so nicht!"

Solche Situationen gab es mehrmals. Sehr geärgert hat Castro auch eine Warnung für deutsche Touristen wegen einer Epidemie auf Kuba, zumal er bereits dabei war, Gegenmaßnahmen zu treffen. Bei einem Empfang zu Ehren des damaligen mexikanischen Staatspräsidenten Vincente Fox trafen wir uns wieder. Direkt vor Fox sprach er mich auf die Reisewarnung an: "Botschafter, das geht so nicht! Ändern Sie das!"

Richtig dramatisch wurde unser Verhältnis, nachdem Castro im Februar 2003 zur Premiere des Films "Comandante" auf die Berlinale eingeladen worden war. Für ihn war das eine große Ehre und er wollte unbedingt nach Berlin reisen. Wir hingegen hatten damals Schwierigkeiten mit den USA, weil wir ihnen in der Irak-Politik die Gefolgschaft verweigert hatten. Da passte es nicht in die Landschaft, wenn jetzt auch noch Castro nach Berlin kommen würde - ich hatte den Auftrag, ihm das auszureden.

In der Nähe meiner Residenz habe ich Castro dann zu diesem heiklen Gespräch getroffen. Es war mitten in der Nacht und ich war ziemlich unruhig. Ich befürchtete, er würde darauf bestehen, die Einladung anzunehmen und mich als Botschafter auffordern, für das nötige Visum zu sorgen.

Eine Art Kriegserklärung

Als er dann kam, war er sehr ruhig, nett und freundlich. Er erkundigte sich nach meiner Familie und den Kindern. Dann sagte er: "Ach wissen Sie, wegen der Reise brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich werde nicht fahren, ich habe das abgesagt. Ich verstehe gut, dass Ihre Regierung wegen der Schwierigkeiten mit den USA keine weiteren Unannehmlichkeiten will." Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Das war dann auch das letzte Mal, dass ich den Comandante persönlich gesprochen habe. Wenig später haben wir gegen die Verhaftung und Aburteilung von kubanischen Oppositionellen protestiert. Die Kritik der europäischen Botschafter hat ihn sehr geärgert, vor allem, dass wir Oppositionelle zu unseren jeweiligen Nationalfeiertagen eingeladen haben.

Für ihn war das so eine Art Kriegserklärung und er ließ uns wissen, dass, wer so etwas tat, von ihm keine Einladung mehr zu erwarten hätte. Auch zu unseren Empfängen würde er nicht mehr kommen.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe



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