Als Inder in Berlin Beiderseits der Mauer

Als Inder in Berlin: Beiderseits der Mauer Fotos
Sm Hussain

Als Bürger Indiens konnte sich SM Hussain auch vor 1989 frei auf beiden Seiten der Mauer bewegen - seine Heimat galt der DDR als sozialistisches Bruderland. Anfreunden konnte sich der perfekt deutsch sprechende Karikaturist mit dem SED-Sozialismus dennoch nicht. Ein Besuchsprotokoll.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.9 (595 Bewertungen)

Es war faszinierend, die Mauer von beiden Seiten zu besichtigen. Ich hatte soviel über das Thema gelesen. Und jetzt war die Realität vor meinen Augen da. Das war im August 1989.

Auf der westlichen Seite war die Mauer bunt bemalt. Auf der östlichen Seite war ich weit von der Mauer entfernt. Ich als Ausländer durfte überall in Deutschland reisen. Die Ossis durften nicht nach West-Berlin reisen, das fand ich komisch. Beim Grenzübetritt am Bahnhof Friedrichsstrasse musste ich keine Gebühr zahlen, weil ich aus dem brüderlichen "sozialistischen" Land Indien stamme.

Ich wollte eine Familie in Ost-Berlin besuchen, mit der ich seit mehreren Jahre im Briefwechsel stand. Wir hatten uns vor der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz verabredet. Endlich waren meine Freundin, ihr Mann, ein ehemaliger Polizist, der immer ein breites Lächeln trug, und ihr Sohn, ein kleiner niedlicher Junge, erschienen. Wir waren sehr erfreut, uns endlich getroffen zu haben. Wir saßen in den "Zille-Stuben", weil meine Freundin wusste, dass ich Karikaturist bin.

"Hamer nich"

Zum Nachmittagessen in einem Restaurant mussten wir Schlange stehen. Was auf dem Menü zu sehen war, war nicht vorrätig, also nicht bestellbar. "Hamer nich" war die wiederholte Antwort. Schließlich bestellten wir etwas Schönes.

Wir besuchten eine grosse Kirche, die voller Waffen war. Ich war verblüfft. So etwas hatte ich nie gesehen. Der Besuch des Pergamon-Museums war unvergesslich, atemberaubend. Der Palast der Republik, der später niedergerissen wurde, glänzte im Abendlicht.

Die DDR-Literatur und die DDR-Filme flimmerten vor meinen Augen. Die Zeitung "Neues Deutschland" berichtete das, was von der Regierung zugelassen wurde. Keine Pressefreiheit.

Nach einem Spaziergang Unter den Linden haben wir Bilder vor dem Brandenburger Tor gemacht, auf der östlichen Seite. Das Tor war abgesperrt. Unvorstellbar!

"Gedenke der Brüder..."

Ich spürte eine Art Rastlosigkeit unter der Bevölkerung. Es sah so aus, als ob sie auf eine Bewegung warteten. Ich sagte meiner Freundin, dass der Fall der Mauer nicht verhindert werden könne. Aber an dem Tag sah alles so unvorstellbar aus. "Trinkst du keinen Alkohol, Mahamid?" fragte mich meine Freundin. Als ich "Nein" sagte, fuegte sie hinzu "Mahamid, Ihr habt eine gute Religion." Ihr Mann war wortkarg, aber sehr freundlich.

Wir verabschiedeten uns neben der Friederichstrasse. Ich wollte zurück zum Hotel Kalifornia auf dem Ku'damm. Ich war irgendwie erleichtert, als ob ich zurück in meine Heimat kehrte. West-Berlin war wieder zauberhaft. Aber wie konnte ich die getrennte deutsche Bevölkerung jenseits der Mauer vergessen? Das Foto in Bremen vor dem Rathaus mit der Mahnung "GEDENKE DER BRUEDER, DIE DAS SCHICKSAL UNSERER TRENNUNG TRAGEN" wird ewig in meiner Sammlung bleiben. Auch ich hatte Mitleid mit den DDR-Bürgern.

Heute tut es mir weh zu lesen, dass jeder fünfte Deutsche die Mauer zurück haben will und dass soviel Ausländerfeindlichkeit in den östlichen Gebieten herrscht. Vergangenes Jahr besuchte ich Ostdeutschland, diesmal ohne Hindernisse, und fragte eine sehr alte Dame, ob sie die alten DDR-Zeiten zurück haben wollte. Sie dachte einen Augenblick nach und sagte mit Entschlossenheit: "Nein, nie wieder..."

Artikel bewerten
2.9 (595 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH