Als der Hip-Hop Deutsch lernte Durchbruch im Schwimmbad-Club

C64-Computer, Raufasertapeten und US-Rap - aus dieser Mischung entstand 1988 einer der kreativsten deutschen Musikstile: In einem Stuttgarter Vorort entschieden vier Jungs, statt auf Englisch künftig nur noch auf Deutsch zu rappen. Hip-Hopper Smudo erinnert sich an die Geburtsstunde der "Fantastischen Vier".

Smudo auf einestages

Die achtziger Jahre. Aus heutiger Sicht ein kurioses Zeitalter. Ein Achtziger-Alltags-Möbel, das heute absurd erscheint, illustriert diese Kuriosität: die Telefonbank. Eine Bank mit angeschlossenem Tisch für das Telefon und Block mit Stift zum Notizen machen und Schubladen mit Telefonbüchern, alles in der Nähe der Telefondose, denn natürlich alles nicht drahtlos. Zusätzlicher Luxus war ein extralanges Kabel, damit man mal mit dem Telefon aufstehen konnte, um sich ein paar Meter von der Bank zu entfernen. In dieser Zeit wurde deutschsprachiger Hip-Hop geboren. Dessen Ursprünge gingen zurück auf die schwarzamerikanischen US-Besatzersoldaten, die unter anderem in Baden-Württemberg in der Nähe ihrer Kasernen in sogenannten GI-Diskotheken den US-Rap importierten. Komplett mit Scratching, Live-Rapping und "Throw your hands in the Air".

In Schloß-Neuhaus, Ostwestfalen, wo ich meine einstellige Kindheit verbrachte, hatte ich durchaus schon ein Ohr für die Schallplattensammlung meines Vaters, der fingerschnippend zu "Hit the Road Jack" und "Papa was a Rolling Stone" durch das Wohnzimmer tänzelte, während seine von diversen USA-Reisen mitgebrachten Soulplatten nass abgespielt wurden. "Nass abspielen" ist eine weitere Kuriosität aus der Vergangenheit; eine Hifi-Idee aus den Siebzigern: Auf der einen Seite der sich drehenden Vinylscheibe ruht die Tonabnehmernadel des Plattenspielers, auf der anderen Seite ein kleines Schwämmchen, das eine Spiritusmischung auf die Platte streicht. Das Ergebnis: kein Knistern beim Abspielen. Aber jede Menge Knistern beim Trockenabspielen. Meine erste Berührung mit schwarzamerikanischer Musik.

Funk 'n' Soul aus Ostwestfalen

Ich kann heute mit Fug und Recht behaupten, dass diese nass abgespielten Grooves meine ersten Schritte zu einem eigenen Musikgeschmack waren. Natürlich mischte sich das in meinem kleinen, noch nicht mit feuilletonistischem Gedankengut entmystifizierten Kindergehirn: Temptations neben Boney M, Donna Summer neben Ray Charles und Eruption neben Golden Gate Quartet. In meiner neuen Heimat Gerlingen bei Stuttgart wuchs ich in die Pubertät hinein, und ein Freund rief mich von seiner Telefonbank aus an, um sich mit mir zum Platten hören zu treffen.

So hörte ich Grandmaster Flashs "The Message" zum ersten Mal trocken abgespielt. Das fand ich heiß. Es war eine sogenannte Maxi-Single: eine Single in LP-Größe, also 33 Zentimeter im Durchmesser mit Sieben-bis-Zwölf-Minuten-Versionen eines Songs. Mein Einstieg in die erste Breakdance-Welle und der Beginn meines echten Musikinteresses. Der Funk 'n' Soul aus Ostwestfalen fand sich in den harten Rapgrooves wieder, allerdings in urbanem Streetgewand. Eine Musikwelt, die mir als Teenager auf der Suche nach Identifikation endlich die Möglichkeit gab, etwas Besonders zu sein. Wenn mich meine Gerlinger Popper-Kumpels mit ihrem Spandau-Ballett-Look fragten, welche Musik ich höre, konnte ich stolz sagen: "Kennste eh nicht". Als Revanche lästerten sie dann hintenrum über mein vernachlässigtes Äußeres. So wurde aus meinem Nachnamen "Schmidt" das joviale "Schmuddel" und daraus später "Smudo". Mit diesem komischen Namen muss ich nun bis an mein Lebensende altern. Wie Bela, Campino oder Bono. Kuriositäten der neunziger Jahre.

Mit 17 im Paradies

Ein Mädchen in meiner Klasse hörte ausnahmsweise nicht Madonna, Cindy Lauper oder Eurythmics. Sie zeigte mir Clubs, in denen die Musik meiner Träume lief, wiewohl es sie dort, glaube ich, weniger aus musikalischem Interesse hinzog. Sie lebt heute glücklich verheiratet mit zwei Kindern in Chicago. Die Läden hießen "Club", "Peppermint" und "Maddox" und waren die angesagten GI-Diskos, in denen ein überwiegend schwarzamerikanisches Klientel zu mir völlig unbekannter, aber mitreißender Rapmusik schwoofte bis die Schwarte krachte. Obendrein wurde gescratcht, gemixt und gelegentlich live gerappt.

