Blutige NSDAP-Demo Die Lüge von den Heckenschützen

Versagt und vertuscht: Bei einer Straßenschlacht zwischen NSDAP-Anhängern und Kommunisten kam es im Juli 1932 zu einer wilden Schießerei. 18 Menschen starben. Die Schuldigen waren schnell gefunden und wurden eilig hingerichtet. Zweifel an dem Urteil kamen erst 60 Jahre später auf.

Staatsarchiv Hamburg

Der zwölfjährige Ferdinand Raeschke, von allen nur "Ferry" genannt, ahnte nichts Böses, als er am 17. Juli 1932 vom Sport nach Hause ging. Eilig lief er die drei Treppen zur Wohnung seiner Eltern in der Kleinen Marienstraße in Altona hoch und schloss die Tür auf. Drinnen war es verdächtig still. Als er in die Küche kam, lag dort seine Mutter auf dem Boden. Sie war tot, niedergestreckt durch einen Kopfschuss. Im Mund steckte ihr noch ein Stückchen Brot, an dem sie offenbar gekaut hatte, als die Kugel sie erwischte.

7000 Männer der Sturmabteilung (SA) der NSDAP waren an diesem Sonntag in strenger militärischer Formation und begleitet von Musikkapellen durch die damals holsteinische Stadt gezogen, traditionell eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Den vielen KPD-Anhängern in Altona stieß diese provokante Demonstration der Stärke mächtig auf. Sie standen am Straßenrand und beäugten kritisch den sogenannten Werbemarsch. Anfangs verlief alles friedlich, doch dann beschimpften sich Braunhemden und Kommunisten. Es kam zu Prügeleien, Schüsse fielen.

Die Polizei griff ein, doch sie war zahlenmäßig weit unterlegen. Trotz ihrer Bemühungen, die beiden Lager voneinander zu trennen, eskalierte die Situation. Für ein paar Stunden herrschte auf Altonas Straßen Bürgerkrieg. Überall wurde geschossen, geschrien, geprügelt. Voller Panik feuerten Polizisten auf alles, was sich bewegte. 5000 Kugeln sollen geflogen sein. Zwei SA-Männer und 16 Unbeteiligte kamen ums Leben. Eine davon war meine Urgroßmutter, Anna Raeschke. Sie hatte den Lärm auf der Straße bemerkt, war neugierig ans Fenster gegangen und wurde dabei von einer Kugel getroffen.

Die letzte demokratische Bastion fällt

Schnell, zu schnell war der Schuldige für das Blutbad ausgemacht. Kommunistische Heckenschützen hätten von den Dächern und den oberen Stockwerken der angrenzenden Häuser wahllos auf Polizei und SA-Männer geschossen, hieß es. Die Polizei habe mit allen Mitteln versucht, die Schützen auszuschalten. Das klang plausibel, zumal die KPD kräftig gegen den Aufmarsch der SA gewettert hatte. In der "Hamburger Volkszeitung" etwa war am Vortag zu lesen: "Am morgigen Sonntag wird die braune Mordpest der SA […] in Altona marschieren. Der Massenselbstschutz der antifaschistischen Aktion muss in erhöhter Alarmbereitschaft gemeinsam mit dem klassenbewussten Proletariat Altonas dafür sorgen, dass Altona kein zweites Eckernförde wird." Hintergrund war der Mord an einem KPD-Funktionär und zwei Landarbeitern in Eckernförde, verübt von Mitgliedern der SA, nur wenige Tage zuvor.

Der rechtskonservative Reichskanzler Franz von Papen ergriff die Gelegenheit und setzte drei Tage später die preußische Regierung, damals noch für Altona zuständig, ab. Sie könne die öffentliche Ordnung nicht mehr aufrechterhalten, hieß es zur Begründung. Er selbst übernahm als Reichskommissar die politische Kontrolle über Preußen. Mit dem sogenannten Preußenschlag war das letzte demokratische Bollwerk der Weimarer Republik gefallen. Niemand widersetzte sich nun mehr den autokratischen Plänen der Clique um Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Papen, die in der Machtergreifung Hitlers endeten.

Knapp ein Jahr nach dem Blutbad wurden die Kommunisten Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens wegen Mordes von einem Altonaer Sondergericht zum Tode verurteilt und am 1. August 1933 geköpft. Die Sachlage schien klar.

