Als Deutschland aufgeklärt wurde Setzen, Sex!

Als Deutschland aufgeklärt wurde: Setzen, Sex! Fotos

Trotz Warnung vor dem "Teufelskreis der Onanie" - in den siebziger Jahren eroberte die Sexualkunde bundesdeutsche Klassenzimmer. Während sich Lehrer und Bürokraten mit dem schlüpfrigen Stoff schwertaten, hatten sich die Jugendlichen längst woanders schlaugemacht.

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Der Holzpenis war nicht jedermanns Sache, damals. Kaum stellte der Lehrer das Modell während des Sexualkundeunterrichts auf den Tisch, wurde einigen männlichen Schülern mulmig: War das Modell nicht vielleicht doch zu dick, zu gerade, oder schlicht zu groß?

Auch bei den Lehrern stieß der hölzerne Phallus, mit dem die Frontalaufklärung in den Siebzigern in bundesdeutsche Schulen einzog, auf ein geteiltes Echo. "Bei uns gab es den nicht", erinnert sich der frühere Biologielehrer und Lehrbuchautor Dr. Alf Dieterle, der in den siebziger Jahren als Referendar im konservativen Bayern den Umbruch an vorderster Front erlebte. "Natürlich gab es Lehrer, die nicht wussten, wie sie Sexualerziehung vermitteln sollten", beschreibt Dieterle die damalige Spannung, "aber selbst ein ehemaliger Klosterschüler, der anfangs Bedenken hatte, war interessiert und holte sich bei den Kollegen Rat."

Viel größere Berührungsängste vor den neuen Bestimmungen hatten kirchlich-konservative Eltern - viele gerieten schier in Panik. Obwohl ihre Kinder im Unterricht lediglich mit ganz und gar unerotischen Lehrmitteln wie einem aufklappbaren Frauentorso hantierten, fürchteten einige von ihnen als Folge offenbar sexuelle Verwahrlosung. Besonders in Bayern wurde gegen die Richtlinien der Kultusminister deswegen nicht nur Sturm gelaufen, sondern auch göttlicher Beistand beschworen. Der "Freundeskreis Maria Goretti", benannt nach einer italienischen Märtyrerin, versammelte 200 laut betende Demonstranten vor dem Kultusministerium, um die Minister zur Umkehr zu bewegen. Sexualerziehung in der Schule sei eine Gefahr für die Kinder, so die Meinung der Katholiken. Auch vom "Teufelskreis der Onanie" war die Rede.

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Beten gegen den "Teufelskreis der Onanie"

Andere Bundesländer gaben sich weniger betulich: "In Hamburg hatte man schon in den fünfziger Jahren Studien durchgeführt, die belegten, dass unter den Jugendlichen in Sachen Sexualität eine erschreckende Unkenntnis herrschte", sagt Professor Uwe Sielert, Sozialpädagoge an der Universität Kiel und Autor des Buches "Einführung in die Sexualpädagogik". "Hamburg und Hessen waren die Speerspitze der liberalen Sexualmoral", weiß Sielert. Hessen hatte Anfang der siebziger Jahre mit dem Sozialdemokraten Ludwig von Friedeburg einen Kultusminister, der das Thema Aufklärung für einen wesentlichen Bestandteil jugendlicher Bildung hielt.

Tatsächlich hielt die Aufklärung, zumindest damals, erst mal in ganz anderer Form als Unterricht von oben Einzug in deutsche Jugendzimmer. Es war die Jugendzeitschrift "Bravo", die ab 1956 zu neuem Denken anregte, zumindest in Westdeutschland. "Die 'Bravo' war der schulischen Sexualerziehung schon deswegen voraus, weil die Redaktion eng mit Jugendlichen zusammenarbeitete", meint Sielert. Kümmerten sich anfangs noch die fiktiven Berater "Dr. Christoph Vollmer" und "Dr. Kirsten Lindstroem" - beides Pseudonyme der Liebesromanautorin Marie Louise Fischer - um die Sorgen der Heranwachsenden, trat 1969 erstmals "Dr. Jochen Sommer" auf den Plan.

Doktor Sommer, hinter dem sich in Wirklichkeit der Arzt, Psychotherapeut und Religionslehrer Martin Goldstein verbarg, wurde schnell zu einem Synonym für Aufklärung. Die von ihm betreute "Bravo"-Doppelseite "Liebe, Sex und Zärtlichkeit", in der Leser - oder, so wurde gemunkelt, die Redaktion selbst - Probleme beim "Ersten Mal" schilderten, war jahrzehntelang die Lieblingslektüre aller Jugendlichen. Wanderte die "Bravo" auf Klassenreisen durch den Bus, wurden von den meisten Mitreisenden nur diese beiden Seiten gelesen - die dafür aber mit großem Eifer.

