Als Flüchtling in Dänemark Schüsse und Sahnetorten

Zuckersäcke zu Badeanzügen, Bettlaken zu Sommerkleidern: Auf der Flucht vor der Roten Armee verschlug es Ruth Krupinski 1945 in ein Flüchtlingslager in Dänemark. Der 23-Jährigen erging es dort eigentlich recht gut - doch wirklich glücklich wurde sie erst, als sie ihre Familie wiederfand.

Otto Cramer

Der Befehl, alles zusammen zu packen und zu fliehen kam am 23. Januar 1945. Meine Mutter fuhr mit meinen drei kleineren Geschwistern vor, mein Vater, der beim Volkssturm war, organisierte mir ein Fahrrad, und ich schlug mich alleine weiter durch. Ich fuhr über das vereiste Haff, traf überall auf andere Flüchtlinge, nur nicht auf meine Mutter. In Danzig hörte ich von einer Bekannten, deren Mann bei der Marine war, dass noch Schiffe über die Ostsee in den Westen fuhren. Sie bot an, ich solle sie und ihre Kinder begleiten. Tatsächlich bekam ich mit viel Glück noch einen Fahrschein und wir bestiegen ein Schiff in Gotenhafen. Wohin es gehen sollte, wussten wir zunächst gar nicht. Zwei Tage später erreichten wir Kopenhagen - die Flucht war geschafft! Dort wurden wir in einer Schule untergebracht, wo ich mich einer Gruppe junger Mädchen anschloss. Zusammen wurden wir ins Lager Agger verlegt und führten dort die Küche.

Agger liegt in Nordwestjütland am Lymfjord, direkt an der Nordsee. Dort war ein Stützpunkt der Wehrmacht, der nach der Kapitulation im Mai 1945 zum Internierungslager umfunktioniert wurde. Nachdem die Soldaten abgerückt waren, zogen wir das verlauste Bettzeug ab, kochten die Wäsche und nähten aus den blau karierten Bezügen Sommerkleider. Auch wenn uns offiziell jeder Handel mit den dänischen Nachbarn verboten war, machten wir kleinere Geschäfte: Die Dänen zahlten für ein Laken zwei Kronen, wir kauften davon leckere dänische Sahnetorten. Der Bürgermeister des Ortes war uns Flüchtlingen gegenüber freundlich gesinnt, daher konnten wir uns frei bewegen. Doch als wir einmal am Strand "FKK" machten, gefiel ihm das nicht: Er lieferte uns einen Stapel Zuckersäcke, wir sollten uns daraus Badeanzüge machen. Das weiße, fein gesponnene Material war dafür genau richtig, wir strickten uns auch Unterwäsche daraus.

Unter militärischer Bewachung zum Bahnhof

Dann wurde ich in ein anderes Lager verlegt, nach Frederikshaven. Dort erreichte mich um die Weihnachtszeit 1945 eine Karte von meiner Mutter! Auch sie und meine Brüder hatten es bis Dänemark geschafft und lebten jetzt in einem Lager in Oxböl. Seit dem Sommer gab es offizielle Bemühungen zur Familienzusammenführung und so hatte sie erfahren, wo ich war. Ich ging zur Lagerleitung und stellte den Antrag, zu meiner Familie reisen zu dürfen. Es dauerte bis zum Mai 1946, bis der Antrag genehmigt wurde. Ich bekam eine Eskorte von zwei Soldaten mit Gewehren und wurde zum Bahnhof von Frederikshaven gebracht und in den Zug gesetzt, der Richtung Esbjerg fuhr. Meine dänischen Mitreisenden waren sehr nett zu mir und fütterten mich mit Obst und Süßigkeiten.