Offiziell wurde der Hergang der Ereignisse in den folgenden 60 Jahren nicht angezweifelt. Auch mein Großvater Ferdinand Raeschke stellte die amtlichen Verlautbarungen nie in Frage. Er nahm an, dass seine Mutter durch einen Querschläger ums Leben gekommen war. Zweifel an dieser Version der Geschichte kamen erst auf, nachdem der Historiker Léon Schirmann die im Gerichtsarchiv in Schleswig lagernden Prozessakten auswertet hatte.

Die Mär von den Heckenschützen

Schirmann fand keinerlei Hinweise darauf, dass von den Dächern oder den oberen Stockwerken aus geschossen worden war. Weder war ein kommunistischer Schütze verhaftet noch fotografiert worden. Hausdurchsuchungen waren ergebnislos verlaufen. Nur eine Waffe, eine Ortgies-Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter, wurde beschlagnahmt. Die Polizei selbst hatte keine Toten oder Verletzten zu beklagen. Und obwohl die Beamten wohl tatsächlich wie wild um sich schossen, erwischten sie keinen einzigen Heckenschützen, dafür aber die Frau am Fenster und 15 weitere Unbeteiligte. Alle 16 Personen starben, wie die Prozessakten dokumentieren, durch Polizeikugeln. Das widerlegt laut Schirmann die Heckenschützenthese und lässt vermuten, dass die Polizei ihr eigenes Versagen vertuschen wollte.

Der Polizeieinsatz war offenbar völlig außer Kontrolle geraten. Es fehlte an Personal, die anwesenden Beamten waren überfordert. Kopflos schossen sie um sich und richteten damit ein Massaker an. Besonders perfide: Statt den Fehler einzugestehen, verdrehten Polizeiführung und Staatsanwaltschaft den Hergang. Sie beharrte auf der Heckenschützentheorie und schob damit den Kommunisten die alleinige Schuld an dem blutigen Zwischenfall in die Schuhe. Dafür wurden sogar Beweismittel gefälscht, fand Schirmann heraus.

Mittels falscher Zeugenaussagen und frisierter Obduktionsberichte machten demnach Ermittler und Richter Walter Möller für den Mord an den SA-Männern verantwortlich. Möller soll sie mit der beschlagnahmten Waffe erschossen haben. Allerdings war im ersten Obduktionsbericht festgestellt worden, dass die beiden durch Kugeln vom Kaliber 6,35 Millimeter starben. Woher die Staatsanwaltschaft wenig später zwei Kugeln des Kalibers 7,65 Millimeter zauberte, die angeblich in einem der Leichname gesteckt hatten, blieb unklar. Ein Sachverständiger jedenfalls bestätigte, dass diese angeblich tödlichen Kugeln aus der gefundenen Waffe abgefeuert worden waren. Damit war der Fall für die Justiz klar. Möller wurde zum Tode verurteilt.

Erneut vor Gericht

In ähnlicher Weise hatten Staatsanwaltschaft und Polizei wohl auch an der Beweislage bei Bruno Tesch, Karl Wolff und August Lütgens geschraubt - zumeist mit falschen Zeugenaussagen. Tesch war aufgrund der Aussage eines SA-Zeugen Mord angelastet worden, obwohl ihm nicht einmal nachgewiesen werden konnte, dass er überhaupt eine Waffe getragen hatte. Lütgens schoben sie gefälschte Skizzen unter und stellten ihn als Drahtzieher der blutigen Eskalation dar.

Schirmann ist es letztlich zu verdanken, dass das Landgericht Hamburg 1992 die Fälschung der Beweismittel anerkannte und die Todesurteile gegen die vier angeblichen Täter wieder aufhob, so dass sie nun auch offiziell Opfer des Nazi-Regimes sind. Die wahren Täter konnten indes nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden.

Doch nicht nur Schirmann hatte sich intensiv mit den Ereignissen vom 17. Juli 1932 beschäftigt. Auch der Schriftsteller Robert Brack machte sie zu seinem Thema und verarbeitete die Geschehnisse in seinem Roman "Blutsonntag". Im Zuge seiner Recherchen hatte er mit etlichen Zeitzeugen gesprochen und dabei den Eindruck gewonnen, dass nie ein wirkliches Aufklärungsinteresse bestanden habe. Sein Buch wirft die Frage auf, ob der Blutsonntag möglicherweise bewusst inszeniert und von langer Hand geplant worden war.