Ich war 17, ich war im Paradies, ich wollte das auch können. Ich erkundigte mich bei den DJs nach entsprechenden Plattenläden. Es war die Zeit der Importscheiben. Eine weitere typische Achtziger-Sache. Nur im "Record Express" in der Stuttgarter City fanden sich die bei den Allerwelts-Teenagern unbekannten New-York-Rap-Kracher wie Sparky D, Roxanne Shanté, Marley Marl, UTFO, Bboys, Treacherous Three, Egyptian Lover und so weiter. 25 Mark eine Maxi. Mein ganzes Taschengeld ging drauf. Einmal nahm ich in Gerlingen an einer Verkehrszählung teil, ein von der Stadt ausgeschriebener Schülerjob. Von den verdienten 50 Mark kaufte ich mir eine lederne Baseballkappe. Mit dieser Kappe ging ich ständig in die GI-Diskos und wagte dort sogar einmal, einen zu Hause im Jugendzimmer verfassten Rap auf Englisch darzubieten. Höfliche Ignoranz der Gäste aus Amerika. Erst als ich erste deutsche Raps kickte, gab es vereinzeltes Schulterklopfen.

BronxBox in Gerlingen

Mit meinem Computerkumpel Andy hatte ich bis dahin Spiele auf einem Texas-Instruments-Rechner programmiert und auf Partys mit Mädchen zu wenig Stehblues getanzt. Wir entdeckten diese aufregende Rapmusikwelt gemeinsam, und unser Computer- und Elektronikinteresse trieb uns dazu, selbst solche Musik machen zu wollen. Gerne wären wir nicht die gehänselten Nerds, sondern coole Betonburgenrapper gewesen, die von den Mädchen geküsst werden. Rhythmusmaschinen, wie es sie damals in Musikgeschäften neuerdings gab, konnten wir uns nicht leisten. Andy hatte tatsächlich aus einer Elektronikzeitschrift abgebildete Leiterbahnen zum Selber-Ätzen von Platinen eingesetzt, um eine eigene Beat-Box zu bauen. Jede Platine konnte drei Eproms abspielen. Die Eproms mit dem heißen Sound aus Amerikas Hip-Hop-Rhythmusmaschinen wie Lynn-Drum oder 808 konnte man bei einem Chip-Versender bestellen. Angesteuert von einem Commodore-Rechner machten wir erste eigene Tracks mit Andys Konstruktion: Der BronxBox. Dies war der Startschuss und der besatzermusikkulturelle Hintergrund, vor dem die "Fantastischen Vier" geboren wurden.

Noch aber waren wir zu Zweit und hießen "The Terminal Team". Der eine oder andere Deutschrap-Test hatte vielleicht im "Club" geklappt, aber unser Repertoire war deutlich englischlastig. Bald waren wir aber schon eine richtige kleine Band. Thomas lernte ich über einen gemeinsamen Freund kennen, Michi, der Einzige von uns aus der Innenstadt, trafen wir als Plattenaufleger, der im Jugendhaus Degerloch als King Burger B mit seinem Kumpel Didi (Chicken Mc Dee) eine Hip-Hop-Party schmiss. Vor den Augen einer Handvoll Ignoranten. Wir Vier fanden zusammen. Wir wollten nur das eine: die Mädchen. Mein Therapeut würde das heute wahrscheinlich mit "Anerkennung" gleichsetzen.

Englisch hatte nicht mehr Soul als Latein

Unsere englischen Texte waren auf dem Niveau der frühen Achtziger: "Hello everybody how do you do? This is a rap from me to you" ("Sexual Rapping", T Ski Valley, 1982). Eine unserer ersten Zeilen ging so: "Ich sag eins und zwei und drei und vier. Auf dem Klo gibt's nicht nur Wasser, ja, da gibt es auch Papier". Ja, haha, damals in Klondike.... - und doch: Auf unserem ersten Konzert im Jugendhausclub Heslach in Stuttgart kamen vor unseren dreißig bierseligen Kumpels eben diese Lieder deutlich am besten an. Es war Juli 1988.

Kurz danach, nach Abitur und Friseurlehre, reisten Thomas D und ich für dreieinhalb Monate in die USA zum Aussteigerurlaub. Natürlich tranken wir jede Menge und drückten uns auf Parties rum. Wenn wir gefragt wurden, was wir denn so machten und stolz von unserer Band erzählten, stießen wir als Weiße, die in rudimentärem Englisch kuriose Texte kickten, auf höfliches Unverständnis. Die deutschen Raps allerdings wurden beklatscht.

Wir reisten von New York per Greyhound nach Denver und dort mit eigener Gebrauchtschrottkarre an die Westküste. Wir kauften Platten, rauchten erstmals Gras, lernten von Pennern bis zu Collegepoppern, von Einwandererpärchen mit deutschem Delikatessengeschäft in Los Angeles bis zu Privatzahnärzten in Denvers Suburbia alle möglichen Leute kennen, und je länger wir in den USA weilten, je besser wie die Sprache und das Land verstanden, desto absurder erschien es uns, auf Englisch zu rappen. Das hatte so viel Soul für uns als wenn wir auf Lateinisch musiziert hätten.