Ohnmachtsanfälle im Aufklärungskino

Doch auch wenn die scheuen Bekenntnisse aus der "Bravo" bald praktisch flächendeckend Verbreitung unter Jugendlichen fanden - echten gesellschaftlichen Druck, das Thema Sex ernst zu nehmen, erzeugten erst die Filme des "Aufklärunsgpapstes" Oswald Kolle ("Das Wunder der Liebe") Ende der sechziger Jahre. "Das Thema Sexualität wurde plötzlich ein Mittel der politischen Provokation", bestätigt der Sozialpädagoge Uwe Sielert. Der Druck auf Lehrer, Professoren und somit den gesamten Bildungsapparat wuchs. Am 3. Oktober 1968 verabschiedete die Ständige Konferenz der Kultusminister in Westdeutschland ihre "Empfehlungen zur geschlechtlichen Erziehung in der Schule". Die Sexualpädagogik trat aus dem Zwielicht der Lustfeindlichkeit, hinein in alle Klassenzimmer.

Den Beweis, dass Aufklärung offensichtlich dringend nötig war, lieferte bereits die Ausstrahlung des 1967 von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Spielfilms "Helga". Der Film über eine schwangere Ehefrau und die Geburt ihres Kindes erfüllte seinen erzieherischen Auftrag vor allem bei Männern, die sich aufreizende Szenen mit nackten Frauen erhofft hatten - beim Anblick der akribisch abgefilmten Geburt sollen sie reihenweise in Ohnmacht gefallen sein.

Doch solche, von staatlicher Seite angeschobenen Aufklärungsprojekte stießen vielfach auf erbitterten Widerstand. Etwa der 1969 von Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel (SPD) herausgegebene Sexualkundeatlas. Das Buch, das Jugendlichen anhand von Schautafeln und Grafiken Dinge wie Empfängnisverhütung, Geburt oder Geschlechtskrankheiten erläutern sollte, geriet schnell in die Schusslinie der Konservativen. So tat der für den Sexualunterricht zuständige bayerische Ministerialrat das aus heutiger Sicht völlig harmlose Buch mit den Worten "wir legen keinen Wert auf pornografische Dinge" ab und prophezeite, die Verwendung des Atlas würde bei Kindern "zu einer Art sexuellem Harakiri" führen.

Angst vor der "Lustseuche"

Die Öffentlichkeit blieb lange gespalten, was das Für und Wider der Sexualkunde betraf. Das drückte sich auch in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Anfang 1978 aus. Zwar gehöre die Sexualerziehung "in erster Linie zu dem natürlichen Erziehungsrecht der Eltern", so die Karlsruher Richter, andererseits sei der Staat "aufgrund seines Erziehungs- und Bildungsauftrages berechtigt, Sexualerziehung in der Schule durchzuführen". "Sexualkunde - aber wie?", brachte der SPIEGEL die allgemeine Ratlosigkeit auf eine knappe Titelzeile.

Wirklicher Nachdruck verliehen wurde der Forderung nach sexueller Aufklärung von Jugendlichen erst Mitte der achtziger Jahre - durch eine Krankheit: Aids änderte alles. "Plötzlich riefen alle danach, dass seitens der Schulen etwas unternommen werden müsste," erinnert sich Experte Sielert. Auch die Schüler reagierten alarmiert. Typische Fragen wie "Kann man Aids beim Küssen bekommen?" oder "Was ist, wenn ich aus dem gleichen Glas trinke wie ein HIV-Infizierter?", dominierten den Unterricht. Angesichts der Bedrohung durch eine tödliche "Lustseuche" wurden die Aufklärungsstunden oft regelrecht sexfeindlich.

Dafür wurden sie jetzt ernst genommen. Auch die Lehrbücher änderten sich: "Anfang der Neunziger gab es in den Büchern erstmals auch eigene Seiten zu HIV", sagt Lehrbuchautor Alf Dieterle - letztlich führte die Angst vor Aids so auch zu einer besseren Sexualpädagogik. Und dazu, dass der Holzpenis bundesweit auf den Tisch kam, um den Umgang mit Kondomen zu üben, anstatt verschämt in der Lehrmittelkammer einzustauben.

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Alex Regh 01.03.2009
Einer der schönsten Auswüchse der Verklemmtheit dieser ersten Aufklärungszeiten haben Sie gar nicht erwähnt: Diese erste Broschüre für SchülerInnen über Verhütungsmittel. Titel: "Muß-Ehen muß es nicht geben". War die ein Skandal damals, weiß ich noch. Wurde natürlich um so aufmerksamer studiert. Und, ich erinnere mich, ein Religionslehrer weigerte sich schlicht und ganz offen, mit uns die eigentlich vorgeschriebenen Sexualkunde durchzunehmen. Er fand, da wären wir noch zu jung für. (7. oder 8. Klasse, meine ich.) Beschwerden beim Rektor brachten genau gar nichts. Man könne den Mann ja nicht zwingen.
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