Zufall oder Komplott?

Einiges spricht dafür. Etwa die Tatsache, dass Reichskanzler Papen Reichspräsident Hindenburg schon drei Tage vor dem Ereignis eine undatierte Notverordnung abgerungen hatte, die ihn zum Reichskommissar in Preußen ernannte. Er wartete nur noch auf einen Anlass, um sie zum Einsatz zu bringen und die ihm lästige, SPD-dominierte Preußenregierung endlich loszuwerden.

Womöglich hat die Altonaer Polizei auf Weisung von oben viel zu wenig Beamte abgestellt, um sicherzugehen, dass es zwischen Kommunisten und SA-Männern auch wirklich knallte. Einige Zeitzeugen berichteten, dass die SA-Männer wie auf Kommando ausscherten und wahllos auf Passanten einprügelten. Das geheime Signal sei eine Flasche gewesen, die an eine Wand geschmissen wurde.

Für meinen Großvater waren andere Dinge wichtiger als die politische Dimension des Blutsonntags: Als Halbwaise musste er sich sprichwörtlich allein durchs Leben schlagen, und so wurde er erst erfolgreicher Amateur- und nach dem Krieg ebenso erfolgreicher Profiboxer. Seine Bilanz: 39 Siege, davon zehn durch K.o., zwölf Unentschieden, bei nur sechs Niederlagen. Später eröffnete er im Hamburger Stadtteil St. Pauli eine Kneipe, die erst unter dem Namen "Cap der guten Hoffnung" und später als "Bei Ferry" bekannt war. Er starb am 16. Juni 1987 im Kreis seiner Familie. Der Altonaer Blutsonntag soll nicht vergessen werden. Das ist der Wunsch unserer Familie.

Zum Weiterlesen:

Robert Brack: "Blutsonntag". Edition Nautilus, 2010, 252 Seiten.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Ernst Karst, 15.07.2012
1.
Nur im Parlamentarismus war diese Entwicklung möglich und die totale Ausschaltung der Bürger von den wichtigen Entscheidungen . Dafür musste der Bürger dann auch noch die Zeche zahlen für die Kriegstreiber und Politverbrecher jeglicher Couleur . Die Hochfinanz, die Industrie und die neuen Politdiletanten sind wieder dabei, Deutschland und seine Bürger zu verkaufen !!!
Juergen Frey, 16.07.2012
2.
Bitte berichtigen sie die Ueberschrift. Wie Sie ja selbst festgestellt haben hiess ALTONA zu Holstein! Danke Spottlieder haben wir auch ueber Altona gesungen, noch nach dem Kriege. Die Feuerwehr die hat nen Spleen, die loescht das Feuer mit Benzin oder Der Melkmann sich in de Naes und secht das ist der Kuemmelkas Refrain: Oha Oha, bi uns in Altona.
Eberhard Doerr, 16.07.2012
3.
Die Darstellung der Polizei-Aktion in diesem Artikel ist doch etwas beschönigt, wenn es heisst: "Voller Panik feuerten Polizisten auf alles, was sich bewegte. 5000 Kugeln sollen geflogen sein." In "Panik" trifft man schlecht, mindestens hätte es dann sehr viel mehr Verletzte als Todesopfer gegeben. Sechszehn Tote durch Polizeikugeln bedeutet doch: Es wurde mit Tötungsabsicht gezielt und geschossen - und sechszehn Mal mit Erfolg, also doch offenbar nicht in "Panik". Diese sechszehn Menschen waren nicht einmal Teil der Demonstranten oder Gegendemonstranten und wurden gezielt von Polizisten ermordet. Ein einzigartiger Vorgang der deutschen Geschichte, der durch weitere Recherchen von Historikern, vielleicht auch Gerichten, hoffentlich noch genauer untersucht wird.
Jochen Mextorf, 16.07.2012
4.
In diese Richtung geht auch das Buch von L. Schirman Altonaer Blutsoontag 17. Juli 1932
hans buber, 16.07.2012
5.
diese geschichte passt doch sehr schön zum derzeitigen "skandal" um nsu und verfassungsschutz. offensichtlich gibt es hier historische kontinuitäten...
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