Die wichtigste Entscheidung der Bandgeschichte

Im Dezember 1988 kamen wir zurück - und der Entschluss stand fest: keine englischen Texte mehr. Es war die wichtigste Entscheidung unserer Bandgeschichte. In Deutschland gab es eine kleine Hip-Hop-Szene, die sich aber überwiegend, wenn nicht ausschließlich an der US-amerikanische Zeichen- und Sangessprache orientierte. Uns kamen solche Veranstaltungen vor wie ein Hip-Hop-Museum, in dem alles, was diese Kultur hervorbrachte, ausgestellt wurde. Sehr ordentlich und deshalb sehr deutsch. Damit wollten wir nichts zu tun haben. Aus dem Alter waren wir raus. Wir saßen in Andys Jugendzimmer zwischen Kabeln, Kartoffelchips, Raufasertapete, Computern, Mezzomixflaschen und Pornoheften und entschieden: So machen wir das.

Ab diesem Moment übersetzten wir alles. Wirklich alles. Wir sagten nicht mehr "scratchen", sondern "Platten kratzen". Unsere Musik hieß natürlich nicht mehr Rap, sondern Sprechgesang. Es war eine Mission. Es diente unserer Selbstfindung. Noch vor wenigen Jahren hat sich Thomas D geweigert, ein englisches Wort in seine Texte zu schreiben. Wir verstanden uns als erste konsequent deutschsprachige Rapband, und bisher hat keiner diesen Titel für sich zurück reklamiert. Wer etwas zu sagen hat und es ernst meint, so unsere Meinung, der macht es in der Sprache, in der er auch denkt oder fühlt. "Ich bin einsam, ich brauche jemanden, ich habe Angst" wird ernst genommen. "I am lonely" juckt keinen.

Unsere Konzerte gingen vorwärts. Schon 1989 hatten wir in hochexklusiven Insiderkreisen den Ruf einer zünftigen Liveband. 1991 kam es dann zum Plattenvertrag, und mit dem zweiten Album 1992 kam der Durchbruch mit "Die Da".

Die Frage "wann habt ihr gemerkt, dass ihr es geschafft habt?" lässt sich so beantworten: Im Oktober 1992 spielten wir im "Schwimmbad-Club" in Heidelberg. Wir waren auf einer Mini-Tour. Unser Song "Die Da" war schon eine Zeit lang veröffentlicht, stieg auf Platz 92 in die Top 100 der Hitparade ein, flog wieder raus, stieg dann wieder rein und kletterte langsam nach oben. Als wir in Heidelberg spielten, war er auf Platz 2. Der Club war schon rappelvoll, ungefähr 500 Leute warteten auf unseren Auftritt. Wir guckten zufällig aus dem Fenster - und da standen immer noch 1500 Menschen in der Schlange. Viel zu viele, die konnten unmöglich alle in den Laden reinkommen. Ein warmes, aufgeregtes Gefühl durchwehte uns: Die wollen zu uns! Jetzt ist sie da, die Anerkennung. Wir haben ein Publikum, und wir haben es geschafft.

Trotz vieler Einzelerfolge war es später nie wieder wie an diesem Abend.



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Seite 1
christoph stiens, 12.10.2007
1.
Interessanter Artikel ueber die Mitbegruender des deutschsprachigen Raps. Es waere aber auch schoen gewesen, wenn Smudo auch Advanced Chemistry erwaehnt haette, denn die rappten bekanntlich als erste auf Deutsch.
Jörg Hennicke, 12.10.2007
2.
EinWeiteres wichtiges Ereignis hier: http://www.jottunddiewelt.de/wildstyle/
Ronny B., 12.10.2007
3.
"Wir verstanden uns als erste konsequent deutschsprachige Rapband, und bisher hat keiner diesen Titel für sich zurück reklamiert." Vielleicht nicht reklamiert aber die ersten waren immer noch Kinderzimmer Productions aus Ulm. Ebenfalls heute noch aktiv, nur nie wirklich in kommerzieller Hinsicht erfolgreich. Dafür sind sie immer ihrer Linie treu geblieben und liefern m.E. nach immer noch den besten deustchprachigen Hip-Hop ab. Die Legende der Fantas als Begründer der deutschen Hip-Hop Szene wird trotzdem weitergehn...
Mathias Roska, 12.10.2007
4.
Toller Artikel von Smudo. Super geschrieben und macht Lust auf mehr.
Jörg Hennicke, 12.10.2007
5.
Ganz wichtig für die Verbreitung des Raps in Deutschland: Ein Montag- oder Dienstagabend im "kleinen Fernsehspiel" des ZDF. Der Film nannte sich damals noch "Grafitti", war tatsächlich vom ZDF mitproduziert und war für viele spätere Hiphop-Fans die Initialzündung. Er gilt heute -unter seinem Originaltitel "Wild Style"- als bester und wichtigster Rap-Film.
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