Im Lager Oxböl lebten damals etwa 35.000 Flüchtlinge. Das Gelände, das vorher ebenfalls von der Wehrmacht genutzt worden war, wurde von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben und war in Blöcke aufgeteilt. Ein Block bestand aus bis zu zehn Baracken. Die Blöcke hatten Buchstaben, die Baracken Nummern, eine "Hausnummer" konnte also zum Beispiel "B 1" lauten. Zu jedem Block gehörte eine Großküche, von der wir unser Essen holen mussten. Ausserdem gab es einen See, in dem wir baden durften. Die erlaubte Grenze war durch Bojen gekennzeichnet. Als ein junger Mann einmal über diese Linie hinausschwamm, wurde er von einem Wachsoldaten unter Feuer genommen und am Bein verwundet. Aber das habe ich nicht selbst erlebt, es war geschehen, bevor ich ins Lager kam.

Leben im Lager Oxböl

In jedem Raum waren 12 bis 20 Menschen untergebracht: Männer, Frauen, Kinder. Es gab Doppelstockbetten und jeder versuchte, seinen Bereich mit Decken abzutrennen, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Den Kanonenofen, der mitten im Zimmer stand, konnten wir im Winter mit Torf heizen, der in großen Haufen angeliefert wurde. Wenn wir an kühlen Sommertagen heizen wollten, gingen wir in den Wald und sammelten Tannennadeln und Zweige. Nach einem Sturm hat meine kleine Schwester Annemarie einmal einen riesigen Ast angeschleppt.

Die Verpflegung war nicht sehr abwechslungsreich, aber ausreichend. Gehungert haben wir nicht. Meine Mutter, die Probleme mit dem Magen hatte, bekam sogar Schonkost. Für die Kinder gab es Lebertran. Oft wurde frischer Fisch angeliefert. Da kamen mein Bruder Kurt, er war damals 14, und sein Freund auf eine Idee: Sie gründeten die "Fischräucherei Hans und Kurt". Frisches Obst und Gemüse mussten wir allerdings entbehren.

Das Leben im Lager war eintönig. Ab und zu wurden im Filme vorgeführt, weitere Unterhaltung gab es nicht. Ich war froh, wenn ich in der Strohflechterei arbeiten konnte, wo wir Teppiche und Einkaufstaschen herstellten. Geweichtes Stroh wurde zu Zöpfen gefochten, diese zu Quadraten genäht, die wiederum zu Teppichen zusammengesetzt wurden. Dazu hatten wir eine große Nadel, Bindfaden und einen speziellen Fingerhut. Meine Mutter arbeitete in einer Spinnstube. Dort wurde Angorawolle auf Spinnrädern wie zu Großmutters Zeiten gesponnen. Die Frauen, die dort arbeiteten, waren zumeist ostpreußische Landfrauen wie meine Mutter, die das aus dem Effeff konnten.

Eine verbotene Liebe

Der Maschendraht trennte uns von der dänischen Bevölkerung. Nur ab und zu kamen Handwerker ins Lager. Meine Kusine Hilde war damals ein hübsches Mädchen von 18 Jahren, Waldemar ein junger dänischer Elektriker. Beide verliebten sich ineinander und wollten heiraten. Doch das war nach den damals geltenden Bestimmungen verboten. Als das Techtelmechtel bekannt wurde, durfte Waldemar das Lager nicht mehr betreten. Was also tun? Liebende finden (fast) immer Mittel und Wege. Sie machten ein Loch in den Zaun und Waldemars Kollegen standen Schmiere, wenn Hilde in der Nacht durch den Zaun schlüpfte. Bis das Lager im Jahr 1949 aufgelöst wurde, hatte Hilde zwei Kinder von Waldemar. Sie heirateten in Deutschland und kehrten nunmehr als eine ordentliche Familie nach Dänemark zurück. Hilde wohnt mit ihren Kindern heute noch in Esbjerg, Waldemar lebt nicht mehr.

1947 ging eine Meldung durch das Lager, in Deutschland würden Textilarbeiter gesucht. Meine Mutter bat den Spinnstubenleiter um eine Bescheinigung, dass wir für eine solche Arbeit geeignet wären. Und wir hatten Glück und durften ausreisen. Unser Lagerleben in Dänemark war zu Ende. Der Schwarzwald wurde unsere neue Heimat.

Text aufgezeichnet von Otto Cramer - Ruth Krupinski ist eine Tochter seiner Großtante.



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